Darum beklagen Fans ein Salary-Cap-Vergehen

Darum beklagen Fans ein Salary-Cap-Vergehen Foto: © getty
 

Noch sind die Tampa Bay Lightning nicht zum dritten Mal nach 2004 und 2020 Stanley-Cup-Champion, doch alles läuft aktuell darauf hinaus. Der Titelverteidiger liegt nach Spiel vier und dem ersten Canadiens-Sieg in der Finalserie mit 3:1 voran.

Viele Eishockey-Fans – und nicht nur die von Finalgegner Montreal Canadiens – sind allerdings verstimmt und sehen ein Salary-Cup-Vergehen auf Seiten der Lightning.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller wirft einen Blick hinter die Kulissen:

Worum geht es?

Die Website für Salary-Cap-Freaks - Cap Friendly - weist für die Lightning ein derzeitiges Gehaltsbudget von über 98 Millionen Dollar auf – das wären 17 Millionen mehr als die Obergrenze von 81,5 Millionen. Darüber regte sich etwa Carolina-Defender Dougie Hamilton nach der Serie gegen Tampa Bay via Twitter auf.

Wie kann das sein?

Grundsätzlich: In den Playoffs gibt es keine Gehaltsobergrenze, sonst wären ja auch Recalls aus den Minor Leagues bei Verletzungen oft nicht möglich. Die Taxi Squad – die heuer eingeführte Gruppe von Ersatzspielern für Verletzungs- und Corona-Ausfälle – etwa wurde mit Playoff-Beginn aufgelöst, die Spieler gehören jetzt ganz normal dem Kader an. Vor Playoff-Beginn kann der Kader der einsatzberechtigten Spieler die 81,5 Millionen aber nicht überschreiten.

Also eh alles paletti?

Eigentlich schon, aber die Diskussion entzündete sich vor allem an Nikita Kucherov. Der russische Stürmerstar unterzog sich knapp ein Monat vor Beginn der NHL-Saison einer Hüft-Operation, fiel die ganze Regular Season aus, zum ersten Playoff-Spiel war er aber wieder pumperlgesund. Diese Verletzungs-Historie hatte für Tampa Bay angenehme Nebenfolgen. Das Zauberwort heißt dabei "LTIR".

Was ist denn das und wieso hilft das den Lightning?

LTIR steht gemeinhin für "Long-Term Injured Reserve", betrifft Spieler, die mindestens zehn Spiele versäumen und 24 Tage nicht zur Verfügung stehen. Teams können diesen Cap Hit - der Spieler wird natürlich weiter bezahlt - für den Zeitraum des Ausfalls mehr oder minder verwenden, sodass sie von solchen Langzeit-Ausfällen nicht übermäßig benachteiligt werden.

Die Berechnung dafür ist aber äußert kompliziert. An Kucherovs Beispiel: Die Lightning können nicht so einfach 9,5 Millionen Dollar anderweitig ausgeben. Der Cap Relief in der vollen Höhe fällt nämlich nur an, wenn die Lightning die 81,5 Millionen Dollar voll erfüllen. Wären sie etwa vier Millionen darunter, könnten sie nur 5,5 Millionen als Ersatzgehalt ausgeben. Das heißt, je teurer der Kader ist, desto mehr profitiert eine Organisation von LTIR.

Kucherovs Verletzungsausfall half den Lightning schon während der Regular Season, sie hätten den derzeitigen Kader unmöglich behalten können. Der 28-jährige Winger war und ist jedoch nicht der einzige LTIR-Spieler in der Lightning Organisation: Marian Gaborik (ihn gibt es am Papier wirklich noch) und Anders Nilsson sind praktisch schon im Ruhestand, haben aber diesen Status weiter bis Ablauf ihrer Verträge. Und vor Ablauf der Regular Season verletzte sich auch noch Steven Stamkos - wieder einmal -, war danach ebenfalls ein LTIR-Crack.

GM Julien BriseBois konnte daher zur Trading Deadline nochmals sein Team verstärken, holte mit David Savard und Fredrik Claesson noch zwei Defender. Das Gesamtpaket an Gehältern machte zu Playoff-Beginn dadurch fast 100 Millionen Dollar aus.

Um die Sache noch einmal zu komplizieren: Der Terminus LTIR findet sich im ganzen NHL-CBA nicht wieder. Es handelt sich dabei um einen über die Jahre eingeführten Begriff, der auf Spiele angewendet wird, die unter "Bona Fide Long Term Injury/Illness Exception" auf der offiziellen Verletztenliste ("Injured Reserve") fallen. Man kann schon darüber streiten, ob das "R" in LTIR für "Reserve" oder "Relief" (=Erleichterung) steht.

Warum die ganze Aufregung, wenn Tampa keine Regeln gebrochen hat?

Wer sich jetzt aufregt, ist ohnehin schon spät zur Party gestoßen. Gewiefte Fans sagten schon vor Monaten voraus, dass Kucherov mit seinem Ausfall Tampa Bay erst Gehaltsprobleme ersparen, dann aber wie Lazarus pünktlich zum Playoff-Beginn wieder von seinem Krankenbett aufstehen würde.

Genauso kam es auch: Kucherov wurde also nicht vor Ende der Regular Season fit (was seinen Cap Hit ausgelöst hätte), versäumte aber auch (wie Stamkos) kein einziges Playoff-Spiel. Wäre er etwa erst zur zweiten Runde wieder im Team gestanden, hätte die Aufregung weit geringere Dimensionen angenommen. Seine überragenden 32 Punkte in 22 Spielen stoßen den Gegnern natürlich ebenfalls sauer auf.

Wohlgemerkt: Die NHL überprüft natürlich die Unterlagen der Klub-Ärzte, ein Spieler kann nach Gesundwerden nicht etwa noch ein Monat darniederliegen. Die Liga fand aber nichts dabei, dass Kucherov eben genau mit Playoff-Beginn - nicht vier Tage zuvor, nicht drei Tage später - wieder spielfähig war.

Gab es so etwas schon einmal?

In dieser Krassheit bezüglich der Dauer des Ausfalls und des akkumulierten Salary Reliefs vielleicht nicht, aber LTIR ist eine beliebte Waffe.

17 der 31 Teams hatten in dieser Saison mindestens einen Spieler mit diesem Status in ihrem Kader und findige GMs machten sich diesen Passus schon öfters zunutze. Bekanntester Fall: Chicago-GM Stan Bowman nutzte die Verletzung seines Stars Patrick Kane 2015 für eine Einkaufstour zur Trading Deadline. Kane meldete sich zum Playoff-Start von seinem Schlüsselbeinbruch wieder zurück und war ein Schlüsselspieler beim Stanley-Cup-Sieg der Blackhawks. Andere Teams – wie heuer etwa die Toronto Maple Leafs – konnten solche Vorteile nicht in Triumphe ummünzen.

Schon nach dem Chicago-Kane-Szenario 2015 wurden Regeländerungen andiskutiert, das verlief aber im Sande. NHL-Boss Gary Bettman dürfte auch den Fall Kucherov mit "Bitte weitergehen – es gibt hier nichts zu sehen" erfolgreich vom Tisch kehren…

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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