Liefering-Coach Svensson: "Das ist Teil des Tests"

 

Der Saisonstart war der Perfektion ganz nahe. In den ersten drei Spielen hieß es: 3 Siege, 9:2 Tore. Erst im vierten Auftritt gab es mit dem 1:1 bei den FC Juniors OÖ den ersten Punktverlust - ungeschlagen bleibt man weiterhin.

Der FC Liefering macht dort weiter, wo er im vergangenen Frühjahr aufgehört hat. Von den 18 Meisterschaftsspielen im Jahr 2020 wurden 13 gewonnen und nur ein einziges verloren.

"Eine sehr, sehr hohe Anzahl von Spielern hat schon letztes Jahr bei uns gespielt, es gab nicht so viele Veränderungen im Kader. Die Jungs kennen sich und wissen, was wir von ihnen fordern", sagt Bo Svensson.

Der Däne ist in seinem zweiten Jahr als Coach der Jungbullen. In der Welt von Red Bull musste der 41-Jährige nach vielen Jahren in Mainz seine Arbeitsweise umstellen.

Im großen LAOLA1-Interview sagt er über die Arbeit in Salzburg: "Als Trainer bist du nicht die wichtigste Person. Es gibt die Philosophie, die Strategie, die Art und Weise, wie gespielt wird, … Der Trainer kommt auf der Prioritätsliste an vierter oder fünfter Stelle."

Svensson spricht über den Druck, mit dem seine jungen Spieler leben müssen, die Rolle der Psyche und die Entwicklung seiner größten Talente.

LAOLA1: Ganz anders als diesmal lief der Saisonstart in der Vorsaison. Welche Lehren haben Sie aus dem vergangenen Herbst gezogen, als es nicht so rund gelaufen ist?

Bo Svensson: Wir haben mit sehr jungen Spielern zu tun, bei denen die Lernkurve sehr schnell nach oben gehen kann. Man muss halt Geduld mitbringen und volles Vertrauen in die Spieler haben. Wir haben auch gelernt, dass wir in der Zusammensetzung des Kaders die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Zu einer gut funktionierenden Mannschaft gehören mehr Sachen dazu, als nur potenziell hochtalentierte Spieler zu haben.

"Es geht nicht nur darum, den Ball besser anzunehmen, die Standards besser auszuführen – da hört meine Aufgabe als Fußballtrainer nicht auf"

LAOLA1: Man braucht also nicht nur die richtigen Fußballer, sondern auch die richtigen Charaktere.

Svensson: Ja, das ist sehr präzise formuliert. Du brauchst die richtigen Spieler – auch innerhalb des Konstrukts, der Art und Weise, wie wir spielen. Es sind viele, viele Facetten, die zusammenpassen müssen. Das macht die Arbeit als Trainer spannend. Du kannst nicht einfach nur sagen: „Der ist ein ganz guter Linksfuß, der kann gut kicken.“ Es ist viel komplizierter, viel nuancierter.

LAOLA1: Ihre Mannschaft besteht aus sehr vielen, sehr jungen Spielern. Routiniers gibt es keine. Wie schwierig ist es, da eine Hierarchie herauszubilden?

Svensson: Das ist natürlich schwer. Aber wir haben Spieler, die ein paar Spiele mehr gemacht haben als andere. Und ich finde Hierarchie manchmal auch ein bisschen überbewertet. Es liegt an den Charakteren, an den Persönlichkeiten. Klar, es ist für einen 18-Jährigen schwierig, eine fertige Persönlichkeit zu haben. Deshalb muss man einigen Jungs, bei denen man das Potenzial sieht, helfen, einen Charakter zu entwickeln, wo sie andere mitziehen können. Das ist auch Teil meiner Rolle: Meine Erfahrungen in der Persönlichkeitsentwicklung weiterzugeben. Es geht nicht nur darum, den Ball besser anzunehmen, die Standards besser auszuführen – da hört meine Aufgabe als Fußballtrainer nicht auf.

Foto: © GEPA

LAOLA1: Halb Fußballlehrer, halb Pädagoge?

Svensson: Ob Pädagoge, weiß ich nicht. Aber auf jeden Fall versuche ich, die Jungs in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu beeinflussen, sie in eine Richtung zu ziehen, wo ich finde, dass sie Fähigkeiten haben, derer sie sich vielleicht noch nicht ganz so bewusst sind.

LAOLA1: In Wahrheit will kein Spieler allzu lange beim FC Liefering spielen, weil es eine Durchzugsstation am Weg zum Profifußball ist. Dementsprechend groß ist der interne Konkurrenzkampf. Wie schafft man es, trotzdem eine Einheit zu formen?

Svensson: Das ist eine sehr große Frage. Alle Jungs sind sich bewusst, warum sie bei Liefering spielen. Wir können kein Geheimnis daraus machen, dass es der letzte Schritt ist, bevor es im Profifußball in diese oder jene Richtung geht. Jeder hat seine Augen auch auf seinem individuellen Weg. Aber da kommen wir wieder zu den Lehren aus dem letzten Herbst zurück: Wenn jeder nur sein eigenes Ding macht, wird es nicht funktionieren. Bei allem Talent und Potenzial, wir treffen in dieser 2. Liga auf gute Qualität und werden mit Talent alleine nicht bestehen. Es müssen schon elf und mehr Spieler sein, die jeden Tag eine gute Trainingsmentalität mitbringen. Nur so werden sie besser. Jeder wird besser, wenn der Nebenmann auch besser funktioniert. Klar, es ist Konkurrenzkampf, aber das muss dazu führen, dass jeder besser wird.

"Es ist ein Teil des Profifußballs, in diesen entscheidenden Momenten besser zu werden, diesen Druck als Reiz zu sehen"

LAOLA1: Entsprechend groß ist der Druck, der auf den jungen Spielern lastet. In der Regel haben Spieler des FC Liefering rund eine Saison Zeit, um zu beweisen, dass sie wirklich für Höheres bestimmt sind. Versuchen Sie, den Spielern den Druck zu nehmen, oder ist dieser Druck ein Teil des Tests?

Svensson: Für mich ist das ein Teil des Tests. Es heißt Elitefußball, das ist kein Breitensport mehr. Nur einige sind dafür geeignet. Das sind Spieler, die dadurch besser werden, wenn alles auf den Punkt kommt. Du hast Spiele und Tage, an denen du abliefern musst. Es gibt Typen, die besser damit umgehen als andere. Es ist ein Teil des Profifußballs, in diesen entscheidenden Momenten besser zu werden, diesen Druck als Reiz zu sehen.

LAOLA1: Wie sehr tut es als Trainer weh, wenn dann einen Spieler sieht, der fußballerisch alles mitbringt, es aber von der Psyche her einfach nicht schafft?

Svensson: Das tut natürlich weh. Wir versuchen dann auch, dem Spieler alle Werkzeuge zu geben, um es vielleicht doch zu schaffen. Es ist oft nicht so eindeutig, wenn man sagt: „Ich kann mit dem Druck nicht umgehen.“ Jeder Mensch ist da unterschiedlich. Die Gründe können unterschiedlich sein: Wie ist man aufgewachsen? Fehlt das Selbstvertrauen, weil man Probleme in der Schule hatte? Manchmal kann man damit arbeiten, manchmal halt nicht. Mir ist wichtig, dass jeder Mensch, der bei mir ist, versteht, dass er Fähigkeiten hat und sein Schicksal einigermaßen in seinen eigenen Händen hat. Es geht nicht darum, jemandem zu sagen: „Du kannst alles schaffen, du wirst Nationalspieler!“ Es geht darum, dass der Spieler das abruft, was in ihm steckt.

(Interview wird unter dem Video fortgesetzt)

LAOLA1: Ihre Mannschaft hat in der vergangenen Saison verhältnismäßig viele Rote Karten gesehen. Spielt das da mit rein?

Svensson: (lacht) Ich glaube, eher nicht. Ich glaube, das hat andere Gründe. Wir haben im Herbst, in dieser negativen Phase viele Rote Karten gesehen, da haben die Jungs noch nicht die richtigen Lösungen gefunden. Du bist in einer Situation, in der du mehrere Spiele verlierst, viele Negativerlebnisse hast, dann kommt ein Gegner, der dich provoziert, oder ein Schiri, der nicht das pfeift, was du für richtig empfindest. Als eine Art Selbstschutz oder Selbstverteidigung haust du dann einfach drauf. Wir haben viele blöde Rote Karten bekommen. Das ist ein Teil der Entwicklung. Es gehört einfach dazu, diszipliniert zu spielen, das haben wir nicht immer geschafft.

LAOLA1: Wir haben bisher über einige Faktoren gesprochen, die den Druck erhöhen. Geben Sie mir Recht, wenn ich behaupte, dass der Ergebnisdruck beim FC Liefering geringer ist als anderswo?

Svensson: Ja, der Ergebnisdruck ist ein bisschen geringer bei uns. Die Entwicklung steht auf der Prioritätsliste immer ganz oben. Aber wir haben es mit Leistungssportlern zu tun. Ich als Trainer möchte die Spiele auch gewinnen. Wir setzen uns intern extrem unter Druck, was das angeht. Wenn man Spiele gewinnt, erhöht es die Chance auf eine positive Entwicklung. Es ist als Fußballer auch wichtig, die Ergebnisse knallhart am Tisch zu sehen. Es ist ein schmaler Grat: An der Oberfläche ist der Ergebnisdruck geringer, intern in der Gruppe ist es schon ein Mega-Thema. Wir wollen – natürlich mit unserer Art und Weise – Spiele gewinnen.

"Bei aller Bescheidenheit: Wir haben eine gute Qualität und unser Anspruch muss sein, am Ende oben mit dabei zu sein"

LAOLA1: Vergangene Saison wurde der FC Liefering Dritter. Verschlechtern will sich ja niemand, oder?

Svensson: (grinst) Nein, das wollen wir nicht. Wenn wir gleich spielen und wir Vierter oder Fünfter werden… Man muss schon sagen, dass wir in der vergangenen Saison einige Spiele gewonnen haben, die auch anders ausgehen hätten können. Bei aller Bescheidenheit: Wir haben eine gute Qualität und unser Anspruch muss sein, am Ende oben mit dabei zu sein.

LAOLA1: Was haben Sie persönlich in Ihrem ersten Jahr als Trainer bei Red Bull gelernt?

Svensson: Ich war zwölf Jahre in Mainz, kannte dort alles auswendig, hatte mir einen gewissen Status erarbeitet. Ich wollte mit Absicht etwas Neues erleben, neue Reize als Mensch bekommen. Das habe ich auch bekommen. Es war eine schwierige Hinrunde, in der ich als Trainer etwas mitgenommen habe – auch daraus, wie wir da rausgekommen sind. Ich war ein Jahr weg von meiner Familie, das war nicht so einfach. Es waren nicht nur positive Erlebnisse, aber es war das, was ich letztendlich auch gesucht habe. Es war komfortabel in Mainz, ich hätte dort sicher auch weiterarbeiten können, aber ich habe eine Herausforderung gesucht – für meine Entwicklung als Trainer und als Mensch.

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LAOLA1: Red Bull ist im deutschen und im österreichischen Fußball eine große Nummer. Sie haben das von Mainz aus jahrelang mitbekommen, waren aber nicht mittendrinnen. Nach einem Jahr: Ist die Welt von Red Bull so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Svensson: Zum Teil, ja. Das ist ein Verein, der eine ganz klare Philosophie vorgibt – was das Spiel angeht, was das inhaltliche Arbeiten angeht, was den Aufbau des Vereins angeht. Es ist sehr, sehr klar, welche Rolle die U18, Liefering oder die Schule spielen. Ich fand es interessant, das zu sehen. Das ist teilweise schon sehr radikal. Als Trainer ist es eine Herausforderung, damit klarzukommen. Als Trainer bist du nicht die wichtigste Person. Es gibt die Philosophie, die Strategie, die Art und Weise, wie gespielt wird, … Der Trainer kommt auf der Prioritätsliste an vierter oder fünfter Stelle. Das soll auch so sein, dass man nicht abhängig davon ist, wer in dem Moment Trainer ist, dass nicht alles auseinanderfällt, wenn der Trainer dann weggeht. Aber damit muss man zurechtkommen. Ich bin auch mit meinen eigenen Ideen gekommen und musste teilweise feststellen, dass es einen Weg gibt, den ich einfach umsetzen muss.

LAOLA1: Lassen Sie uns noch über einige ihrer Spieler sprechen. Wie haben Sie die Entwicklung von Junior Adamu erlebt?

Svensson: Er ist ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler, der sehr hart arbeitet. Er war körperlich immer extrem gut, aber was die Taktik angeht – vor allem mit dem Ball – hat er einen Schritt nach vorne gemacht. Er positioniert sich besser, liest das Spiel schneller, wird dadurch torgefährlicher und versteht das Offensivspiel besser. Er ist als Spieler intelligenter geworden. Viele haben über ihn früher immer nur gesagt, dass er hart arbeitet und ein fleißiger Spieler ist. Jetzt bringt er zusätzlich noch etwas mit: Tore.

LAOLA1: Peter Pokorny hat den Sprung in die Bundesliga geschafft, ist leihweise zum SKN St. Pölten gewechselt.

Svensson: Er hat eine schwierige Vorsaison mit einigen Verletzungen hinter sich. Wenn er auf 100 Prozent war, war er ein wichtiger Spieler für uns. Für ihn ist es extrem wichtig, den nächsten Reiz zu bekommen. Es ist absolut der richtige Schritt für ihn.

"Jetzt kommen sie da bei Red Bull an und gehören auf einmal nicht zu den Besten, sondern gehören – was die Qualität angeht – zum letzten Drittel. Das ist eine sehr große mentale Herausforderung, von unten anzufangen, wenn man immer der Beste war."

LAOLA1: Maurits Kjaergaard, Bryan Okoh und Benjamin Sesko sind vor rund einem Jahr im Alter von 16 Jahren für sehr viel Geld gekauft worden. Wie sind sie damit umgegangen? Muss man denen ob dieser Ablösesummen den Druck nehmen, ihnen klarmachen, dass sie Zeit bekommen?

Svensson: Ja, das muss man manchmal machen. Ich muss dazu sagen, dass das drei sehr unterschiedliche Typen sind – dem einen muss man den Druck nehmen, dem anderen etwas Druck machen. Ich weiß gar nicht, wieviel Geld man für sie ausgegeben hat. Sie sind mit 16 Jahren zu uns gekommen, das ist selbst für den FC Liefering extrem früh. In diesem Alter in einer Männerliga zu spielen, ist nicht einfach. Sie haben schwierige Zeiten gehabt. Man kann sich ja vorstellen, wie ihr Fußballer-Leben vor Red Bull war: Wahrscheinlich waren sie immer mit Abstand die Besten in ihrer Mannschaft, wurden immer gesucht, und mussten auch nicht immer ihre maximale Leistung abrufen, um die Besten zu sein. Jetzt kommen sie da bei Red Bull an und gehören auf einmal nicht zu den Besten, sondern gehören – was die Qualität angeht – zum letzten Drittel. Das ist eine sehr große mentale Herausforderung, von unten anzufangen, wenn man immer der Beste war. Aber wir sehen bei allen drei Spielern Entwicklungsschritte und sind total überzeugt, dass sie ihren Weg machen werden. Es ist Geduld gefragt.

LAOLA1: Karim Adeyemi werden Sie nicht mehr in Ihrem Team sehen.

Svensson: Wer ihn bei den Profis gesehen hat, wo er schon einen Unterschied gemacht hat… Wer ihn im Alltag beim Training mit den Profis sieht… Das ist kein Jugendspieler mehr, das ist ein Spieler für die erste Mannschaft. Ich glaube, er wird in dieser Saison eine gute Rolle spielen. Er hat wirklich eine sehr gute Entwicklung gemacht – nicht nur fußballerisch, sondern auch von seiner Seriosität, mit seinem Talent umzugehen, her.

LAOLA1: Luka Reischl gilt als eines der allergrößten Talente des Landes. Wie erleben Sie seine Entwicklung? Wie weit ist er schon?

Svensson: Ich kenne ihn seit einem Jahr, da hat er noch in der U16 gespielt. Allen, die ihn sehen, ist klar, dass er ein besonderes Talent hat. Aber damit ist es halt auch nicht zu Ende. Ich habe das Wort Geduld schon öfter ausgesprochen. Aber wenn wir ihm die richtigen Reize geben, ist es ein Spieler, von dem wir in der Zukunft viel hören werden.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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