MotoGP: Der kometenhafte Aufstieg Joan Mirs

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Joan Mir ist MotoGP-Weltmeister 2020 - darauf hätten zu Beginn des Jahres wohl nur wenige getippt!

Der auf Palma de Mallorca geborene Spanier war in der MotoGP-Saison 2020 in aller Munde, seine atemberaubende Konstanz auf der Suzuki-GSX-RR musste einem schon beinahe Angst machen.

Der 23-Jährige landete insgesamt sieben Mal auf dem Podium, nur in fünf Rennen raste er nicht in die Top-Fünf. In Frankreich wurde er in einem Grand Prix unter äußerst schwierigen Bedingungen Elfter, im zweiten Valencia-Grand-Prix reichte Rang sieben zum WM-Titel. Zu Saisonbeginn in Jerez, in Brünn und zum Saisonabschluss in Portimao schied der Mallorquiner aus.

Jetzt ist Mir MotoGP-Weltmeister der Saison 2020 und das, auch aufgrund der Konstanz, verdient. Aber was macht den Spanier so besonders? Wie gelang es ihm innerhalb von vier Jahren, den Sprung vom Moto3-Weltmeister zum MotoGP-Weltmeister zu schaffen? War der Spanier letztendlich unschlagbar in dieser verrückten Saison? Und was hält die Zukunft für den 23-Jährigen bereit? Kann er den Dominator und achtfachen Champion Marc Marquez gefährden?

LAOLA1 gewährt dir einen Einblick in den Werdegang von Joan Mir und beantwortet die wichtigsten Fragen.

(Artikel wird nach dem Video fortgesetzt.)

Der ruhige, gewissenhafte Typ

Der Spanier ist kein Mensch großer Worte. Lieber schwingt er sich auf sein Bike, spult sein Programm ab, bespricht mit seinen Ingenieuren die Daten und wiederholt diesen Rhythmus - immer und immer wieder.

Mit seinen erst 23 Jahren ist der Mallorquiner zwar nicht der allerjüngste im Fahrerfeld, llassenübergreifend hat er bisher aber erst 86 Rennen bestritten. Nur KTM-Pilot Iker Lecuona (61) kommt auf weniger Rennen in der Weltmeisterschaft.

Trotzdem besitzt Mir eine wahnsinnige Rennkonstanz. Davide Brivio, Teammanager von Suzuki Ecstar, sagt: "Joan ist sehr klar damit, was er will. Er ist komplett darauf fokussiert. Wenn er ins Fahrerlager kommt, dann weiß er, dass das sein Arbeitsplatz ist. Er verhält sich dementsprechend."

Nur im Qualifying schwächelt der Suzuki-Pilot immer wieder – seinem Teamkollegen Alex Rins ergeht es aber oftmals nicht unbedingt besser. Die Suzuki ist ein Bike, welches vor allem im Rennen glänzt, mit den Reifen schonend umgeht und seine Stärken ausspielen kann, wenn die anderen Teams aufgrund des Rennverschleißes vom Gas gehen müssen. Auf die einzelne schnelle Runde schwächelt das japanische Fabrikat aber – kein Problem, dachten sich wohl der neue Weltmeister und sein Landsmann..

Es muss nicht immer der Rennsieg sein

"Er hat dann aber realisiert, dass die Bewölkung zunahm und die Asphalttemperatur sank – von 26 auf 15 Grad, um genau zu sein"

Davide Brivio, Teammanager Suzuki

Mir ist in seinem jungen Alter bereits so weit, dass er gewisse Risiken abschätzen kann. Während beispielsweise Marc Marquez immer den Weg nach vorne an die Spitze sucht und dabei niemals zurücksteckt und weiter pusht, ist der Neo-Weltmeister das genaue Gegenteil.

Mehrmals in dieser Saison bewies der Mallorquiner, dass er nicht mit aller Macht den Rennsieg erzwingen will. Konstanz war das Schlüsselwort in diesem Jahr – Mir führte dies zur Perfektion aus. Er erkennt seine Grenzen, schätzt präzise ein, wann es möglich ist, Risiken einzugehen.

Beispielsweise im zweiten Aragon-Rennen fuhr der 23-Jährige den dritten Platz nach Hause, die Chance auf Platz zwei war definitiv vorhanden. "Er hat dann aber realisiert, dass die Bewölkung zunahm und die Asphalttemperatur sank – von 26 auf 15 Grad, um genau zu sein", so Brivio.

Diese Übersicht ist ein Puzzleteil für Mirs Konstanz.

2017 Moto3-Weltmeister

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Diese Konstanz zeigte Mir bereits in den niedrigeren Klassen. 2015 stieg der sympathische Mallorquiner für das Leopard Racing-Team auf Phillip Island erstmals auf ein Moto3-Bike, ersetzte dabei den verletzten Stammfahrer Hiroki Ono.

2016 sollte der junge Spanier einen fixen Platz bei Leopard Racing einnehmen – brisanterweise mit seinem heutigen direkten Konkurrenten Fabio Quartararo. Im 11. Saisonrennen, dem Grand Prix von Österreich am Spielberg, durfte sich der damals 18-Jährige erstmals über eine Pole Position freuen. Tags darauf feierte er sogar seinen ersten Rennsieg.

Zwei weitere Podien sollten noch folgen, in Misano und zum Saisonabschluss in Valencia – am Ende des Jahres belegte Mir Rang fünf in der WM und wurde "Rookie des Jahres".

Während Quartararo direkt in die Moto2 aufstieg, blieb der Spanier eine weitere Saison in der kleinsten Serie der Motorrad-Weltmeisterschaft. 2017 dominierte Mir die Moto3, sammelte zehn Siege und 13 Podiumsplätze in 18 Rennen, interessant dabei ist, dass er nur beim Grand Prix von Malaysia von der Pole-Position startete. Am Ende der Saison verwies er „Bad Boy“ Romano Fenati mit 93 Punkten Vorsprung auf Platz zwei und krönte sich zum Champion.

Nur eine Saison in der Moto2

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2018 stieg Mir in die mittlere Klasse, die Moto2, auf. Er beendete die Saison mit vier Podien und 155 Punkten auf Platz sechs, noch vor „El Diablo“ Quartararo, der bereits sein zweites Jahr absolvierte und nur den zehnten Platz einnahm.

2019 folgte Mir dem Ruf des Suzuki-Teams und unterzeichnete einen Zwei-Jahres-Vertrag. Das japanische Fabrikat ist bekannterweise ein schwieriges Bike für einen Rookie, sowohl seine Vorgänger Maverick Vinales, als auch jetziger Markenkollege Alex Rins benötigten eine Eingewöhnungsphase.

Auch der Mallorquiner tat sich anfangs schwer, im Fortlauf der Saison kam er aber immer besser mit seiner Suzuki-GSX-RR zurecht und konnte in Australien mit Position fünf sein bestes Saisonergebnis erzielen.

Rivale Quartararo hingegen konnte sofort überzeugen, brach mehrere bestehende MotoGP-Rekorde und beendete die Saison mit 192 Punkten auf Platz fünf. Und dann stand die MotoGP-Saison 2020 an - ein Jahr, welches in die Geschichtsbücher eingehen sollte.

Schlechter Saisonauftakt, ab Spielberg der Aufschwung

Noch bevor das erste Saisonrennen in Jerez vorbei war, wurde klar, dass diese Saison nicht wie die letzten verlaufen würde. Marc Marquez‘ böser Sturz, der letztendlich sogar sein Saisonende bedeuten sollte, sorgte dafür, dass nach beinahe siebenjähriger Dominanz - nur 2015 wurde Marquez nicht Weltmeister, seitdem er 2013 in die MotoGP aufstieg – ein neuer Mann an der Spitze der Königsklasse steht.

Italiens Altstar Valentino Rossi war der einzige Weltmeister im Feld, der neunfache Champion hat allerdings ein hartes Jahr zu verdauen und konnte nie in den Titelkampf eingreifen. So schickte sich der 20-Jährige Quartararo früh an, die Favoritenrolle zu übernehmen. Zum Saisonauftakt feierte er einen Doppelsieg in den Grands Prix von Jerez.

Mir währenddessen erwischte keinen Start nach Maß, stürzte in Jerez 1 aus dem Rennen und beim dritten Saisonrennen in Brünn erneut.

Daraufhin erfolgte aber die langsame Aufholjagd in der WM – bereits beim ersten Rennen am Spielberg erreichte der Mallorquiner sein erstes Podium in der MotoGP mit Platz zwei, nachdem er in der vorletzten Kurve Jack Miller noch überholen konnte.

Im zweiten Rennen in der Steiermark stand der 23-Jährige bereits vor dem sicheren Sieg. Plötzlich musste Vinales kamikazehaft von seiner Yamaha-M1 springen, deren vordere Bremsleitungen durchtrennt waren. Mir lag zu diesem Zeitpunkt über zwei Sekunden vor dem Feld und kontrollierte das Geschehen. Nach dem Restart hatte er nur noch alte Reifen zur Verfügung, letztendlich schaute trotzdem der vierte Platz heraus.

Erster MotoGP-Sieg in Valencia

Quartararo dagegen strauchelte ein wenig. Platz sieben in Brünn, die Plätze acht und 13 am Spielberg und ein Ausfall im ersten Rennen in Misano führten dazu, dass „El Diablo“ die WM-Führung an Andrea Dovizioso abgeben musste – jener „Dovi“, der bei Ducati nach der Saison vor die Tür gestellt wird und sich in der MotoGP-Saison 2021 eine Auszeit nimmt.

Mir schrieb in Misano mit den Plätzen drei und zwei, sowie in Barcelona mit einem erneuten zweiten Platz weiterhin an. Mittlerweile kam auch Teamkollege Alex Rins immer besser in Form, der 24-Jährige schmiss sein Bike allerdings zweimal in Führung liegend ins Kiesbett. Womöglich wäre die Weltmeisterschaft zu Saisonende noch enger verlaufen, wenn Rins die Führungen ins Ziel gebracht hätte.

Am 18. Oktober stand der erste von zwei Grands Prix in Aragon an. Quartararo startete von der Pole-Position, Mir aus der zweiten Startreihe. „El Diablo“ zog für die 23 Runden einen harten Vorderreifen auf, diesen hatte er aber das gesamte Wochenende nicht ein einziges Mal verwendet. Sein Team hatte somit keinerlei Daten und musste beim Reifendruck pokern – zu hoch pokern. Der Franzose konnte am Anfang noch gut mithalten und das Feld anführen, mit Fortdauer des Rennens musste der Yamaha-Pilot immer mehr Konkurrenten vorbeiziehen lassen und fuhr nur als 18. über den Zielstrich.

Mir hingegen schrieb mit einem weiteren dritten Platz an und übernahm die Führung der MotoGP-WM – diese sollte er bis zum Ende auch nicht mehr abgeben. In der folgenden Woche sicherte sich der Spanier erneut einen dritten Platz, während Quartararo mit Position acht vorliebnehmen musste.

Der junge Suzuki-Pilot feierte am 8. November in Valencia seinen ersten Erfolg in der Königsklasse der Motorrad-Weltmeisterschaft und ließ dabei einige Kritiker verstummen. Vermehrt kamen Stimmen auf, dass ein Weltmeister ohne Rennsieg kein wahrer Champion wäre – Mir ließ mit einem beeindruckenden Erfolg Taten sprechen.

Nur eine Woche später sicherte sich der Spanier an derselben Stelle mit Platz sieben seinen ersten MotoGP-Titel und sorgte sogar für ein Novum – er ist der erste Pilot, der neben dem Moto3-Titel, auch den Titel in der Königsklasse holt.

Außerdem ist dies der erste WM-Titel für Suzuki seit dem Jahr 2000. Damals triumphierte der US-Amerikaner Kenny Roberts Jr., vor dem damals erst 21-Jährigen Valentino Rossi.

Nun steht der 23-Jährige gebürtige Mallorquiner auf dem obersten Treppchen der MotoGP, dem Olymp der Motorrad-Szene. Aber wie sieht die Zukunft aus?

Kann Joan Mir Marc Marquez gefährden?

Mir mit Moto2-Champ Bastianini und Moto3-Triumphator Arenas
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Diese Saison war wahrlich einzigartig. Neun verschiedene Rennsieger, darunter viele neue Gesichter auf der höchsten Stufe des Podiums, lieferte uns die MotoGP.

KTM feierte in Brünn mit Brad Binder den ersten Erfolg der Markengeschichte in der Königsklasse, Miguel Oliveira setzte im zweiten Rennen am Spielberg mit dem KTM-Heimsieg sogar noch einen oben drauf und ließ in Portimao noch einen weiteren Erfolg folgen.

Wäre dieses Jahr genauso verlaufen, wenn Marc Marquez sich nicht die schlimme Oberarmverletzung in Jerez zugezogen hätte? Vermutlich nicht, wenn man einen Blick auf die vergangenen Jahre wirft. Trotzdem ist die MotoGP spannender als jemals zuvor.

Fünf siegfähige Fabrikate, ein Fahrerfeld, in dem jeder die Chance auf Grand-Prix-Siege hat, extreme Momente, wie der schlimme Crash am Spielberg und vieles mehr bietet die Königsklasse.

Marquez wird es sicherlich nicht einfach haben in der nächsten Saison, ein Durchmarsch wie die vergangenen Jahre wird kaum möglich sein, zu hoch ist die Dichte mittlerweile. Man wird auch darauf aufpassen müssen, ob der achtfache Champion überhaupt zu seiner Form der letzten Jahre zurückfinden wird, immerhin war sein Oberarmbruch die erst große Verletzung seiner Karriere.

Joan Mir hat definitiv die Möglichkeiten und das Können, mit dem er den 27-Jährigen gefährden kann. Allerdings wird wohl mehr Risiko von Nöten sein, will er seinem Landsmann in der kommenden Saison ein Bein stellen.

Zweite und dritte Plätze werden in Zukunft nicht mehr der Weg zum Erfolg sein, auch wenn die Konstanz natürlich weiterhin wichtig bleibt. Marquez ist aber ein Pilot, der konstant auf Position eins fahren kann, das restliche Fahrerfeld konnte dies jedoch noch nicht beweisen.

Eines steht jedenfalls fest: Die Vorfreude auf die MotoGP-Saison 2021 ist riesengroß! Hoffentlich lässt die Corona-Pandemie einen vollen Rennkalender und vor allem Fans an den Rennstrecken dieser Welt zu.

Textquelle: © LAOLA1.at

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