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Die neue Ära des "geordneten Chaos" an der Anfield Road

Ein neuer Trainer und dicke Investitionen sollen die "Reds" wieder zum Titelkandidaten machen. Kann das auf Anhieb gelingen?

Die neue Ära des "geordneten Chaos" an der Anfield Road Foto: © IMAGO / Propaganda Photo

Der FC Liverpool befindet sich im Neuaufbau.

2025/26 verlief im Anschluss an den Titel in der Premier League nicht zufriedenstellend, der fünfte Platz war in der Endabrechnung sogar ein versöhnlicher.

Die Art und Weise des Fußballs unter Arne Slot stellte die Fans nicht mehr zufrieden, der Abgang von Mohamed Salah besiegelte das Ende einer Erfolgs-Ära.

Nun soll schnellstmöglich eine neue aufgebaut werden: Mit Andoni Iraola folgen auch die "Reds" dem Basken-Trend an Englands Seitenlinien. Und obwohl sein Fußball über das Kollektiv gestaltet wird, gab es auch Neuzugänge mit Preisschildern im neunstelligen Millionen-Bereich.

Wie soll der Fußball des prominenten Champions-League-Gastes des LASK (Mittwoch, ab 18:45 Uhr im LIVE-Ticker>>>) zumindest mittelfristig aussehen? Und ist mit Liverpool schon in dieser Saison wieder zu rechnen, wenn es um die Titel geht?

Wer ist Andoni Iraola?

Mikel Arteta, Unai Emery, Xabi Alonso: Trainer aus dem Baskenland sind ein akuter Importschlager in der Premier League, die alle auf ihre Weise für Furore sorgen.

Und als Vierter des Quartetts eben Andoni Iraola, der zuletzt den AFC Bournemouth von einem Hinterbänkler zu einer Mannschaft im europäischen Geschäft formte. Mit Mitteln, die hinter den ganz Großen der Liga hintanstehen.

Der Reihe nach: Als Aktiver war der nun 44-Jährige ein Dauerbrenner bei Athletic Bilbao, machte zwischen 2003 und 2015 über 500 Pflichtspiele bei seinem Heimatverein. Ganz wichtig: Zwischen 2011 und 2013 war Iraola Kapitän einer von Marcelo Bielsa geformten Mannschaft - wohl der wichtigste Lehrmeister für seine nunmehrige Trainerkarriere.

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Foto: ©imago / Marca

In dieser konnte der Baske vor Liverpool keine ganz großen Stationen aufweisen, umso mehr überzeugte er mit seiner Arbeit: Reichte ein zyprischer Supercup-Titel mit AEK Larnaka noch nicht als große Visitenkarte, hielt er sich dort doch nur ein halbes Jahr.

Ein gesicherter Mittelfeld-Platz und ein Copa-del-Rey-Halbfinale mit Überraschungsteam CD Mirandés taten da schon mehr zur Sache. Auch, dass er danach Rayo Vallecano zurück in LaLiga und ebenso ins Cup-Halbfinale führte.

Dass Iraola mit seinem fußballerischen Ansatz selbst aus begrenzten Mitteln viel herausholen kann, bewies er anschließend in Bournemouth ein drittes Mal - ehe nun mit dem FC Liverpool die erste ganz große Aufgabe wartet.

Wie lässt er spielen?

Seinen bisherigen Stationen entsprechend ist es wenig verwunderlich: Das Kollektiv muss den Erfolgsfaktor stellen, keine herausragenden Einzelspieler. Der Gegner soll in seinen Möglichkeiten beschnitten werden, nachdem die eigenen überschaubar waren - aber ohne den "Bus" zu parken. Iraolas Fußball ist sehr wohl intensiv.

Schlüssel ist ein Spielprinzip, das als "geordnetes Chaos" beschrieben wird: Schwer ausrechenbar soll es sein. Entscheidend ist intensives Pressing, das Spiel gegen den Ball. Früh, erbarmungslos und bei der Auslösung noch in Zonen geordnet, soll das Spiel im Idealfall in die seitlichen Zonen verlagert werden. Dort geht es Mann gegen Mann, wo das geringere Raumangebot den Gegner zusätzlich unter Druck setzt.

Wo dieses Pressing ausgelöst wird, stellt eine entscheidende Frage hinsichtlich seiner Effektivität dar. Und was mit dem Ball in den ersten Sekunden nach der Eroberung gemacht wird.

Denn das kontrollierte Spiel mit dem Ball besitzt weniger Priorität, nach Balleroberung soll es flott vertikal gehen. Im bevorzugten 4-2-3-1 bleiben dabei in der Regel fünf Spieler hinter dem Ball, während sich die restlichen fünf dem Angriff verschreiben.

Ansatz und Formation entsprechend liegen zentrale Aufgaben im (vermeintlich) defensiven Mittelfeld: Zweite Bälle gewinnen, den Spielaufbau flott einleiten und das gegnerische Pressing schnell überspielen. Ein Problem beim späteren Blick auf das Kader-Angebot.

In Bournemouth hat dieser Ansatz gut funktioniert: 2025/26 kamen gegnerische Teams nur zu 9,9 Pässen, ehe die defensive Aktion griff, der niedrigste Wert der Premier League.

Geht alles auf, soll Liverpools Fußball einen gesunden Mittelweg zwischen Arne Slots kontrollierter Herangehensweise und Jürgen Klopps "Heavy Metal" darstellen.

Worin liegen mögliche Schwächen?

Schwächen offenbart die Herangehensweise allerdings gegen Teams, die individuell gut aufgestellt sind, deren Akteure im Angesicht einer Attacke auf den Ballführenden nicht gleich verunsichern lassen.

Die hoch pressende Zentrale von Iraolas Mannschaft kann so zur Schwachstelle werden und einen Raum offen lassen, in dem es gefährlich wird. Besonders, wenn der Zweikampf verloren geht und andere Spieler schnell reagieren müssen.

Das hat sich in der ersten Saisonphase bereits gezeigt, da die Exekution von Iraolas System offensichtlich noch Zeit benötigt. Dann wird aus "kontrolliertem Chaos" schnell ein tatsächliches.

Die Führungspersonen spielen hinten

Auch im Kader gibt es keinen radikalen, aber spürbaren Umbruch. Am prominentesten fällt dabei natürlich der Abgang von Mohamed Salah ins Gewicht, auch wenn der ägyptische Superstar seine Liverpool-Blüte zuletzt schon hinter sich hatte.

Mit Andrew Robertson und Ibrahima Konaté machten auch zwei Dauerbrenner der Defensive den Abgang.

Die größten verbleibenden Identifikationsfiguren, die weiterhin das Rückgrat stellen sollen, sind damit Kapitän Virgil van Dijk und Alisson Becker im Tor. Den Ruhepol sollen sie nicht nur abseits des Platzes, sondern auch im "geordneten Chaos" als letzte Bastion markieren.

Das Gedränge im Mittelfeld, dem dennoch etwas fehlt

Florian Wirtz, Alexis Mac Allister, Ryan Gravenberch und Dominik Szoboszlai: Theoretisch riecht es hier nach einem Luxusproblem. Aber in Liverpools Mittelfeld ist nicht alles Gold, was glänzt.

Im Vorwärtsgang gibt es Qualität im Überangebot, eine adäquate Alternative zu Gravenberch für defensivere Aufgaben gibt es nicht - dafür fehlt Waturo Endo die Klasse. Ausgerechnet bei einer vermeintlichen Schwachstelle in Iraolas System, die sich sogar unter anderer Spielweise in der Vorsaison schon ankündigte.

Abgefedert wird dieses Problem von den Außenspielern der Viererkette und ihrer Asymmetrie: Milos Kerkez agiert links offensivorientiert, Ronald Araújo bleibt rechts zurückgezogen.

Während sich der zuletzt etwas strauchelnde Mac Allister nach der Weltmeisterschaft wieder erfangen konnte und aktuell erste Wahl ist, bereitet der vermeintliche Königstransfer Florian Wirtz chronische Bauchschmerzen.

"Ich finde, Liverpool hat ihm genug Chancen gegeben, und ich denke, er muss aus der Mannschaft herausgenommen werden."

Jamie Carragher bei "Sky" über Florian Wirtz

Dem Deutschen wird viel Vertrauen in seiner Offensivrolle entgegengebracht, seine 125 Millionen Euro an Ablöse konnte der Ex-Leverkusener noch nicht annähernd rechtfertigen: Er trifft viele falsche Entscheidungen und scheint der Premier League auch physisch nicht immer gewachsen. Er bekommt weiter das Vertrauen, musste sich zuletzt von Jamie Carragher aber schon einiges anhören ("Es funktioniert nicht, er muss aus der Mannschaft genommen werden">>>).

Das Problem an vorderster Front

Der Sturm hat gekostet: Alleine Alexander Isak seine 145 Millionen, diesen Sommer wurde mit Bradley Barcola um 125 Millionen und Victor Muñoz auf der Außenbahn noch nachgelegt.

Besonders in der Mitte bleiben aber Sorgen, zuletzt vor allem verletzungsbedingt befeuert. Weder Isak noch Hugo Ekitiké konnten bisher ein Feuerwerk abbrennen.

Wenn dann Isak, Ekitiké und Cody Gakpo zeitgleich verletzt ausfallen, gibt es ein echtes Problem. Ausgerechnet im Spitzenspiel gegen Manchester City gab es für Youngster Lewis Koumas die PL-Startelfpremiere, er wurde von Marc Guéhi abmontiert.

Die Neuzugänge

Die beste Sommer-Entscheidung war eine Leihe: Jene von Araújo. In den ersten 285 Premier-League-Minuten des Rechtsverteidigers kassierte Liverpool kein einziges Gegentor.

Barcola und Muñoz brauchen gleichermaßen noch Zeit, um anzukommen und den Wert der hohen Ablöse zu rechtfertigen.

Ansonsten wurde vor allem in die Zukunft investiert, aber Jérémy Jacquet konnte selbst mit erst 21 Jahren sein hohes Potenzial sofort andeuten und stellt derzeit sogar die erste Wahl an der Seite von Van Dijk dar. Die Situation von Ifeanyi Ndukwe ist in Österreich wohlbekannt.

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Eigenbau soll eine stärkere Rolle spielen

Einen weiteren Kulturwechsel zu Arne Slot soll das stärkere Vertrauen in den eigenen Nachwuchs darstellen. Während zuletzt Hoffnungsträger mangels Perspektiven das Weite suchten, öffnen sich unter Iraola mehr Türen.

Bestes Beispiel: Lewis Koumas. Nach einer Saison, in der er in der Championship 31 Mal nur auf der Ersatzbank saß, reichte Iraola eine einzige Vorbereitungswoche, um das Potenzial des 21-Jährigen zu erkennen. Ein Wechsel wurde abgeblasen.

Auch Trey Nyoni (19), James McConnell (22) und Flügelstürmer Rio Ngumoha (18) spüren das neue Vertrauen. Nyoni stand in dieser Spielzeit bereits dreimal in der Premier League auf dem Platz.

Gut möglich, dass gegen den LASK - wie schon gegen Tottenham - alle spielen dürfen. Bei neun Spielen in 29 Tagen ist Rotation gefragt.

Die Eindrücke der bisherigen Saison

Auch, wenn es die Liverpool-Fans nicht gerne hören werden: In den ersten Iraola-Monaten wird Geduld gefragt sein. Das offenbaren auch die bisherigen Ergebnisse.

Aber selbst in Bournemouth bei ganz anderem Druck von außen gab es in den ersten neun Premier-League-Partien unter seiner Ägide keinen vollen Erfolg. Da sieht der Start an der Anfield Road sogar besser aus.

Zumindest die Zahlen zeigen schon in eine Richtung: Liverpool weist ligaweit die höchste Intensität bei Pressingversuchen in der gegnerischen Hälfte auf – lange Ballstafetten des Gegners werden im Keim erstickt. Und nur Manchester United bewegt den Ball nach der Eroberung noch vertikaler und schneller nach vorne als Liverpool.

Vor allem defensiv sind die "Reds" schwierig zu bespielen. Vor dem 0:3 gegen Manchester City - wo alle Treffer in Unterzahl fielen - gab es drei Partien en suite ohne ein Gegentor.

Insgesamt lässt die Kombination aus Umbau, Kaderlücken und Formtiefs einzelner Akteure nicht darauf schließen, dass 2026/27 schon mit Titeln zu rechnen sein kann. Noch nicht.

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