Der mit dem steifen Daumen zockt

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Ein Twin-Tower startet durch

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Auch wenn bei der 20:26-Testspielniederlage gegen Deutschland die positiven Erscheinungen in rot-weiß-rot eher rar gesät waren, gab es nichtsdestoweniger einen großen ÖHB-Gewinner der Partie in Gummersbach:

Alexander Hermann.

Der linke Rückraumspieler war über weite Strecken das einzige probate Mittel gegen die Europameister-Abwehr.

Trotz einiger Fehlwürfe avancierte der 24-Jährige mit acht Treffern zum Topscorer der Partie, überbot damit sogar den deutschen Rückraum-Rammbock Julius Kühn (6).

Aus praktisch jeder seiner Aktionen sprach das Selbstvertrauen eines mittlerweile gestandenen Spielers, der sich auswärts gegen einen zeitweise übermächtigen Gegner nicht versteckte, sondern Verantwortung übernahm.

Bester Beleg dafür war der freche Wuzzler, den er als Aushilfs-Flügel gegen Carsten Lichtlein vergeblich versuchte. „Der war nicht ganz so überragend“, kommentierte der gebürtige Oberösterreicher nachher verschmitzt lächelnd.


Ein Schritt nach vorne

Seine Leistung gegen Deutschland war keine Eintagsfliege, vielmehr das Prolongieren seiner Form der letzten Wochen. Beim Bergischen HC beeindruckte der ÖHB-Legionär zuletzt mit Explosivität und Torgefahr.

Alleine in den beiden jüngsten Matches des deutschen Erstligisten war Hermann mit vier bzw. neun Treffern der erfolgreichste BHC-Werfer aus dem Feld. Obwohl er in seiner Premieren-Saison in der „stärksten Handball-Liga der Welt“ gleich mit dem Abstiegskampf konfrontiert ist, ist er mit 77 Toren zweitbester Schütze seiner Mannschaft.

Der Schritt nach vorne, den der vormalige Westwien- bzw. Linz-Akteur heuer gemacht hat, ist unübersehbar.

„Man merkt, dass ich die ganze Zeit spielen darf und das Vertrauen bekomme“, versucht er seine Entwicklung zu erklären. „Ich spiele fast nie weniger als 50 Minuten und werde auch nicht gleich nach zwei Fehlwürfen rausgenommen. Das bringt dich als Spieler einfach weiter.“ Dieses Vertrauen von BHC-Trainer Sebastian Hinze sowie ÖHB-Teamchef Patti Johannesson zahlt Hermann artig zurück.

Ein Hermann kommt selten allein

Um gleich in seinem ersten Bundesliga-Jahr so durchzustarten, bedarf es einer raschen Eingewöhnung. Und dafür waren die Bedingungen beim Bergischen HC für den Shooter perfekt. Schließlich steht bei den „Löwen“ neben ÖHB-Kapitän Viktor Szilagyi seit 2013 auch Alexanders Zwillingsbruder Maximilian unter Vertrag.

Wie ein Ei dem anderen: Max (li.) ist um einen Tick robuster als Alex (re.)
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Vergangenen Sommer war die Wiedervereinigung des leicht zu verwechselnden Duos perfekt. Das Brüderpaar spielt praktisch schon sein ganzes Leben zusammen. Im Alter von fünf Jahren fingen sie in Traun an. Insgesamt 15 Jahre stehen sie nun schon gemeinsam in einem Team auf der Platte. Nur kurz trennten sich die Wege, als Max, der im Gegensatz zu Alex Linkshänder ist, 2011 den HC Linz in Richtung Innsbruck verließ.

Diese Zäsur haben die „Hermänner“ hinter sich gelassen. Heute teilen sie sich in Solingen eine Wohnung. Trotz der rund 160.000 Einwohner sei das Städtchen nicht mit ihrer Linzer Heimat vergleichbar. „Solingen ist sehr weitläufig mit vielen Stadtteilen, aber keinem echten Stadtkern“, schildert Alex, der schon bald die gemeinsame WG verlassen könnte. Die Begründung in seinen Worten: „Sagen wir mal so, vielleicht kommt wie bei Max irgendwann bei mir auch eine Freundin dazu. Dann wäre das noch ein wenig komplizierter.“ Alles klar.

Der kleine, große Zwilling

Das Leben als Handball-Profi ist kräftezehrend. Neben den Trainings bleibt kaum Zeit bzw. Energie. „Zwischen den Einheiten ist man schon froh, wenn man sich selbst etwas kochen und ein bisschen die Beine hochlegen kann“, meint Alex. Da passt es ins Bild, dass der Fortschritt seines Fernstudiums zum Diplom-Fitness- und –Gesundheits-Trainer an der Vital-Akademie Linz „überschaubar“ ist. Umsonst ist die Ausbildung aber keinesfalls, denn Ernährung schreibt er groß: Auf seinem Speiseplan stehen wenig Fett, kein Weißmehl oder industrieller Zucker und zu trinken nur Wasser.

Das zahlt sich offenbar aus, denn in athletischer Hinsicht hat er in den vergangenen Jahren ein internationales Niveau erreicht. Körperliche Power, die er nicht nur in der Offensive, sondern auch in der Abwehr in die Schlacht wirft. Er und Bruder Max bilden die „Zwillings-Türme“ in den Abwehrreihen von BHC- und ÖHB-Team. Gerade im Spiel gegen Deutschland wurde sichtbar, wie wichtig das Duo für die von Johannesson zuletzt forcierte Offensiv-Deckung ist (Analyse).

Obwohl Alex der Ältere der beiden ist, fehlen ihm mit 1,93 Meter Körpergröße knappe zwei Zentimeter auf seinen Zwilling. „Keine Ahnung, wie das gegangen ist. Er ist der Jüngere, das hätte eigentlich nicht passieren dürfen“, meint er mit trockenem Humor.

Daumen hoch

Auch wenn auf den BHC noch ein hartes Restprogramm wartet, ist Hermann vom Klassenerhalt überzeugt. „Wir haben heuer lange nicht die Qualität zeigen können, die wir eigentlich besitzen. Zuletzt haben wir aber gemerkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Sein Vertrag beim aktuellen Inhaber des Relegationsplatzes (15.) läuft noch eine weitere Saison und hätte auch für Liga zwei Gültigkeit. Doch daran will er nicht denken.

Starke Rookie-Saison: Hermann liegt auf Rang zwei der klubinternen Schützenliste
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Wie es danach für den verheißungsvollen Bundesliga-Rookie weitergeht, steht freilich noch in den Sternen. „Auf jeden Fall ist der BHC für mich eine perfekte erste Station.“

Ein Mitgrund ist, dass Alex in Sachen Verletzungen heuer gut durchkam. Im Gegensatz zu seinem Bruder (Fuß-OP im Dezember) blieb er von großen Blessuren verschont. Kleineren Wehwehchen wie etwa den im Handball an der Tagesordnung stehenden Kapsel-Verletzungen an der Hand waren jedoch nicht zu verhindern. So ist sein Daumen praktisch steif. Alle Nachwuchs-Handballer kann Alex aber beruhigen: „Playstation-Spielen geht trotzdem.“

Ob die durch die Finger-Bewegung gesteigerte Gelenks-Durchblutung nicht sogar die Genesung der lädierten Kapseln beschleunigt, konnte der passionierte FIFA- und „Call of duty“-Zocker zwar nicht beantworten, „aber es trägt auf alle Fälle zur Entspannung bei“.

Zwar gibt es für die Konsole sogar ein Handball-Spiel, dieses erfreut sich unter den „Hermännern“ aufgrund des schwierigen Gameplays aber nur geringer Begeisterung. Zudem sind die Brüder im Spiel fälschlicherweise beide Rechtshänder. Skandal.

Zurück ins wahre Leben

Trotz der Abstiegssorgen hat der Bergische HC heuer noch die Chance, die Spielzeit dank des DHB-Pokals zu veredeln. Nach dem sensationellen Einzug in das Final Four steht man am 30. April Robert Webers SC Magdeburg gegenüber.

Da im zweiten Halbfinale mit Flensburg und den Rhein-Neckar Löwen zwei CL-Starter aufeinandertreffen, winkt dem zweiten Finalisten ein Europacup-Ticket. „DAS ist das große Ziel“, will Alex nächste Saison international spielen.

Klingt ganz nach einem möglichen nächsten Schritt in der Karriere des Alex Hermann.

 

Reinhold Pühringer


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