Ein waffenfähiger Skandal

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"Doping-Enthüllungen sind politisch gesteuert"

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Auch wenn die Enthüllungen des ehemaligen Moskauer Labor-Chefs Grigori Rodschenkow über angebliche russische Doping-Machenschaften während der Winterspiele in Sotschi erschrecken, eine nachhaltige Verwunderung bleibt aus.

Warum sollte es auch anders sein?

Die Substantive Russland und Doping wandern in jüngster Vergangenheit schließlich Hand in Hand durch die internationalen Schlagzeilen:

Auf den von der ZDF losgetretenen Skandal von systematischer Manipulation in der Leichtathletik folgten die eigentlich nicht Russland-spezifischen Meldonium-Fälle, die mit Maria Sharapova aber erst wieder ein russisches Gesicht bekamen.

Und nun eben Sotschi.

Da fällt es selbst einem Thomas Bach schwer, den immer lauter werdenden Ruf nach einem kompletten Russland-Bann für die am 5. August beginnenden Olympischen Spiele in Rio auszublenden. Ignorieren? Unmöglich! Der als Putin-Freund geltende IOC-Präsident rückte deshalb in einem „FAZ“-Interview bereits vorsorglich ein Stück von Russland ab.

Ist das schon ein Anzeichen, dass Rio ohne Russland stattfindet?

Nein.

Zumindest wenn es nach Gerhard Mangott geht. Der Politik-Wissenschaftler der Uni Innsbruck beschäftigt sich seit 30 Jahren eingehend mit Russland und hält einen kompletten Ausschluss für „sehr unwahrscheinlich“.

Sollen alle russischen Sportler von Olympia ausgeschlossen werden?

„Ein derartiger Schritt des IOC wäre das, was wir in der Politikwissenschaft als nukleare Option verstehen, also die schärfste und zerstörerischste Entscheidung, die man treffen kann“, analysiert Mangott. „Und ich denke nicht, dass das IOC zu so einem Schritt tatsächlich bereit ist.“

Doping-Enthüllungen als „politische Karte“

Die Überschneidung von Sport und Politik ist gerade in dieser Causa unübersehbar. „Sportliche Erfolge sind für die aktuelle Führung Russlands wichtig, um den Patriotismus, den sie selbst schüren, noch zu verstärken. Triumphe im Sport sind ein Leistungs-Ausweis dieses neuen Russlands, das nach oben strebt“, sagt Mangott im Gespräch mit LAOLA1.

"Ein Doping-Problem in Russland ist nichts, was man erst 'gestern' entdeckt hat. Die Frage ist aber, warum spricht man erst seit 'gestern' so intensiv darüber? Das ist wie eine Karte, die man jetzt gegen die russische Führung ausspielt."

Politik-Experte Gerhard Mangott

Mit dem Vorwurf, dass viel des Glanzes nicht auf seriöser Leistung sondern medikamentöser Hilfe beruht, schwächt die herrschende Partei vor dem eigenen Volk.

Der Politik-Experte geht noch weiter und glaubt bei den jüngsten Doping-Enthüllungen weniger an Zufall, als vielmehr an einen politisch gesteuerten Akt gegen Russland. „Ein Doping-Problem in Russland ist nichts, was man erst 'gestern' entdeckt hat. Die Frage ist aber, warum spricht man erst seit 'gestern' so intensiv darüber? Das ist wie eine Karte, die man jetzt gegen die russische Führung ausspielt“, verweist Mangott auf die Spannungen zwischen Russland und dem Westen, die in den vergangenen Jahren maßgeblich zugenommen haben.

Sippenhaftung für Anti-Doping-Kampf hinderlich

Der positive Effekt, dass dadurch die jüngsten Doping-Missstände aufgedeckt werden, darf hierbei freilich nicht unterschlagen werden. Genau so wenig, dass es sich bei Doping generell um ein weltweites Phänomen handelt.

Ob ein kompletter Russland-Bann den Anti-Doping-Kampf in Russland aber positiv beeinflussen würde, darf bezweifelt werden. Russland-Insider Mangott geht sogar vom Gegenteil aus:

„Die Regierung würde das gegenüber der Bevölkerung als neuerlichen Beweis für die Aggression des Westens darstellen. Man würde sich – wieder einmal – hintergangen, gedemütigt und beschädigt fühlen. Und das aufgrund politischer Gründe. Das würde eine offene Diskussion über Doping in Russland eher behindern.“

Mangott hält es deshalb für angebrachter und naheliegender, nur jene Athleten zu sperren, denen auch tatsächlich etwas nachgewiesen werden kann.

Nicht nur sportliche Konsequenzen

Internationale Beziehungen würden im Falle eines Gesamt-Ausschlusses den nächsten Härtetest erfahren. Vor diesem Hintergrund scheint es naiv zu glauben, dass das IOC nur anhand sportlicher Kriterien entscheiden wird.

Zumal in einer derart brisanten Causa ohnehin von einer Einflussnahme diverser Interessengruppen ausgegangen werden kann. Eine Annahme, die sich mit jener Mangotts deckt. „Die Entscheidung des IOC wird weisen, inwieweit man sich den Versuchen der Einflussnahme widersetzen kann, um die bestmögliche Lösung für den Sport zu finden.“

Für diese wollen die Olympier aber erst die Ergebnisse der WADA-Untersuchungen abwarten. Die Zeit drängt: In knapp elf Wochen wird unter dem Zuckerhut das Olympische Feuer entzündet.

Mit oder ohne russische Sportler.

 

Reinhold Pühringer

 

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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