LAOLA1: Die Nations League geht in ihre dritte Saison und wie schon zu Beginn, sind die Meinungen darüber unterschiedlich. Neben vielen positiven Stimmen wurde auch viel Kritik darüber laut. Wie stehen Sie als Geschäftsführer des ÖFB dazu?
Bernhard Neuhold: Für den ÖFB stellt die UEFA Nations League, gerade als Teilnehmer der Division A, eine positive Aufwertung dar. Wir dürfen uns in sechs Spielen auf Top-Niveau in einem Wettbewerb mit Frankreich, Kroatien und Dänemark messen. Im Vergleich mit den oftmals weniger attraktiven Freundschaftsspielen aus der Vergangenheit stellt dies einen Mehrwert für Verband und Fans dar. Umso wichtiger wäre es, jetzt auch die Zugehörigkeit in der obersten Liga zu sichern und auch künftig im Konzert der Großen mitspielen zu können.
LAOLA1: Namhafte Trainer und Spieler, wie Jürgen Klopp oder Thibaut Courtois kritisieren die Nations League, weil sie eine Mehrbelastung im dicht durchgeplanten Kalender darstellt und nur "ein weiteres Turnier" ist, das gespielt werden muss. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
Neuhold: Ich respektiere die Meinung von Klopp und Courtois, sehe den Sachverhalt allerdings anders. Der Bewerb der Nations League hat keine Ausweitung der Länderspiele mit sich gebracht, lediglich eine Aufwertung der Begegnungen, die nunmehr eben in einer Bewerbsform durchgeführt werden. Freundschaftsspiele aus der Vergangenheit wurden durch einen Wettbewerb ersetzt. Den Kritikpunkt einer Mehrbelastung kann ich nicht teilen, weil definitiv nicht mehr Lehrgänge oder Länderspiele stattfinden.
LAOLA1: Gerade für kleinere Länder wie Österreich wirkt die Nations League wie eine weitere Chance, sich für eine EM- oder WM-Endrunde zu qualifizieren und Spiele gegen attraktive Gegner in Österreich veranstalten zu können. Sind diese Vorteile auch wirtschaftlich spürbar?
Neuhold: Für einen Verband wie Österreich spielt es eine maßgebliche Rolle, in welcher Division wir antreten. Der Unterschied der Attraktivität zwischen Division A und B kann, abhängig von der jeweiligen Auslosung, immens sein. Man nehme als Beispiel nur unsere aktuelle Gruppe oder als Extrembeispiel sogar die Gruppe von Ungarn her: gegen Deutschland, England und Italien antreten zu dürfen, sorgt im Regelfall für ein volles Stadion und einer damit einhergehenden Mehreinnahme im Ticketing bzw. in der Hospitality.
LAOLA1: Welche Rolle spielen mögliche zusätzliche Einnahmen durch die Nations League für den ÖFB? Wird damit kalkuliert? Was geschieht damit?
Neuhold: Da wir in der Phase der Budgetplanung am Ende eines Geschäftsjahres im Normalfall auch das Jahresprogramm und die Auslosungen der diversen Bewerbe kennen, können wir anhand von Erfahrungswerten die Einnahmen aus den Spielen der Nations League relativ genau kalkulieren. Der ÖFB verwendet seine Einnahmen aus den Länderspielen des Nationalteams generell nicht nur zur Abdeckung der Kosten in diesem Bereich, sondern auch zu einer Querfinanzierung vieler relevanter Themenfelder und Projekte im Verband, sei es im Frauen- oder Breitenfußball, der Talenteförderung, der Digitalisierung oder auch im Bereich der Corporate Social Responsibility.
LAOLA1: Mit Ralf Rangnick holte der ÖFB erst kürzlich einen sehr renommierten Cheftrainer zum Nationalteam. Bei der Bekanntgabe wurde bereits erwähnt, dass Rangnick nicht sein übliches Honorar verrechnen wird, aber dennoch ist er budgetär wahrscheinlich ein großer Faktor. Inwiefern hilft die Nations League (vielleicht auch mit einer damit verbundenen Qualifikation zur EM 2024) dabei? Welchen Plan verfolgt der ÖFB, um die Finanzierung zu sichern?
Neuhold: Wir sind sehr froh, dass es uns gelungen ist, Ralf Rangnick für den ÖFB zu gewinnen. Die Position des Teamchefs ist von enormer Bedeutung für jeden Verband und damit natürlich auch entsprechend finanziell dotiert. Wir haben ein faires und verantwortungsvolles wirtschaftliches Gesamtpaket mit Rangnick ausverhandelt, wo alle Beteiligten mit einem guten Gefühl zustimmen konnten. Der ÖFB finanziert sich maßgeblich aus mehreren Erlössäulen, das Ticketing inkl. VIP-Ticketing stellt dabei eine von sechs Säulen dar. Gerade in den letzten beiden Jahren, in denen pandemiebedingt kaum Zuschauer ins Stadion kommen durften, haben wir gesehen, dass diese Erlöse für unsere standardisierten Aufgaben und die Weiterentwicklung des Verbandes von ganz wesentlicher Bedeutung sind.
LAOLA1: Wie sehen Sie die Zukunft der Nations League? Wird sich der Bewerb nachhaltig durchsetzen oder sehen wir bald wieder eine Reform?
Neuhold: Ich sehe absolut das Potenzial, dass sich der Bewerb nachhaltig etablieren wird. Es gibt viele Begegnungen auf höchstem Niveau, eine Durchlässigkeit durch die Auf- und Abstiegsregelung und natürlich stets auch einen "Strohhalm" für die Teilnahme an den WM- und EM-Endrunden. Für mein Empfinden handelt es sich um ein attraktives Format. Es liegt an uns, die Zugehörigkeit zu den besten 16 Teams zu bestätigen und somit auch künftig Duelle gegen die absoluten Top-Nationen Europas bestreiten zu dürfen.