Analyse eines Debakels: Darum scheiterte der ÖEHV

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Das Debakel ist perfekt: Die Niederlage im Penaltyschießen gegen Italien war der Schlusspunkt unter einer WM, die für das ÖEHV-Team und das österreichische Eishockey ein Riesen-Rückschlag war.

Ein Versuch einer Aufarbeitung:

Spätestens, als Thomas Raffl in der Schlussphase eine Idealvorarbeit seines Bruders im Slot nicht verwerten oder Lukas Haudum einen Stangenschuss-Abpraller nicht ins leere Tor bugsieren konnte, war mir klar: Das sind Szenen, die zu einem Abstieg führen, Overtime und Penaltyschießen sind ja ohnehin nur mehr Glücksspiel.

Die endgültige Niederlage war dann nur der Abschluss eines Turniers, das kaum positive Elemente aufwies. Die Hoffnung, dass man mit Italien ein noch schwächeres Team in der Gruppe habe (und die Leistungen der Azzurri kann auch keiner schönreden), erfüllten sich nur leistungs-, aber nicht resultatmäßig.

Schwacher Nachwuchs

Im Gegensatz zu 99, 9 Prozent der Fans und Berichterstatter bin ich schon gegen Niederlagen dieser Art geeicht.

Ich sehe ja alljährlich die U20, die bei der B-WM jährlich gerade einen Sieg schafft und so mit Ach und Krach in den Top-16 bleibt. Debakeln wie bei der Senioren-WM gegen Großmächte wie Schweden oder Tschechien entgeht sie nur dadurch, dass sie gegen diese nicht anzutreten braucht.

Noch viel kläglicher die U18: Diese scheiterte in den letzten drei Jahren – trotz zweier sehr guter Jahrgänge – in der C-Gruppe an Eishockey-Großmächten wie Slowenien, der Ukraine und heuer als Krönung Japan.

Die Theorie, dass der ach so gute rot-weiß-rote Nachwuchs nur von bösen Legionären am Aufblühen gehindert wird, führt sich so ad absurdum. Und bei so manchem Nachwuchsturnier jüngerer Jahrgänge muss man überhaupt froh sein, dass Klubteams mitmachen, um so irgendwelche Gegner in Reichweite bespielen zu können.

Ligavertreter wetzen die Messer

Die Ligavertreter wetzten gestern schon während des Spiels ihre Messer, kein Wunder: ÖEHV-Teamchef und Sportdirektor Roger Bader macht sich schon seit Jahren mit seinen Forderungen – ob berechtigt oder überzogen – keine Freunde, das wird ihm nach einem Debakel wie gestern natürlich aufs Brot geschmiert.

Nur: Die Wahrheit hat keine der beiden Seiten gepachtet, irgendwie kommt mir das Ganze vor, als ob nur "Der Falter" und "Unzensuriert" die derzeitige politische Situation diskutieren.

Vor allem der gebetsmühlenhafte Vergleich mit der Schweiz stößt so manchem sauer auf: "Suhohen hat uns von Finnland erzählt, Bader von der Schweiz, wenn dann ein Russe kommt, hören wir, was dort alles so super ist. Was soll das bringen?", so ein Vereinsvertreter.

Der eidgenössische Nachwuchs ist ohnehin soweit über unseren zu stellen, dass ein Vergleich keinen Sinn ergibt – da kann die EBEL höchstens aufgrund ihrer Nachwuchsarbeit, aber sicher nicht aufgrund ihrer Kampfmannschaften verantwortlich gemacht werden…

Sind Legionäre wirklich das einzige Problem?

Natürlich hat auch die EBEL genug Dreck am Stecken – das Problem dabei: Weder Liga-Manager Christian Feichtinger noch Präsident Peter Mennel haben irgendeine Ahnung von der sportlichen Seite der Liga, die sie vertreten.

Daher können sie auch nicht bewerten, was von den getröteten Extrempositionen ("Wir haben ein Österreicher-Problem"/"Viel zu viele Legionäre") zu halten ist bzw. in welche Richtung die notwendigen Grauschattierungen ausfallen sollten. Auch wenn die letzten Korrekturen der Liga (eine leichte Ausländerreduktion) belächelt wurden, sind sie doch ein kleiner Schritt. Dazu wollen Salzburg und der KAC von sich aus die Saison mit weniger Legionären als zum Abschluss bestreiten, selbst bei einem Hardliner wie Dornbirn dürfte ein Umdenken eingesetzt haben.

Sind die Legionäre aber wirklich das einzige Problem? Die DEL hat sicher nicht weniger Ausländer in ihrer Liga (nicht für das Team einsatzberechtigte Doppelstaatsbürger eingerechnet) – das hindert sie aber nicht an Olympia-Silber, jährlichen WM-Viertelfinaleinzügen und Aufstiegen der U18 und U20.

Umgekehrt ist die Schweiz in puncto Legionären sicher nicht so hasenrein, wie sie dargestellt wird: Ambri-Piotta etwa weist neben vier eingesetzten Ausländern vier Eishockey-Schweizer (darunter Fabio Hofer und Dominic Zwerger) im Kader auf.

Phrasen, die man nicht mehr hören kann

Die bei jedem Abstieg gedroschenen Phrasen und Forderungen ("Mehr Eishallen"/"Mehr Kinder zum Sport"/"Bessere Coaches") kann ich schon nicht mehr hören.

Klar ist: Bei 300 bis 350 österreichischen Spielern pro Jahrgang ist es schon unmöglich, irgendjemand auszusondern, sonst stehen die Jugendtrainer, die ihre Arbeit meist um einen Bettel machen und meine Bewunderung haben, alleine am Eis. Zu sagen, dass über die Jahre nichts besser geworden ist, wäre Blödsinn.

Red Bull Salzburg mit seiner Akademie steht international angesehen da, auch die Zeiten, wo in Wien halt der Bruder von Kevin Gaudet die U20 trainiert, weil er gerade da war, sind schon lange vorbei, ähnliches gilt für den KAC – das sind aber genau drei Standorte.

Das Problem dabei: Die anderen Nationen haben sich weit explosiver und breiter entwickelt. Selbst Finnland oder Schweden (ohnehin Lichtjahre entfernt) haben sich in den letzten 15 Jahren ungemein professionalisiert, daher läuft das rot-weiß-rote Eishockey immer seinem eigenen Schwanz nach.

Doch mit diesen Nationen bzw. selbst A-Gruppen-Mittelständlern wie Deutschland, Lettland oder der Slowakei (bei allen ihren Problemen) hat Österreichs Eishockey ohnehin kaum etwas gemein, da braucht man weder auf Bader noch die Liga mit Finger zu zeigen.

Bader muss sich der Kritik stellen

Doch um auf das Turnier zurückzukommen: Niederlagen wie gegen Norwegen oder natürlich Italien kann der Teamchef nicht schönreden, der vorher berechtigte Hinweis auf die Klasse der anderen Gruppenteilnehmer zieht hier nicht mehr. Bei seinen oft zitierten "vier Triebwerken" war ab Spiel drei Sand im Getriebe, der endgültige Kolbenreiber erfolgte dann eben im letzten Spiel.

Bader muss sich der Kritik stellen
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Es fehlte dem Team völlig an Spritzigkeit und Dynamik, die Unterschiede zwischen den EBEL-Spielern und den Auswärtigen (Michi Raffl ausgenommen) waren nur selten auszumachen. Lediglich der mangelnden Klasse der tapferen Italiener war es zuzuschreiben, dass das letzte Spiel wenigstens wieder spannend wurde.

Darauf hinzuweisen, dass Österreich natürlich fast durchgehend überlegen war, ist aber dünn – sollte das gegen ein Team mit 10 AlpsHL-Spielern, denen noch dazu die zwei NLA-Legionäre im Turnierverlauf ausfielen, nicht vorausgesetzt werden? Fast Waldorf-artige Personalmaßnahmen können auch nicht nur mit den Niederlagen erklärt werden: In den Special-Teams durfte fast jeder einmal ran, Michi Raffl fand sich in einem Spiel sogar als Center wieder – eine Variante, die Bader vor dem Turnier noch kategorisch ausgeschlossen hatte.

Eine Einzelkritik verbietet sich fast, würde ohnehin nur deprimierend ausfallen und das Krakeelen nach Rausschmissen bringt auch niemandem etwas. Die Alternativen sind dünn gesät, außer Bader bedient sich nach italienischem Muster in der AlpsHL. Nach Gratulationen im Vorjahr muss sich der Teamchef jetzt auch Kritik stellen, ein solch schwaches Turnier mit peinlichem Ausgang kann sich kein Coach in die Vita schreiben.

Baders Forderungen verlieren an Gewicht

Schade, dass viele seine Forderungen – und nochmals, ich unterstütze sicher nicht jede davon – damit in der Liga an Gewicht verlieren werden. Ich würde nie seine Intentionen, das österreichische Eishockey voranzubringen, in Frage stellen, nur auch er muss sich klar sein: Jeder Ligafunktionär oder –coach muss in erster Linie an sein Team denken.

Will man etwa aufgrund der gezeigten Leistungen Caps-Coach Dave Cameron wirklich vorwerfen, dass er JP Lamoreux vor Bernhard Starkbaum spielen ließ? Natürlich wirkt sich das dann auf die Goalie-Hierarchie im österreichischen Eishockey nicht gut aus. Dass ein Team mit drei Backups zu einer WM fährt, ist ungewöhnlich, war aber bei Deutschland vor Jahren auch einmal der Fall und dort setzten sich seitdem wieder die einheimischen Goalies ohne jeglichen Artenschutz (wird in der EBEL überlegt) durch.

Genauso ungewöhnlich (in der Geschichte der A-WM?) ist es auch, dass ein Teamchef einen Stürmer aufbietet bzw. aufbieten muss, der in 52 Liiga-Spielen kein einziges Tor erzielt. Manuel Ganahl war beim Team aber nicht der schlechteste Stürmer und soll sicher nicht als Negativbeispiel herhalten, nur: Werbung für Österreich als Eishockey-Exportland und Möglichkeit, der EBEL zu entkommen, ist das natürlich auch nicht.

Dazu kommt noch: Wenn beim Österreich-Cup in Februar das Nationalteam nur 1000 Zuschauer nach Klagenfurt lockt, weist das auch nicht darauf hin, dass der Fans wirklich nur nach einheimischen Kräften lechzen. Ein EBEL-Team, das solche Zuschauerzahlen öfters verkraften muss, könnte das nicht so gelassen hinnehmen.

Gibt es eine Lösung?

Solche und ähnliche Beispiele für die unterschiedlichen Interessen von Liga und Verband gibt es genug.

Mir fällt es immer schwer, da zwischen Bösen und Guten eindeutig zu unterscheiden. Allerdings wäre es von Ligaseite ein Zeichen von Größe, gerade jetzt Bader nicht an den Pranger zu stellen und sich im Versagen des Teams zu suhlen, umgekehrt könnte der Schweizer für die tagtäglichen Probleme der Ligateams auch ab und an mehr Verständnis zeigen.

Genauso wie er sich den Aufstieg und den letztjährigen Klassenerhalt ans Revers heften konnte, muss er jetzt für diesen Abstieg Verantwortung tragen. Ein Team, das über das Turnier größtenteils lull und lall wirkt, dann wieder bei einer Ein-Tore-Führung gegen Italien überheblich agiert, würde in der EBEL ohnehin mehr medial abgewatscht werden als das ÖEHV-Team.

Lösungen für eine bessere Zukunft habe ich auch keine, ich stehe als Scout in der Nahrungskette weit unten. Doch eines habe ich bei den letzten Abstiegen gelernt: Auch danach ging es im österreichischen Eishockey weiter und die Meinungskakophonie kurz nach der WM verebbte schnell.

Das kann man gut oder schlecht finden, nur: Im September steht die neue Saison wieder an und ich bin nicht der einzige, der sofort den Schalter umlegen muss…

Textquelle: © LAOLA1.at

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