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Alle Welt will was von Gold-Radlerin Kiesenhofer

Foto: © GEPA

"Ich bin damit beschäftigt, mich auf den Beinen zu halten", sagt Anna Kiesenhofer weit nach Mitternacht japanischer Ortszeit. 

Die 30-jährige Niederösterreicherin hatte noch kaum Zeit, ihren sensationellen Olympiasieg im Straßenrennen zu realisieren. Stattdessen hatte sie gleich noch ein Rennen zu bestreiten - jenes durch die internationale Medienlandschaft. Interview-Anfragen kamen aus aller Welt, von CNN angefangen bis zur österreichischen Presse - das Interesse an Kiesenhofer ist enorm. 

"Das fühlt sich komisch für mich an", sagt die Niederösterreicherin, die quasi von Null auf Hundert die Sportwelt eroberte. "Für mich ist es eine irrsinnige Belohnung. Die Konsequenzen im realen Leben kann ich aber noch schwer abschätzen."

Ihr Leben werde sich durch diesen größtmöglichen sportlichen Erfolg nicht verändern, weiß Kiesenhofer schon in den Stunden nach ihrem Triumph. Sie werde weiter ihren Job ausüben und die Radkarriere so fortführen wie bisher. Und damit nicht in ein Profiteam wechseln. "Aber dieser Erfolg gibt mir sehr viel Selbstvertrauen. So gesehen, werde ich eine andere Person sein."

"Vom Olympiasieg zu träumen habe ich mich nie getraut"

Olympiasiegerin zu werden hat Kiesenhofer, die erst seit 2016 Radrennen fährt, selbst nicht erwartet. "Konkret vom Olympiasieg zu träumen habe ich mich nie getraut", sagt Kiesenhofer auf LAOLA1-Nachfrage. "Zuerst war das Ziel die Qualifikation, für viele Sportler ist es ja schon eine irrsinnige Leistung, bei Olympia dabei zu sein. Aber wenn ich am Start bin, will irgendwas in mir, dieser ehrgeizige Teil in mir, natürlich immer gewinnen."

Ihr Ehrgeiz sei immer derselbe, egal ob bei Olympia oder einem x-beliebigen Rennen, sagt die Gold-Radlerin. "Diese akribische Arbeitsweise gehört zu meinem Charakter, auch wenn es nur der Radmarathon ums Eck ist, da bereite ich mich auch so vor. Da leide ich im Training genauso viel, aber man kriegt am Ende nichts dafür, außer das persönliche Erfolgserlebnis. Jetzt habe ich das persönliche Erfolgserlebnis plus alles andere. Das ist noch schwer zu realisieren."

Im APA-Interview spricht Kiesenhofer über den Moment der Zieldurchfahrt, das Mastermind hinter dem Erfolg und eine gewisse Genugtuung. 

 

Frage: Ihr Olympiasieg ist ein paar Stunden alt. Haben Sie schon realisiert, was Sie da erreicht haben?

Kiesenhofer: Der Moment, in dem ich das genießen kann, wird erst sein, wenn ich daheim angekommen bin. Es ist recht stressig, aber schön langsam begreife ich es. Im Moment setzt die Müdigkeit ein nach einer ursprünglich Rieseneuphorie.

Frage: Wie schafft man so einen Kraftakt?

Kiesenhofer: Mit viel Vorbereitung. Und natürlich Glück, das man bei einem Straßenrennen braucht.

Frage: Sie haben gesagt, das Sie es nicht glauben konnten, als Sie über der Ziellinie fuhren, dass das Rennen aus ist. Wann kam dann dieser Moment?

Kiesenhofer: Hundertprozentig sicher war ich nicht. Ich habe mich umgeschaut und gedacht, 'ach, ja wirklich'. Dann habe ich es schön langsam realisiert.

Frage: Sie sind selbst das Mastermind hinter Ihren Erfolgen, lautete ein erster Kommentar. Erklären Sie das bitte näher?

Kiesenhofer: Ich habe schon emotionalen Support. Von meinem Freund, meiner Familie. Ansonsten habe ich niemand Konkretes. Trainingsplanung, Ernährungsplanung, das mache ich mir selbst. Im Rennen hatte ich den Support durch das Team. Das war klar und wichtig. Aber in der Vorbereitung bin ich mein eigener Chef.

Frage: Könnte sich das nun ändern?

Kiesenhofer: Nein. Es war ja meine Wahl, ich war schon einmal in einem Profiteam. Ich brauche meine Freiheit, meine Sachen selbst zu kontrollieren und die Rennen selbst auszusuchen.

Frage: Hat es geholfen, dass Sie Mathematikerin sind? Haben Sie im Kopf gerechnet, wieviel Sie rausnehmen können, dass es sich am Ende noch ausgeht?

Kiesenhofer: Die große Unbekannte ist das Tempo der anderen hinten. Ich kann rechnen, wie schnell ich sein kann, weiß aber nie, wie schnell die anderen sind. Ich habe Simulationen gemacht mit Leistung, wie lange ich brauche, um die Verpflegung einzuteilen. Aber man weiß es ja nie vorher.

Frage: Was ist es für ein Zeichen, wenn man als Teilzeitsportlerin Olympiagold gewinnt: Dass man alles schaffen kann?

"Man kann nicht alles schaffen, es braucht Gegebenheiten. Ich kann nicht fliegen, bin kein Vogel. Es gibt Grenzen des Möglichen. Aber man kann viel rausholen mit Geduld und Hingabe."

Kiesenhofer: Das klingt romantisch und schön, aber ich bin schon realistisch. Man kann nicht alles schaffen, es braucht Gegebenheiten. Ich kann nicht fliegen, bin kein Vogel. Es gibt Grenzen des Möglichen. Aber man kann viel rausholen mit Geduld und Hingabe.

Frage: Ihrer Nominierung für Olympia gingen Diskussionen voraus. Wie denken Sie jetzt darüber?

Kiesenhofer: Es ist eine gewisse Genugtuung. Die Olympia-Quali ist ein kompliziertes Thema, da gibt es immer verschiedene Meinungen. Jeder verdient es in einer Form. Ich bin froh, dass ich hinfahren durfte.

Frage: Und wie sehen Sie im Nachhinein ihre Ansage, die da lautete: Wenn ich tauschen könnte, wäre mir das Einzelzeitfahren lieber.

Kiesenhofer: Im Nachhinein bin ich froh, dass ich im Straßenrennen gefahren bin und nicht im Einzelzeitfahren. Es ist eine Tatsache, dass das Straßenrennen unvorhersehbar ist. Man braucht den Glücksfaktor auf seiner Seite.

Frage: Scheinbar hatten Sie nicht viele auf der Rechnung, die Niederländerin Annemiek van Vleuten hat nicht einmal mitbekommen, dass Sie vor ihr waren.

Kiesenhofer: Es ist cool als Überraschungssiegerin. Es war mein Vorteil, weil wenn ein Star sich auf Flucht begibt, hat er andere Nationen, die einen jagen. Aber bei mir dachten sie wohl: die kennt man nicht, die ist schlecht.

Frage: Wie hat Ihre Familie reagiert?

Kiesenhofer: Meine Familie ist nicht so eine Radsportfamilie, die kennt sich nicht so aus. Meine Mama will, dass ich gesund ins Ziel komme. Ich weiß nicht, ob sie das einordnen kann. Ist auch egal, Hauptsache ich bin gesund, dann ist sie glücklich. Jetzt will ich noch heimkommen, bevor meine Familie in den Urlaub fährt.

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Textquelle: © LAOLA1.at/APA
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