Die neuen Eishockey-Regeln im Überblick

Die neuen Eishockey-Regeln im Überblick Foto: © GEPA
 

Alle vier Jahre wartet die IIHF mit einem neuen Eishockey-Regelbuch auf. Jetzt hatte es der Weltverband aber ganz eilig, zog die neueste Edition um ein Jahr vor.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller wirft einen Blick auf die fast schon revolutionären Änderungen:

Wer mit dem umfangreichen Casebook der ICE vertraut ist, tut sich mit den Änderungen leichter. Denn die IIHF näherte sich mit ihrem neuen Regelbuch dem der NHL in vielen Punkten fast vollständig an und das ICE-Casebook hatte in den letzten Jahren von dort viele Grundlagen schon per "Copy and Paste" übernommen.

Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Schiriboss Greg Kimmerly und Director of Operations Lyle Seitz führten etwa die Regel ein, dass bei fehlerhaften Faceoffs die Center nicht mehr gewechselt würden. Das half dem Spielfluss immens, die IIHF führte diese Regel sogar noch während der laufenden Saison 2019/20 ein.

Das neue Regelbuch bringt einige klare Verbesserungen mit, vor allem in puncto Übersichtbarkeit. So wurden einige Fragen am gleichen Platz zusammengefasst ("Wann ist ein Spieler am und vom Eis?"), in anderen Punkten wurde gelebtes Recht in Schriftform zusammengefasst ("Was passiert, wenn beide Teams die Scheibe nicht spielen wollen?").

Auch Begriffe, die bisher eher am Rande erwähnt, oft aber als Regelbestandteil erwähnt wurden – z. B. "Blindside Hits" -, wurden nochmals definiert. Darf natürlich heutzutage auch nicht fehlen: Aus dem "Linesman" wurde politisch korrekt die "Linesperson".

Ein Blick auf die krassesten Änderungen:

"Trapez-Regel" – wird sicher am meisten erwähnt, da auch für regelunkundige Zuseher augenscheinlich. Die Goalies dürften hinter der (verlängerten) Torlinie die Scheibe nur in einem markierten Bereich hinter dem Tor spielen.

Das kennt man aus der NHL, diese Regel sollte schon vor Jahren Goalies wie Martin Brodeur in ihren Versuchen beschneiden, gegnerische Dump-Ins zu unterbinden. Mir wäre es in Europa nicht aufgefallen, dass das Spiel unter zu aktiven Torhütern Schaden nimmt. Goalies können die Scheibe nur außerhalb dieses Bereichs spielen, wenn sie noch Kontakt mit dem Torraum haben – ein Fall für Elastoman aus den DC-Comics…

"1&3-Minuten-Strafen" – Bisher war alles klar, auf der Uhr können nur 2, 4 oder 5 Minuten aufscheinen. Ab sofort kann sich dort aber auch eine "1" oder "3" wiederfinden und so für Verwirrung bei den Fans sorgen ("Ist der Zeitnehmer ang'soffen?").

Dabei handelt es sich keineswegs um neue Strafen oder Strafhöhen, es soll nur etwas mehr Gerechtigkeit herrschen und das kann auch nur in den letzten fünf Minuten einer Partie oder der Overtime passieren. Dann nämlich, wenn auf einer Seite eine große, auf der anderen Seite eine oder zwei kleine Strafen ausgesprochen werden. Bisher hieß das, dass das Powerplay erst spät oder gar nicht erfolgte, jetzt wird es gleich an den Anfang dieser Strafen gestellt, der Rest hebt sich auf.

"Intention to Blow the Whistle": Auch aus der NHL bekannt, dort aber umstritten. Das Spiel wird nicht nur durch einen Pfiff unterbrochen, sondern auch durch die Absicht des Refs, das zu tun. In anderen Worten: Ein Tor kann auch aberkannt werden, wenn die Scheibe über die Linie geht, der Pfiff aber hörbar danach kommt. Die umgekehrte Regel, dass bei einem verfrühten Pfiff (Schiri sieht die Scheibe nicht mehr, sie kullert kurz danach über die Linie) ein Tor gültig sein kann, wurde nicht übernommen.

"Checks to the Head" wurden nochmals klar definiert. Wichtig dabei (das machte einige Coaches öfters fuchtig): Ein Spieler, der mit vorübergebeugtem Kopf in den Gegner fährt, kann keinen Check gegen den Kopf reklamieren.

"Offsides – Skate off the ice" – aus der NHL übernommen: Ein Spieler muss nicht mehr beide Schlittschuhe auf dem Eis haben, um nicht Abseits zu stehen. Die blaue Linie wird ab sofort als dreidimensional angesehen, ein Skate darüber ohne Eiskontakt gilt auch als auf der Linie. Das wird aber mehr Belang bei Video-Reviews als in der Realgeschwindigkeit haben und gilt natürlich für alle Linien auf dem Eis.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

"High Sticking ohne Strafe": Aus unserem Casebook bekannt, die IIHF schloss sich dem nun an: Windups and Follow-Throughs bei Schüssen (also Aushol- und Schwungbewegungen) ziehen keine automatische Strafe wegen Hohen Stocks nach sich. Die beliebte Phrase bei Reportern "Jeder Spieler ist für seinen Stock verantwortlich", die schon vor Jahren aus dem Regelbuch entfernt wurde, sollte damit endgültig zum Sprachmüll wandern.

"Unsportliches Verhalten" – zieht nur in Ausnahmefällen eine 10-Minuten-Strafe nach sich, der Regelfall ist eine kleine Strafe. Das war in der ICE schon seit Jahren der Fall, allerdings knickten einige Refs in der letzten Saison dabei ein oder erinnerten sich nicht mehr daran.

"Referee-Insultierung": Die IIHF schloss sich den NHL-Regeln auch hier an. Wer einen Ref attackiert, fliegt zwar vom Eis, bringt aber sein Team wenigstens nicht in nummerische Unterlegenheit. Aus einer Match- wird eine Spieldauerdisziplinarstrafe.

So weit so gut, man muss nicht mit allem übereinstimmen, aber die Absicht dieser Änderungen war klar und NHL-Regelfreaks werden ihre Freude damit haben. Wenn es aber um die Strafhöhen bei einzelnen Fouls geht, denke ich mir: "Was haben die Leute geraucht?" Mittlerweile gibt es für fast jedes Vergehen einen eigenen Strafenkatalog, denn nach Jahrzehnten der Absenz wurde auch die Möglichkeit einer alleinstehenden Großen Strafe (ohne automatische Spieldauer) wieder eingeführt. Auch die Trennung von 5+Spieldauer und Matchstrafe, die in den letzten Jahren fast völlig verschwunden war, wurde wieder eingeführt.

Hier die Varianten:

2 Minuten/5 Minuten/5+Spieldauer/Matchstrafe: Boarding, Charging, Elbowing, Interference, Tripping

2/5/5+SPD: Hooking

2/4/Match: High-Sticking

2/5+SPD/Match: Clipping (Attacken unter Kniehöhe), Crosschecking, Kneeing, Slashing

4/5+SPD/Match: Butt-Ending (Stockendenstoß), Headbutting (Kopfstoß), Spearing (Stockstich)

2/Match: Check to the Head, Roughing

5+SPD/Match: Checking from Behind

Match: Kicking, Slew-Footing (Schuhe von hinten wegkicken)

5+SPD/Match: Checking from Behind (einige Schiris werden hier wieder weichschieben und andere Vergehen vorschieben, um keine großen Strafen geben zu müssen)

Ich würde mir als Referee diese Übersicht laminieren und nie ohne ihr das Haus verlassen – wer soll sich das merken und vor allem in der Hitze des Gefechts korrekt anwenden? Die ICE bleibt in weiser Voraussicht bei ihrem bisherigen Strafenkatalog (2/4/5+SPD).

Vereinheitlichung angestrebt, aber...

Dieses Regelbuch – von Lyle Seitz seit seinem Amtsantritt angestrebt – sollte doch jetzt europaweit angewandt werden und die elendslangen individuellen Casebooks (keines allerdings so umfangreich wie das der ICE) verschwinden lassen.

Allerdings macht auch die IIHF Unterschiede zwischen dem Ligen-Betrieb und den WMs, hier sogar den einzelnen Leistungsstufen, wenn es um den Videobeweis geht. Erwarte also auch hier Unterschiede zwischen Turnieren und einzelnen Ligen, wenn es um folgende Punkte geht: Videobeweis auch bei Abseits möglich? Können große Strafen nochmals begutachtet werden? Gibt es Coach's Challenges und wenn ja, in welchen Punkten? Die IIHF will hier sogar mögliche Fehler vor Toren (z.B. Scheibe im Fangnetz, Handpass, Spiel mit dem Hohen Stock) untersuchen lassen.

Damit übernimmt man natürlich noch mehr die Denkweise aus dem Fußball mit dem VAR und deren Konsequenzen: "Nicht jubeln, ihr Dummerl! Jetzt gehen wir erst einmal fernsehen und dann sagen wir euch, ob ihr feiern dürft oder nicht." In der ICE ist das vor allem gefährlich, weil einige Heads schon beim geringsten Druck durch Spieler und Coaches einknicken und gefühlt bei jedem zweiten Tor das Tablet oder den Monitor aufsuchen.

Allerdings bleibt hierzulande alles wie gehabt, Abseits etwa ist weiter kein Bestandteil von Video-Reviews.

Physische Komponente soll reduziert werden

Auch wenn es sich bei der Übernahme von Regeln aus der NHL, wo das körperliche Spiel zwar auch reduziert wurde, aber noch nicht ganz verschwunden ist, widersprüchlich anhört: Das neue Regelbuch zielt natürlich wieder auf eine weitere Reduzierung der physischen Komponente ab. Zwar verschwanden die "Late-Hits" wieder, allerdings wird das im Begriff der "Behinderung" aufgefangen.

Die daraus resultierende Denkweise kennen wir schon aus der ICE und war Anfang August auch beim Hlinka-Gretzky-Cup nochmals zu sehen: Ein knackiger Check, ein Spieler geht gar zu Boden – das kann nicht sein, das darf nicht sein. Sagen wir, der Check war zu spät und stopfen wir die Strafe in das große Fass der "Behinderung".

Damit muss man sich halt abfinden, alles soll im Sinne der heutigen Zeit braver, sicherer und steriler werden. Dazu passt auch der erste Satz bei Regel 46.1: "Fighting is not part of international ice hockey's DNA." Ein derart pompöses und ungefragt selbstgerechtes Statement könnte vom Adler Sam aus der "Muppet Show" stammen…

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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