T.J. Brennan: Salzburgs Erfolgsgarant & "Rover"

T.J. Brennan: Salzburgs Erfolgsgarant & Foto: © GEPA
 

Bei bis zu zehn Ausfällen, darunter so Hochkaräter wie Ty Loney, Dominique Heinrich, Ali Wukovits und Thomas Raffl, stößt selbst ein tiefer Kader wie der von Red Bull Salzburg an seine Grenzen.

Trotzdem punkteten die "Eisbullen" in neun ihrer letzten zehn Spiele, ernähren sich nach der Eichhörnchen-Methode mit einem Punkt hier, zwei dort.

Hauptverantwortlich für das Über-Wasser-Halten mit einem Rumpf-Aufgebot: Neben dem nachverpflichteten Goalie Atte Tolvanen vor allem Defender T.J. Brennan, mit 17 Punkten in 13 Spielen derzeit auch die Nummer zwei der Scorerliste in der bet-at-home ICE Hockey League.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller mit einem Scouting-Report über den Offensiv-Verteidiger:

Seine Karriere

Der heute 32-jährige Terrence James Brennan gehörte über Jahre in der AHL zu den Top-Punktemachern von der blauen Linie: 478 Punkte in 679 Spielen, das sind eigentlich Stürmer-Scorerzahlen.

In der Saison 2013/14 (Toronto Marlies, 72 Punkte in 76 Spielen) und 2015/16 (ebenfalls Toronto Marlies, 68 in 69) kratzte er an der Punkt-pro-Spiel-Grenze. In beiden Saisonen wurde er auch zum besten Defender der AHL gewählt.

Warum reichte es nicht für eine große Karriere in der NHL?

Lediglich 53 NHL-Spiele stehen in Brennans Vita, die letzten sieben davon aus der Saison 2015/16 mit den Maple Leafs. In diesen 53 Spielen reichte es "nur" zu 13 Punkten - nicht schlecht, aber auch kein Vergleich zu seinen AHL-Zahlen.

Die Gründe sind vielschichtig: Wenn man ihn heute sieht, kann man es gar nicht glauben, aber zeitweise brachte er über 100 Kilogramm (derzeit 92) auf die Waage. Bei einer Größe von 1,85 Metern natürlich um einiges zu viel, Conditioning war also ein Problem.

Dazu gehört natürlich auch eine Reputation aufgrund seines Spielstils – er galt immer mehr als ein vierter Forward denn ein Defender auf dem Eis, hinterließ bei seinen Sturmläufen große Löcher hinter sich. Bei diesem Spielstil musst du als Spieler auf dem Eis Top-Speed aufweisen, um rechtzeitig wieder zurückzukommen. Brennans Beine sind auf ICE-Niveau überdurchschnittlich, auf NHL-Niveau fehlt ihm aber doch einiges.

In den letzten beiden Saisonen tendierte er nach unten – 2019/20 splittete er zwischen Lehigh Valley und Rockford auf, in 34 Spielen reichte es nur zu einem Tor.

In der Corona-Vorsaison fand er vielleicht auch deswegen nur einen Arbeitgeber in der zweithöchsten Schweizer Liga (in seiner Blüte hätten sich KHL und Top-Schweizer Teams um ihn gerissen). In Thurgau – wahrlich kein Spitzenteam oder Hochzahler – punktete er aber wieder wie gewohnt (24 Punkte in 22 Spielen).

Die Erwartungen in Salzburg

Die Rollen für die drei neuen Import-Defender in Salzburg waren vor der Saison klar verteilt: Brennan vor allem für die Offensive und das Powerplay, Keegan Kanzig der Mann fürs Grobe, Vincent LoVerde als erfahrener Zwei-Weg-Mann und im PP hinter Brennan und Heinrich gereiht.

Dass Brennan aber vor allem in einer Notlage wie der jetzigen Eiszeit ohne Ende wegdrücken kann und parallel dazu enge Spiele mit wichtigen Toren entscheidet, war so auch nicht zu erwarten. Begann er die Saison noch an der Seite von LoVerde, spielte er zuletzt an der Seite von Paul Stapelfeldt, einem Defensiv-Defender, der sich in der Liga erst einfinden muss und für den Brennan den Mentor gibt.

Mit der Rückkehr von Heinrich und Alexander Pallestrang wird sich die Eiszeit wieder mehr verteilen, die eine oder andere Minute wird Coach Matt McIlvane bei Brennan sicher abzwacken müssen, um ihn für die zweite Saisonhälfte frischzuhalten.

Der Scouting Report

T.J. Brennan gegen die Graz99ers
Foto: © GEPA

Er ist sicher so etwas wie ein "Rover" – ein Spieler also, der die Grenzen zwischen Defensive und Offensive verschwinden lässt. Bestes Beispiel dafür vielleicht sein Treffer beim ersten Auswärtsspiel in Graz: Er trug die Scheibe aus dem Abwehrdrittel, passte mit einem Backhand-Flip-Pass auf den linken Flügel. Zwei Spielzüge und nur Sekunden später fand er sich rechts vom Tor zwischen Torlinie und Hashmarks wieder, um einen Rebound zu verwerten.

Brennan covert einen großen Teil der Eisfläche, betritt Bereiche, die andere Defender - etwa ein Großteil der KAC-Verteidiger-Riege - nur vom Hörensagen kennen. Seine Spezialität: Das Aktivieren von der Blauen Linie aus. Er löst sich also von seiner Ursprungsposition, stößt mit und ohne Scheibe bis zu den Hashmarks oder darüber hinaus vor.

So entstehen auch fast alle seine Tore: Mit Wristshots aus und um den Slot herum. Er sagt Feeds von den Seitenbanden und hinter dem Tor voraus, stößt dann im richtigen Moment in Löcher, die die Gegner mit ihrem Blick auf die Scheibe in ihrem Rücken nicht sehen.

Brennans Wristshot ist eine Waffe, kommt ansatzlos, genau und scharf, übertrifft dabei vielleicht sogar Vereinskollege Ty Loney, der in dieser Beziehung bis jetzt Liga-Spitze war. Vor allem die geringe Ausholbewegung macht ihn auf engem Raum so gefährlich.

Große Slapshots oder One-Timer sieht man von ihm nur selten, obwohl gerade Letztere durchaus eine Waffe von ihm sein könnten. Er zirkuliert im Zweifelsfall die Scheibe eher nochmals, ehe er einen Low-Percentage-Schuss abfeuert oder rückt eben nochmals ein oder zwei Meter nach vorne. Es würde mich nicht überraschen, wenn er diese Variante im Laufe der Saison aber noch mehr anwendet.

Brennan ist auch kein großer Puck-Carrier wie Alex Wall, der gerne die Scheibe über das ganze Eis trägt. Er kann jederzeit exakte Headman-Passes durch die Schnittstellen der Gegner spielen, ist sich aber auch nicht zu schade, das Plexiglas zu verwenden, um die Scheibe ohne Pass-Optionen aus dem eigenen Drittel zu befördern. Auch hier ist das Timing meist exzellent – scharf genug, um die Zone zu verlassen und die Pucks noch verwertbar zu machen, aber nicht so unkontrolliert, dass Icings die Folge wären.

Diese überraschend risikoarme Variante passt auch zu seinem bisherigen Auftreten: Ich habe eher einen defensiven Freelancer erwartet, der große Löcher hinter sich lässt. Doch gerade in der jetzigen Zeit mit dem engen Personalkostüm legt der US-Amerikaner seine Rolle keineswegs fahrlässig an. Sein Verhalten in der eigenen Zone ist überraschend gut.

In Eins-Eins-Duellen versucht er - wie viele eher offensiv ausgerichtete Defender - den Gegner in ungefährliche Situationen umzuleiten, verwendet dafür seine Beine (wie gesagt, für die ICE völlig ausreichend) und seinen Stock.

Brennan wartet in diesen Situationen auch oft auf den richtigen Moment, um den Gegner mit einem leichten Stoß aus der Balance zu bringen, was eher perfektes Timing als große Muskelkraft erfordert. Er versucht nicht unbedingt, Spieler zu eliminieren, begnügt sich damit, sie zu verlangsamen, zur Seitenbande oder hinter das Tor zu geleiten. Das Resultat: Bisher erst eine kleine Strafe und ein +10 (wer auf diesen Wert noch etwas hält) in der Plus-Minus-Wertung.

Brennen "erschnüffelt" Torchancen

Aber zurück zu Brennans Kernkompetenz, der Offensive: In meinen Reports über ihn kommt eine Phrase vor, die eigentlich nur Stürmern vorbehalten ist – "sniffs out scoring chances", er erschnüffelt also Torchancen. Wie oben beschrieben, vor allem im Angriffsdrittel mit seinem Aktivieren im richtigen Moment, aber auch in anderen Chancen.

So entschied er das Auswärtsspiel in Bratislava in der Overtime, indem er als vorderster Salzburger davon profitierte, dass sich Tor Immo und Tyler Nanne gegenseitig über den Haufen fuhren, Brennans Abschluss mit der Backhand nach dem anschließenden Breakaway war auch eines Top-Stürmers würdig.

Eine weitere Gabe, über die nicht alle Defender verfügen: Er kann beide Seiten spielen. Mit dem Rechtshänder LoVerde auf seiner linken Seite, an der Seite von Stapelfeldt (wie er Linksschütze) auf der rechten Seite, also seiner "off-side". Die Scheibe an der rechten Seitenbande mit seiner Backhand zu kontrollieren, bereitet ihm keine großen Probleme. Er profitiert dann davon, dass er mit dem Puck zur Mitte der Blauen Linie oder darüber hinaus ziehen kann.

Ebenfalls eine Gabe, über die - zumindest in der ICE - nur Spitzenleute verfügen: Brennan kann um Hindernisse herumkurven bzw. diese mit etwas Geduld ausschalten, seien es Shotblocker oder einfach Spieler, die sich bei seinem Einschalten in den Weg stellen ("can outwait opponents"). Siehe sein Assist zum ersten Treffer von Mario Huber am Sonntagabend. Dadurch verzeichnet er auch weit weniger Turnovers als andere Defender.

T.J. Brennan gehört zu einer Spezies von Spielern, die in der ICE sehr selten geworden ist. Er spielt vielleicht nicht mehr auf seinem absoluten Top-Niveau, aber längst nicht in einer abfallenden Phase oder in einem hohen Alter, in dem solche Spieler unsere Liga erst einmal betreten.

Von seinem überaus attraktiven wie effizienten Spielstil sowie seinem professionellen Auftreten abseits des Eises profiteren nicht nur die Eisbullen, sondern die ganze Liga.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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