Tote und Urin im Fußball-Tempel

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Tote und Urin im Maracana

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Meine Erinnerungen an Tote und Urin im Maracana

Fußball ist in Brasilien Religion. Die Stars jeder Ära sind Götter. Ihre Namen kennt jedes Kind. Barcelona-Stürmer Neymar soll die Selecao nun erstmals zu Olympischem Gold führen. Dazu passend werden die Olympischen Spiele in Rio in einem Fußball-Tempel eröffnet. Nicht in irgendeinem Stadion, sondern im Maracana.

Das Estadio Jornalista Mario Filho, wie das Maracana offiziell heißt, wurde für die Heim-WM 1950 errichtet und ist eines der berühmtesten Fußball-Ovals der Welt. Ganz Brasilien forderte 1950 den Titel. Beim Finale gegen Uruguay fieberten nach FIFA-Angaben 173.850 Zuschauer mit, inoffiziell sollen sogar knapp 220.000 im Maracana gewesen sein.

Anstelle des sicher geglaubten WM-Trophäe erlebte Brasilien eine der dunkelsten Stunde in seiner Fußball-Historie. Die 1:2-Final-Niederlage gegen Uruguay gilt als der längste Alptraum der brasilianischen Geschichte. Inzwischen hat sich in die Leidensgeschichte der Selecao ein weiterer schmerzhafter Stachel dazugesellt - die 1:7-Pleite im Halbfinale der Heim-WM 2014 gegen Deutschland in Belo Horizonte.

Unvergessen bleibt mir mein erster Besuch in der Kult-Arena Marana im Jahr 1992. Anlässlich einer Argentinien-Reise mit zweitägigem Aufenthalt in Rio ergab sich die Möglichkeit, beim Finalspiel um die brasilianische Meisterschaft zwischen Flamengo und Botafogo dabei zu sein. Bei einem der sogenannten Classicos also, einem Rio-Derby. Wobei da wiederum das berühmteste „Fla-Flu“ genannt wird, das Aufeinandertreffen von Flamengo und Fluminense. Egal, Flamengo gegen Botafogo war auch nichts für schwache Nerven und begann mit einer Katastrophe.

Mit sechs Journalisten-Kollegen aus Österreich, darunter dem ehemaligen Krone-Sportchef Chris Wikus, fuhren wir in großer Vorfreude ins Maracana. Dort angekommen war die Arena bereits hoffnungslos überfüllt. Es gab lediglich Einheitskarten und keine Platzwahl. Beängstigendes Drängen. Fans, die sich mit Hilfe herunterhängender Kabel der Anzeigetafel vom ersten auf den zweiten Rang hinauf seilten. Unfassbare Bilder, elektrisierende Stimmung. Und als wir dann doch noch einige freie Stehplätze entdeckten, war die Freude von kurzer Dauer. Über uns stand der harte Kern der Botafogo-Fans und ihr größter Spaß war es, auf den darunter liegenden Rang zu urinieren. Das erklärte schnell, warum diese Plätze nicht wirklich gefragt waren.

Auf der von uns gegenüberliegenden Tribüne kam es dann aber zur wahren Katastrophe. Das Geländer im zweiten Rang gab dem Druck der Zuschauer nach und stürzte mit ca 40 Zuschauern auf die Besucher im ersten Rang. Drei Tote, 50 Verletzte und chaotische Szenen im Stadion waren die Folgen. Das Spiel wurde, nachdem die Verletzten ausgeflogen bzw. abtransportiert waren, pünktlich angepfiffen. Auf Wikipedia bzw. in den diversen Berichten über die Vorfälle von damals wird inzwischen von einem Tribünen-Einsturz geschrieben. Definitiv falsch. Wir haben die dramatischen Szenen damals, als das Geländer dem Druck der Besucher nachgab, mit eigenen Augen erlebt.

Das Stadion ist nach dem Spiel, bei dem ebenfalls knapp 200.000 Besucher anwesend waren, gesperrt und saniert worden. Auch sämtliche (unappetitlichen) Stehplätze sind entfernt worden. Seit 1998 steht Rios Kathedrale der Kickerei unter Denkmalschutz.

Heute fasst das Maracana nur noch 74.738 Zuschauer. Ein schönes Stadion, wie es auch in England, Deutschland oder Frankreich stehen könnte. Die Kultstätte von einst ist Geschichte und Botafogo wegen der auf uns urinierenden Fans von 1992 alles andere als mein Lieblingsverein in Rio. Das habe ich dem Club-Präsidenten bei der Eröffnung des Austria House, das sich in der Vereins-Zentrale von Botafogo befindet, mitgeteilt.

Bei der Eröffnung der Spiele werde ich mich jedenfalls wieder an die zum Teil beklemmenden Szenen und die atemberaubende Stimmung an jenem 19. Juli 1992 erinnern, als Maracana einmal mehr zum Schicksalsort für Fans aus Rio wurde.

Ate logo, bis bald!

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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