Kein einziger Caps-Treffer fiel bei 5 gegen 3. 14 Tore wurden bei 5 gegen 4 erzielt, einzig der Overtime-Treffer in Villach durch Nick Bailen entstammte einem 4 gegen 3.
Für zwölf der 15 Tore war das erste Unit zuständig. Benjamin Lanzinger, Scott Kosmachuk und Senna Peeters trafen aus der zweiten Formation heraus. Das entspricht auch ungefähr der Aufteilung der Eiszeit, die Top-5 um Linden Vey nehmen meist 90 Sekunden von der Uhr.
Das Top-Unit
Wie setzt sich also die beste Überzahl-Formation der Liga zusammen?
Zu Saisonbeginn bespielte Shane Gersich die rechte Halfwall. Diese Rolle übernahm in den letzten Spielen Konstantin Komarek. Der Rest blieb seit Saisonbeginn gleich: Bailen als Pointman, Vey an der linken Halfwall, Jakob Lilja als Bumper und Jeremy Gregoire down low.
Wie fielen die Tore?
Gersich traf in Saisonspiel zwei in Innsbruck zwei Mal vom rechten Circle mit Wristern, jeweils anschließend an gewonnene Vey-Faceoffs. Gersichs dritter und bislang letzter Treffer entsprang einer Backdoor-Situation, als ihn Gregoire gegen Fehervar aus dem Slot heraus anspielte.
Gersichs Stärke in diesen Situationen waren schnelle und genaue Schüsse – etwas, das Komarek (noch) nicht anbieten konnte. Er ist eher ein Playmaker auf der Suche nach dem perfekten Pass, damit das Gegenstück zu Vey auf der anderen Seite. Gegen Pustertal verfehlte er seinen ersten Treffer um Zentimeter.
Der Gegner muss natürlich Bailens Schussstärke respektieren, darf diesen nicht zu weit ins Drittel aufrücken lassen. Beim Treffer in Villach hämmerte er die Scheibe vom linken Circle humorlos in den Winkel, nachdem Vey von links nach rechts gewandert war und beide rotierten.
Kein anderer Defender in der Liga (vielleicht noch TJ Brennan) verfügt über einen derart kontrollierten Schuss. Dieser ist nicht nur scharf und akkurat, sondern auch "tippable" (Lilja stellte einen Flachschuss im Heimspiel gegen Innsbruck auf).
Bailen war auch beim dritten Treffer in Innsbruck beteiligt, als ein Schuss von ihm geblockt wurde, Lilja spielte dann im Slot auf Gregoire weiter, der aus der Nahdistanz traf.
Ein weiterer eher untypischer Treffer war Tor zwei gegen den HCP: Lilja - im Nahkampf sehr effektiv - stochert eine Scheibe an der rechten Seitenbande frei, Vey (einmal nicht auf seiner Stammposition) profitiert zentral von einer desorientierten HCP-Defensive und spielt auf den aufgerückten Bailen, der vom linken Circle per One-Timer traf.
Doch ein typisches Caps-Powerplay-Tor heuer entsteht von der linken Seitenbande, die Vey bespielt: Der lässt sich dort mehr oder weniger viel Zeit, bis er seinen Kompagnon Gregoire frei findet.
Dieser kann dann von hinter dem Tor Lilja freispielen (Tor eins gegen Fehervar), mit seinem in den Torraum gehaltenen Stock am langen Eck treffen (Tor eins gegen HCI), nach einem Broken Play im zweiten Versuch treffen (Tor drei gegen HCI) oder sich von hinter dem Tor nach vorne powern und aus der Nahdistanz treffen (Siegestreffer am Sonntag gegen HCP).
Wie so oft im Powerplay kommt dem Spieler down low - eben Gregoire - eine wichtige Rolle zu: Wann gibt er hinter dem Tor eine Passoption? Wann driftet er von dort nach vorne? Wann gibt er den Screen bei Schüssen von der blauen Linie? Das macht Gregoire heuer hervorragend, ein bloßer Rammbock vor dem Tor ergäbe hier weit weniger Optionen.
Wie verteidigt man ein solches Powerplay?
Am besten, indem man wenig bis gar keine Strafen nimmt, doch das ist eine hohle Phrase.
Es gilt vor allem die Transportwege von Vey - vor allem den zu Gregoire - wegzunehmen. Da kann man vielleicht Vey durchaus mehr Raum geben. Dieser sucht nämlich immer das Perfect Play.
Das zeigte kurioserweise auch sein einziger Überzahl-Treffer: In Innsbruck spielte er von seiner Stammposition links einen Pass in den Slot. Dieser wurde am Weg dahin abgefangen, sprang wiederum Vey punktgenau auf den Schläger, der dann gegen einen logischerweise aus der Position geratenen Sam Harvey traf.
Vey verfügt durchaus über einen guten Wrister, aber ich würde ihn eher frei schießen als passen lassen. Zu aggressives Powerplay kann dich auch in Schwierigkeiten bringen, denn sowohl Bailen, Vey, aber auch Komarek können sich um Gegner winden bzw. die entstandenen Freiräume mit genauen Pässen nutzen.
Das Powerplay als Stärke oder Schwäche?
Eine kurios anmutende Frage, aber: Der Plan, dass die Caps heuer gesteigertes Scoring bei 5 gegen 5 aufbieten würden, ist bis jetzt krachend gescheitert.
26 Tore insgesamt, 15 davon im Powerplay (die Caps erzielten bis jetzt keinen Shorthander), ergeben 11 Treffer bei numerischem Gleichstand - der Ligatiefstwert vor Fehervar (14), dem VSV und FTC (jeweils 15). Am anderen Ende der Skala: Die gewohnte Torfabrik aus Ljubljana (36) und der KAC (29).
Für ein starkes Powerplay braucht man sich natürlich nicht zu entschuldigen, gerade in den Playoffs können so enge Spiele entschieden werden. Und mit Bailen eisten die Caps ja auch einen Spezialisten dafür aus Graz los.
Doch die drei PP-Experten Bailen, Vey und Gregoire zeigen bei Gleichstand auch ihre anderen Gesichter: Bailens Defensivschwächen sind altbekannt. Gregoire zeigt sich nach einer verletzungsgeplagten Vorsaison wieder in starker Form, Speed war aber nie Teil seines Pakets. Und Veys Beinarbeit ist zeitweise schmerzhaft anzusehen, mit seinen kleinen Schritten muss er vor allem beim Backcheck oft Abkürzungen nehmen.
Bleibt das PP heiß? Finden die Caps endlich mehr Scoring in den Linien zwei bis vier, die bis jetzt fast völlig ausließen? Diese Fragen werden darüber entscheiden, wo sie sich in der Warentrenner-Region der Liga (Plätze sieben bis zehn) einfinden werden...
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