Gefährliches Spiel: Mutko bleibt WM-Organisator

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FIFA-Boss Gianni Infantino hält trotz der lebenslangen IOC-Sperre an seinem WM-Cheforganisator Witali Mutko fest.

Der Schweizer stürzt den Fußball-Weltverband damit nach der längst nicht überwundenen Skandal-Ära in die nächste große Glaubwürdigkeitskrise.

Die angeblich mit Null-Toleranz geführte Anti-Doping-Politik der FIFA wird ad absurdum geführt, denn Mutko darf trotz aktenkundiger maßgeblicher Beteiligung am russischen Staatsdoping bei den Winterspielen 2014 die WM als nächstes russisches Mega-Sportevent im kommenden Sommer planen.

Wer ist Mutko?

In Russland ist Witali Mutko der mächtigste Sport-Funktionär. International ist der Vizeregierungschef nicht erst wegen seiner Olympia-Verbannung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Dienstag ein umstrittener Mann. Obwohl Mutko lebenslang von Olympia ausgeschlossen wurde, bleibt er Chef des Organisationskomitees der Fußball-WM 2018 in Russland.

Im April 2005 wird er nach einer Schlammschlacht zum Präsidenten des russischen Fußball-Verbandes (RFS) gewählt wurde. 2008 stieg Mutko zum Sportminister auf. Es folgte 2009 die Wahl ins Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbands FIFA und 2011 die Übernahme des Vorsitzes im Organisationskomitee der Fußball-WM.

Im Zuge des Dopingskandals rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi geriet Mutko aber gehörig ins Zwielicht. Dem Sportminister wurde maßgebliche Beteiligung am russischen Staatsdoping vorgeworfen.

Ließ er Dopingproben manipulieren?

Im Bericht des kanadischen Juristen Richard McLaren, Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), aus dem November 2015 wurde Mutko vorgeworfen, er habe angeordnet, "bestimmte Dopingproben zu manipulieren", um Russlands Erfolg bei den Heimspielen zu garantieren. Daraufhin trat er nach acht Jahren als Sportminister zurück, behielt aber seine weiteren Sport-Funktionen und wurde zum Vize-Regierungschef hochgelobt.

Erst im vergangenen Mai reagierte der Fußball-Weltverband auf den McLaren-Bericht: Mutko wurde wegen seiner diversen politischen Ämter eine erneute Kandidatur für das FIFA-Council von der Governance Kommission der FIFA untersagt, als OK-Chef der WM blieb er aber im Amt.

Staatsdoping-Diskussion erreicht auch den Fußball

FIFA-Chef Gianni Infantino hält unverändert am Russen fest und deutet auch keine Änderung nach dem nun erfolgten lebenslangen IOC-Bann gegen Mutko an.

Dabei hatte die Staatsdoping-Diskussion bereits im Sommer beim Confed Cup auch Russlands Fußball erreicht, als Anschuldigungen um das WM-Team von 2014 laut geworden waren.

"Doping wird bei uns nicht toleriert. Es gibt kein staatliches Programm der Dopingorganisation", beteuert Mutko damals. Der umstrittene Politiker suggerierte eine Medien-Kampagne gegen sein Land. "Wenn ich einen russischen Tanz vor ihnen aufführe, hören sie dann auf, diese Fragen zu stellen?", antwortete er auf Doping-Fragen, die er sich nun weiter wird gefallen lassen müssen.

Infantino von Russland abhängig

Mit Statements aus der Phrasen-Schublade reagiert Infantinos Presseabteilung auf den Olympia-Ausschluss des obersten WM-Machers.

"Diese Entscheidung hat keinen Einfluss auf die Vorbereitungen für die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018, da wir weiterhin daran arbeiten, die bestmögliche Veranstaltung zu liefern", heißt es am Dienstagabend kurz nach dem Urteil in Lausanne, das russische Athleten lediglich unter strikten Auflagen und nur unter neutraler Flagge für Winter-Olympia in PyeongChang zulässt und Mutko für immer von den Spielen ausschließt.

Wortgleich kommentierte das lokale russische Organisationskomitee (LOC) die Situation.

Infantinos Kopf-in-den-Sand-Strategie kommt nicht überraschend. Er verfolgt sie in offensichtlicher Ehrfurcht vor Russland schon lange. Die klammen FIFA-Finanzen stürzen ihn offenbar in eine bedingungslose Abhängigkeit gegenüber dem Gastgeber, denn jeder WM-Makel würde den Weltverband wirtschaftlich in massive Bedrängnis bringen.

Nimmt Putin Mutko aus der Schusslinie?

Noch am Freitag hatte sich Infantino kurz vor der WM-Auslosung an der Seite von Mutko gezeigt und mit Späßchen versucht, die Fragen der Weltpresse zu marginalisieren. "Du bist ein echter Bob- und Skeleton-Experte", sagt er zu Mutko, der gerade einen wütenden Monolog über die aus seiner Sicht unfaire Berichterstattung zum Doping-Fall kritisiert hatte.

Infantinos Ablenkungsmanöver wirken hilflos. Die FIFA hat 190 Tage vor dem Eröffnungsspiel am 14. Juni im Moskauer Luschniki-Stadion zwischen dem Gastgeber und Saudi-Arabien ein massives Problem, sollte Mutko nicht Einsicht walten lassen und den Posten räumen. Möglicherweise nimmt ihn sein Förderer, Russlands Staatschef Wladimir Putin, aus strategischen Gründen aus der Schusslinie.

FIFA ist massiver Kritik ausgesetzt

Travis Tygart, Vorsitzender der US-Anti-Doping-Agentur (USADA), wirft im Morgenmagazin des ZDF die Frage auf, ob Russlands Fußballer angesichts der Verquickungen ihres Verbandschefs nicht für das Heim-Turnier gesperrt werden müssten.

Medienberichte über Dopinganschuldigungen gegen das russische WM-Team von 2014 hat Mutko im Sommer zurückgewiesen und die FIFA noch nicht intensiv verfolgt.

Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), sieht die FIFA in der Bredouille: "Für mich ist schwer vorstellbar, dass einer der auf olympischem Boden nicht mehr willkommen ist, eine prägende und entscheidende Rolle bei der Fußball-Weltmeisterschaft spielt. Das wäre ein verhängnisvolles Signal des Fußballs gegenüber dem Weltsport."

Der in Amerika einflussreiche US-Senator John McCain nimmt die FIFA ebenfalls in die Pflicht und fordert sogar, Russland die WM zu entziehen: "Die FIFA sollte die IOC-Entscheidung zu der Liste für Gründe hinzufügen, die Weltmeisterschaft 2018 nicht in Russland auszutragen."

Ethikkommission gefragt

In den Fokus rückt nun die FIFA-Ethikkommission, die Funktionäre wegen deutlich geringerer Vergehen hart bestrafte - allerdings noch unter der Führung des Schweizer Chefermittlers Cornel Borbely und des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert.

Das Duo, das auch Vorermittlungen gegen Infantino geführt hatte, wurde auf Betreiben des FIFA-Chefs nicht wiedergewählt. Wie auch Miguel Maduro als Chef der Governance Kommission. Dieser hatte gegen Infantinos Willen verhindert, dass Mutko wieder für das FIFA-Council kandidieren darf.

Bisher gibt es von der Ethikkammer keine Äußerungen über ein Verfahren oder zumindest eine provisorische Sperre Mutkos, wie sie nach den FIFA-Regularien zwingend wäre. Informationen fließen von dem Gremium spärlich.

DFB-Boss Grindel versteht Infantino nicht

Der deutsche Fußball-Verbandspräsident Reinhard Grindel fordert erneut eine Revision der FIFA-Politik in Dopingfragen. "Ich kann mich nur wiederholen, dass die Dopingproben außerhalb Russlands in der kompletten Kontrolle der WADA vorgenommen werden müssen, außerhalb des Einflussbereichs von FIFA und Russland", sagt er kurz vor dem IOC-Urteil.

"Ich kann auch nicht verstehen, warum Gianni Infantino diesen Weg zu gehen nicht bereit ist", so der DFB-Boss. Beim Confed Cup hatte der FIFA-Chef ironisch über Grindel gesagt: "Er hat jeden Tag eine gute Idee."

Die Hoheit über die Dopingproben komplett in unabhängige Hände zu geben, wird aber offenbar primär von Infantino und dem Leiter der Medizinischen Kommission, Michel D'Hooghe, verhindert.

Der Belgier ist einer der wenigen verbliebenen Funktionäre aus der Ära von Joseph Blatter. Er gehörte auch zu den Wahlmännern bei der umstrittenen WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022.


Textquelle: © LAOLA1.at/APA

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