Basel-Insider: Vogel - Ein geläuterter Hitzkopf

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Die bisherige Karriere von Heiko Vogel ist eine Geschichte voller Plötzlichkeiten.

Mit 19 Jahren musste der Pfälzer seine Spielerlaufbahn infolge einer Knöchelverletzung jäh beenden. Er entschied sich daraufhin, Fußballtrainer zu werden.

Eine Bewerbung bei 1860 München scheiterte, den FC Bayern konnte er hingegen überzeugen. Vogel begann als U9-Trainer, bahnte sich seinen Weg durch den Nachwuchs der Münchner und trainierte spätere Weltmeister wie Mats Hummels und Philipp Lahm.

Bei der Trainer-Ausbildung lernte Vogel Thorsten Fink kennen, mit dem er ab 2008 ein Trainer-Duo beim FC Ingolstadt bildete. Die "Schanzer" schafften prompt den Aufstieg, im Frühjahr 2009 mussten Fink und Vogel aber gehen.

Wenige Monate später übersiedelten beide in die Schweiz zum FC Basel. Es folgten zwei Meistertitel und ein Cup-Sieg. Es ist eine prägende Zeit für beide, die auch Marcel Rohr genau mitverfolgt hat.

Der Sportchef der "Basler Zeitung" erinnert sich im Gespräch mit LAOLA1 noch gut an die Ära von Vogel in Basel. Besonders an die Zeit, als er 2011 Cheftrainer wurde. Ganz plötzlich.

Vogel war auf Fink "ziemlich sauer"

Fink bekam im Oktober 2011 ein Angebot vom Hamburger SV, das er umgehend annahm. "Eigentlich wollte Vogel mit ihm gehen, aber Thorsten hat ihn nicht mitgenommen, sondern sich für Patrick Rahmen als Co-Trainer entschieden. Darüber war Vogel ziemlich sauer", erinnert sich Rohr.

"Thorsten Fink hat immer gesagt: Heiko Vogel ist mein Taktik-Freak."

BAZ-Sportchef Marcel Rohr

Der Ärger verflog aber rasch, da sich der FC Basel nur ihn als Nachfolger vorstellen konnte. Dabei fühlte sich Vogel eigentlich als Mann im Hintergrund wohl. "Zum Cheftrainer-Sein gehören viele Dinge, die ich eigentlich gar nicht haben will", sagte er noch als Finks Co beim Schweizer Serienmeister.

Von Beobachtern wurde er schon damals geschätzt. "Thorsten hat immer gesagt: Heiko Vogel ist mein Taktik-Freak. Man hat gemerkt, dass er was von Fußball versteht, aber er war auch ein bisschen schrullig", sagt Rohr.

Vogel sollte als Cheftrainer in Basel das erfolgreiche Erbe von Fink weiterführen und tat das eindrucksvoll. Der FCB wurde mit 20 Punkten Vorsprung Meister, Cup-Sieger und zog durch einen 2:1-Auswärtssieg bei Manchester United ins Achtelfinale der Champions League ein, wo das Aus gegen den FC Bayern folgte (1:0, 0:7).

Der kleine rote Teufel aus der Pfalz

Vogel stand im Rampenlicht, wurde medial gefeiert und zum Schweizer Trainer des Jahres 2012 gewählt. "Ein wenig Fink, ein wenig Löw, aber ganz Vogel", titelte der "Tagesanzeiger" nach dem Erfolg in der Champions League und schrieb von einem Coach mit reichlich "taktischem und psychologischem Geschick und Motivationskunst".

"Er hat immer alles über sich gelesen, hat sich mit jedem angelegt und war ein richtiger Hitzkopf."

"Mit dem Fußball hatte er keine Probleme. Er wusste, wie er die Mannschaft einstellen soll. Taktisch war er auf alles vorbereitet", erzählt Rohr. Nach großen Erfolgen kann sich der Wind aber drehen. Auch ganz plötzlich. Diese Erfahrung musste der damals 36-Jährige machen und seiner Unerfahrenheit Tribut zollen.

"Er hat immer alles über sich gelesen, hat sich mit jedem angelegt und war ein richtiger Hitzkopf. Intern galt er beim FC Basel als der kleine rote Teufel aus der Pfalz", erinnert sich der Basler Journalist.

Der FCB schied in der Folgesaison unerwartet in der CL-Qualifikation gegen Cluj aus und stand nach zwölf Runden in der Liga auf Rang vier. Die Streitigkeiten häuften sich. Nicht nur mit der Presse, auch intern wurde Kritik am Cheftrainer lauter. 

Vogel wurde eine launische Herangehensweise an die Kaderplanung nachgesagt, dazu habe er sich zum Ärger der Verantwortlichen geweigert, seinen Wohnsitz am Tegernsee in Deutschland aufzugeben und in die Schweiz zu ziehen. 

Dank Uli Hoeneß frei für Sturm

"Ich war damals der Meinung, dass die Trennung im Oktober 2012 zu schnell kam. Bis zur Winterpause hätte man Vogel eine Chance geben können. Aber das wollte man nicht", so Rohr. Auch deshalb, weil mit Murat Yakin eine Basel-Legende als Trainer verfügbar war.

Vogels rasanter Aufstieg als Trainer wurde dadurch unterbrochen. Er wählte daraufhin den Schritt zurück und nahm neuen Anlauf. Beim FC Bayern trainierte er ab Herbst 2013 die U19, später wurde er Nachwuchskoordinator und Trainer der Bayern Amateure.

Wie sehr seine Arbeit in München geschätzt wurde, zeigte auch die bis heuer letzte Trainersuche des SK Sturm. Bevor Franco Foda zu den Blackies zurückkehrte, war auch Vogel ein Thema. Die Bayern legten sich aber quer.

So schien zunächst auch klar zu sein, dass Vogel das 70 Millionen Euro teure Nachwuchsleistungszentrum der Bayern, das im Sommer 2017 eröffnet wurde, als Leiter übernimmt. Ein Angebot von Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge hatte Vogel bereits, doch es kam anders. Ganz plötzlich.

"Die entscheidende Frage wird sein, wie er erwachsene Menschen führen kann. Wenn er das hinkriegt, hat er einiges drauf."

Uli Hoeneß, der nach seiner Haftstrafe im November 2016 als Präsident wiedergewählt wurde, sprach sich in einer hitzigen Auseinandersetzung gegen Vogel aus, und so bekam Bayern-Urgestein Hermann Gerland den Posten.

Da auch die Ergebnisse mit den Bayern nachließen und die Trennung von Vogel mit Sommer 2017 ohnehin geplant war, warf er im März dieses Jahres von selbst das Handtuch. "Ich denke, dass dieser Schritt nach der jüngsten sportlichen Entwicklung für alle Seiten das Beste ist", wurde er damals zitiert.

Nahe an Guardiola und Ancelotti

"Er hat jetzt ziemlich lange Urlaub gemacht und gesagt, dass er diese Zeit auch gebraucht hat, um seine Batterien aufzuladen. Aber jetzt ist er bereit", meint Rohr, der Vogel erst vor wenigen Wochen in Zürich traf und sich mit dem geläutert wirkenden Trainer austauschte.

"Er ist ein total anderer Mensch geworden. Auf mich hat er einen ruhigen Eindruck gemacht. Er hat wahnsinnig viel gelernt, war nahe bei Pep Guardiola dran und hat auch bei Carlo Ancelotti viel miterlebt. Er hat mir gesagt, dass er jetzt nichts mehr mit Junioren, sondern wieder mit Erwachsenen-Fußball zu tun haben will." Diese Zeit ist nun gekommen. Am Mittwoch unterschrieb Vogel einen Zweijahres-Vertrag beim SK Sturm.

"Er ist ein reflektierter, sehr intelligenter Mensch. Die entscheidende Frage wird sein, wie er erwachsene Menschen führen kann. Wenn er das hinkriegt, hat er einiges drauf", ist sich Rohr sicher.

Diese Frage wird in den kommenden Monaten beantwortet werden. Mit dem Erbe von Franco Foda wartet bestimmt keine einfache Aufgabe. Vogel wusste aber bislang, sich ihm bietende Gelegenheiten am Schopf zu packen: "Irgendwie ist mein bisheriges Leben eine Aneinanderreihung von Chancen. Ich fühle mich vom Schicksal geküsst und sage mir manchmal: Mensch Vogel, es hätte auch beschissener laufen können."

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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