Philipp Lienhart: "Muss mich weiterentwickeln"

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Beim 3:0-Sieg über Luxemburg vergangenen Mittwoch hat Freiburg-Legionär Philipp Lienhart erstmals seit Ende 2017 wieder ein Spiel für die österreichische Nationalmannschaft absolviert.

Der 24-Jährige darf sich zwar regelmäßig zum Kreis der ÖFB-Teamspieler zählen, es blieb aber stets beim Platz auf der Ersatzbank. "Es liegt sicher an der guten Konkurrenz. Wir haben sehr viele gute Innenverteidiger, die ihre Sache wirklich gut gemacht haben, das muss man auch anerkennen", sagt Lienhart dazu im exklusiven LAOLA1-Interview.

Der Deutschland-Legionär bezieht zu den spielerischen Leistungen der Mannschaft von Franco Foda Stellung und spricht über seinen Werdegang, die Zeit bei Real Madrid sowie seine Ziele mit dem SC Freiburg.

LAOLA1: Das Spiel gegen Nordirland in der Nations League war spielerisch Schonkost, am Ende hat man trotzdem gewonnen. Wie siehst du die aktuelle Situation im Team?

Lienhart: Die Ergebnisse stimmen, das ist in erster Linie das Wichtigste. Und ich denke da auch an das Spiel gegen Luxemburg, wo ich gespielt habe: Es ist nicht leicht gegen einen Gegner, der tief steht, wo alle Spieler hinter dem Ball sind. Da ist es schwierig, Lücken zu finden. Aber klar, daran müssen wir schon arbeiten - und ich bin mir sicher, dass wir da in Zukunft noch bessere Lösungen finden.

LAOLA1: Es ist auffällig, dass die Mannschaft nach einigen Umstellungen jeweils in der zweiten Halbzeit ihre Tore erzielt. Das war gegen Luxemburg so, da sind alle Tore nach der Pause gefallen, auch in der Nations League gegen Nordirland und in Rumänien. Findet der Teamchef in der Halbzeitpause die richtigen Anpassungen oder gibt es Lücken bei der Vorbereitung auf den Gegner?

Lienhart: Ich glaube nicht, dass es mit der Vorbereitung zu tun hat. Es ist eher so, dass der Gegner im Laufe des Spiels auch zunehmend müde wird, weil das Spiel gegen den Ball sehr kräftezehrend ist. Da ist es klar, dass wir am Ende des Spiels zu mehr Chancen kommen, weil der Gegner den einen oder anderen Meter nicht mehr machen kann. Und ja, offenbar findet der Trainer auch die passenden Worte und liegt richtig mit seinen Einwechslungen.

LAOLA1: Es ist drei Jahre her seit deinem letzten Länderspiel 2017 gegen Moldawien. Du bist Stammspieler in der deutschen Bundesliga, was im ÖFB-Team hilft. Warum glaubst du hat es so lange gedauert, wieder zum Einsatz zu kommen?

Lienhart: Es liegt sicher an der guten Konkurrenz. Wir haben sehr viele gute Innenverteidiger, die ihre Sache wirklich gut gemacht haben, das muss man auch anerkennen. Ich war dennoch regelmäßig dabei, den Platz möchte ich festigen – und natürlich noch häufiger spielen. Es ist schon mein Ziel, dass ich mehr nicht so lange auf den nächsten Einsatz warten muss wie zuletzt (grinst).

Ich kann und muss mich noch in allen Bereichen weiterentwickeln. Daran arbeite ich jeden Tag. Es gibt nicht die eine Sache, die ich schlecht mache - ich will mich einfach überall verbessern. Dann werde ich auch noch mehr Chancen bekommen.

Philipp Lienhart

LAOLA1: Dass du regelmäßig zu den Lehrgängen eingeladen wirst, zeigt die Wertschätzung des Trainerteams. Was glaubst du fehlt dir aber für den endgültigen Durchbruch im Nationalteam?

Lienhart: Ich kann und muss mich noch in allen Bereichen weiterentwickeln. Daran arbeite ich jeden Tag. Es gibt nicht die eine Sache, die ich schlecht mache - ich will mich einfach überall verbessern. Dann werde ich auch noch mehr Chancen bekommen.

LAOLA1: Wie würdest du deine Chancen einschätzen, im EM-Kader zu stehen?

Lienhart: So etwas zu bewerten, ist immer etwas schwierig – ich treffe die Entscheidung ja nicht (grinst). Allen voran ist es wichtig, in der Bundesliga regelmäßig zu spielen, dort gute Leistungen zu zeigen. Wenn ich da weiter an die vergangenen Monate anknüpfe, glaube ich schon, dass meine Chancen gut sind, dass ich bei der EM dabei bin. Das ist definitiv mein Ziel.

Es ist wahrscheinlich vielen Menschen gegenüber schwer zu erklären, wenn man für ein Freundschaftsspiel in ein fremdes Land fliegt, wo aktuell alles still steht. Da kann ich die Kritik schon nachvollziehen, auch mit Blick auf den ohnehin schon vollen Terminplan.

Philipp Lienhart

LAOLA1: Dass wir in einer schwierigen Zeit leben, ist auch an den Nationalmannschaften nicht vorbei gegangen. Spiele wie gegen Luxemburg kommen nicht bei jedem gut an, auch nicht bei manchen deiner Teamkollegen wie Marcel Sabitzer. Wie siehst du die Situation?

Lienhart: Es ist wahrscheinlich vielen Menschen gegenüber schwer zu erklären, wenn man für ein Freundschaftsspiel in ein fremdes Land fliegt, wo aktuell alles still steht. Da kann ich die Kritik schon nachvollziehen, auch mit Blick auf den ohnehin schon vollen Terminplan. Fürn „Sabi“ zum Beispiel, der ja auch Champions League spielt, ist es ein unglaubliches Programm Es ist insgesamt ein ziemlich schwieriges Thema. Allen kann man’s eh nicht recht machen. Ich zum Beispiel habe keine internationalen Spiele mit dem Klub, daher tat mir das Freundschaftsspiel schon gut. Es war schön, dass ich endlich wieder einen Einsatz bekommen hab. Und generell bin ich eigentlich froh, dass ich meinen Job noch ausüben darf - wenn ich rundherum schaue und sehe, dass Restaurants, Bars und Geschäfte wieder schließen müssen.

LAOLA1: Wie ist es dir in der Zeit des ersten Lockdowns gegangen, wo das nicht möglich war?

Lienhart: Es war eine unangenehme Zeit, wie für jeden anderen auch. Wir wussten nicht, wann es weiter geht, konnten nur laufen und Heimprogramme absolvieren - das ist natürlich nicht etwas, was Spaß macht. Aber die spezielle Situation hat das halt verlangt. Und wie gesagt, viele andere Menschen waren und sind noch viel härter betroffen, dessen sollte man sich bewusst sein.

LAOLA1: Gehen wir ein paar Schritte zurück. Du bist 2014 mit 18 Jahren von Rapid zu Real Madrid gegangen. Was geht einem durch den Kopf, wenn man darüber informiert wird, dass sich diese Chance auftut?

Lienhart: Ich habe davon von meinem Berater gehört - und anfangs gedacht, dass er einen Spaß macht oder ein Fehler passiert ist (lacht). Aber es hat sich dann als richtig herausgestellt. Es ist unglaublich für mich gewesen. Mir war von Anfang klar, dass ich die Chance ergreife und nach Spanien gehe. Auch im Nachhinein war es die richtige Entscheidung, weil ich mich in allen Belangen weiterentwickelt habe: Im fußballerischen als auch im persönlichen. Ich bin ja dort hingegangen, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen, hatte die Stadt nie gesehen. Es war schon schwer am Anfang, aber so bin ich schnell gereift.

Bei einem Freistoßtraining lief es bei uns Spielern nicht so gut. Zidane kam hinzu, erklärte noch mal detailliert die richtige Schusstechnik, legte sich den Ball selbst hin – und knallte das Ding in den Winkel.

Philipp Lienhart

LAOLA1: Die Unterschiede zwischen Rapid und Real Madrid müssen eklatant gewesen sein.

Lienhart: Vom Verein und vom Trainingsgelände her ist es ein riesiger Unterschied. Einen größeren Verein als Real Madrid gibt es nicht. Von dem her war der Schritt riesig. Ich habe in Österreich nie in der Bundesliga gespielt, daher kann ich das Niveau schwer vergleichen. Ich bin bei Real in die U19 gegangen - dort war das Tempo schon ziemlich hoch und alles sehr intensiv.

LAOLA1: Du hast in der zweiten Mannschaft einige Spiele unter Zinedine Zidane gespielt. Wie tickt dieser legendäre Fußballer als Trainer?

Lienhart: Er ist ein eher ruhiger Trainer, der nicht viel herumschreit, auch nicht an der Seitenlinie im Spiel. Wenn du Zidane als Trainer hast und der gibt dir einen Tipp, dann nimmst du das natürlich direkt zu Herzen und versucht es umzusetzen. Auch wenn er mal in der einen oder anderen Trainingsform mitgemacht hat, sah man schon, was für eine Qualität er immer noch hat. Eine Situation, an die ich mich gut erinnere: Bei einem Freistoßtraining lief es bei uns Spielern nicht so gut. Zidane kam hinzu, erklärte noch mal detailliert die richtige Schusstechnik, legte sich den Ball selbst hin – und knallte das Ding in den Winkel (lacht).

LAOLA1: Zidane hat als Trainer mit Real Madrid große Erfolge gefeiert, unter anderem dreimal die Champions League und zweimal die spanische Meisterschaft gewonnen. Hast du ihm das damals zugetraut? Viele Beobachter von außen haben das nicht.

Lienhart: Er hat ein riesiges Know-How mitgebracht. Und schon in meiner Zeit hat er unsere Mannschaft sehr gut auf die Gegner einstellen können. Dazu kommt: Er hat natürlich auch sehr, sehr gute Spieler gehabt.

LAOLA1: Du warst in zwei Spielzeiten, in denen Real die Champions League gewonnen hat, auf der Kaderliste, bist also auch Champions-League-Sieger. Bezeichnest du dich auch als solcher, wie es Marko Arnautovic getan hat, obwohl ihr beide nicht zum Einsatz kamt?

Lienhart: Nein. Dadurch, dass ich nie im Spieltagskader gestanden habe, sehe ich mich nicht als Champions-League-Sieger. Aber es hat mich natürlich sehr gefreut, dass mein Verein die Champions League gewinnen konnte. Auch wenn ich nicht wirklich zur ersten Mannschaft gehört habe, war ich ja regelmäßig im Training dabei. Von dem her war es dennoch sehr schön.

Ich finde es gut, wenn er seine Meinung zu solchen Themen preisgibt. Und ja, ich würde mir schon wünschen, dass mehr Spieler oder auch Trainer ab und an ihre Meinung kundtun, da der Fußball eine große Reichweite und Aufmerksamkeit besitzt. Aber es ist auch nicht so einfach, weil gewisse Sätze schnell mal falsch verstanden werden können oder aus dem Zusammenhang gerissen werden. Gerade auch durch die sozialen Medien kann man da Probleme als Spieler bekommen.

Philipp Lienhart

LAOLA1: Nach drei sehr lehrreichen Jahren ging es für dich nach Freiburg. Wir haben gerade über Trainer gesprochen, einen kultigeren Trainer als Christian Streich gibt es wohl nicht. Was macht ihn so besonders?

Lienhart: Er hat eine ganz besonders Art, wie der ganze Verein. Er passt sehr gut hier hin und hat ein super Händchen für Spieler, die er weiterentwickelt und zu Bundesligaspielern macht. Im Verein bekommt man verhältnismäßig früh die Möglichkeit, regelmäßig zu spielen. Auch wenn man ein, zwei Fehler macht, stärken der Trainer und der Verein dir den Rücken, das hilft gerade jungen Spielern enorm in der Entwicklung. Die gemeinsame Philosophie macht auch die Verbindung zwischen Trainer und Verein so besonders.

LAOLA1: Er äußert sich immer wieder zu Themen abseits des Platzes, sowohl gesellschaftlichen als auch politischen. Würdest du dir das in einem sehr zurückhaltenden Fußball-Geschäft mehr wünschen, oder macht genau das ihn zum Unikat?

Lienhart: Ich finde es gut, wenn er seine Meinung zu solchen Themen preisgibt. Und ja, ich würde mir schon wünschen, dass mehr Spieler oder auch Trainer ab und an ihre Meinung kundtun, da der Fußball eine große Reichweite und Aufmerksamkeit besitzt. Aber es ist auch nicht so einfach, weil gewisse Sätze schnell mal falsch verstanden werden können oder aus dem Zusammenhang gerissen werden. Gerade auch durch die sozialen Medien kann man da Probleme als Spieler bekommen.

LAOLA1: Wie war die Umstellung vom Jugendspieler bei Real Madrid zum Profi beim SC Freiburg?

Lienhart: Ich sehe den Schritt auf jeden Fall als Aufstieg, weil ich aus der zweiten Mannschaft in die Bundesliga gekommen bin. Es war eine sehr gute Chance für mich, mich in der höchsten Liga Deutschlands zu beweisen. Zum Glück, wie ich vorher schon gesagt habe, habe ich direkt die Chance bekommen zu spielen. Das war sehr wichtig für mich als junger Spieler, um Fuß zu fassen.

LAOLA1: Du hast dich im Profibereich etabliert. Freiburg kann auch ein Sprungbrett für andere Aufgaben sein. Innenverteidiger-Kollege Caglar Söyüncü ist beispielweise nun bei Leicester City. Spielte das damals für dich eine Rolle bei der Entscheidung pro Freiburg?

Lienhart: Nein, ich habe damals überhaupt nicht auf den nächsten Schritt geschaut, sondern wollte unbedingt in der Bundesliga spielen und auf hohem Profi-Niveau trainieren. Das waren die wesentlichen Anreize.

LAOLA1: Vielleicht interessiert der Schritt danach jetzt schon ein bisschen. Dein Vertrag läuft nach der kommenden Saison aus. Was kommt danach? Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?

Lienhart: Kaum, ich lebe lieber im Hier und Jetzt. Es bringt nichts, mir groß Gedanken machen, was in zwei Jahren vielleicht passiert. Ich will keine großen Sprüche klopfen, sondern weiterhin Leistung bringen. Dann wird sich irgendwann zeigen, wohin der Weg führt.

LAOLA1: Tabellarisch ist die Situation mit Platz 14 relativ angespannt. Ist es nach sieben Runden zu früh, um zu sagen, dass das Saisonziel der Klassenerhalt sein muss?

Lienhart: Das Saisonziel ist bei uns eigentlich immer der Klassenerhalt. Der Start war nicht optimal, aber wir haben auch schon ziemlich starke Gegner gehabt. Wir müssen jetzt dranbleiben, weitermachen und dann bin ich mir sicher, dass wir die nötigen Punkte holen.

LAOLA1: In den nächsten Wochen kommen mit Mainz und Bielefeld einfachere Gegner auf euch zu. Glaubst du, dass es da wieder einen Aufschwung geben wird?

Lienhart: Hoffentlich, dafür arbeiten wir hart. Dennoch, als leichter würde ich das Programm nicht bezeichnen - jedes Spiel in der Bundesliga ist sehr schwer. Aber natürlich wollen wir jetzt wieder mehr punkten.

LAOLA1: Du hast es vorher bei Marcel Sabitzer angesprochen, der sehr viele internationale Spiel hat. Freiburg kratzt immer wieder am internationalen Geschäft. Du hast 2017 zwei in der Europa-League-Qualifikation gegen Domzale bestritten. Wie sehr würde dich der europäische Bewerb reizen?

Lienhart: Es ist schon ein Ziel von mir, irgendwann mal auch auf Klub-Ebene international zu spielen.

LAOLA1: Glaubst du, dass du dieses Ziel langfristig mit Freiburg erreichen kannst?

Lienhart: Das wäre an sich natürlich sehr, sehr schön, weil ich mich hier super wohlfühle und Freiburg ein toller Verein ist. Aber aktuell interessieren uns die internationalen Plätze nicht – es geht darum, regelmäßig zu punkten. Wir wollen hier weiter gemeinsame Erfolge feiern – das wäre für uns auch der Klassenerhalt.

Textquelle: © LAOLA1.at

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