Corona vs. Lockout: Parallelen und Unterschiede

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Legionäre, die auf unbestimmte Zeit in Europa unterschreiben – das hört eigentlich sich nach einem NHL-Lockout an. Nur diesmal ist Corona schuld daran, dass die europäischen Ligen mit Gastarbeitern überschwemmt werden.

Mehr als 150 Cracks mit NHL-Verträgen, dazu noch knapp zwei Dutzend mit AHL-Verträgen stehen bereits in Europa unter Vertrag.

Ein Blick auf die Parallelen und Unterschiede zwischen einem Lockout und Corona von LAOLA1-Experte Bernd Freimüller:

Dauer

Lockout: 1994, 2004 und 2012 waren in der NHL Lockouts angesagt. Natürlich konnte am Beginn derselben (immer zum Ablaufen des CBAs im September bzw. Oktober) niemand sagen, wie lange diese dauern würden. 1994 und 2012 begannen die Saisonen dann im darauffolgenden Jänner, während die Saison 2004/05 komplett ausfiel.

Corona: Auch hier weiß natürlich keiner, wie lange die ganze Misere anhalten wird, im Gegensatz zu den Lockouts sind die Eigentümer bzw. Spieler an der Lage natürlich nicht selbst schuld. NHL-Boss Gary Bettman rief vor kurzem den 1. Jänner als vorläufigen Starttermin aus, doch an den glaubt eigentlich niemand so recht. Derzeit werden Umverteilungen der einzelnen Divisions bzw. Conferences diskutiert, so soll etwa eine reine kanadische Gruppe gebildet werden, um so das Problem der immer noch geschlossenen Grenzen zu verkleinern. Bettman hofft, dass nach anfänglichen Bubble-Lösungen (wieder ohne Fans) in späterer Folge wieder gereist und die Hallen zumindest teilweise geöffnet werden können. Doch mehr als lose Hoffnungen kann er inmitten der Pandemie natürlich auch nicht äußern.

Vom endgültigen Starttermin – wann auch immer – muss man dann knapp ein Monat für Camps abrechnen. Die Teams, die an den letzten Bubbles in Toronto und Edmonton gar nicht teilgenommen haben, haben allerdings schon um zusätzliche Zeit angesucht. Noch offen: Finden nur Main Camps statt (NHL- & AHL-Spieler, ungefähr 50 Cracks) oder die üblichen Rookie-Camps zuvor. Schließlich liegt auch in den Major Juniors bzw. Colleges der Spielbetrieb fast völlig flach, Prospects ohne Jobs in Europa stehen völlig ohne Mannschaftstraining da. Auch die AHL hat sich im Gegensatz zur ECHL über ihre Zukunft noch nicht geäußert.

Wer kommt nach Europa?

Lockout: Damals waren eigentlich NHL-Cracks gefragt, und da vor allem Spitzenleute. Die AHL spielte damals immer, junge Cracks mit Zwei-Weg-Verträgen fanden dort ein Betätigungsfeld. Die NHL-Prospects (ohne Profiverträge) blieben ganz normal bei ihren Junioren- bzw. Collegeteams oder in Europa.

Rasmussen: Noch am ehesten NHLer
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Corona: Vor allem die österreichischen Teams und damit die Medien hängen jedem Spieler, der in der ICE unterschrieb, das NHL-Schild um, Schattierungen werden gerne weggelassen. Die Bandbreite ist aber fast unendlich: Graham McPhee (Vienna Capitals, ein von Edmonton gedrafteter College-Spieler mit einem AHL-Vertrag in deren Farmteam in Bakersfield), Devin Brosseau und Yanni Kaldis (beides ehemalige College-Spieler auf AHL-Verträgen, ebenfalls in Bakersfield), Cooper Marody (Dornbirn, mit einem NHL-Vertrag in Bakersfield und zuvor einigen NHL-Spielen für die Oilers), Olivier Rodrigue (Graz/nach Ablauf seiner Junioren-Karriere ebenfalls für Bakersfield vorgesehen, unterschrieb gerade seinen Entry-Level-Deal), Olle Alsing (Graz/im Mai von Ottawa als Free Agent verpflichtet).

Direkt aus der NHL kam also keiner von ihnen, einige werden diese Liga auch nie von innen sehen. Am ehesten noch als NHL-Spieler geht Michael Rasmussen (Graz) durch, der vor zwei Jahren direkt aus der WHL 62 Spiele für die Red Wings bestritt, die gesamte letzte Saison (so er nicht wie jetzt in Graz verletzt war) im Farmteam in Grand Rapids auflief.

Nur die SHL und die Liiga sprachen sich schon vor Saisonbeginn gegen solche Loans aus, alle Leihgaben in solchen Ligen sollen die ganze Spielzeit in Europa bestreiten. Ob das dann wirklich so gehandhabt wird? Profiteur des SHL-Embargos ist auf jeden Fall die Allsvenskan mit fast 30 NHL-Leihspielern.

Eigene Covid-Problematiken: Cracks wie Thimo Nickl (gerade erst von Anaheim gedraftet, aber natürlich ohne NHL-Vertrag) bzw. Senna Peeters. Ihre QMJHL-Teams spielen zwar, aber sie können nicht nach Kanada einreisen. Beide spielen für das Juniorenteam von Rögle in Schweden, Peeters etwa scheint gar nicht auf der Liste mit NHL-Connections in Europa auf. Auch Fabian Hochegger wäre normalerweise mit Thimo Nickl in Drummondville, holt sich aber stattdessen Spielpraxis beim KAC (II).

Die Rolle der NHL-Teams

Lockout: Lockout wird lose mit "Aussperrung" übersetzt, die NHL-Teams legten quasi die Liga ohne Rahmentarifvertrag auf Eis. Ohne Liga keine Verträge, ohne Verträge auch keine Befugnisgewalt der Teams. Die Agenten suchten für willige Spieler Teams in Europa, die NHL-Organisationen hatten nichts damit zu tun und auch keine Möglichkeit zum Einspruch, schließlich stand man sich im Tarifstreit verfeindet gegenüber. Ihre Rolle war also eine passive, weder Vermittler noch möglicher Verhinderer.

Corona: Die NHL-Verträge sind weiter aufrecht, das gleiche gilt für reine AHL-Deals. Viele Teams haben großes Interesse daran, dass ihre Cracks nicht verrosten und in Europa Spielpraxis bekommen. 16 Spieler mit Oilers-Bezug (ohne Bakersfield-Cracks) haben in Europa unterschrieben. Dahinter kommen die Red Wings (11) und die Kings mit 10. Teilweise werden die Spieler durch Agenten, immer mehr aber durch die Teams selbst angeboten.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Verträge und Kosten

Lockout: Abmachungen zwischen den europäischen Teams und den Cracks unterlagen keinen Richtlinien. Da die NHL-Kontrakte ausgesetzt waren, waren vor allem die Versicherungen das große Thema. Ich kann mich im Falle von Defender Corey Potter bei den Vienna Capitals beim Lockout 2012 erinnern, dass er eine (überschaubare) Gesamtsumme pro Monat erhielt, von der er sich die Versicherung selbst bezahlte. Einige findige Agenten riefen aber auch völlig überhöhte Versicherungssummen auf, die dann halt in die Bezahlung ihrer Klienten einflossen.

Corona: Im Memorandum zur Verlängerung des CBAs ist festgehalten, dass die Versicherung für die Off-Season bei einer Leihe weiter aufrecht bleibt. Das eliminiert natürlich schon eine große Sorge, sodass Cracks mit NHL-Verträgen wirklich schon um Kost und Logis kommen können. Bei AHL-Verträgen bzw. Spielern ohne aufrechten Kontrakten muss das dagegen einbezogen werden.

Die Leidtragenden

Lockout: Auch schon damals die "echten" Legionäre, die ihre Jobs an die NHL-Leihgaben verloren.

Corona: Nicht nur die allgemeine finanzielle Lage, sondern auch die zahlreichen Leihgaben kosten sehr guten langjährigen europäischen Legionären Jobs. In normalen Jahren stünden Cracks wie Karl Stollery, Chris DeSousa, Ryan Stoa, Shane Harper, Brett Olson oder Paul Postma sicher schon längst unter Vertrag. Aus der ICE wären wohl ehemalige EBELer wie Connor Brickley, Bud Holloway, Patrick Wiercioch, Mike Zalewski oder Michael Boivin schon längst untergekommen. Ihre Arbeitslosigkeit ist eine Mischung aus reduzierten Legionärsplätzen bei einigen Teams und der Unwilligkeit, stark reduzierte Angebote anzunehmen, allerdings ebenso geschuldet wie den neuen Kurzzeit-Gastarbeitern.

Dass die vor der Saison in der ÍCE angekündigte Forcierung von Nachwuchskräften bei einigen Teams natürlich (abermals) ein Lippenbekenntnis war, kann niemanden überraschen. So ist in Graz jetzt bereits Julian Pauschenwein zwar auf dem Spielbericht, aber nicht auf dem Eis aktiv, Amadeus Egger und Jakub Pfeffer werden von Olle Alsing in der Depth Chart auf die Defender-Positionen 7 und 8 verdrängt. Allerdings: Ohne Corona würden diese Arbeitsplätze halt von "normalen" Legionären eingenommen werden…

Background und Niveau der Legionäre in der EBEL/ICE

Mursak: 19T, 29A in 30 Ljubljana-Spielen
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Lockout: Tyler Myers, Johnny Boychuk, Bryan Bickell, Sam Gagne sowie natürlich Michi Grabner und Thomas Vanek – das waren Cracks mit einer echten NHL-Vita. Nicht alle überzeugten und letzten Endes war mit Jan Mursak der erste und damals vielleicht unbekannteste Lockout-Crack der beste. Aber Attraktionen waren die meisten von ihnen…

Corona: Wie gesagt – das Schild mit dem Aufdruck "NHL" wird hierzulande sogar normalen AHL-Legionären oder Cracks ohne jeder Profi-Erfahrung umgehängt. Natürlich kann von diesem (derzeitigen) Paket nicht das gleiche Niveau erwartet werden wie den damaligen NHL-Cracks. Noch dazu verdanken ja einige ihr Dasein der neuen Regelung mit den reduzierten Punkten für U22- und U24-Legionäre. Aber Olivier Rodrigue sollte auf jeden Fall ein Upgrade zu Ben Bowns im Grazer Kasten sein, auch der schwedische Defender Olle Alsing sollte der Grazer Defensive weiterhelfen. Abwarten, wen die Teams (vor allem der VSV) noch aus dem Hut zaubern…

Die Problematiken

Lockout: Als die NHL-Cracks nach Übersee zurückkehrten, taten sich natürlich Löcher im Kader auf, die schon damals wie heute nicht mit Nachwuchscracks gefüllt wurden. Teilweise kamen aber verletzte Spieler zurück ins Lineup, andrerseits wurden Legionäre von anderen Teams oder ohne Jobs verpflichtet.

Corona: Auch diesmal wird nach Ersatz gesucht werden, allerdings dürften einige der Cracks (Rodrigue) bis zum Saisonende bleiben. Der Legionärsmarkt wird auch im Dezember oder Jänner noch übervoll sein und das zu überschaubaren Preisen. Allerdings: Ein arbeitsloser Spieler hat dann seit März (!) nicht gespielt oder Mannschaftstraining bestritten.

Textquelle: © LAOLA1.at

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