Freimüller: So unterscheiden sich DEL und EBEL

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Deutschland ist im Eishockey-Fieber! Jeder will die Silber-Helden von Pyeongchang live sehen.

Die deutschen Olympia-Stars bei Köln, Nürnberg, Wolfsburg, Mannheim, Berlin, Ingolstadt und München locken die Fans in die Hallen. Es geht um die Playoff-Tickets.

Scout Bernd Freimüller war für LAOLA1 auf großer Deutschland-Tour und hat die DEL gründlich unter die Lupe genommen.

Der Experte verrät seine Einschätzung der Deutschen Eishockey-Liga und liefert massig Quervergleiche mit der heimischen EBEL.

Wie steht es um das Niveau der Spieler? Wie lassen sich Vereins-Strukturen und Infrastruktur vergleichen? Was können die Cracks da wie dort verdienen?

Die Antworten auf alle Fragen gibt es im großen Check:

Das Niveau und der einheimische Spielermarkt

Von den acht Spielen, die ich in Deutschland besucht habe, waren nur die Partie zwischen Schwenningen und Augsburg sowie der Auftritt der an diesem Tag halbgaren Münchner gegen Wolfsburg (0:4) von überschaubarem Unterhaltungswert.

Insgesamt sticht dem EBEL-geschulten Auge eines gleich nach wenigen Shifts in Auge: Die DEL ist größer und körperlich stabiler. Klar, auch hier gibt es Mannschaften wie Augsburg, die physisch nicht so stark sind, aber im Durchschnitt sind vor allem die Defender beim Nachbarn gefühlt einen Kopf größer als die in der EBEL.

Wohlgemerkt, Größe und Gewicht machen im internationalen Eishockey immer mehr Speed und Puckskills Platz, doch natürlich sind die kleineren EBEL-Spieler nicht talentierter als ihre Gegenstücke in der DEL.

Dass der deutsche Spielermarkt – bei allen Problemen im Nachwuchs – breiter und besser aufgestellt ist als der österreichische, liegt auf der Hand.

Nicht umsonst ist Deutschland seit Jahren eine gestandene A-Gruppen-Nation mit WM-Viertelfinalpotenzial, während Österreich um den 16. Platz in der Weltrangliste herumrotiert. Zwar spülten so starke Jahrgänge wie 1996 und 1997 viele rot-weiß-rote Cracks in die Liga, aber davor und danach gibt es halt dann oft erhebliche Löcher.

Was gegenüber der DEL völlig fehlt: Spieler, die sich über untere Ligen (Oberliga oder DEL2) als Late Developer nach oben dienen können. Mir fällt da in Österreich über die letzten Jahre nur David Madlener ein, in Deutschland sind Fälle wie Phil Hungerecker (bisher 17 Tore für Mannheim in seiner ersten DEL-Saison) zwar nicht an der Tagesordnung, aber auch nicht die absolute Ausnahme. Das ergibt über die Jahre einen breiteren und besseren Stamm an einheimischen Kräften, auch wenn die deutschen U18- und U20-Teams in den letzten Jahren dem Aufstieg in die A-Gruppe vergeblich nachhechelten.

Top-Vier-Teams der EBEL könnten in der DEL mithalten

Die DEL-Spiele gehen insgesamt intensiver und mit höherem Tempo über die Bühne, auch ist das Leistungsgefälle zwischen den einzelnen Blöcken nicht annähernd so groß wie bei schwächeren EBEL-Teams. Zagreb – mit einigen sehr starken Spielern gespickt – könnte mit ihren bevorzugten fünf Defendern und vielleicht zehn Stürmern in Deutschland nicht mithalten.

Für mich auch nur schwer vorstellbar: Dass Cracks wie Colton Yellow Horn oder Shane O'Brien, die wie die "Vorher"-Bilder einer Diät-Reklame aussehen, hier ein langes Leben hätten. Einzig beim Blick auf Milan Jurcinas Oliver-Hardy-mäßigen Hosenboden und dessen 114 Kilo hatte ich Zweifel, ob das alles Muskelmasse ist.

Ich schließe mich der Meinung eines Coaches an, der in beiden Ligen tätig war: Die Top-Vier-Teams der EBEL könnten in der DEL mithalten, wären aber keine Meisterkandidaten, auch wenn Wien natürlich von sich in Anspruch nehmen kann, oft über dem Liga-Level zu agieren. Umgekehrt wären selbst heuer abgeschlagene DEL-Teams wie Straubing oder Krefeld in der EBEL gute Mannschaften und hätten Chancen auf die Playoffs.

Der internationale Spielermarkt

Beide Ligen befinden sich fest in nordamerikanischer Hand – zwar hat die DEL ein "Gentleman's Agreement" mit neun Legionären gefunden (elf können gemeldet sein), deutsche Pässe sind aber (zumindest in Bremerhaven und Iserlohn) wesentlich leichter zu bekommen als in Österreich.

Aber immerhin: Einige dieser Zwei-Flaggen-Spieler wie Brent Raedeke oder Brooks Macek, der stolz seine Olympia-Silbermedaille präsentiert (Bild oben), finden auch den Weg ins Nationalteam.

In der EBEL wurde die ursprüngliche gute Idee der Punkteregelung über die Jahre so ausgehöhlt, dass einige Teams ihre Legionärs-Zahlen schleichend erhöht haben. Und diese kommen auch hier zum Großteil aus Nordamerika.

Eine Faustregel: Die DEL rekrutiert ihre Legionäre aus der AHL (finanzkräftige Teams wie Nürnberg oder Mannheim auch aus der NHL), die EBEL ihre aus der ECHL. Natürlich gibt es da (viele) Ausnahmen, Nürnberg etwa holte mit Dane Fox einen (sehr guten) ECHLer, Jack Combs erwies sich trotz seiner eisläuferischen Schwächen als DEL-Torgarant. Doch im Durchschnitt gehen gute AHLer in die DEL, AHL/ECHL-Borderliner in die EBEL.

Auch wenn die Herkunft der Spieler nicht unbedingt ein Indikator für deren Spielstärke ist – langjährige AHLer versprechen doch eine höhere Qualität als eine Reihe von ECHLern, die vom Spielstil manchmal sehr vogelwild daherkommen können.

Legionäre aus europäischen Ländern sind in beiden Ligen eher die Ausnahme, Schwenningen zeigt sich sehr international, in der EBEL setzt Zagreb teilweise auf den finnischen Markt, der in den letzten Jahren finanziell erschwinglicher wurde.

Die Grenzgänger

Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche mit DEL-Coaches und Sportdirektoren geführt – sie kennen die Spitzenspieler der EBEL, Interesse an einigen Cracks ist natürlich da. Auch gerade verlängerte Verträge wären hier kein Problem, viele Spieler haben sommerliche Ausstiegsklauseln für höhere Ligen und da gehört die DEL auch dazu.

Doch zwei Namen kochen in den Diskussionen über die EBEL immer wieder hoch: Brian Lebler und Andrew Kozek.

Lebler zertrümmert(e) vor und nach seinem DEL-Gastspiel die EBEL nach Belieben, seine Fußarbeit erwies sich in Ingolstadt aber als zu langsam. Kozek – ein Torgarant in unserer Liga – scorte zwar im Nürnberger Starensemble mit 16 Treffern gar nicht schlecht, ein Anschlussvertrag in Deutschland schaute dabei aber nicht heraus. Diese Namen machen die DEL-Sportdirektoren doch nervös.

Natürlich gibt es EBEL-Cracks, die in der DEL sesshaft wurden: Jan Urbas, Brent Aubin, Kris Foucault oder Sebastian Dahm – alles gute Performer, aber nicht mit dem gleichen (Star-)Status wie in Österreich. Dass auch noch gute EBEL-Spieler wie Antonin Manavian oder Hunter Bishop in der DEL gar nicht erst lizenziert wurden, ist ein weiteres Indiz für den Unterschied zwischen beiden Ligen.

Doch umgekehrt sind natürlich auch die Zeiten vorbei, wo ausrangierte DELer für die EBEL immer noch gut genug sind: Richie Regehr, Julian Talbot oder Jon Rheault (Umweg über die NLB) – der KAC wurde mit ihnen bisher nicht glücklich.

Ein durchschnittlicher und noch jüngerer Defender wie David Fischer, der sich in Klagenfurt langfristiger Vertragssicherheit erfreut, ist dagegen eher ein sicherer Wert, auch Jamie Arniel und Scott Timmins in Dornbirn sind positive Beispiele für DELer, die nicht erst nach ihrem Karriere-Horizont nach Österreich kamen.

Ich erwarte auch im Sommer einige Transfers in beide Richtungen, die EBEL wird ihre Abgänge aber eher vermissen als umgekehrt.

Die Gehälter

Ich muss mir immer Luft zufächeln, wenn ich die Gehälter der deutschen Cracks höre.

Spitzenkräfte mit schönen sechsstelligen Summen, selbst Liga-Mitläufer oder Backup-Goalies mit Summen im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich. Kein Wunder, dass sich die Teams mit Vehemenz gegen eine Reduzierung der Legionärs-Zahlen stemmen.

In der EBEL schaut es schon länger anders aus: Natürlich gibt es noch einige Spitzenkräfte bei den Top-Teams, die gut bezahlt werden. Doch der durchschnittliche einheimische österreichische Crack muss fast schon Geld mitbringen, um seinen Sport ausüben zu können.

Selbst Spieler mit Nationalteam-Einsätzen verdienen mitunter zwischen 20.000 und 30.000 Euro netto im Jahr, sprich Saison – zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Wenn so ein Spieler – wie etwa im letzten Sommer David Kickert – doch einmal ein ligainternes Angebot bekommt, braucht es keine Unsummen, um ihn zu einem Adresswechsel zu bewegen. Die Zahl der gutbezahlten Österreicher wird auch in Zukunft abnehmen, die Tendenz geht weiter zu einer hohen Anzahl an Legionären, die mit billigeren jungen Einheimischen ergänzt werden.

Große Gehalts-Unterschiede bei Legionären

Auch bei den Gehältern für die Gastarbeiter gibt es große Unterschiede: Lassen wir die Liga-Granden einmal weg – ein typisches EBEL-Legionärsgehalt liegt bei etwa 30.000 bis 40.000 Euro, in der DEL liegt die Untergrenze etwa bei 50.000 Euro, nur wenige Spieler (Krefeld, Bremerhaven) liegen darunter.

In der EBEL gibt es nicht nur aufgrund der Beteiligung von fünf Ländern quasi zwölf verschiedene Arten, wie man mit Steuern und Sozialabgaben umgeht, daher ist ein allgemeiner Vergleich mit der DEL schwer möglich.

Eine Eigenheit fällt aber auf: Aufgrund einer niedrigeren Steuerklasse sind für DEL-Teams Spieler mit Anhang oft günstiger – wie ein DEL-Manager mir sagte: "25 Jahre alt, verheiratet – der ideale Mann für uns." Bei Kindern (und Hunden) wird das dann zu einem Rechenspiel, wie die Steuer-Ersparnisse durch zusätzliche Flüge und größere Wohnungen aufgefressen werden. In der EBEL sind Singles dagegen mehr gefragt.

Die Infrastruktur

Hier ist der Unterschied natürlich himmelschreiend – im 5.000-Punkte-Programm, das jede DEL-Arena erfüllen muss, würden wohl nur Wien und eventuell Graz durchkommen. Klar, Arenen wie in München (solange die neue noch auf sich warten lässt), Schwenningen und Straubing sind auch keine Prunkbauten. Doch so Bruchbuden wie Szekesfehervar oder die altehrwürdig-versiffte Messehalle in Klagenfurt kämen bei unseren Nachbarn nie und nimmer durch den TÜV.

Dagegen sind Arenen wie Köln, Düsseldorf, Mannheim, Nürnberg oder Berlin "state-of-the-art", selbst Krefeld, Augsburg (einst ein fürchterlicher Eiskasten) oder Ingolstadt genügen gehobenen europäischen Ansprüchen. Ich würde die DEL-Arenen knapp vor Schweden in Europa reihen, wobei die Schweiz und Tschechien in den letzten Jahren gewaltig aufgeholt haben.

Mit Berlin, Köln, Düsseldorf und Mannheim könnten gleich vier DEL-Arenen A-Weltmeisterschaften auf dem höchsten Standard ausrichten, während in der EBEL selbst die größte Halle (Wien mit einer Kapazität von 7.200) zu klein geraten ist.

Die Liga- und Vereins-Strukturen

EBEL-Liga-Manager Christian Feichtinger hebt hervor, dass seine Liga in manchen Dingen Trendsetter war, Stichwort etwa Gamecenter oder DOPS ("Department of Player Safety").

Auch bei den Referees hatte die EBEL – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt – bei der Einführung des Vier-Mann-Systems die Nase vorne.

Nur: Kann sich jemand in der DEL die folgenden Szenarien vorstellen? Ein lebender Leichnam wie Olimpia Ljubljana wird über mehrere Saisonen durchgeschleppt – Schulden bei Spielern und Lieferanten über Jahre, selbst als sich Spieler beim Gegner Stöcke erbetteln mussten, reichte das noch nicht für einen Liga-Ausschluss, der erst im letzten Sommer und mindestens zwei Saisonen zu spät erfolgte.

Medvescak Zagreb kündigte kurzfristig Open-Air-Spiele an, eine Woche später hieß es "April, April – wir spielen doch in der Halle". Die DEL kündigt solche Events Monate im Voraus an und veranstaltet und zelebriert sie profimäßig.

Die EBEL beginnt nach 80 Prozent der Saison quasi wieder von vorne, was zuvor passierte, spiegelt sich in der Pick- und Qualification-Round lediglich durch läppische Bonuspunkte wieder. Theoretisch könnte also ein Team bis dahin jede Partie zweistellig verlieren und hat immer noch Chancen auf den Meistertitel.

Angesichts dieses Mangels an Wettkampf-Integrität schütteln vor allem neu in die Liga gekommene Coaches nur den Kopf. In Deutschland dagegen wird schon von Wettbewerbs-Verzerrung gesprochen, wenn Teams wie Krefeld oder Straubing die letzten drei bedeutungslosen Spiele mit reduziertem Kader absolvieren.

Wenn es um klubinterne Angelegenheiten geht, ist es auch immer wieder faszinierend, mit den Sportmanagern über deren Reisepläne zu sprechen – folgender Satz über einen Scouting-Trip ist beispielhaft: "Ich fliege dann am Freitag an die Ostküste, sehe dort einige AHL-Spiele, bevor ich nach Chicago weiterfliege. Der Jason fliegt dann auch rüber, der Charly kommt eine Woche später."

Spielerbeobachtungen (in Europa und Übersee) gehören für die DEL-Teams zum Tagesgeschäft. Etwas, das in der EBEL nur in Ausnahmefällen bekannt ist. Da sind höchstens Coaches von Nicht-Playoff-Teams am Ende der Saison noch unterwegs, sportliche Entscheidungen werden – im Rahmen des Budgets – auch meist von ihnen getroffen.

Eine Gewaltentrennung in Geschäftsführer, Sportlicher Leiter und Coach, die in der DEL zumindest bei den Spitzenklubs die Regel ist, ist in der EBEL aus Kostengründen unbekannt. Wie der Weltenbummler Andre Lakos, der alle europäischen Ligen aus eigener Hand kennt, einmal anmerkte: "Für jeden EBEL-Mitarbeiter gibt es in der DEL drei." Trotz Ausnahmen wie RB Salzburg und den Vienna Capitals: Nicht nur in dieser Beziehung wirkt die EBEL wie der kleine Bruder der DEL und orientiert sich hier eher an der DEL2.

Spielerbewertungen

Die Unterschiede in den Spielstärken der beiden Ligen – nicht gigantisch, aber doch ins Auge stechend – macht auch eine brauchbare Bewertungsskala für einen Scout nicht einfach.

Ich habe durchschnittliche Spieler in beiden Ligen noch in einer Kategorie ("Average EBEL/DEL") zusammengefasst, danach war aber eine Aufteilung nötig: "Top EBEL/Very good DEL" und "Top DEL/Very good Europe".

In meinen knapp 300 EBEL- und 160 DEL-Reports war vor allem die mittlere Kategorie bei DEL-Spielen weit häufiger vertreten als bei meinen "Heimspielen". Vereinzelt, aber doch regelmäßig können sich Ex-DEL-Spieler in Ligen wie der SHL, NL oder KHL durchsetzen, direkte Transfers von EBEL-Cracks in diese Ligen kommen nur sehr selten vor.

Natürlich kann ein solches Scouting-System unterschiedliche Ligen nicht immer hundertprozentig abdecken – wohin wirklich mit Brian Lebler, der wieder die EBEL zerbombt, aber wohl die DEL ein für alle Mal abschreiben kann? Da gibt es halt den einen oder anderen Widerspruch, aber wie bei fast allen hier angesprochenen Kategorien gilt: Die EBEL ist nicht meilenwert von der DEL entfernt, kleine Unterschiede ergeben zusammengefasst aber doch eine gewaltige Differenz...

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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