Sechs Erfolgs-Faktoren bei Sturm

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Sechs Faktoren für Sturms starken Start

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Nach sechs Runden steht der SK Sturm an der Tabellenspitze der Bundesliga.

Das war seit fünf Jahren nicht mehr der Fall, als man den Meistertitel zum letzten Mal in die Steiermark holte. Der Trainer ist derselbe wie damals, abgesehen davon hat sich vieles verändert.

Worin liegen die Gründe für den erfolgreichen Start der Schwarz-Weißen?

 

DER FAKTOR NEUZUGÄNGE

Es ist schon lange her, dass ein Neuzugang bei Sturm so eingeschlagen hat, wie Uros Matic.

Bei sieben frisch zu integrierenden Spielern war man in Graz vor Saisonbeginn darauf bedacht, Geduld zu fordern. Dann ging alles schneller als gedacht. Mittlerweile haben abgesehen von Rechtsverteidiger Fabian Koch sogar alle neuen Feldspieler über einen oder mehrere Treffer jubeln dürfen. Christian Schulz wurde von Sportchef Günter Kreissl als Masterpiece präsentiert und prompt zum Kapitän ernannt. Die größeren Fragezeichen stellten sich im Mittelfeld und Angriff. Für frühe Ausrufezeichen sorgte insbesondere Uros Matic. Es ist schon lange her, dass ein Neuzugang bei Sturm so eingeschlagen hat, wie der Serbe. Er bildet mit dem durchstartenden James Jeggo ein extrem lauf- und zweikampfstarkes Duo im Zentrum und ist ein extrem passstarker Box-to-Box-Spieler mit feiner Technik und großer Übersicht. Philipp Huspek nimmt Sturm als Neustart wahr, muss aber trotz früher Erfolgserlebnisse (ein Tor, drei Assists) um seine Einsätze kämpfen, Stefan Hierländer kommt nach einem späten Wechsel immer besser auf Touren und Deni Alar hat nach einer mühsamen Zeit bei Rapid mit fünf Toren in den ersten fünf Einsätzen offenbar zum großen Karriere-Turnaround angesetzt. Inwiefern sich Daniel Lück im Tor aufdrängen kann, bleibt noch abzuwarten, da derzeit Routinier Christian Gratzei die Nase vorne hat. Bislang hat Sturm mit den Neuzugängen jedenfalls voll ins Schwarze getroffen. Sportlich, taktisch und menschlich.

DER FAKTOR KREISSL

Kreissl trat sofort als dringend notwendiges Gegengewicht zum Cheftrainer auf.

Wenn Neuzugänge funktionieren, hat der dafür zuständige Geschäftsführer richtig gehandelt. Die Installation von Günter Kreissl bei Sturm bedeutet aber mehr. Zuallererst ist sie eine Rückkehr zur vor mittlerweile fünf Jahren beschlossenen Vereinsstruktur mit zwei Geschäftsführern, die durch einige Personalrochaden zwischenzeitlich völlig über den Haufen geworfen wurde. Mit Kreissl hat man jemanden gefunden, der den österreichschen Fußball aus jahrelanger Erfahrung kennt und in seiner bisherigen Tätigkeit mit streng limitierten finanziellen Mitteln den SC Wr. Neustadt erfolgreich über Wasser gehalten hat. In Graz konnte er völlig unvorbelastet ans Werk gehen und trat sofort als dringend notwendiges Gegengewicht zum Cheftrainer auf, der alle seine Spieler, aus nachvollziehbaren Gründen, stets verteidigt hat. Kreissl ortete fehlendes Feuer in der Mannschaft und sortierte jene aus, die seiner Meinung nach zu wenig für den Verein gaben und zu viel dafür verlangten. Mit seiner Absage an den Ausbildungsverein Sturm Graz hat er vor Saisonbeginn darüber hinaus überrascht und eine Philosophie vorgegeben. Durch diese tatkräftige und vor allem glaubwürdige Herangehensweise gepaart mit seiner vor positiver Energie strotzenden Art konnte der 42-Jährige zu Beginn seiner Zeit in Graz überzeugen.

DER FAKTOR CHEMIE

Ungereimtheiten zwischen Fans und Mannschaft konnten ausgeräumt werden.

Frischer Wind und schnelle Erfolge sorgen für gute Stimmung. Bei Sturm hat man nach längerer Zeit wieder das Gefühl, dass alle im Verein wieder gerne ihrer Arbeit nachgehen. Ausschlaggebend ist dafür auch wieder deutlich spürbares Vertrauen des Anhangs. Das kann man einerseits an den Zuschauerzahlen ablesen, andererseits wurde auch das zerrüttete Verhältnis mit den Fanklubs wiederhergestellt. Ihre langanhaltende Forderung nach einem sportlichen Leiter wurde umgesetzt, der mitunter ziemlich scharf kritisierte Trainer ist zwar noch immer im Amt, bietet derzeit aber wenig Angriffsfläche und spielt seine Stärken aus (siehe Faktor Foda unten). Ungereimtheiten zwischen Fans und Mannschaft konnten über die Sommerpause zudem ausgeräumt werden, wie nach den Spielen zu sehen ist. Der - mehr oder weniger freiwillige - Abschied des langjährigen GM Gerhard Goldbrich in die Medienbranche und die gleichzeitige Verpflichtung des unaufgeregten Thomas Tebbich als Geschäftsführer Wirtschaft bietet auch in diesem Bereich die Chance auf einen Neustart, frei aller Altlasten. Sturm macht in der Öffentlichkeit derzeit den Eindruck, als Einheit aufzutreten. Hält diese auch nach sportlichen Rückschlägen, wird man solche schneller verkraften können.



DER FAKTOR SPIELANLAGE

Sturm spielte in den ersten sechs Runden lediglich 2234 Pässe - nur Mattersburg und Ried kamen auf weniger.

Foda hat ein Faible für gepflegtes Umschaltspiel. So schnörkellos wie in dieser Saison interpretierten es die "Blackies" in der jüngeren Vergangenheit jedoch kaum. Dies mag einerseits am geeigneten Spielermaterial liegen (siehe oben), andererseits jedoch an der viel konsequenteren Umsetzung dieser Taktik. Biss sich Sturm noch im Vorjahr an kompakt stehenden Underdogs zu oft die Zähne aus, scheut man in dieser Saison nicht davor zurück, auch diesen Gegnern bisweilen freiwillig den Ball zu überlassen - bevorzugt in ungefährlichen Zonen - und nach Ballgewinn dank schneller Spieler im Umschaltspiel zuzuschlagen. Box-to-Box-Spieler wie vor allem Matic, aber auch der unermüdliche Jeggo, ermöglichen, mit Alar einen zweiten Umschaltspieler zur im Vorjahr oft "verhungernden" Solo-Spitze als Anspielstation abzustellen, ohne trotz numerischer Unterlegenheit an Stabilität im Mittelfeld zu verlieren. Diese adaptierte Herangehensweise lässt sich vor allem an der Pass-Statistik gut festmachen. Sturm spielte in den ersten sechs Runden lediglich 2234 Pässe - nur Mattersburg und Ried kamen auf weniger. Dies sind um sage und schreibe 895 weniger als Rapid (rund 150 pro Partie!), das sich mehr dem Ballbesitz-Fußball verschrieben hat. Dominantes Auftreten (Rapid) und das Motto "Ab die Post" (Sturm) funktionieren bislang gleich gut - beide Teams führen mit je 14 Toren die Liga an.

Rang Team Pässe
1. Rapid 3129
2. Austria 2891
3. Salzburg 2655
4. St. Pölten 2575
5. Altach 2532
6. Admira 2432
7. Wolfsberg 2408
8. Sturm 2234
9. Mattersburg 2127
10. Ried 1647

DER FAKTOR FODA

Seine nüchterne Art des öffentlichen Auftritts ist in Zeiten des Misserfolgs Gift, in Zeiten des Erfolgs jedoch Gold wert.

Foda steht in dieser Saison bei seinem "Lebensverein" am Scheideweg. Der Kontrakt des 50-Jährigen läuft im Sommer 2017 aus - zahlreiche Kritiker hätten sich gewünscht, wenn er sein letztes Vertragsjahr gar nicht erst in Angriff genommen hätte. Traten in der schwierigen Vorsaison die Schwächen des Deutschen zu Tage - etwa seine bisweilen sture und nur schwer nachvollziehbare Kommunikation oder eine zu starre und leicht ausrechenbare Spielanlage - kann er derzeit wieder seine Stärken ausspielen. Zum einen hat der Fußball-Lehrer taktisch bislang die richtigen Schlüsse gezogen und die Herangehensweise adaptiert (siehe oben), zum anderen ist seine nüchterne Art des öffentlichen Auftritts in Zeiten des Misserfolgs Gift ("besser kann man auswärts nicht spielen" nach Niederlage in Mattersburg), in Zeiten des Erfolgs jedoch Gold wert. Als "Mr. Understatement" führte er Sturm 2011 zum Meistertitel. Seine Paraderolle als Warner sollte auch nun helfen, im schlagartig wieder euphorischen Grazer Umfeld, nicht den Blick für das Wesentliche zu verlieren.

DER FAKTOR REALISMUS

Nach allen Siegen zeigten sich die Sturm-Kicker sehr selbstkritisch, sprachen diverse Probleme ungefragt an.

Denn: Foda wird nicht müde zu betonen, dass im Sturm-Spiel der Saison 2016/17 trotz Tabellenführung längst nicht alles eitel Wonne ist - und hat damit vollinhaltlich recht. Denn neben den zahlreichen ansehnlichen Phasen schlichen sich in so gut wie jeder Partie auch extrem schwache ein, und dies überwiegend nach dem Seitenwechsel. Alleine an den letzten beiden Partien lässt sich dies verdeutlichen: Die zweite Halbzeit in St. Pölten war bis auf Minute 84 (Gratzei hält Elfmeter, Siegtor Matic) zum Vergessen, ebenso jene gegen Altach, als das Tor zum 3:1 von Hierländer der erste Torschuss nach der Pause war. "Das Spielglück ist in letzter Zeit auf unserer Seite", weiß Foda, dass Schwarz-Weiß dieses Manko nicht nur mit Effektivität kaschierte. Besagtes Glück kann man mit vielen der genannten Faktoren auch erzwingen. Aus den Augen lassen darf man diese Schwächephasen jedoch nicht, dies würde sich rächen. Bei Publikum und Umfeld darf die Ergebnisorientiertheit ungeachtet solcher Details für Euphorie sorgen, vereinsintern sollte man sich nicht vom Erfolg blenden lassen. Was positiv stimmt: Nach allen Siegen zeigten sich die Sturm-Kicker sehr selbstkritisch, sprachen diverse Probleme ungefragt an. Gerade reflektierte Typen wie Schulz oder Lukas Spendlhofer sind diesbezüglich wichtig. Erkenntnis ist nämlich bekanntlich immer noch der erste Weg zur Besserung. Und dass es bei Sturm trotz Traumstarts noch genügend Luft nach oben gibt, ist nach einigen dürren Jahren auch keine schlechte Erkenntnis für die Grazer.

Andreas Terler/Peter Altmann

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