Was NHL-Legende Jaromir Jagr "daheim" noch leistet

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Was taugt die Extraliga in Tschechien? Welche Rolle spielt Superstar Jaromir Jagr beim nördlichen Nachbarn?

Gleich 14 Teams umfasst die Extraliga – bis Bernd Freimüller alle Mannschaften zumindest einmal gesehen hatte und sich ein Bild vom Liga-Betrieb machen konnte, dauerte es. Doch nach einigen Reisen nach Brünn, Prag sowie andere Städte liefert der LAOLA1-Scout seine neueste Analyse.

Freimüller wirft einen Blick auf einige Ausnahmekönner der tschechischen Extraliga und die Streitpunkte der laufenden Saison:

Milan Gulas

Auch wenn er zuletzt etwas abgekühlt hat - selten hat ein Spieler die Extraliga so dominiert wie der 34-jährige Flügelstürmer von Skoda Plzen. 74 Punkte (34 Tore und 40 Assists) in 47 Spielen, anfangs der Saison sah es überhaupt so aus, als ob er die 100-Punkte knacken könnte. Gulas gehört schon seit Jahren zu den talentiertesten Spielern in Europa, frag nach bei Bozen, gegen die er vor zwei Jahre in der CHL groß aufspielte. Gulas, ein schussstarker Spieler mit sehr gutem Motor, bekommt und nimmt sich natürlich auch die entsprechende Eiszeit (fast 22 Minuten pro Spiel), spielt im Powerplay durch und schnallt sich sein Team regelmäßig auf den Rücken.

Ein gewisser Kräfteverschleiß über die Saison ist bei Gulas unverkennbar, zum MVP-Titel sollte es dennoch reichen.

Ebenfalls überragend: Peter Mueller. Der Ex-Salzburger fiel zwar lange verletzt aus, mit 35 Punkten (13 Tore und 22 Assists) in 29 Spielen knüpfte er an seine letzte Saison an. Seine Tore fallen immer nach demselben Strickmuster, sind aber trotzdem nicht zu verhindern: Powerplay, linke Halfwall, One-Timer nach einem Pass von hinter dem Tor.

Jaromir Jagr

Nach dem Aufstieg von Kladno in die Extraliga rieben sich die Klub-Kassiere die Hände: Der vor kurzem 48 Jahre alt gewordene Flügel sorgt auswärts stets für ausverkaufte Häuser – selbst wenn er nicht spielt wie bei einer mehrwöchigen Verletzungspause, denn die Karten gehen immer schon im Vorverkauf weg. Zuhause ging die Hysterie zuletzt allerdings zurück, die Zuschauerzahlen in Kladno haben sich zwischen 3.000 und 4.000 Fans eingependelt.

Jagrs Impakt auf dem Eis? Er agiert zwar fast völlig aus dem Stand, ist im Powerplay mit seiner Puck-Behandlung immer noch eine Macht. Das spielt er auch über zwei Minuten durch, lehnt sich dann auch gerne einmal an der Bande an, während seine Kollegen durchwechseln. In einer Billigsdorfer-Truppe (als Klub-Besitzer ist Jagr nicht gerade für üppige Löhne bekannt) ist er immer noch ein Faktor, doch seine Träume von einer neuen Halle halte ich für Luftschlösser, die nach seinem Karriere-Ende wohl obsolet sein werden.

Abstieg oder nicht?

Nicht mehr alle Landsleute jubeln mit Jagr
Foto: © GEPA

Dass sich das Eishockey-Denkmal Jagr einmal selbst beschädigen würde, schien vor der Saison undenkbar. Doch mit seinem Eintreten für eine geschlossene Extraliga ohne Absteiger schaffte er das. Heuer steigt nämlich erstmals seit langem der Tabellenletzte nach 52 Runden wieder direkt ab, was Verbandspräsident Tomas Kral im Vorjahr quasi im Handstreich beschlossen hatte.

Es geht einem der Traditionsklubs Vitkovice, Litvinov, Pardubice oder eben Jagrs Kladno an den Kragen. Jagr und einige andere Klub-Besitzer wollten den Abstieg sistieren und die Liga aufstocken (Ceske Budejovice versucht es heuer zum x-ten Mal), Spieler und Fans sprachen sich aber militant dagegen aus.

Die Tabellen-Nachzügler zogen schon alle Register des Abstiegskampfs - Trainerwechsel, nachverpflichtete Spieler (alleine 16 Neue vor Transferschluss für Vitkovice, Pardubice und Litvinov). Mit einem Aufsteiger Ceske Budejovice können die Extraliga-Teams sicher gut leben, doch ob dieses System weiter Bestand hat, bleibt abzuwarten. 16 Teams würden aber einen ähnlich überfrachteten Spielkalender ergeben wie die finnische Liiga.

Keine Offensiv-Verteidiger

Das tschechische Eishockey ist schon lange weit hinter Finnland und Schweden zurückgefallen, die Gründe dafür sind vielfältig. Eines sticht jedenfalls gleich ins Auge: Puckmoving Defender produzieren die Tschechen fast gar keine. Auch bei der Junioren-WM im eigenen Lande bedeutete das ein Riesenproblem.

Wo in Schweden und Finnland kleine, aber schnelle und talentierte Jung-Defender die Scheibe transportieren können, gibt es solche Typen in Tschechien so gut wie gar nicht. Vor allem bei den schwächeren Teams ist Offensive von der blauen Linie Fehlanzeige, im Powerplay kommen Spieler zum Einsatz, die für kaum ein EBEL-Team eine solche Rolle ausfüllen könnten.

Kein Zufall, dass mit Brady Austin ein Kanadier mit 14 Treffern der bei weitem torgefährlichste Defender der Liga ist. Jagrs Klub-Kollege dürfte sich nach überschaubaren Saisonen in der AHL und Dänemark einen guten Vertrag in einer europäischen Top-Liga bereits gesichert haben.

Nicht viel besser sieht es mit Torhütern aus: Einige der Einser-Goalies sind äußerst unsichere Kantonisten.

Alte Bekannte

Peter Mueller jetzt Star in Brünn
Foto: © GEPA

Neben Peter Mueller - Fan-Liebling in Brünn - finden sich natürlich noch einige andere Ex-EBELer in der Liga wieder. Andre Lakos schafft es in Kladno dank Jagr, trotz 40 Jahren nicht der Team-Senior zu sein. Ebenfalls in Kladno: Ex-Dornbirn-Torjäger Brendan O'Donnell, der oft eine Dritt-oder-Viert-Linien-Rolle mit Powerplay-Eiszeit kombiniert. Bei Sparta Prag konnte der Ex-Villacher und Innsbrucker Jeremie Blain nicht an seine gute letzte Saison anknüpfen.

Selbstanzeigen

Zur Mitte der Saison wurde es zur Mode: Spieler informierten die Refs darüber, dass die von diesen angezeigten Strafen an Gegenspielern zu Unrecht erfolgten. Diese Ehrlichkeit schwappte dann sogar in der NHL über, auch dort waren Tschechen wie Jakub Voracek oder Tomas Hertl federführend.

Warum das auf einmal aufkam und jetzt wieder verschwand, bis Jaromir Jagr am Sonntag wieder ein anstehendes Powerplay ablehnte? Keine Ahnung, doch inzwischen dürften die Spieler auch eingesehen haben, dass sie die Entscheidungen doch besser den Referees überlassen. Diese stehen natürlich auch in der Extraliga - wie in jeder Liga der Welt - in der Kritik, bei ihren EBEL-Gastspielen fielen sie weder positiv noch negativ auf, umgekehrt konnten die EBEL-Schiris auch ohne Probleme mithalten.

Fazit

Die tschechische Extraliga präsentiert sich heuer so wie in den letzten Jahren - weit hinter Top-Ligen wie Schweden oder der KHL, doch deutlich über dem kleinen Bruder Slowakei. Das allerdings oft bei Top-Gehältern, sogar bei schwächeren Teams: Wenn ich von sechsstelligen Euro-Nettogehältern höre und das dann mit dem Niveau der jeweiligen Spieler vergleiche, wird mir schwummrig. Die Zeiten, als tschechische Top-Spieler um einen Apfel und Ei zu haben waren, sind jedenfalls schon lange Geschichte...

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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