GOLD! In Konkurrenz mit Gott, Fischen und Rapid

GOLD! In Konkurrenz mit Gott, Fischen und Rapid Foto: © GEPA
 

Anna Kiesenhofer sorgt am Sonntag mit Gold im olympischen Rad-Straßenrennen für eine riesige Sensation.

Die Niederösterreicherin überrascht in Tokio nicht nur die Konkurrenz und feiert nach 137 Kilometern einen historischen Start-Ziel-Sieg.

"Das ist unglaublich. Sogar als ich über die Linie gefahren bin, dachte ich 'Ist es nun vorbei, muss ich weiterfahren?'", berichtet Kiesenhofer, die von Beginn an das Tempo vorgab, von der Zieldurchfahrt.

Wie unerwartet und unglaublich diese Gold-Medaille ist, zeigt ein LAOLA1-Lokalaugenschein in ihrem Heimatort Niederkreuzstetten noch während die 30-Jährige im Rennen ihres Lebens um den Sieg fährt.

Gottesdienst statt Olympia

Die Hoffnung auf einen stimmungsvollen Bericht aus der knapp 1000 Einwohner zählenden Kastralgemeinde im Weinviertel wird schnell zerstört. Klar, ein Public Viewing wie bei der Fußball-EM darf man sich nicht erwarten, aber ein kleines, feines Event, bei dem die ganze Ortschaft vor einer Großbildleinwand die Daumen drückt, hätte sich sicher organisieren lassen.

Zwar sind im Zentrum zahlreiche Autos geparkt, aber deren Insassen sitzen nicht etwa vor einem großen Bildschirm und fiebern mit Kiesenhofer mit, die zu diesem Zeitpunkt noch 20 Kilometer von der großen Sensation trennen, sondern sie lauschen beim Freiluft-Gottesdienst vor der dem heiligen Jakobus geweihten Kirche den Worten des Pfarrers.

In Niederkreuzstetten darf man sich über eine Olympia-Siegerin freuen.

Die Pizzeria hat gerade erst ihre Pforten geöffnet, drinnen ist es noch dunkel und keine Menschenseele zu sehen, gegenüber bei "Harry’s Gerüchteküche" ist schon mehr los. Fünf ältere Herren sitzen in der Sonne bei ihren Verlängerten – typischer Sonntagstammtisch eben. An einem anderen Tisch sitzt ein Pärchen gemütlich beim Frühstück. Von Olympia-Euphorie keine Spur. Fernseher scheint es auf den ersten Blick nicht zu geben, zumindest ist er nicht eingeschaltet.

Ob sie denn nicht wissen, dass "ihre" Anna gerade zu Olympia-Gold radelt? "Doch, wir haben gerade im Ticker nachgeschaut. Sie führt", sagt einer der Herren stolz. "Wo kann man das denn sehen? Eurosport?", fragt er.

Dass das Rennen gerade in ORF1 läuft, verwundert das Quintett. Ich rufe auf meinem Handy den Stream aus der ORF TV-Thek auf und stelle es in die Tischmitte. Gemeinsam fiebern wir Kilometer für Kilometer dem Ziel entgegen.

Vermeintlicher Sturz sorgt für Schrecksekunde

Viel können sie mir von Kiesenhofer, die in der Schweiz lebt und als Mathematikerin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne arbeitet, nicht erzählen. Kirchenorgel hätte sie früher gespielt, aber das habe sie dann wohl nicht mehr interessiert.

Wie aufs Stichwort hört man den Kirchenchor singen. Vielleicht schickt ja der eine oder andere ein Stoßgebet gen Himmel? Schaden kann es nicht, wenn man an das Pech von Christiane Söder bei den Olympischen Spielen in Peking denkt, die sich kurz vor dem Ziel im Kampf um eine Medaille verschaltet und sich mit dem undankbaren vierten Platz begnügen musste.

Mittlerweile trennen Kiesenhofer nur mehr 4 Kilometer vom Ziel. "Die ist doch kurz vor dem Ziel gestürzt", meldet sich eine elegant gekleidete Dame vom Nachbartisch zu Wort, die offenbar unser Gespräch mitverfolgt hat. Wie gestürzt? Kurzes Entsetzen bei uns am Tisch. Blick auf den Stream. "Also bei uns fährt sie noch", entgegne ich ihr. Sie hätte das gerade gehört, sagt sie und zeigt auf ihr Handy. Hoffentlich ist unser Stream nicht zeitverzögert? Ist er nicht! Fehlalarm! Durchatmen. Kiesenhofer radelt unbeirrt Richtung Gold.

Keiler, Preis-Fischen und Rapid-Niederlage

Und dann ist der große Moment gekommen: Die 1,65 m große Weinviertlerin überquert als Erste des olympischen Rad-Straßenrennens der Damen die Ziellinie, reißt vor Freude die Hände in die Höhe und kann kaum glauben, was sie soeben geleistet hat.

Einen Profivertrag hatte die Niederösterreicherin einst abgelehnt, erst seit 2019 wieder ernsthaft zu trainieren begonnen und nur ausgewählte Rennen bestritten. Eigentlich liegt ihre Stärke im Einzelzeit-Fahren, denn sie sei "lieber alleine unterwegs" und nicht im Feld. Dennoch ist Kiesenhofer amtierende österreichische Meisterin in beiden Disziplinen. Und jetzt OLYMPIA-SIEGERIN!

"Super!", wird dieser historische Erfolg kurz und knapp bei uns am Tisch kommentiert. Dann widmet man sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens: Ein Bekannter habe gestern einen über 100 Kilo schweren Keiler erlegt, beim Preis-Fischen wollte kein großes Kaliber beißen, aber das lag eindeutig am schlechten Platz und dann war ja auch noch das Rapid-Spiel. Die Niederlage der Hütteldorfer ruft bei den Herren mehr Emotionen hervor als das eben eingefahrene Olympia-Gold.

Der Fischteich in Niederkreuzstetten erfreut sich großer Beliebtheit

Schade, dass diesen großartigen Moment der österreichischen Sportgeschichte nicht mehr Menschen gemeinsam verfolgt haben. Vielleicht hat man sich aufgrund der aktuellen Covid-Situation lieber privat getroffen. Vielleicht lag es auch daran, dass am örtlichen Teich an diesem Vormittag erneut ein gut besuchtes Preis-Fischen auf dem Programm stand. Vielleicht spiegelt die Situation aber auch einfach das Interesse an den Olympischen Spielen und am Radsport insbesondere in Österreich wieder.

Der Bürgermeister werde sich aber bestimmt etwas einfallen lassen, sind sich die Herren sicher. Verdient hätte es die frischgebackene Olympia-Siegerin allemal.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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