Hintergrund

Austria Wien: Geschichte kann auch wehtun

Bei der Heimpremiere in der UEFA Women's Champions League schrieben die Veilchen gleich mehrmals Geschichte. LAOLA1 taucht in den historischen Abend ein:

Austria Wien: Geschichte kann auch wehtun Foto: © GEPA
Kommentare

Donnerstagabend, Flutlicht, Champions League - für Fußball-Fans gibt es wohl kaum eine bessere Abendgestaltung.

Am 1. Oktober 2026 war es so weit: Die Frauen des FK Austria Wien feierten ihre Heimpremiere in der UEFA Women's Champions League, zu Gast war Inter Mailand.

Bereits gut eine Woche zuvor gaben die Veilchen ihr Debüt in der Königsklasse. Mit einer knappen 0:1-Niederlage beim FC Chelsea zeigten die Wienerinnen in London auch direkt kräftig auf.

Auch wenn das Ergebnis gegen Inter am Ende enttäuschend war, gab es jede Menge positive Schlüsse aus diesem geschichtsträchtigen Abend zu ziehen. LAOLA1 nimmt dich mit.

Besondere Atmosphäre schon vor dem Match

Am Weg ins Stadion und zum Sitzplatz ist bereits eine ganz besondere Atmosphäre zu spüren. Ein Europacup-Abend ist einfach besonders. Vor mir unterhalten sich Anhänger der Violetten über ihre Mannschaft, sie trauen ihrem Team auch an diesem Abend einiges zu. Schließlich haben sie doch schon gegen Chelsea überrascht.

Aufgrund des Staus auf der Tangente - viele sind ebenfalls am Weg zum Verteilerkreis - bin ich erst gut 35 Minuten vor Anpfiff beim Stadion, wo mir aus allen Richtungen Austria-Fans begegnen. Sie wirken vorfreudig, viele tragen ein Trikot, einen Schal oder andere Fanartikel.

Gut eine halbe Stunde vor Spielbeginn haben bereits zahlreiche Fans ihren Weg ins Stadion gefunden, um ihre Mannschaft schon beim Aufwärmen zu unterstützen. Bevor es für die Spielerinnen für die letzten Vorbereitungen in die Kabine geht, holen sie sich noch einmal lautstarken Jubel von den Fans ab.

Erstmals ist die Osttribüne, die Fantribüne der Wiener Austria, neben der Nordtribüne bei einem Pflichtspiel der Frauen geöffnet. Immer mehr Fans finden sich auf den Rängen ein und stimmen sich auf einen magischen Abend ein. Schon bei der Mannschaftsaufstellung wird es erstmals richtig laut, gerade kurz vor dem Anpfiff füllen sich die letzten Lücken auf der Tribüne.

test
Austria-Fans auf der Osttribüne
Foto: ©GEPA

Wenige Minuten vor Anpfiff ist es dann schon so weit: Die Spielerinnen werden vom Schiedsrichterteam auf das Feld geführt, die Hymne der UEFA Women's Champions League ertönt. Für wohl jeden im Franz-Horr-Stadion ist es ein ganz besonderer Moment.

Die historische 21. Minute

18:45 Uhr, Anpfiff, der Ball rollt. Von der ersten Minute an legen die Veilchen einen grandiosen Auftritt hin und geben den Ton an. Es liegt etwas in der Luft. Das merken auch die Fans auf den Rängen, die ihre Violetten zusätzlich antreiben.

Neben der Osttribüne, die ohnehin das ganze Match über steht, erheben sich auch viele Zuschauer und Zuschauerinnen auf der Nordtribüne und unterstützen die Mannschaft klatschend. Bei jedem Schuss, der noch so knapp am Tor vorbeigeht, geht ein Raunen durch das Stadion.

Auswärts in London verpasste die Austria ihren Premierentreffer in der UEFA Women's Champions League nur knapp, der Ball wollte einfach nicht ins Tor. Doch diesmal ist es anders. In der 21. Minute arbeitet sich Modesta Uka, auffällige Offensivspielerin der Austria, mit ihrer herausragenden Technik über die rechte Seite in die Mitte. Einige Meter vor dem Strafraum fasst sich die kosovarische Nationalspielerin ein Herz und schließt ab.

test
Modesta Ukas Jubel beim Treffer zum 1:0.
Foto: ©GEPA

Alle Augen richten sich auf die Flugbahn des Leders in Richtung Tor der Italienerinnen. Und dann zappelt die Kugel tatsächlich im Netz. Das ganze Stadion springt sofort auf und jubelt, die Torhymne erklingt und auf dem Feld ist die Freude überschwänglich. Auch die Ersatzbank der Wienerinnen hat es beim historischen Treffer nicht auf ihren Plätzen gehalten. Das Stadion bebt.

Die Spielerinnen der Austria liegen sich in den Armen. Auch auf den Rängen liegen sich die Anhänger in den Armen. Schließlich ist es ein ganz besonderes Tor, und das noch ausgerechnet vor eigenem Publikum. Viel besser hätte es nicht laufen können. Auch auf den Rängen liegen sich die Anhänger in den Armen.

Inter muss reagieren

Das Trainerteam der Gastgeberinnen wirkt - wenig überraschend - sehr zufrieden, während Inter-Coach David Sassarini immer wieder sichtlich unzufrieden mit seiner Bank kommuniziert. Auf der anderen Seite scheint die Austria vom Tor nochmals beflügelt zu sein und hat Inter weiter fest im Griff. Das Stadion ist ebenfalls voll dabei und pusht die Wienerinnen mit lautstarkem Support.

Mit einer verdienten 1:0-Führung für die Austria geht es in die Pause, die Stimmung könnte im Franz-Horr-Stadion kaum besser sein. Es ist spürbar, dass an diesem Abend etwas ganz Großes möglich ist.

Zur Pause wechselt Sassarini gleich vier Mal, was wohl aussagekräftig genug ist. Die Austria geht unverändert in die zweite Spielhälfte. Warum auch wechseln, wenn bisher alles so gut funktioniert hat.

Die Wende in Hälfte zwei

Im Verlauf der zweiten 45 Minuten verändert sich das Spielbild. Die Italienerinnen sind jetzt besser im Spiel und werden immer wieder gefährlich, auch wenn die Defensive der Austria ihre Arbeit sehr gut macht. Die Lage spitzt sich zu, die Austria verabsäumt es, sich mit einem zweiten Tor Luft zu verschaffen.

So wird Inter immer unangenehmer. Zwei Mal steht für einen kurzen Moment alles still, als Torfrau Jasmin Pal in brenzligen Eins-gegen-Eins-Situationen die Führung festhält. Das wird mit großem Jubel und Applaus belohnt. Nicht nur diese, jede klärende Aktion. Jeder Zweikampf, jedes Tackling, jede Balleroberung. Immer wieder folgen gestresste Blicke auf die Uhr. Wie lange geht es denn noch? Die Zeit scheint plötzlich ganz langsam zu vergehen.

Dann ist aus Sicht der Veilchen endlich die 90. Minute erreicht, drei Minuten gibt es oben drauf. Der Druck von Inter hält an, doch es sind ja nur mehr drei Minuten. Drei Minuten die Kugel vom eigenen Tor fernhalten. Irgendwie. Viele hält es jetzt nicht mehr auf ihren Sitzplätzen.

Zittern bis zum Schluss

Es läuft bereits die letzte Spielminute, als es noch einmal einen Eckball für die Mailänderinnen gibt. Dieser kommt gefährlich, die Austria-Spielerinnen können die Situation zwar mehrfach entschärfen, allerdings nicht endgültig. Im ganzen Stadion hält man den Atem an, man traut sich kaum hinzuschauen.

Und dann ist der Ball tatsächlich im Tor. Jubel bei den Italienerinnen, deren gesamte Ersatzbank auf das Feld stürmt. Die Gefühle auf Seiten der Austria und ihrer Anhänger? Ungläubigkeit, Frust, Enttäuschung. Es erinnert mich an das Meisterschaftsfinale einige Monate zuvor, bei dem es allerdings der SKN St. Pölten war, der diese Gefühle nach dem Last-Minute-Ausgleich verspürte, während die Veilchen jubelten.

Abgesehen vom Jubel der Gäste ist es still in der Arena. Hände schlagen über den Köpfen zusammen, man sieht fassungslose Gesichter. So richtig glauben will es keiner, war der Abpfiff doch schon so nah.

"In den nächsten Tagen freue ich mich sicher irgendwann mal"

Jasmin Pal

Kurz darauf pfeift die Schiedsrichterin ab. Aus und vorbei. Obwohl es mit dem Premierentreffer, dem ersten Punktegewinn sowie einem Zuschauerrekord von 3609 ein historischer und erfolgreicher Abend war, ist es vor allem Enttäuschung, die in diesen Momenten überwiegt. So nah war man am ersten Sieg dran, am Ende fehlten gerade einmal ein paar Sekunden.

Hängende Köpfe bei den Austrianerinnen. Trost gibt es vor allem von den zahlreichen Fans, die Applaus spenden und auch lange nach Abpfiff noch im Stadion bleiben.

Was dennoch bleibt

Die Fans muntern ihre Mannschaft bei deren Stadionrunde auf, auch wenn die Feierlaune so ziemlich dahin ist. Denn auf diesen Auftritt kann man trotzdem mehr als stolz sein. Auch bei den anschließenden Interviews ist der Ärger über das Last-Minute-Gegentor tonangebend. "In den nächsten Tagen freue ich mich sicher irgendwann mal", meint etwa Torfrau Pal.

Ein unfassbar bitteres Ende eines so geschichtsträchtigen Abends. Doch am Ende bleiben so viele positive Erkenntnisse. Die Austria ist in der Champions League angekommen. Egal ob leistungs- oder fantechnisch. 3609 Fans fieberten 93 Minuten lang mit den Veilchen mit. Das sind so viele wie nie zuvor bei einem Heimspiel der Austria-Frauen.

Die Violetten trieben Inter Mailand über weite Strecken des Spiels immer weiter an den Rand der Verzweiflung. Auch wenn letztlich "nur" ein Punkt statt drei auf das Konto der Wienerinnen wandert. Man darf weiter träumen, will in die K.o.-Phase. Das macht Trainer Stefan Kenesei nach dem Spiel klar.

Und nach den 180 Minuten gegen Chelsea und Inter Mailand lässt sich mit voller Überzeugung sagen: Es ist definitiv möglich, es ist noch lange nicht vorbei.

Kommentare