Kommentar: "Rapid muss mit Kritik leben"

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Bei Rapid kann es rasend schnell gehen – das ist bekannt!

Sowohl in die eine als auch die andere Richtung explodieren bei den Hütteldorfern die Extreme, himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Aktuell ist wieder Zweiteres der Fall - nach einem Monat zum Vergessen, dem Verfall in alte Muster und der Reduzierung der eigenen Chancen, in unterschiedlichen Bewerben wieder einmal ein Ausrufezeichen zu setzen. Geht das Vorhaben auch am Mittwoch in der 3. ÖFB-Cup-Runde gegen RB Salzburg (ab 20:30 Uhr im LIVE-Ticker) schief, bliebe nach dem Doppel-Aus nur mehr die Bundesliga bei vier Punkten Rückstand auf die "Bullen" übrig - deshalb ist Kritik angebracht.

Mittendrin: Didi Kühbauer, der Kritik dieser Art so eigentlich nicht zulässt. Skepsis an den Trainer-Fähigkeiten des oft belächelten "Taktikfuchses" zogen sich durch die breite Öffentlichkeit und Medien, schon bevor er überhaupt bei Rapid angeheuert hatte, und machen bis heute nicht Halt. Der Grat zur Eskalation ist dabei ein schmaler. Denn im vergangenen Frühjahr am Weg zum Vizemeister-Titel oder im bisherigen Herbst, das vergangene Monat ausgeklammert, hielten viele Kritiker die Füße ob der positiven Ergebnisse still.

Da jedoch auch eine mögliche Vertragsverlängerung im Raum steht, wird nun kurz vor Weihnachten noch einmal alles hinterfragt - nämlich, ob Kühbauer tatsächlich über den Sommer hinaus der geeignete Mann für Rapid ist. Viele Gründe dafür hat er bei der heutigen Pressekonferenz, wo er ordentlich Dampf abgelassen hat, selbst ins Rennen geschickt, einige Gründe, die dagegen sprechen, jedoch auch unter den Tisch gekehrt.

Mit Aussagen, wie den nachfolgenden, macht es der erfahrene Ex-Profi aber nicht besser, sondern gießt zusätzlich Öl ins Feuer. "Wenn du vorher Dinge gut machst, dann bist du der Jesus, der Allergrößte. Aber wenn du dann einmal ein Spiel verlierst, wenn du rotierst, weil du an die Mannschaft glaubst", dann werde nicht nur von Fans, sondern auch von Journalisten "gleich alles schlecht geredet".

Der Vizemeister-Titel, ein Punkteschnitt von 1,88 im Jahr 2020, die Entwicklung der Mannschaft, die bei seinem Amtsantritt am Boden war, die Integration vieler junger Eigenbauspieler, dadurch erwirkte Kostenreduktionen und Transfererlöse sowie die Kompensierung namhafter Abgänge sind durchaus Argumente, die man in Kühbauers Fall zu seinen Gunsten anführen kann. Die Kritik empfindet der Burgenländer als "respektlos gegenüber der Mannschaft und dem Trainerteam." Es war auch nicht alles schlecht, aber vielleicht einfach wieder einmal zu wenig für die hohen Ansprüche bei Rapid.

Denn trotz aller Bemühungen und erreichten Ziele dürften andere Vereine in dieser Zeit besser gearbeitet haben – und das zählt. Dass der kommende Cup-Gegner RB Salzburg andere Möglichkeiten hat, ist kein Geheimnis. Doch es hätte Chancen gegeben, den Liga-Krösus zu entthronen – auch letztes Jahr – doch Rapid war nicht bereit dafür. Dass es möglich ist, haben Sturm Graz 2011 und die Austria 2013 bewiesen, Rapid jedoch seit 2008 nicht mehr. Vergleiche von Punkteschnitten ehemaliger grün-weißer Meistermannschaften und wo man damit heute liegen würde, hinken daher gewaltig.

Wenn der WAC jedoch den Aufstieg in die K.o.-Phase der Europa League schafft, den ehemaligen Torschützenkönig verpflichten und dann teuer verkaufen konnte, oder der LASK durch jahrelangen gezielten Aufbau zum Salzburg-Rivalen avancieren und in der Europa League reüssieren konnte, muss die Entwicklung bei Rapid jedoch genauer unter die Lupe genommen werden. Auch andere Teams hatten Dreifach- oder Doppel-Belastung, einen dichten Spielplan und einige Ausfälle oder Corona-Fälle abzufangen.

Rapids verflixtes letztes Monat:

Datum Bewerb Gegner Ergebnis
8.11.2020 Bundesliga/7. RB Salzburg (h) 1:1
22.11.2020 Bundesliga/8. SV Ried (a) 3:4
26.11.2020 Europa League/4. Dundalk FC (a) 3:1
29.11.20 Bundesliga/9. Austria Wien (h) 1:1
3.12.2020 Europa League/5. FC Arsenal (a) 1:4
6.12.2020 Bundesliga/10. TSV Hartberg (a) 3:1
10.12.2020 Europa League/6. Molde FK (h) 2:2
13.12.2020 Bundesliga/11. WSG Tirol (h) 0:3

Weiterhin haben es die Wiener nicht geschafft, miserable Leistungen gegen Nachzügler wie Ried oder Vorjahres-Fast-Absteiger WSG Tirol zu unterbinden, Schnittpartien gegen Salzburg oder die Austria zu gewinnen, die jahrelangen Erfahrungen in der Europa League auszuspielen – und das obwohl man unter Kühbauer flexibler agiert und auch öfters das System wechselt. Die offensichtlichen Fehler beim Rotieren, im Matchplan gegen diverse Gegner oder bei Standardsituationen zeugen jedoch nicht von Weiterentwicklung, in vermeintlichen "Endspielen" versagen oft die Nerven. War die gestärkte Defensive die letzten Monate noch ein absoluter Trumpf, stellt diese Rapid derzeit vor Fragezeichen. Viel mehr sind Hochphasen zu sehr auf das Überperformen einiger Leistungsträger zurückzuführen, was bei Ausfällen wie zuletzt jenen von Dejan Ljubicic und Taxiarchis Fountas offensichtlich wird. Dabei sollte ein klares Spielsystem auch ohne den einen oder anderen Leistungsträger ersichtlich sein. Der erste Anzug sitzt - meistens zumindest. Dahinter fällt der ohnehin nicht breite Kader jedoch schnell ab.

Was Kühbauer aber trotz aller Rückschläge und Mängel gelungen ist, ist die Tatsache, dass er eine Einheit geformt hat, wie es Rapid intern schon lange nicht mehr war. Der Zusammenhalt hat den Grün-Weißen zusätzliche Punkte und Siege gerettet. Zudem hat der 49-Jährige mit Manfred Nastl, Thomas Hickersberger und Co. ein Team hinter sich, das Stärken und Schwächen ausgleicht. Allerdings sollte irgendwann der Schritt zu mehr Konstanz gelingen, will der Trainer seine Vorgesetzten von einer Vertragsverlängerung überzeugen. Große Sorgen braucht er sich aber wohl nicht machen. In Zeiten wie diesen gibt es unsicherere Faktoren, als mit einem Trainer womöglich nur Vizemeister zu werden. Der sehnlichste Wunsch, irgendwann einmal mit Rapid Meister zu werden, wird Kühbauer ohne einen weiteren großen Entwicklungsschritt aber wohl nie gelingen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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