Gambia: 50 Kilometer Sensationspotenzial

Gambia: 50 Kilometer Sensationspotenzial Foto: © getty
 

Gambia auf der Weltkarte zu finden, ist für meisten gemeinen Erdenbürger wohl ein schwieriges Unterfangen. Kein Wunder, erstreckt sich der westafrikanische Staat an seiner breitesten Stelle nicht über einmal 50 Kilometer.

Das Land, das bis auf 80 Kilometer Atlantikküste komplett vom Senegal umgeben ist und am gleichnamigen Gambia-Strom liegt, hat es dem großen Nachbarn endlich gleichgetan: Gambia nimmt am Africa Cup of Nations (AFCON) teil.

Die vom Belgier Tom Saintfiet seit 2018 trainierte Truppe könnte in Kamerum durchaus für Furore sorgen. Federführend wird dabei ein Arnautovic-Kollege seine Beine im Spiel haben müssen.

Beschwerlicher Weg zum AFCON-Debüt

Eine glorreiche Fußball-Vergangenheit kann Gambia nicht vorweisen. Das Land, das im Jahr 1965 aus der britischen Kolonialherraschaft entlassen wurde, machte als Britisch Gambia im Jahr 1953 seine ersten Schritte auf der internationalen Fußballbühne.

Diese waren aber nicht sonderlich groß, denn die Erfolge auf afrikanischer Ebene sind überschaubar. Selbst Schummeleien wie die absichtlich falsche Altersangabe von Juniorenspielern brachten keinen Erfolg. Im Gegenteil: Der afrikanische Fußballverband schloss den westafrikanischen Staat im Jahr 2014 für zwei Jahre von allen Bewerben aus.

Die als "Skorpione" bekannten Kicker Gambias konnten weder eine Qualifikation für die Weltmeisterschaft erfolgreich absolvieren noch sich für den Africa Cup of Nations qualifizieren – ein Umstand der sich am 25. März 2021 ändern sollte.

Gambia hat einen beschwerlichen Weg zum Afrika-Cup hinter sich. Begonnen hat dieser bereits im Oktober 2019 mit der Vorrunde der acht schlechtestgereihten Nationen der Afrika-Cup-Qualifikation. Dort hatten die Westafrikaner mit Dschibuti, damals die Nummer 186, ihre liebe Mühe. Nach Hin- und Rückspiel fixierten die Gambier den Einzug in die Gruppenphase erst nach Elfmeterschießen.

In diese startete die Truppe von Teamchef Saintfiet gleich mit einem Achtungserfolg in Angola und einem Remis gegen die hochfavorisierte Demokratische Republik Kongo. Der Start in die Qualifikation für den Afrika-Cup in Kamerum ging den Westafrikanern jedenfalls auf - dann kam Corona.

Der ursprünglich für 2021 angesetzte AFCON wurde um ein Jahr verschoben, die Fußball-Agenda in Afrika komplett durcheinander gewirbelt. Fast ein ganzes Jahr konnte Gambia keine Länderspiele bestreiten, der aufgebaute Schwung ging aber keineswegs verloren. Aus den restlichen vier Quali-Spielen konnten zwei gewonnen werden, Gambia schloss die Gruppe D vor den punktgleichen Gabunern, der Demokratischen Republik Kongo und Angola sensationell als Sieger ab.

Weltenbummler-Teamchef

Die Truppe von Tom Saintfiet geht als 150. der Weltrangliste nominell als schwächstes Team in das Turnier. Das sportliche Abschneiden tritt für den 48-Jährigen in der Gruppe mit Tunesien, Mali und Mauretanien in den Hintergrund. Die Mannschaft soll laut dem Belgier vorrangig wertvolle Turniererfahrung sammeln, die für die kommenden Qualifikationen ein wichtiges Fundament bieten soll. In der Qualifikation für das WM-Turnier in Katar ist Gambia bereits im September 2019 in der ersten Runde gegen Angola ausgeschieden.

Saintfiet selbst hat eine bewegte Trainerkarriere hinter sich. Der ehemalige Mittelfeldspieler ist ein klassischer Weltenbummler: Er trainierte unzählige Vereine und Nationalmannschaften. Vom färingischen Verein B71 Sandur über den deutschen BV Cloppenburg bis zur Nationalmannschaft von Malawi hat Saintfiet so gut wie alles mitgenommen.

Im Jahr 2018 setzte der Fußballverband von Malta Saintfiet nach nur drei Spielen als Teamchef vor die Türe. Der Belgier, der die Spiele gegen Estland, Luxemburg und Finnland allesamt verlor, bewarb sich während seiner Tätigkeit im Mittelmeerstaat nämlich beim kamerunischen Verband, was die Verantwortlichen in Malta nicht gerne sahen und die Reißleine zogen.

Mit Gambia kann Saintfiet auf eine bessere Bilanz zurückblicken. Zehn der 23 Spiele unter dem Coach konnte Gambia gewinnen, darunter ein sensationeller Testspiel-Erfolg gegen Marokko im Juni 2019. Dem stehen fünf Remis und acht Niederlagen gegenüber.

Saintfiet-Grußbotschaft an die eigenen Fans

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

"Arnie"-Kollege der Star der Mannschaft

Das Spielermaterial, das dem Teamchef Gambias zu Verfügung steht könnte diverser nicht sein. Im Kader des Afrika-Cup-Debütanten tummeln sich neben Spielern von Bologna, Gent oder der Roma zahlreiche Akteure, die unterklassig ihr Geld verdienen. Zwei Spieler sind überhaupt vereinslos, einer davon der ehemalige Anderlecht-Verteidiger Bubacarr Sanneh.

Star der Mannschaft ist zweifelsohne Bologna-Angreifer Musa Barrow. Der 23-Jährige, der nach eineinhalb Jahren auf Leihe von Atalanta im Sommer vom Klub aus der Emilia-Romagna um kolportierte 14,5 Millionen Euro fest verpflichtet wurde, nimmt für Klub und Land eine tragende Rolle ein.

Barrow (re.) jubelt nach seinem Tor mit Arnautovic
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Der Arnautovic-Teamkollege konnte in dieser Spielzeit in 18 Ligaspielen fünf Tore erzielen, eines weniger als der Wiener. Dafür ist Barrow mit Nicola Sansone mit vier Vorlagen bester Assistgeber seines Teams.

In der Nationalmannschaft läuft das Toreschießen für den Gambier aber noch nicht wirklich. Erst zwei Tore in 17 Länderspielen kann der 23-Jährige aufweisen, mit den Siegtreffern gegen Marokko und Gabun waren diese aber immerhin von höchster Wichtigkeit.

Für die Stabilität in der Defensive soll Italien-Legionär Omar Colley sorgen. Der 29-Jährige ist Stammspieler bei Sampdoria Genua und der Spieler mit den drittmeisten Länderspielen im aktuellen Gambia-Aufgebot.

Von Regionalliga bis Südkorea alles dabei

Kapitän Pa Modou Jagne kann mit 39 Länderspielen die meiste Erfahrung aufweisen, spielt auf Vereinsebene - gelinde gesagt - aber nicht auf allerhöchstem Niveau. Nach Stationen beim FC St. Gallen, FC Sion und FC Zürich in den vergangenen Jahren schloss sich der Verteidiger dem FC Dietikon an - ein Klub aus der fünften Spielklasse der Schweiz.

Dieser Umstand spiegelt einen großen Knackpunkt im Kader der Westafrikaner brillant wieder: Zu große Niveau-Unterschiede zwischen den Kickern. Spieler wie Musa Barrow, Omar Colley oder Yusufa Njie (Boavista Porto), die in starken europäischen Ligen zum Stammpersonal gehören, bilden die Ausnahme.

Saidy Janko (Valladolid), Sulayman Marreh (Gent) oder Ebrima Daboe (Roma) können zwar klingende Namen als Arbeitgeber präsentieren, sportlich spielt dieses Trio bei seinen Arbeitgebern aber keine Rolle. Zu solchen Spielern gesellt sich dann ein Potpourri an Fußball-Exoten: Goalie Modou Jobe spielt in der zweiten südafrikanischen Liga. Baboucarr Gaye, ein weiterer Schlussmann, jagt bei Rot-Weiß Koblenz in der deutschen Regionalliga Südwest den Bällen hinterher.

Ebou Adams (Forest Green Rovers) und Ibou Touray (Salford City) kicken in der viertklassigen League Two in England. Flügelspieler Modou Barrow, der jahrelang in England unter anderem für Swansea und Leeds auflaufen durfte, spielt immerhin beim südkoreanischen Meister Jeonbuk Hyundai Motors.

Aus der heimischen Liga steht mit Ebrima Sohna nur ein Akteur im AFCON-Kader Gambias. Der 33-jährige Mittelfeldspieler kickte vor seiner Rückkehr nach Afrika unter anderem bei Fußballgrößen wie Vostok Skemen (Kasachstan), Kuopion PS (Finnland) und Mosta FC (Malta).

Gambia und Österreich - keine innige Fußball-Beziehung

Mit Ex-Austrianer Maudo Jarjue muss ein ehemaliger Bundesliga-Kicker aus Gambia beim Afrika-Cup zusehen. Der zweifache Nationalspieler, der sich nach einem Leihjahr bei Elfsborg den Schweden im Winter fest angeschlossen hat, ist einer von nur vier Gambiern, die in Österreichs höchster Liga ihr Geld verdient haben.

Kujabi (re.) im Zweikampf mit Stefan Kulovits
Foto: © GEPA

Den größten Eindruck hat wohl Pa Saikou Kujabi hinterlassen. Der Linksverteidiger absolvierte für den GAK und die SV Ried zwischen 2005 und 2009 insgesamt 105 Bundesligaspiele.

Innenverteidiger Pa Ousman Sonko (neun Bundesligaspiele für Salzburg, Altach und Kapfenberg) kam überwiegend für die Red Bull Juniors in der 2. Liga zum Einsatz (14 Spiele). Stürmer Modou Jagne stieg 2006 mit SCR Altach in die Bundesliga auf, saß eine Dopingsperre wegen Marihuanakonsums ab und kickte auch noch für Austria Kärnten.

Nie über die 2. Liga hinaus kam Defensivspezialist Matthew Mendy, der in der Saison 2008/09 13 Spiele für Schlusslicht Vöcklabruck absolvierte.

2007 gab es zwischen Gambia und Österreich die einzige Begegnung auf Länderspiel-Ebene. Das westafrikanische Land nahm nach Platz drei bei der afrikanischen Junioren-Meisterschaft an der U20-WM in Kanada teil.

Auf dem Weg in Halbfinale vesenkten Sebastian Prödl und Jimmy Hoffer die Gambier im Achtelfinale mit 2:1. Aus dem damaligen Team Gambias sind mit Pa Modou Jagne und Ebrima Sohna auch aus zwei Akteure von 2007 beim Afrika-Cup 2022 mit von der Partie.

Um wie in Kanada vor 15 Jahren auch in Kamerun die Gruppenphase zu überstehen, muss zumindest eine Überraschung gelingen. Die erste Möglichkeit dazu bietet sich am Mittwoch gegen Mauretanien, der wohl machbarste Gegner für die "Skorpione", die in Gruppe F noch auf Tunesien und Mali um Salzburg-Mittelfeldmotor Mo Camara treffen.

Potenzial, einen dieser Gegner auf dem falschen Fuß zu überraschen, ist auf jeden Fall vorhanden. Sollte dieses ausgeschöpft werden, ist der Einzug in die K.o.-Phase, wenn auch nur als einer der vier besten Gruppendritten, durchaus möglich.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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