Die irre Krankenakte von Nina Ortlieb
Gedanken ans Karriereende hatte die 26-Jährige trotz ihrer langen Leidensgeschichte – unter anderem stehen ein Oberarm-Trümmerbruch, Schambeinbruch, ein Bruch im Becken, zwei Sprunggelenks-Verletzungen, drei Brüche des Mittelhandknochens, eine Schulterluxation samt Knochentransplantation, eine Rippenfraktur sowie einige Brüche der Nase auf ihrer Krankenakte – noch nie, wie sie sagt.
"Natürlich hadert man und denkt, ist es das noch wert? Aber dafür mache ich es zu gerne. Es ist in einem drinnen, dass man weiß, es steckt noch mehr in einem", erklärt Ortlieb und meint demütig: "Es ist ein Privileg, heute hier zu stehen. Gerade als Österreicherin schafft man es gar nicht so leicht zu einem Großereignis. Das ist eine Ehre, wenn man bei einer WM dabei sein darf."
Auch ihre Teamkolleginnen wissen, was Ortlieb in den letzten Monaten durchgemacht hat.
"Mit den ganzen Operationen und Wehwehchen – ich glaube nicht, dass sie schmerzfrei gefahren ist. Hut ab, eine Wahnsinns-Leistung, dass sie es so auf den Punkt gebracht hat", sagt Stephanie Venier.
"Sie wird es emotional in alle Himmelsrichtungen zerreißen"
Conny Hütter, selbst von vielen Verletzungen geplant und im Super-G als Dritte am Podest, kanns ich nur zu gut in Ortlieb hineinversetzen.
"Sie wird es wahrscheinlich emotional in alle Himmelsrichtungen zerreißen, aber das ist auch gut so. Man sollte den Moment genießen", sagt die Steirerin. "Was Nina körperlich die letzten Monate und Wochen mitgemacht hat war sicher nicht einfach. Schön, dass heute am Tag X alles wieder zusammenpasst hat."
Die Zusage für ein WM-Ticket bekam Ortlieb bereits nach ihrem Podestplatz in Lake Louise im Dezember. Die Speed-Spezialistin konnte sich ihre Kräfte nach dem Sturz in Cortina somit einteilen, ohne den Druck in die interne Qualifikation zu müssen.
Diese Strategie ging am Samstag voll auf. "Ich habe mich über zwei kleine Fehler geärgert und hätte nicht damit gerechnet, dass nach mir keine mehr schneller ist", schildert sie das Rennen sachlich.
Ortlieb spricht auch dem größten Erfolg ihrer Karriere mit ruhiger Stimme, ohne große Emotionen.
"Ich bin oft sehr nüchtern und kann das gut analysieren, was alles gewesen ist", sagt Ortlieb. "Aber ich glaube, wenn mir dann die Medaille überreicht wird, wird es schon emotionaler und ich kann alles realisieren."