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Maksimir: Salzburg muss ins "hässlichste Stadion Europas"

Das Maksimir wurde niedergebrannt, war Schauplatz von welthistorischen Ereignissen und ist heute schwer bauffällig. LAOLA1 portraitiert das Zagreber Stadion.

Maksimir: Salzburg muss ins Foto: © getty

Der FC Salzburg durfte in seinen bisherigen Champions-League-Abenteuern schon das ein oder andere Prachtexemplar von europäischem Stadion bewundern.

Unter anderem war eine Auswärtsreise an die legendäre Anfield Road dabei, auch die beiden Auftritte in der Münchner Allianz Arena oder zuletzt jener an der Londoner Stamford Bridge werden den jungen Mozartstädtern wohl ihr gesamtes Leben lang in Erinnerung bleiben.

Am heutigen Dienstag dürfte das anders sein. Die "Bullen" treten am vierten Spieltag der UEFA Champions League auswärts bei Dinamo Zagreb und damit in deren Stadion Maksimir an (21 Uhr im LIVE-Ticker).

Die über 110 Jahre alte Sportstätte im Nordosten Zagrebs wird oftmals als Ruine bezeichnet, Kroatien-Teamspieler Dejan Lovren nannte es 2020 "das hässlichste Stadion Europas", für UEFA-Präsident Aleskander Ceferin ist die Arena gar "beschämend".

Und Dinamos aktueller Trainer Ante Cacic sagte kürzlich vor Beginn der Champions-League-Gruppenphase: "Wir müssen uns schämen, weil die bedeutendsten Mannschaften des Kontinents hierher in dieses Stadion kommen, das wirklich nicht den Ansprüchen der Champions League entspricht."

Doch wie konnte es dazu kommen, dass ein solch erfolgreicher Verein wie Dinamo Zagreb noch immer ein so desolates Stadion sein Wohnzimmer nennen muss? LAOLA1 klärt auf:

Einst gehörte das Maksimir dem Stadtrivalen von Dinamo

Der fürchterliche Zustand des Maksimir ist auch damit zu erklären, dass es eine der ältesten Arenen Europas ist, in denen heute noch professionell Fußball gespielt wird.

Im Mai 1912 eröffnete das Stadion, welches nach dem gleichnamigen gegenüberliegenden Park sowie dem Zagreber Stadtbezirk, in dem es sich befindet, benannt ist, erstmals seine Pforten. 6.000 Zuseher verfolgten auf einer Holztribüne damals die Heimspiele des nicht mehr existenten HASK, der das Stadion vor 110 Jahren mit einem Freundschaftsspiel gegen HSK Gradanski Zagreber, dem Vorgänger-Klub Dinamo Zagrebs, einweihte.

Da Gradanskis Stadion Koturaska aber in einem dürftigen Zustand war und sich die beiden Stadtrivalen ohnehin eng standen, spielte auch der Dinamo-Vorgänger bald im Maksimir.

Keine 30 Jahre nach seiner Eröffnung stand das Maksimir in Flammen.

Das Maksimir als Schauplatz faschistischer Versammlungen

Ustascha-Führer Pavelic versuchte schon die Jugend mit seiner faschistischen Ideologie zu indoktrinieren
Foto: © getty

Als die mit Nazi-Deutschland kollaborierende faschistische Ustascha-Bewegung, die die Geschichte Dinamos bis heute prägt, im Jahre 1941 die Macht in Kroatien übernahm, hielt sie regelmäßig Versammlungen im Maksimir Stadion ab, denen alle männlichen Zagreber Schüler beiwohnen mussten, um an vormilitärischen Übungen teilzunehmen.

Bei einer dieser Versammlungen rief der Jugendführer der Ustaschen, Zdenko Blazekovic, alle serbischen und jüdischen Schüler dazu auf, sich abseits der anderen Schüler am gegenüberliegenden Ende des Spielfelds zu positionieren. Die Jugendlichen reagierten darauf zunächst gar nicht, dann irritiert.

Erst als Blazekovic, kochend vor Wut, von einer errichteten Bühne aus allen Schülern, die seinem Aufruf nicht folgeleisteten, mit Strafe drohte, kam Bewegung in die junge Menschenmenge. Zunächst gingen nur einige Schüler der kommunistischen Jugend auf die andere Seite, dann folgten alle anderen - Zagrebs kroatische Schüler solidarisierten sich mit ihren drangsalierten jüdischen und serbischen Kollegen.

Ein antifaschistischer Funken versetzte das Maksimir in Brand

Es war der erste Funken Antifaschismus in der Zagreber Gymnasiastenszene, der keine zwei Monate später einen Großbrand im Maksimir entfachen sollte. Da die Ustaschen Baumaterial für die Errichtung eines Konzentrationslager benötigten, fingen sie an, die noch immer aus Holz gebauten Tribünen des Maksimirs abzubauen.

Den antifaschistischen Gymnasiasten war das freilich ein Dorn im Auge, sie planten einen Sabotageakt. Nachdem zwei Brandanschlag-Versuche vereitelt wurden, radelten die Jugendlichen am Abend des 22. September 1941 mit aus der Schule gestohlenen Reagenzgläsern, die Nitroglycerin enthielten, zum Maksimir und brannten das hölzerne Stadion nieder.

Zwar entkamen die jungen Widerstandskämpfer unentdeckt, im November 1941 konnten aber 18 von ihnen von den Ustascha-Sicherheitskräften gefasst werden. Sie wurden allesamt gefoltert und dann erschossen.

Rekordkulisse bei Pele-Besuch

In den Folgejahren wurde das Maksimir wieder aufgebaut; 1948, nach der Machtübernahme von Josip Broz Tito in Jugoslawien, durfte Dinamo einziehen. Der vorherige Besitzer, der HASK, wurde genau so wie der Dinamo-Vorgänger-Verein Gradanski von den Kommunisten nach Ende des zweiten Weltkriegs aufgelöst.

45.000 betrug die Kapazität des Maksimir, dessen Spielfeld damals noch von einer Leichtathletik-Bahn umspannt war, damals offiziell. In der Realität fanden sich oftmals viel mehr Menschen im Zagreber Oval wieder.

So kamen im September 1969 64.000 Zuseher zu einem Freundschaftsspiel Dinamos gegen den FC Santos. Der Grund für den Massenandrang: Ein Pele in seiner Glanzzeit. Der womöglich beste Fußballer aller Zeiten blieb damals ohne Tor, Santos konnte nur 1:1 zu spielen. Pele hatte "das Gefühl, Wasser in den Ohren zu haben", so laut war es im Maksimir.

Auch bei der Europameisterschaft 1976, die in Jugoslawien ausgetragen wurde, wurde die Kapazität des Maksimirs überschritten. Über 50.000 Menschen schauten damals im Nordosten Zagrebs zu, wie Jugoslawien trotz einer 2:0-Führung gegen die Bundesrepublik Deutschland mit 2:4 nach Verlängerung im Halbfinale ausschied. Zum anschließenden Spiel um Platz drei kamen nur mehr gut 6.000 Zuseher, auch diese Partie verlor Jugoslawien.

"Blutiger Sonntag" - Als im Maksimir Weltgeschichte geschrieben wurde

Rund 14 Jahre spät stand das Maksimir erneut im internationalen Fokus. Am 14. Mai 1990 geschah in Zagreb etwas, was als "krava nedjelja", auf deutsch "blutiger Sonntag", in die Geschichte Kroatiens eingehen sollte; für die "CNN" war es ein "das Spiel, das die Welt veränderte":

Nur wenige Wochen nach den ersten freien demokratischen Mehrparteienwahlen des damals noch zu Jugoslawien gehörigen Kroatiens empfing Dinamo Zagreb das verfeindete Roter Stern Belgrad zu einem Heimspiel im Maksimir. Dutzende Busse an serbischen Ultras, unter anderem soll Serbiens amtierender Präsident Aleksandar Vucic an Bord gewesen sein, erreichten schon in den frühen Morgenstunden Zagreb.

Insgesamt 3.000 "Delije", so der Name der Roter-Stern-Hooliganvereinigung, stimmten an diesem Tag immer wieder Parolen wie "Zagreb ist Serbien" und "Wir werden Tudjman (erster kroatischer Präsident, anm.) töten" an. Schon vor dem Spiel gab es zwischen den "Delije" und ihrem Zagreber Pendant, den "Bad Blue Boys" Scharmützel, kurz vor Anpfiff ging es aber erst so richtig los.

Zvonimir Boban ist seit seinem Tritt gegen den jugoslawischen Polizisten sowas wie ein Volksheld
Foto: © getty

Die Roter-Stern-Ultras randalierten während des Aufwärmens im Auswärtssektor unbehelligt auf barbarischste Weise und warfen mit Steinen sowie herausgerissenen Sitzen auf die Dinamo Fans. Selbst, als ein Feuer mitten im Sektor gezündet wurde, schaute die jugoslawische Polizei zu. Erst als die "Bad Blue Boys" dies nicht auf sich sitzen ließen und versuchten, den Platz zu stürmen, griffen die Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die kroatischen Hools ein.

Bobans Kung-Fu-Tritt für Kroatiens Freiheit

Die Wut in der Masse an kroatischen Fans war aber zu groß, sie konnte nicht mehr zurückgehalten werden und stürmte das Feld. Dabei kam es zu einer Szene, die um die Welt ging. Dinamo-Kapitän Zvonimir Boban, später in seiner Karriere Champions-League-Sieger mit dem AC Milan, rettete einen aufs Feld gestürmten Dinamo-Ultra mit einem Kung-Fu-Tritt gegen einen mit Schlagstock bewaffneten Polizisten.

Diese Attacke wurde von kroatischen Nationalisten als Gegenschlag gegen das von Belgrad aus regierende jugoslawische Regime hochstilisiert. Boban selbst wurde aufgrund der Attacke gegen den Polizisten vom jugoslawischen Verband für sechs Monate gesperrt und verpasste unter anderem die Weltmeisterschaft 1990.

"Ich würde es wieder tun. Ich war einer von vielen Tausend, die das gleiche dachten. Wir lebten in der Hölle und sehnten uns nach Freiheit", sagte der heute 54-Jährige einige Jahre später.

Die Vorfälle vom 13. Mai 1990, als der Hass zwischen den kroatischen und serbischen Jugoslawen so anschaulich wie nie zuvor der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, werden historisch bis heute als Vorbote der im darauffolgenden Jahr beginnenden Jugoslawienkriege eingeordnet.

Bobans Attacke gegen den Polizisten im Video:

100 Millionen Euro für eine Ruine ohne Stadiondach

Das Maksimir selbst bekam 1997/1998 eine Runderneuerung, bei der alle Stehplätze durch Sitzplätze ersetzt wurden. 2011 gab es weitere Renovierungen, bei denen unter anderem die Laufbahn rund um den Rasen entfernt und durch einen blauen Kunstrasen ersetzt wurde. Die meisten dieser Anpassungen waren aber optischer Natur, infrastrukturell ist das Stadion noch immer nicht im neuen Jahrhundert angekommen - so fehlen auf allen Tribünen weiterhin Überdachungen.

Die Osttribüne des Maksimir ist seit einem Erdbeben 2020 gesperrt
Foto: © getty

Immer wieder wurde eine komplette Renovierung des Maksimirs angekündigt - von einem völlig neuen Stadion am gleichen Fleck bis hin zu einer kuriosen Idee einer Arena in Form eines blauen Vulkanes an einem anderen Standort in Zagreb war alles dabei. Umgesetzt wurde bisher aber nie etwas.

Das kroatische Sportportal "sportske.jutarnji.hr" rechnete einmal vor, dass bereits über 100 Millionen Euro für die Instandhaltung sowie die notwendigen Sanierungen ins Maksimir geflossen seien. Das sei "beschämend, wenn man bedenkt, wie dieses Stadion aussieht".

Eine Naturkatastrophe zwang die Stadien-Verantwortlichen vor zwei Jahren aber endgültig zum Handeln. Das schwere Erdbeben, das im März 2020 Kroatiens Hauptstadt erschütterte, zerstörte die Hauptträger der davor schon desolaten Osttribüne so sehr, dass diese seither geschlossen ist. Das Maksimir wurde damit um eine Kapazität von 9.500 Zusehern beraubt.

Dinamo bekommt Schmuckkästchen - nur wann ist die Frage

Im April des Vorjahres wurden daraufhin Pläne veröffentlicht, die vorsehen, dass das Maksimir in seiner aktuellen Form komplett abgerissen und an gleicher Stelle um 60 Millionen Euro ein neues, hochmodernes Stadion für 34.000 Zuseher gebaut wird.

So könnte das Maksimir nach dem Umbau aussehen:

Der erste Entwurf, der vom Architektenbüro des gleichnamigen Sohns von Otto Baric visualisiert wurde (siehe Tweet oben) kann sich durchaus sehen lassen. Das Problem ist nur, dass beim neuen Stadionprojekt in den letzten eineinhalb Jahren wenig weitergegangen ist.

Seit Monaten hört man keine neuen Informationen zum Baustart mehr. Zuletzt kamen Gerüchte auf, dass Fragen nach den Eigentumsverhältnissen einiger Grundstücke, auf denen sich das Stadion befinden soll, noch ungeklärt sein sollen. Unter anderem soll die Kirche einen Teil des verbaulichen Landes besitzen.

Außerdem soll es in der Stadtregierung Uneinigkeiten wegen des Baus geben. Bürgermeister Tomislav Tomasevic erklärte vor seiner Wahl, den Bau des Stadions von der Demokratisierung des Wahlprozesses bei Dinamo, der in der Vergangenheit von Korruption geprägt war, abhängig zu machen. Die politische Opposition soll ihn zuletzt mehrfach daran erinnert haben, dieses Versprechen einzuhalten, und dürfte sich bezüglich des Baus deshalb momentan querlegen.

Dinamo unglaublich heimstark

So schnell wird Dinamo dem Maksimir in seiner aktuellen Form also nicht entkommen. Wenn es nach den sportlichen Erfolgen geht, ist dies aber eigentlich auch gar nicht notwendig.

Die "Bad Blue Boys" geben in ihrer "Ruine" richtig Gas
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Die Zagreber zeigten in ihrer Bruchbude immer wieder im Europacup auf und blicken auf eine tolle Heimbilanz in den letzten Jahren zurück. Seit Saisonbeginn 2020/21 konnte der kroatische Serienmeister von 19 Heimspielen im internationalen Bewerb zwölf gewinnen, nur zwei gingen verloren.

Einzig die Aufeinandertreffen mit West Ham United und Villarreal endeten in Pleiten, in der gleichen Zeit konnten allerdings Kaliber wie Tottenham Hotspur, der FC Sevilla und zuletzt der FC Chelsea im Maksimir geschlagen werden. Auch der WAC und der SK Rapid gingen zuletzt in Zagreb baden.

Cacic: "Vielleicht werden die Gegner vom Maksimir demotiviert"

2016 kürte die "Marca" das Maksimir zum "schrecklichsten Stadion für gegnerische Mannschaften und Fans der Welt" und meinte damit nicht (nur) die optisch wenig ansprechenden infrastrukturellen Rahmenbedingungen.

Dinamo-Coach Cacic scherzte zuletzt nach dem 1:0-Sieg über Chelsea in Anspielung auf die schlechte Verfassung des Maksimirs: "Vielleicht ist es ein Vorteil für uns, vielleicht werden die Gegner demotiviert, wenn sie in dieses Stadion kommen."

Eines ist jedenfalls klar: Einfach wird die Aufgabe für den FC Salzburg, der am Dienstag auch mit dem frenetischen Support der "Bad Blue Boys" zurechtkommen muss, im Maksimir mit Sicherheit nicht. Für Österreichs Meister könnte es hässlich werden - und das nicht nur aus ästhetischen Gesichtspunkten.

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