Eine Bilanz mit aussagekräftigen ÖFB-Statistiken

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„Frankreich, wir kommen“ wurde nicht umsonst zum Spruch des Jahres 2015 in Österreich gewählt.

Es gab in den vergangenen Jahren wohl ungemütlichere Gelegenheiten für ÖFB-Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willi Ruttensteiner, um eine Jahresbilanz aus Sicht des Fußball-Bundes zu ziehen.

Das A-Team beschließt das Kalenderjahr als Nummer 10 der Welt, die U21 ist auf Kurs in Richtung EM, drei Nachwuchs-Auswahlen nahmen an Endrunden teil.

Über allem thront jedoch die Europhorie rund um die erstmals aus eigener Kraft realisierte Qualifikation für eine Fußball-Europameisterschaft.

„Sind wieder in Fußball-Europa angekommen“

„Gerade die Leistungen des Nationalteams haben eine gewaltige Euphorie ausgelöst. In Österreich haben wir solch eine Bewegung der Fußball-Fans schon viele Jahre, wenn nicht gar seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt“, jubelt Windtner.

Der Oberösterreicher streicht die beeindruckende Art und Weise, wie sich die Spieler des ÖFB-Teams auf und abseits des Rasens in Szene setzen, hervor:

„Es war wirklich positiv beeindruckend, dass wir uns im Erfolg zwar riesig gefreut haben, aber die Demut nach wie vor ein Begleiter geblieben ist. Wir haben in Europa für Aufsehen gesorgt. Auch wenn wir im Hinblick auf die EM zu den Rookies gehören: Österreich ist damit wieder in Fußball-Europa angekommen.“

Die Generationen-Frage

Der Weg dorthin war bekanntlich ein langer und steiniger. Ruttensteiner geht diesbezüglich in seiner Analyse viele Jahre zurück:

„Bei diesem Verlauf unter die Top 10 der Welt muss man sich klar sein, dass in einem Prozess von 2000 bis 2008 Spieler ausgebildet worden sind, die in der nächsten Phase in der Nationalmannschaft spielen können. Was ich damit sagen will, ist: Es ist immer notwendig, eine Generation davor auszubilden, um in der Nationalmannschaft spielen zu können. Ich denke, dass in ganz Österreich toll gearbeitet worden ist, dies in der Ära Constantini eingeleitet wurde und Marcel Koller dies bis auf dieses Niveau führen konnte.“

Um zu veranschaulichen, wie beeindruckend dieses Niveau in seinen Augen inzwischen ist, legt Ruttensteiner Zahlen, Daten und Fakten des Analysesystems Prozone vor.

Als Vergleichszeitraum hat der Oberösterreicher die vergangenen vier Nationalteam-Jahre gewählt und stellt diese ausgewählten Statistiken den Durchschnittswerten aus der Champions League gegenüber.

ZWEIKÄMPFE:

2012 2013 2014 2015 CL 2015/16
Gewonnene Zweikämpfe in % 49,3 53,5 51,5 50
Gewinn des Ballbesitzes 84,3 86,5 99,5 135,4 109,6
Gewinn des Ballbesitzes gegnerische Hälfte 26,3 25 28,9 52 27,9
Gewinn des Ballbesitzes gegnerische Hälfte in % 31,2 28,9 29 38,3 25,3

Ruttensteiner: „Der Wahnsinn an Entwicklung spiegelt sich in der dritten Zeile wider. Wo gewinnen wir den Ball wieder? Wir gewinnen ihn vorne in der gegnerischen Hälfte. Wenn man sich die Entwicklung von 2012 bis 2015 anschaut, versteht man die Philosophie des Trainers: Hohes Pressing, hohes Stehen der Mannschaft, Attackieren in der gegnerischen Hälfte. Wenn man sich die Entwicklung von durchschnittlich 84,3 Balleroberungen pro Spiel auf 135,4 anschaut, ist für mich unglaublich, was hier im Defensivverhalten geleistet wurde. Dies bietet natürlich die Möglichkeit, in die Offensive umzuschalten. Diesbezüglich ist es entscheidend, wo ich den Ball gewinne, um zum Torerfolg zu kommen.“

BALLBESITZ:

2012 2013 2014 2015 CL 2015/16
Ballbesitz in % 46,7 52,4 50,9 56 50

Ruttensteiner: „56 Prozent Ballbesitz sind der Wert einer dominierenden Mannschaft. Der Trend ist, dass alle Teams, ob National- oder Klubmannschaften, versuchen, das Spiel zu dominieren. Österreich hat lange Zeit nicht versucht zu dominieren, sondern gut organisiert und auf Konter zu spielen. Inzwischen dominieren wir Spiele, ergreifen die Initiative, wollen das Spiel gewinnen.“

PASSQUALITÄT:

2012 2013 2014 2015 CL 2015/16
Anzahl Pässe aus dem Spiel 437,7 477,7 442,3 496 480,5
Erfolgreiche Pässe aus dem Spiel in % 78,9 79,9 78,3 81,8 83
Anzahl Pässe aus dem Spiel vorwärts 146,3 157,8 154,3 166 143,4
Anzahl Pässe aus dem Spiel vorwärts in % 33,4 33 34,9 34,1 32
Erfolgreiche Pässe aus dem Spiel vorwärts in % 65,1 65 62,4 68,3 67,2
Durchschnittliche Passlänge (m) 16,3 17,5 17,2 17,5 16,8

Ruttensteiner: "Als Präzision zum Ballbesitz: Weltklassemannschaften spielen pro Spiel durchschnittlich 500 Pässe, wir spielen im Schnitt 496. In den vergangenen vier Jahren gab es eine Entwicklung von 437,7 Pässen auf knapp 500 pro Spiel – das ist auch im Vergleich zur Champions League absolute Europa-, wenn nicht sogar Weltklasse. Entscheidend ist dabei auch die erfolgreiche Entwicklung: Wie viele Pässe werden nach vorne gespielt?"

PASSGESCHWINDIGKEIT:

2012 2013 2014 2015 CL 2015/16
Durchschnittliche Passgeschwindigkeit (km/h) 38,2 40,5 39,7 41,9 40,6

Ruttensteiner: "Auf diesen Wert möchte ich gesondert eingehen. Wenn man als Sportdirektor bei jedem Training mit dabei ist, sieht man seit vier Jahren die Qualitätsarbeit am Spiel im Ballbesitz unter Marcel Koller und Thomas Janeschitz. In diesen vier Jahren haben wir die Passgeschwindigkeit im Durchschnitt von 38,2 km/h auf fast 42 km/h erhöht. Das kommt nicht von irgendwoher."

Die Stunde Null

Zudem streicht der Sportdirektor das Torverhältnis von 22:5 in diesem Kalenderjahr hervor: „0,5 Gegentore pro Spiel sind ein absoluter Topwert im internationalen Fußball, und meine Benchmark ist nur der internationale Fußball.“

Zusammenfassend bilanziert der Oberösterreicher: „Wir haben uns in der Offensive im Ballbesitz qualitativ enorm verbessert. Wir haben eine exzellente defensive Organisation. Das Verhalten nach Ballverlust ist außergewöhnlich, verbunden mit dem Pressing haben wir ein hervorragendes Umschaltverhalten, zudem verfügen wir über eine immense Individualität von Spielern, die wir ausgebildet haben.“

Berechtigtes Lob, doch kein Grund, um sich auszuruhen. Laut Windtner könne man sich die „Freude über ein tolles Jahr im österreichischen Fußball unter den Weihnachtsbaum legen, aber danach starten wir ins Jahr 2016 und beginnen bei der Stunde Null. Es gilt, sich toll auf die EURO vorzubereiten und dort weitestgehend das Bild zu bestätigen, das wir uns heuer in Europa geschafft haben.“

Konkrete Ziele für das Großevent in Frankreich werde man von Seiten des ÖFB jedoch keinesfalls ausloben, wie der Präsident zum wiederholten Male klarstellt:

„Wir werden nicht irgendwelche Ziele normieren, was Gruppen- oder Finalphasen angeht. Es geht einfach darum, dass das Nationalteam in Frankreich die Leistungen bestätigt, mit denen es Fußball-Europa im Rahmen der Qualifikation beeindruckt hat, und sich frei nach Teamchef Koller von Spiel zu Spiel zu konzentrieren und nur darauf. Wir dürfen nicht schauen, was kalkulatorisch oder spekulativ passieren könnte. Das werden wir in der Vorbereitung auch konsequent so abarbeiten und bei der EURO Match für Match so durchziehen.“

Koller-Verlängerung „work in progress“

Eine Baustelle hat der Präsident vor Turnier-Beginn höchstpersönlich aus dem Weg zu räumen, nämlich die Frage, wie es mit Marcel Koller nach der EURO weitergeht.

Windtner widerspricht der Auffassung, dass es diesbezüglich mit dem Schweizer und dessen Manager Dino Lamberti noch keine Gespräche gegeben habe.

„Das ist im Laufen. Work in progress“, meint der Verbands-Boss knapp und stellt klar: „Ich bitte um Verständnis, dass wir sicher nicht über Inhalte, Ziffern und Zeiträume sprechen. Das haben wir mit Koller und Lamberti auch so vereinbart.“

Ruttensteiner wehrt sich gegen „Genügend-Mentalität“

Ob mit Koller zumindest bis zur EURO, aber auch nach dem Turnier gilt: Die positive sportliche Entwicklung des ÖFB soll und darf nicht aufhören, wenn es nach den Verantwortlichen geht, weswegen Ruttensteiner allen Beteiligten eindringlich ins Stammbuch schreibt:

„Ich denke, dass man dieser ‚Genügend-Mentalität‘, die in Österreich herrscht – es genügt schon, es passt schon, es ist eh gut – entgegenwirken muss, und zwar gerade jetzt. Stattdessen muss man sagen: Es genügt eben nicht, sich zu qualifizieren, denn nur dabei zu sein, ist zu wenig. Es genügt nicht, bei den Nachwuchs-Nationalmannschaften nur dabei zu sein, wenn andere Nationen Titel gewinnen. Es genügt eben nicht, im Frauen-Fußball mit dem nationalen Zentrum gute Spielerinnen zu produzieren, aber keine Europameisterschaft zu erreichen. Diese Genügend-Mentalität wird in Österreich immer mehr durchbrochen, und das finde ich fantastisch. Aber viele verfügen noch über diese Mentalität und daran gilt es zu arbeiten.“

Eines der vielen Ziele für das Kalenderjahr 2016.


Peter Altmann

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