"Es gibt ein Team in Kroatien – könntest du dir vorstellen, dorthin zu gehen?" Letang dachte sich nur: "Was? Kroatien? Worüber denken wir hier nach – ist das das Ende meines Weges?"
Trotzdem wagte er den Sprung ins Ungewisse und ging zu Medvescak Zagreb. Der damalige EBEL-Neuling ernannte ihn prompt zum Kapitän, Letang begleitete den Klub schließlich bis in die KHL.
Heute schwärmt er von dieser Entscheidung: "Es war eine unglaubliche Erfahrung. Ich würde nichts daran ändern. Die Menschen, das Land, die Mannschaft, die Art und Weise, wie ich aufgenommen wurde. Einfach alles war fantastisch."
Kaum Profi-Erfahrung als Head Coach
2014 wechselte Letang vom Eis auf die Trainerbank. Medvescak Zagreb ermöglichte ihm als Assistant Coach die ersten Schritte in seiner Trainerkarriere.
Nach sieben Jahren in der kroatischen Hauptstadt kehrte Letang mit seiner Frau Krystie und ihren zwei Kindern nach Kanada zurück. Dort arbeitete er bei den Owen Sound Attack zunächst zweieinhalb Jahre als Assistant Coach und übernahm im Jänner 2019 vorerst interimistisch das Cheftrainer-Amt. Zur Saison 2019/20 wurde der Zusatz "Interim" gestrichen.
Zu diesem Zeitpunkt war Letang bereits auf dem Radar von Hockey Canada gelandet. Als Co-Trainer begleitete er die "Ahornblätter" zu den World Juniors 2020. Das Ergebnis: Kanada eroberte in Tschechien die Goldmedaille.
2021 wurde Letang zum Head Coach der Sarnia Sting ernannt, die er bis November 2025 betreuen sollte. Seine Erfahrung als Head Coach im Profibereich hält sich allerdings in Grenzen: Abgesehen von einem zweimonatigen Engagement bei den Blue Devils Weiden aus der DEL2 im Frühjahr 2026 arbeitete Letang bislang ausschließlich im Juniorenbereich.
Gold-Trainer Kanadas
Klub-Trophäen sammelte er zwar keine, dafür weitere Goldmedaillen mit Team Kanada.
2022/23 agierte Letang sowohl beim Hlinka Gretzky Cup als auch bei den World Juniors als Assistant Coach. Beide Turniere endeten mit Gold. Besonders der U20-Kader war mit kommenden NHL-Stars gespickt. Connor Bedard überragte auf dem Weg zum Titel mit 23 Punkten in sieben Spielen.
Letangs Reise mit dem Mutterland des Eishockeys war damit nicht beendet. Im Folgejahr gab der Kanadier als Head Coach den Takt vor. Mit Macklin Celebrini hatte er gleich das nächste Supertalent unter seinen Fittichen.
Was Bedard und Celebrini besonders machte
An der Arbeit mit Bedard und Celebrini faszinierten ihn nicht in erster Linie ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten. Letang nannte etwas anderes: "Ihre Hingabe, Leidenschaft und Liebe zum Sport."
Beide hätten auf dem Eis extrem hart gearbeitet, dies aber mit Freude getan. Man habe gespürt, wie viel Spaß es ihnen gemacht habe, sich selbst anzutreiben, um immer besser zu werden. Vor allem ihre Lernbereitschaft beeindruckte ihn.
"Ich liebe diese Einstellung, bei der sie mir großartige Fragen stellen, was wiederum mich herausfordert, die richtigen Antworten für sie zu finden, wenn ich sie nicht sofort parat habe", erzählt er.
Genau darin steckt bereits viel von dem Trainer Alan Letang. Er versteht Entwicklung nicht als Einbahnstraße. Der Coach soll seinen Spielern etwas beibringen und gleichzeitig selbst bereit sein, von ihnen zu lernen.
Bedard und Celebrini hätten ihn mit ihren Fragen herausgefordert. Ihr Mindset und ihre Art, mit Druck und Erwartungen umzugehen, seien mindestens ebenso bemerkenswert gewesen wie ihr Talent.
Dass beide zu den prägenden Spielern ihrer Generation werden könnten, überrascht Letang deshalb nicht. Gleichzeitig ordnet er ihre außergewöhnliche Entwicklung ein: "Beide sind eher die Ausnahme als die Regel."
Die Suche nach den kleinen Vorteilen
Und doch sieht er in ihrer Entwicklung auch ein Sinnbild für das moderne Eishockey.
Zu seiner aktiven Zeit habe es nicht annähernd so viele 18- oder 19-Jährige mit einem derartigen Talent gegeben. "Das spricht für die Weiterentwicklung des Trainerwesens. Jeder versucht, die Grenzen des Spiels auszudehnen."
Systeme hätten ihre Grenzen, erklärt Letang. Deshalb brauche es Menschen, die bereit seien, Dinge intensiv zu analysieren und immer wieder nach neuen Möglichkeiten zu suchen.
Letang: "Wie finde ich den entscheidenden Vorteil, um mich innerhalb des Systems zu verbessern? Wie finde ich den entscheidenden Vorteil, um einen 16- bis 18-Jährigen besser zu machen?"
Diese Fragen sind bezeichnend für seine Herangehensweise. Es geht nicht darum, irgendwann einen perfekten Zustand zu erreichen. Es geht darum, den nächsten kleinen Vorteil zu finden.
Immer auf der Suche nach dem "Warum?"
Diese Haltung prägt auch Letangs Verständnis von moderner Spielerentwicklung.
Der Kanadier glaubt, dass man offen dafür sein müsse, "klugen Menschen in unserem Umfeld zuzuhören". Ideen könnten schließlich von überall kommen, auch außerhalb des Eishockeys.
"Manchmal geben einem Leute, sogar außerhalb des Sports, Ideen, wie man die Taktik ändern, die Trainingsinhalte anpassen oder vielleicht sogar die Art und Weise, wie man reist, umstellen kann", meint der neue Salzburg-Coach.
"Wenn jemand mit einer 20-Tore-Saison nicht zufrieden ist, muss die Frage lauten: Wie komme ich auf 25?"
Auch Ernährung sei zu einem wichtigen Faktor geworden. Spieler seien sich dessen heute deutlich bewusster und hätten einen besseren Zugang zu Informationen. Vor allem aber seien sie bereit, Dinge zu hinterfragen.
Genau darin sieht Letang einen Unterschied zu seiner eigenen Generation. "Uns wurde einfach gesagt, dass wir es so machen sollen, und wir haben diesem Prozess vertraut."
Heute sei das anders. Die Spieler wollten wissen, warum etwas gemacht werde. Und genau diese Neugier wünscht er sich heute von jedem einzelnen Spieler. Nicht nur von den großen Talenten, sondern auch von den Routiniers.
Letang: "Wenn jemand mit einer 20-Tore-Saison nicht zufrieden ist, muss die Frage lauten: Wie komme ich auf 25? Oder: Wie verbessern wir uns als Team?" So soll eine Dynamik entstehen, in der sich die Spieler gegenseitig antreiben und gemeinsam besser werden.
Standards statt Regeln
Bei aller Offenheit braucht es für Letang aber auch klare Leitplanken. Und die fasst er in einem Begriff zusammen: Standards.
"Für mich geht es darum, unser System, unsere Denkweise und unsere Standards zu vermitteln – keine Regeln, sondern Standards, an die wir uns halten", erklärt der 50-Jährige.
Das beginnt für ihn nicht erst im Spiel. Standards sollen im Fitnessstudio ebenso gelten wie auf dem Ergometer, im Training, im Spiel oder im Hotel. Entscheidend sei, dass die gesamte Mannschaft sie mitträgt – allen voran die Führungsspieler.
Letang spricht dabei bewusst von einer Kultur. Er will nicht einfach Vorgaben machen und deren Einhaltung kontrollieren. Er will, dass die Mannschaft die Ansprüche übernimmt und sich gegenseitig daran misst.
Nur Anpassungen notwendig
Das passt auch zu seinem Verständnis von Salzburg. Der Klub habe sich über Jahre eine erfolgreiche Tradition aufgebaut. Genau deshalb wolle er nicht mit dem Anspruch kommen, alles neu zu erfinden.
"Die Grundlage ist hier. Die Tradition, die Erwartungen und die Ansprüche sind vorhanden." Er werde mit seinem Trainerteam einige Dinge anpassen und eigene Ideen einbringen. Das Fundament aber sei bereits vorhanden.
Auch die Zusammensetzung seines Staffs soll dabei helfen. Adam Maglio war bereits im vergangenen Jahr Teil des Trainerteams und kennt die Abläufe in Salzburg. Jason Morgan wiederum kennt Letang seit vielen Jahren.
Die unterschiedlichen Erfahrungen sieht der neue Head Coach als Vorteil. "Wenn wir das alles zusammenbringen, haben wir einen vielseitigen Staff. Wir arbeiten bisher sehr gut zusammen."
Ehrlichkeit statt Ausweichen
Hohe Standards bringen allerdings zwangsläufig Situationen mit sich, in denen nicht alles nach Plan läuft. Letang weiß, dass eine Saison Aufs und Abs bereithält. Und dass ein Trainer dann manchmal Dinge ansprechen muss, die niemand gerne hört.
Wir werden ehrliche, offene Gespräche führen, weil das bedeutet, dass mir der Mensch genauso wichtig ist wie die Person im Trikot und die gesamte Organisation.
Ausweichen will er solchen Situationen nicht. Er ist sich bewusst: "Es wird schwierige Gespräche geben, die ich führen muss. Und ich glaube nicht daran, diesen Gesprächen aus dem Weg zu gehen."
Stattdessen setzt er auf Ehrlichkeit und Offenheit. Von Beginn an sollen die Spieler wissen, woran sie bei ihm sind. Das hat für Letang auch eine persönliche Komponente. Ein offenes Gespräch sei nicht Ausdruck von Distanz, sondern von Interesse am Spieler.
"Wir werden ehrliche, offene Gespräche führen, weil das bedeutet, dass mir der Mensch genauso wichtig ist wie die Person im Trikot und die gesamte Organisation", so Letang.
Erst wenn dieses Vertrauen aufgebaut sei, könne sich eine Mannschaft in die gewünschte Richtung entwickeln.
Unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Ziel
Letang weiß gleichzeitig, dass nicht jeder Spieler mit derselben Motivation nach Salzburg kommt.
Der eine will sich langfristig beim Klub etablieren, der nächste möchte sich für einen nächsten Schritt in eine Top-Liga empfehlen. Gerade jüngere Spieler können Salzburg auch als Zwischenstation auf ihrem Karriereweg sehen.
Für Letang ist das völlig legitim. "Was diese Motivationen auch immer sind - wenn wir gemeinsam in der Kabine sind und dieses Trikot tragen, haben wir ein Ziel und eine Motivation."
Die individuellen Ziele sollen dabei nicht verschwinden. Im Gegenteil: Für Letang ist Entwicklung ein wesentlicher Bestandteil des Profisports. Entscheidend sei aber, dass aus unterschiedlichen persönlichen Ambitionen eine gemeinsame Identität entstehe.
Genau diese Identität habe Salzburg in der Vergangenheit stark gemacht.
Zurück in eine andere ICE
Eine gewisse Vertrautheit bringt Letang bei seiner Rückkehr nach Österreich mit. Die win2day ICE Hockey League kennt er noch aus seiner aktiven Zeit, allerdings ist das mittlerweile zwölf Jahre her.
Und die Liga habe sich in dieser Zeit verändert. Die Unterstützung sei größer geworden, die Reichweite habe zugenommen und mit weiteren Teams sei auch die Tiefe gewachsen. Vor allem aber sei die Liga ausgeglichener.
"Als ich hier gespielt habe, gab es die Top-Teams und dann einige Teams am unteren Ende. Heute gibt es in dieser Liga viel mehr Ausgeglichenheit", meint er.
Das mache es schwieriger, Abend für Abend zu gewinnen. Letang: "Du musst auf deinem Niveau sein, deine Systeme im Griff haben und deine Details sauber erledigen."
Gerade dieser letzte Punkt dürfte ihm besonders wichtig sein. Denn je enger die Liga zusammenrückt, desto entscheidender werden jene Kleinigkeiten, auf die der Kanadier so großen Wert legt.
Jetzt beginnt Letangs eigentliche Aufgabe
Viel Zeit, sich in Salzburg einzuleben, bleibt Alan Letang nicht.
Nach den ersten Testspielen wartet mit dem Salute-Turnier der erste größere Gradmesser, ehe es in der Champions Hockey League erstmals ernst wird.
Im ersten Spiel werde ich viel über unsere Gruppe lernen. Und ich werde viel über mich selbst lernen, während wir voranschreiten.
Für den 50-Jährigen beginnt damit ein neues Kapitel in einer Liga, die er als Spieler noch kennt, die sich seitdem aber deutlich verändert hat. Was ihn erwartet, weiß Letang. Was seine Mannschaft daraus macht, wird er erst erfahren.
"Im ersten Spiel werde ich viel über unsere Gruppe lernen. Und ich werde viel über mich selbst lernen, während wir voranschreiten", sagt Letang.
Ein Satz, der vielleicht besser als jeder andere beschreibt, wie er an seine neue Aufgabe herangeht: Nicht mit dem Anspruch, bereits alle Antworten zu kennen, sondern mit der Bereitschaft, weiter zu lernen.
In Salzburg beginnt für ihn die nächste Suche nach dem entscheidenden Vorteil.