ÖSV-Skispringern droht Flaute im Nachwuchs

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Österreichs Skispringer haben es aktuell nicht leicht. Die Adler wurden nach dem historisch schlechten Abschneiden in Garmisch medial in der Luft zerrissen.

Dass ein Doppel-Weltmeister und Gesamtweltcup-Sieger wie Stefan Kraft einmal einen schlechten Tag haben kann und Athleten wie Gregor Schlierenzauer oder Michael Hayböck nach ihren Verletzungen noch nicht in Bestform sind, steht außer Frage.

Aber was ist mit dem Rest, wer kommt nach Kraft, Hayböck oder Schlierenzauer? Wie sieht die Zukunft des österreichischen Skispringens aus?

Diesen Fragen ist LAOLA1 mit Harald Haim, Sportlicher Leiter am Schigymnasium Stams und ÖSV-Nachwuchsreferent, nachgegangen.

"Es fangen weniger Junge mit dem Skispringen an, es ist ein deutlicher Rückgang da", zeichnet Haim ein tristes Bild. Warum das ist so, kann er sich nicht erklären.

Quantitativ wird sich das erst in ein paar Jahren auswirken, aktuell ist Österreich in dieser Hinsicht noch breit aufgestellt. Allerdings gebe es verhältnismäßig wenig heimische Springer, die sich auf lange Sicht im Weltcup etablieren und an der Weltspitze mitspringen werden können, meint Haim. „Man muss schon sagen, dass wir momentan eine Phase haben, in der wir uns schwer tun.“

ÖSV-Hoffnung nicht Retter der Nation

Eine der größten ÖSV-Hoffnungen ist Clemens Leitner. Der 19-jährige Tiroler, der beim Tournee-Springen in Innsbruck am Start sein wird, ist abseits des Weltcups laut Haim das „Aushängeschild“ in der bisherigen Saison, obwohl er sich Ende Oktober einer Meniskus-Operation unterziehen musste.

Nach seinem Comeback zeigte er vor dem Jahreswechsel mit den Rängen 10 und 12 beim Continental Cup in Engelberg auf. „Er ist jetzt sehr gut zurückgekommen, aber ob es schon reicht, um die Nation zu retten, weiß ich nicht.“

Mit Ulrich Wohlgenannt bescherte ein anderer Österreicher dem ÖSV in Engelberg den ersten Sieg im Winter-Continental-Cup. Philipp Aschenwald sprang beim Auftakt auf Rang zwei, abgesehen davon gab es in sechs Bewerben keinen ÖSV-Podestplatz.

Im Vorjahr sicherte sich Clemens Aigner nach sieben Erfolgen wie in der Saison 2015/16 den Gesamtsieg im Continental Cup, mit Daniel Huber (3.), Stefan Huber (6.), Maximilian Steiner (7.) und Florian Altenburger (8.) schafften es vier weitere Österreicher auf die Spitzenplätze.

Im Weltcup konnte sich noch keiner der Genannten etablieren. Daniel Huber legte mit Rang sechs in Wisla einen verheißungsvollen Saisonstart hin, danach schaffte es der 25-Jährige nur mehr einmal in die Top 20. Aigner hat einen 20. Platz als bestes Weltcup-Ergebnis in diesem Winter zu Buche stehen.

Florian Altenburger, Stefan Huber und Maximilian Steiner kamen im Weltcup in dieser Saison noch nicht zum Einsatz. Markus Schiffner schaffte bei seinen bisherigen vier Weltcup-Einsätzen in dieser Saison nie die Qualifikation für die besten 30 und war zuletzt wieder im Continental Cup im Einsatz.

"Wir haben 7, 8 Springer, die seit zwei, drei Jahren versuchen, sich im Weltcup zu etablieren. Die sind aber alle schon über 20“, merkt Haim an. Die Bezeichnung „Nachwuchs“ sei daher nicht mehr passend.

Haim: "Morgenstern und Schlierenzauer waren Ausnahmen"

Der ÖSV-Nachwuchsreferent weist jedoch darauf hin, dass Athleten wie Stefan Kraft (24) oder Michael Hayböck (26) auch erst nach ihrem 20. Geburtstag den Sprung an die Weltspitze geschafft haben.

„Man hört oft die Frage, warum wir keinen 16-, 17-Jährigen mehr haben, der da reinkracht. Das hatten wir seit 20 Jahren nicht. Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer waren Ausnahmen“, sagt Haim.

Derartige Ausnahme-Talente gibt es in Österreich aktuell nicht. Diejenigen, die nicht von 0 auf 100 einschlagen und sich den Traum von der Skisprung-Karriere erfüllen wollen, müssen einen harten Weg bis an die Weltspitze gehen.

Hürden für Jung-Adler

Nach dem Abschluss der schulischen und sportlichen Ausbildung - meist in einem von landesweit drei Ausbildungszentren in Stams, Eisenerz und Saalfelden - wartet für junge Springer die größte Hürde. „Der Umstieg in ein eher professionelles Umfeld, wo man nicht mehr in diesem strukturierten System der Ausbildungszentren ist, ist für viele schwierig“, weiß Haim.

Zusätzlich herrscht Leistungsdruck, um auch finanzielle Unterstützung für die Profi-Karriere zu erhalten. „Man muss mindestens im ÖSV-B-Kader sein, um z.B. einen langfristigen Platz beim Bundesheer oder der Polizei zu bekommen.“

Den direkten Sprung in den Weltcup schaffen nur die Wenigsten, die meisten jungen Springer müssen sich über den Continental Cup in die oberste Liga kämpfen.

„Sich im Weltcup zu etablieren ist ein ganz schwieriges Unterfangen. Es herrscht eine Materialschlacht, man muss unglaublich exakt skispringen. Das den Jugendlichen beizubringen ist ein langfristiger Prozess, es müssen körperliche und technische Defizite ausgeglichen werden“, erklärt Haim und ortet in dieser Hinsicht Verbesserungspotenzial in Österreich.

Haim regt neue Ausbildungs-Konzepte an

"Man muss die 14- bis 16-Jährigen besser darauf vorbereiten, worauf es in den Jahren zwischen 18 und 22 ankommt“, sagt der ehemalige Skispringer und regt Veränderungen an.

„Beweglichkeit in der Hocke, Sprungkraft, fliegerische Fähigkeiten, Skiführung, Luft- und Fluggefühl - das sind Dinge, wo man sich vielleicht neue Konzepte überlegen und die Ausbildung ein wenig verändern muss, um im Nachwuchsbereich auch wieder den Anschluss zu schaffen.“

Auch wenn es aktuell wenig Aussichten auf einen neuen rot-weiß-roten Überflieger in den kommenden Jahren gibt und den ÖSV-Adlern zuletzt die Flügel gestutz wurden, sieht Haim für die Zukunft des österreichischen Skispringens nicht schwarz. „Die Grundstruktur, die wir haben, ist gut. Wenn das System nicht stabil wäre, hätten wir nicht über so viele Jahre Erfolg gehabt.“

Die ÖSV-Skisprung-Kader der Saison 2017/18:

Kader Athlet Jahrgang Kader Athlet Jahrgang
Nationalmannschaft: A-Kader:
Stefan Kraft 1993 Florian Altenburger 1993
Michael Hayböck 1991 Daniel Huber 1993
Gregor Schlierenzauer 1990 Stefan Huber 1994
Manuel Fettner 1985 Manuel Poppinger 1989
Clemens Aigner 1993 Markus Schiffner 1992
Andreas Kofler 1984 Maximilian Steiner 1996
B-Kader: C-Kader:
Philipp Aschenwald 1995 David Haagen 2002
Simon Greiderer 1996 Philipp Haagen 1999
Clemens Leitner 1998 Thomas Hirscher 2000
Janni Reisenauer 1997 Maximilian Lienher 1999
Markus Rupitsch 1997 Elias Maurer 2001
Mika Schwann 1999 Maximilian Ortner 2002
Elias Tollinger 1995 Stefan Rainer 1999
Ulrich Wohlgenannt 1994 Peter Resinger 2000
Maximilian Schmalnauer 1998
Noah Valtiner 1999
Julian Wienerroither 1999
Textquelle: © LAOLA1.at

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