Ein fragiles Gebilde

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Das Ziehen in der Magengegend legte sich bei den österreichischen Handball-Fans nur langsam.

Okay, dass es gegen den amtierenden Europameister Deutschland schwer werden würde, war selbst den kühnsten Optimisten vor dem Anwurf der 20:26-Testniederlage (zum Spielbericht) klar gewesen.

Doch dass die österreichische Handball-Nationalmannschaft am Sonntag nach rund 15 Minuten bereits mit 1:7 zurücklag und weder vorne, noch hinten wirklich ein Bein auf den Boden des Schmuckkästchens Schwalbe-Arena in Gummersbach gebracht hatte, war zweifelsohne ernüchternd.

Was war geschehen, dass Österreich so kalt erwischt wurde?

Offensiv: Teamchef Patrekur Johannesson setzte in den ersten Minuten auf den Rückraum des Bergischen HC. Sprich: Zwischen den beiden Herrmann-Zwillingen Alex und Max bekam Comebacker Viktor Szilagyi nach fast einem Jahr Absenz auf der Mitte-Position das Vertrauen. Deutschlands Bundestrainer Dagur Sigurdsson wusste aus seiner ÖHB-Vergangenheit aber nur allzu gut, dass es gilt, dem Regisseur früh auf die Zehen zu steigen. Zu einer aggressiven 5:1-Deckung der Deutschen gesellte sich der Umstand hinzu, dass Szilagyi erst eine einzige Trainingseinheit mit dem Team absolviert hatte. Die fehlende Abstimmung insbesondere mit dem noch unroutinierten Kreisläufer Willi Jelinek war unübersehbar. Mit dem fehlenden Spiel durch die Mitte, einer Variante, von der Szilagyis Spielweise mitunter lebt, verebbten die ÖHB-Angriffe anfangs reihenweise.

Defensiv: Johannesson schickte seine Sieben, wie bereits mehrfach in der WM-Quali erprobt, mit einer recht offensiven Deckungs-Variante auf das Feld. Seine Intention lag auf der Hand: Die wurfstarken Bröckerl im DHB-Rückraum möglichst früh zu stören, damit sie erst gar nicht in Fahrt kommen. Eine Idee mit jedoch nur niedriger Halbwertzeit. Schon nach wenigen Minuten musste nämlich Max Herrmann verletzt vom Feld. Deutschlands Julius Kühn hatte den 24-Jährigen an dessen ohnehin beleidigten Fuß getroffen. Eine erste Diagnose am Sonntag-Abend konnte mit Verdacht auf eine Zerrung zwar entwarnen, jedoch fehlte der gebürtige Oberösterreicher in der Defensiv-Arbeit fortan schmerzlich, denn die übrigen Linkshänder konnten die entstandene Lücke nicht adäquat schließen. „Janko Bozovic ist kein Spieler für eine offensive Deckungs-Variante“, gab Johannesson zu verstehen, dass der 2,04-Riese nicht handlungsschnell genug ist, weshalb der Isländer Thomas Kandolf in die Schlacht warf. Der Schwazer war mit den physisch merklich überlegenen DHB-Angreifer jedoch überfordert, wahre Löcher gingen auf.


Jelinek hatte gegen die robuste deutsche Verteidigung einen schweren Stand
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Ein Brise Gnade

Johannesson sah sich deshalb gezwungen, früh auf eine 6:0-Deckung umzustellen. Der Ausfall von Max Herrmann machte deutlich, dass er für die zuletzt immer wieder aufgebotene Offensiv-Variante der Abwehr eine Schlüssel-Figur ist. „Sollte er länger ausfallen, muss ich wohl öfter ein 6:0 spielen“, räumte auch Johannesson ein, wie fragil aufgrund der fehlenden Kader-Tiefe dieses System derzeit ist.

Nach den Umstellungen fing sich die ÖHB-Truppe, was dafür sorgte, dass zumindest das eingangs erwähnte Ziehen in der Magengrube langsam nach ließ. Dass der Rückstand bis zum Ende mehr oder weniger konstant gehalten werden konnte, war aber nicht alleine dem immer stärker werdenden Alex Herrmann (Topscorer der Partie mit acht Toren) und dem gut aufgelegten Rückhalt Thomas Bauer zu verdanken. Es schien, als hatte Sigurdsson an seinem 43. Geburtstag Erbarmen mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, begann früh sowohl beim System, als auch beim Personal zu rotieren.

Tiefe und Festigkeit

„Es war heute auch nicht der Tag, um gegen einen Europameister zu glänzen“, konstatierte ÖHB-Generalsekretär Martin Hausleitner. Schließlich trainierte die DHB-Auswahl, deren Brust sich seit dem EM-Coup gefühlt verdreifacht hat, bereits seit mehreren Tagen zusammen. Österreich hatte nur eine Einheit. Romas Kirveliavicius, der sich nach der frühen Auswechslung von Jelinek mit Christian Hallmann die Kreis-Position teilte, war gar erst am Spieltag zur Mannschaft gestoßen.

Johannesson war deshalb auch bemüht, die positiven Aspekte der Partie hervorzustreichen. Etwa, dass man sich nach der kalten Dusche der ersten Minute nicht aufgegeben, sondern sich ins Spiel zurückgekämpft habe.

Relativierend hinzu kamen freilich die Ausfälle von Nikola Bilyk (krank), Raul Santos, Sebastian Frimmel, Tobias Wagner und in gewisserweise auch Max Herrmann (alle verletzt). „Ich weine nicht über das Resultat. Denn wenn dir fünf Spieler gegen den Europameister fehlen, dann ist es nicht so schlimm, mit -6 zu verlieren“, so Johannesson.

Sigurdsson sah dies ähnlich: „Man hat gemerkt, dass Österreich auf einigen Position Verletzte hat und sie nun mal nicht die Tiefe im Kader wie Deutschland haben. Insgesamt aber eine tolle Truppe, die noch ein paar Jahre braucht, um richtig gefestigt zu sein.“

Variantenreich und schwer ausrechenbar: Dagur Sigurdsson
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Dänen wird anders beizukommen sein

Sigurdsson hatte es seinem Freund Johannesson vorgemacht und am Samstag Österreichs WM-Quali-Playoffgegner Dänemark ohne deren Superstar Mikkel Hansen in einem Test 33:26 geschlagen. „Man kann zu hundert Prozent sicher sein, dass ich mit Dagur noch Ideen austausche, wie die Dänen zu schlagen sind“, grinste Johannesson nach dem ÖHB-Länderspiel.

Einen Vorgeschmack auf die Dänemark-Kracher habe der ÖHB-Test in Gummersbach aber nur bedingt geben können. Die Spielweise der Deutschen sei nämlich nur ein Stück weit mit jener der Skandinavier zu vergleichen. „Dänemark hat schon ein paar ähnliche Varianten, aber Dagur gibt dir viel mehr Aufgaben zu lösen auf. Deutschland spielt einmal so und ein anderes Mal so, während die Dänen beispielsweise immer auf ihre 6:0-Deckung vertrauen“, weiß Johannesson über den zweifachen Europameister.

Bis zum Quali-Showdown (am 12. und 15.6.) für die WM 2017 in Frankreich ist jedoch noch ein wenig Zeit. Zeit, die der Teamchef mitunter nützen will, um die Re-Integration Szilagyis in das österreichische Spiel voranzutreiben. Sorgen deswegen macht sich Johannesson jedenfalls keine. „Nein, weil Viktor Österreichs Olafur Stefansson ist“, zieht er einen Vergleich mit der größten isländischen Handball-Legende aller Zeiten.
 

Aus Gummersbach berichtet Reinhold Pühringer


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