Erfolgstrainer Stöckl rät ÖSV zu Kuttin-Verbleib

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Während Österreichs Skispringer in dieser Saison meist hinterhergeflogen sind, befinden sich Norwegens Adler im Höhenflug. Mit Gold im Teambewerb bei den Olympischen Spielen gelang ein historischer Sieg.

Erfolgstrainer ist ein Österreicher: Alexander Stöckl ist seit 2011 "Oberadler" der Norsker und hauptverantwortlich für den Erfolg. Der 44-Jährige wurde zuletzt als möglicher Nachfolger des in der Kritik stehenden Heinz Kuttin als ÖSV-Cheftrainer gehandelt.

Im LAOLA1-Interview erklärt Stöckl, warum er dem ÖSV abgesagt hat, Heinz Kuttin ein guter Trainer ist und wie viel Österreich im Erfolg der Norweger steckt.

LAOLA1: Zuletzt gab es Medienberichte, wonach sich der ÖSV bei dir gemeldet habe. Hat man dir den Cheftrainer-Posten in Österreich angeboten?

Alexander Stöckl: Es war kein konkretes Angebot. Es ist mehr oder weniger um meine Kompetenzen für den Skiverband gegangen. Da ist nicht in erster Linie die Trainerrolle angesprochen worden, sondern möglicherweise eine andere Funktion. Aber es ist ja bekannt, dass ich in Norwegen einen Vertrag bis 2022 habe, daher habe ich natürlich dankend abgelehnt.

LAOLA1: Verträge lassen sich auflösen.

Stöckl: Ja, aber sowas mache ich nicht. Ich habe mir wirklich keine Gedanken darüber gemacht, weil für mich von Anfang an klar war, dass ich in Norwegen bleibe.

LAOLA1: Wird Heinz Kuttin deiner Meinung nach Cheftrainer bei den Österreichern bleiben?

Stöckl: Ich glaube, der ÖSV wäre gut beraten, wenn sie mit dem Heinz weiterarbeiten. Er war letztes Jahr sehr erfolgreich und leistet gute Arbeit. Ich glaube, dass er ein guter Trainer ist und ich persönlich würde es nicht richtig finden, wenn man das nicht fortsetzt.

LAOLA1: Wie siehst du die Situation bei den österreichischen Skispringern?

Stöckl: Man sieht, dass die Athleten nicht mehr so stabil ganz vorne mitspringen können. Es gibt trotzdem sehr gute Einzelerfolge wie z.B. in Oslo, wo Kraft und Hayböck am Podest waren. Vor allem Stefan Kraft hat eine gute Saison gehabt, er ist im Weltcup relativ weit vorne dabei und ist bei der Raw Air Vierter geworden. Er bringt seine Leistung, die anderen nicht mehr in dem Ausmaß. Für mich sind es auch technische Dinge an der Schanze, wo ich das Gefühl habe, es läuft nicht mehr ganz so rund. Ich glaube auch, dass der Druck relativ groß ist. Wenn man es als Nation gewöhnt ist, über Jahre oder Jahrzehnte hinweg so erfolgreich zu sein und dann läuft es nicht erwartungsgemäß, ist es schwierig. Dann fängt man an, nachzudenken und das macht es in einer technischen Sportart schwierig. Darunter leidet das Selbstvertrauen und im Skispringen braucht man sehr viel Selbstvertrauen.

LAOLA1: Ihr in Norwegen habt sicher nicht viel weniger Druck als die Österreicher.

Stöckl: Wir sind seit einigen Jahren recht erfolgreich, aber das kann man nicht mit der Serie vergleichen, die Österreich die letzten 10, 15 Jahre hatte. Da hat immer einer gewonnen. Wir sind mannschaftlich sehr gut, haben viele Springer, die immer wieder vorne mitspringen. Aber wir haben ganz wenige Einzelspringer, die dauerhaft erfolgreich sind, wie z.B. Morgenstern oder Schlierenzauer. Der Norweger, der am meisten Einzel-Siege hat, ist immer noch Roar Ljökelsoy, der 2010 zurückgetreten ist. Das fällt nicht auf, wenn man mannschaftlich so breit dasteht, aber Spitzenathleten, die ständig vorne mitspringen, haben wir nicht.

LAOLA1: Ist das nicht ein generelles Phänomen, dass es mittlerweile kaum mehr Springer gibt, die über längere Zeit ganz vorne mitspringen sein können?

Stöckl: Ja, das ist ein Skisprung-Phänomen. Es gibt ganz wenige Athleten, die es schaffen, mehrere Saisonen in Folge ganz vorne mitzuspringen. Das liegt ganz einfach daran, dass es eine technische Sportart ist. Kleine Veränderungen – beim Material oder Reglement – können so viel ausmachen, dass plötzlich das ganze System nicht mehr stimmt. Auf einmal springt man zehn Meter hinterher, das geht im Skispringen ganz schnell. Die Kunst ist, dass man genau dann die Ruhe bewahrt und versucht, weiterzuarbeiten. Es geht darum, die kleinen Dinge wieder zu justieren und nicht sich selbst bzw. alles infrage zu stellen. Das ist relativ schwierig, aber davor ist niemand gefeit. Das kann uns Norwegern genauso passieren. Wir haben heuer eine unglaubliche Saison gehabt, aber es ist nicht gesagt, dass es nächstes Jahr wieder so aussieht. Wenn es nicht so läuft, stellt sich erst heraus, ob man gut arbeitet oder nicht. Dann muss man es schaffen, das zu überbrücken, ohne dass jeder nervös und panisch wird und alle am Vorbau landen.

LAOLA1: Gregor Schlierenzauer stellte nach dem Teambewerb bei Olympia infrage, ob die Österreicher technisch auf demselben Niveau wie etwa Norwegen oder Deutschland sind. Wie siehst du das?

"Das technische Leitbild in Österreich ist nach wie vor eines der besten. Ich habe meine Ausbildung in Österreich genossen, genauso wie Werner Schuster oder Stefan Horngacher. Wir alle arbeiten nach der österreichischen Sprung-Philosophie."

Stöckl: Einzelne Athleten haben sicher Schwierigkeiten mit der Technik. Ich glaube aber, dass das technische Leitbild in Österreich nach wie vor eines der besten ist. Ich glaube nicht, dass wir in Norwegen was anderes machen. Ich habe meine Ausbildung in Österreich genossen, genauso wie Werner Schuster (Trainer der Deutschen, Anm.) oder Stefan Horngacher (Trainer der Polen, Anm.). Wir alle arbeiten nach der österreichischen Sprung-Philosophie. Ich glaube nicht, dass in Österreich am technischen Leitbild etwas nicht stimmt, aber die Technik der einzelnen Athleten ist vielleicht nicht am höchsten Stand zum jetzigen Zeitpunkt.

VIDEO - Muss Heinz Kuttin gehen?

(Interview wird unterhalb fortgesetzt)


LAOLA1: Du bist seit 2011 Cheftrainer in Norwegen, hast im Vorjahr bis 2022 verlängert. Warum fühlst du dich so wohl?

Stöckl: Es macht irrsinnig Spaß, mit den Athleten und dem Trainerteam zu arbeiten und wir sind erfolgreich. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit hier geschätzt wird und dass ich noch etwas dazu beitragen kann, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt. Dass wir weiterhin vorne mitspringen können. Deswegen sehe ich meine Aufgabe in Norwegen noch nicht als abgeschlossen.

LAOLA1: Ihr schafft es immer wieder, junge Springer an die Weltspitze zu führen. Wie macht ihr das?

"Es gibt extrem viele Leute im System, die alles dafür geben, dass wir gemeinsam erfolgreich sind. Man ordnet sich selbst einem größeren Ziel unter. Das macht den Erfolg auch aus."

Stöckl: Wir haben ein junges Trainerteam, das sehr motiviert ist und bereit ist, sich ständig weiterzubilden. Wir haben teilweise auch Positionen untereinander verändert, damit nicht jeder ständig das gleiche macht. Wir versuchen einfach, das Trainerteam frisch zu halten und das ist, glaube ich, ein Teil des Erfolges. Wir haben wirklich eine gute Struktur, wo die Athleten auf höchstem Niveau betreut werden können. Das ganze System mit den Stützpunkten ist gut, dort wird hervorragend gearbeitet. Es gibt extrem viele Leute im System, die alles dafür geben, dass wir gemeinsam erfolgreich sind. Man ordnet sich selbst einem größeren Ziel unter. Das macht den Erfolg auch aus.

LAOLA1: Ihr habt bei Olympia Gold im Teambewerb geholt. Welchen Stellenwert hat diese Medaille für dich persönlich?

Stöckl: Mannschafts-Medaillen sind für mich persönlich immer das Schönste, weil es eine Bestätigung dafür ist, mehreren Athleten zum Erfolg zu verhelfen. Es gibt oft Athleten, die ein Ausnahmetalent sind. Aber es zu schaffen, mit vier Athleten erfolgreich zu sein und beim wichtigsten Wettkampf Gold zu holen, das ist schon eine tolle Bestätigung der Arbeit des gesamten Trainerteams. Der Nationencup ist auch so etwas:  Das interessiert außer uns Trainern kaum jemanden, aber da sieht man den Erfolg der ganzen Mannschaft.

LAOLA1: Welchen Stellenwert hatte der Olympiasieg generell in Norwegen?

Stöckl: Einen extrem hohen, weil Norwegen im Skispringen bei Olympia zuvor noch nie eine Goldmedaille im Teambewerb gewonnen hat. Das war eine Riesensache und ein historischer Erfolg. Langlaufen ist in Norwegen mit Abstand immer noch der größte Sport, aber wir haben mit den Erfolgen heuer aufzeigen können.

LAOLA1: Dein Resümee dieser Saison fällt wohl nicht nur wegen der Gold-Medaille gut aus.

Stöckl: Für uns war es die beste Saison aller Zeiten. Wir waren extrem erfolgreich und sind dankbar, dass wir das geschafft haben. Aber man muss bescheiden bleiben. Wir haben Athleten, die unglaubliches gleistet haben und ein Trainerteam, das wirklich 110 Prozent gibt. Es hat sich jeder den Arsch aufgerissen – das darf man so wahrscheinlich nicht schreiben (grinst). Es war eine unglaubliche Energie da und das hat es ausgemacht, dass wir das geschafft haben. Die Kunst wird sein, dass wir uns nicht auf diesem Erfolg ausruhen, sondern dass wir es schaffen, nächstes Jahr mit der gleichen Motivation weiterzuarbeiten. Das ist die große Herausforderung.

LAOLA1: Stichwort nächste Saison: Da steht die WM in Seefeld an. Für dich als gebürtigen Tiroler also eine Heim-WM.

Stöckl (lacht): Ja, das kann man so sagen. Ich bin in Innsbruck geboren, das ist quasi ums Eck. In dieser Region dann die WM zu haben, ist natürlich was Spezielles. Darauf freue ich mich schon.

Textquelle: © LAOLA1.at

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