Der Einzug von Ben Shelton in das Finale der US Open 2026 ist mehr als nur ein sportlicher Erfolg. Es ist ein Moment, auf den eine ganze Tennis-Nation seit über zwei Jahrzehnten gewartet hat.
Seit Andy Roddicks Triumph im Jahr 2003 in Flushing Meadows konnte kein amerikanischer Spieler mehr einen Grand-Slam-Titel im Einzel gewinnen.
Nun ruhen die Hoffnungen auf einem 23-jährigen Linkshänder aus Atlanta, dessen Karriereweg so untypisch wie beeindruckend ist.
US-Open-Finale: Alexander Zverev - Ben Shelton, Sonntag, ab 20:00 Uhr im LIVE-Ticker >>>
Vom Football-Feld auf den Centre Court
Geboren in eine Tennisfamilie – Vater Bryan war selbst Profi und erreichte Platz 55 der Welt, Mutter Lisa eine erfolgreiche Jugendspielerin – schien sein Weg vorgezeichnet. Doch der junge Ben Shelton interessierte sich zunächst mehr für American Football und träumte von einer Karriere als Quarterback.
Erst im Alter von elf Jahren begann er, regelmäßig zum Schläger zu greifen, anfangs ohne große Begeisterung. Der Antrieb kam laut mehreren Berichten durch seine ältere Schwester Emma, deren Reisen zu Turnieren ihn neidisch machten.
Auf Anraten seines Vaters verzichtete Shelton auf die internationale Junioren-Tour und konzentrierte sich auf Wettbewerbe in den USA. Später folgte er seinem Vater an die University of Florida, wo dieser als Cheftrainer tätig war.
Die Zeit am College erwies sich als goldrichtig: 2021 führte er die "Gators" zur nationalen Team-Meisterschaft, 2022 sicherte er sich den Einzeltitel der NCAA. Kurz darauf, im August 2022, verkündete er seinen Wechsel ins Profilager.
Der kometenhafte Aufstieg in die Weltspitze
Was folgte, war ein rasanter Aufstieg. Noch im selben Jahr gewann Shelton drei Challenger-Titel in drei aufeinanderfolgenden Wochen und knackte die Top 100. Sein Spielstil, geprägt von einem brachialen Aufschlag mit Geschwindigkeiten von bis zu 240 km/h und aggressivem Grundlinientennis, sorgte schnell für Aufsehen.
Bereits 2023 erreichte er bei den Australian Open das Viertelfinale und bei den US Open sein erstes Major-Halbfinale. Im Oktober desselben Jahres holte er in Tokio seinen ersten Titel auf der ATP-Tour.
Sein Vater Bryan gab seinen Posten als College-Coach auf, um seinen Sohn Vollzeit auf der Tour zu betreuen – eine Entscheidung, die sich auszahlte. Shelton entwickelte sein Spiel stetig weiter, wurde konstanter und bewies seine Vielseitigkeit.
2024 gewann er in Houston seinen ersten Titel auf Sand, was für einen Amerikaner eine Seltenheit ist. Im Jahr 2026 gelang ihm schließlich das Kunststück, Titel auf allen drei Belägen (Hartplatz, Sand und Rasen) in einer einzigen Saison zu gewinnen.
Das lange Warten einer Tennis-Nation
Sheltons Erfolgshunger kommt zu einer Zeit, in der sich die USA nach einem männlichen Grand-Slam-Champion sehnen. Die 23-jährige Dürreperiode hat tiefere Gründe. Die Ära der "Big Three" – Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic – ließ anderen Spielern kaum Raum.
Diese drei gewannen - zusammen mit den neuen Dominatoren Carlos Alcaraz und Jannik Sinner - 77 der letzten 90 Grand-Slam-Turniere.
Zwar verfügt das amerikanische Tennis mit Spielern wie Taylor Fritz, Frances Tiafoe und Tommy Paul über eine beachtliche Breite in der Weltspitze, doch der letzte große Wurf blieb aus.
Fritz erreichte 2024 das Finale der US Open, unterlag aber Sinner. Nun ist es Shelton, der die Chance hat, die Geschichte neu zu schreiben und als erster US-Amerikaner seit Andy Roddicks US-Open-Triumph im Jahr 2003 wieder ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen.
Macht sich Shelton unsterblich?
Sein Weg ins Finale 2026 war von einem epischen Viertelfinal-Duell gegen Titelverteidiger Carlos Alcaraz geprägt. In einem Fünf-Satz-Thriller, der erst um 3:33 Uhr morgens mit einem Ass von Shelton endete, warf er den Spanier aus dem Turnier.
"Das ist die großartigste Sportstadt der Welt", sagte ein erschöpfter, aber überglücklicher Shelton nach dem bisher größten Sieg seiner Karriere. Nun trennt ihn nur noch ein Spiel davon, eine 23-jährige Wartezeit zu beenden und sich selbst unsterblich zu machen.