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Super-Kimi ist ein schlechtes Zeichen für die biedere Masse

Die Entscheidung, einem Talent das Vertrauen zu schenken, könnte mit seinem WM-Titel einen Knackpunkt im schleichenden Paradigmenwechsel der Formel 1 markieren.

Super-Kimi ist ein schlechtes Zeichen für die biedere Masse Foto: © IMAGO/PsnewZ

Als "Lex Verstappen" hob die FIA mit dem Jahr 2016 das Mindestalter für eine Superlizenz auf 18 Jahre an. Wohl gab es einen schiefen Eindruck ab, dass ein Teenager in die Königsklasse des Motorsports vorstoßen - und die Besten sofort ärgern konnte.

Als "Lex Antonelli" wurde die Grenze mit dem Jahr 2025 auf 17 Jahre herabgesetzt. Zu groß der Druck des nächsten Super-Youngsters, sich beweisen zu können.

Etwas mehr als zwei Jahre später hat die Formel 1 in Kimi Antonelli ihren jüngsten Weltmeister der Geschichte gekrönt.

Fast bemerkenswerter als die "venti anni", die der Italiener erst zählt: Den WM-Titel sicherte er sich schon in seinem zweiten Jahr in der "Königsklasse".

Dass es irgendwann passieren würde, war allen bewusst. Wohl auch, dass dieses erste nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Das Tempo lässt hingegen den Mund offen.

Eine Ausnahme, die sich häuft

Toto Wolff hat gut lachen. Er setzte sich über alle Bedenken hinweg, seinen Rohdiamanten als direkten Nachfolger von Lewis Hamilton sofort in sein silbernes Spitzenauto zu setzen.

Nicht nur, dass Antonelli dieses Vertrauen schon jetzt mit einem Titel zurückzahlt: Dieser Lauf der Dinge könnte viel an der Herangehensweise ändern, wie über junge Piloten nachgedacht und am Fahrermarkt agiert wird.

Klar: Max Verstappen und Kimi Antonelli sind Ausnahme-Talente und -Erscheinungen. Zählt man auch Sebastian Vettel dazu, haben diese "Ausnahme-Talente" noch in jungen Jahren aber mehr als die Hälfte aller WM-Titel der letzten 17 Jahre auf dem Konto - und werden damit zur seltenen Regelmäßigkeit.

Einen Champion macht 2026 anderes aus

Erfahrung rückt in ihrer Bedeutung schleichend in den Hintergrund. Klar heben sich die Super-Youngster noch einmal die entscheidenden Prozentpunkte vom Rest des Feldes ab.

Der legendäre Spruch von Niki Lauda, mit den "modernen" Autos könnte jeder Affe fahren, hat allerdings schon ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel. Und die damaligen V10-Monstren erscheinen zu den Computern auf vier Rädern der letzten Dekade wie Biester. Sie restlos zu beherrschen, scheint nicht mehr ganz so viel Einarbeitungszeit zu erfordern.

Der Formel 1 will ich damit ihren Anspruch nicht absprechen. Vielmehr haben sich die Assets verändert, die ein Champion mitbringen muss. Weg von Dingen, die nur auf der Strecke zu sammeln sind.

Der Erfolg hat mehr Background

Mentale Resilienz, körperliche Voraussetzungen, technisches und strategisches Verständnis, Zweikampfverhalten: Alles Dinge, auf die sich heranwachsende Fahrer schon in den Nachwuchsklassen - und in Simulatoren - besser als anno dazumals vorbereiten können.

Hochprofessionelle Nachwuchsprogramme liefern einen Rahmen für die persönliche (Früh-)Reifung, der ehemaligen Generationen nicht zur Verfügung stand.

Letzten Endes kein Trend, der sich auf den Motorsport beschränkt. In allen Sportarten ist es seit der Jahrtausendwende nichts Ungewöhnliches mehr, dass Athleten mit einer "1" voran in der Altersangabe in der Weltspitze abliefern können.

Auch hat sich die Formel 1 noch weiter in Richtung eines Mannschaftssports entwickelt, bei dem zum Erfolg viele Zahnräder ineinandergreifen müssen. Wird überdurchschnittlichen Talenten das nötige Vertrauen entgegengebracht, können sie ihren Part fast ab dem ersten Moment an einem F1-Lenkrad beisteuern.

Mehr Mut zum Risiko

Eine schlechte Nachricht stellt das für all jene dar, die in der Formel 1 maximal brav performen, mehr allerdings nicht zustande bringen.

Selbst Lando Norris' Titel 2025 scheint durch Antonelli an Strahlkraft verloren zu haben. Sechs Jahre Anlaufzeit erscheinen jetzt viel.

Nicht jedes Team kann einen Lewis Hamilton, Max Verstappen oder Kimi Antonelli haben. Aber wer bewiesen hat, keiner zu sein, könnte künftig schneller um seinen Sitz umfallen.

Zu hoch ist die Dichte an jungen Gesichtern, die sich beweisen wollen. Die Möglichkeiten dazu sind rar, aber der potenzielle Benefit für die Teams hoch, sollte doch ein Youngster einschlagen.

Der Marktwert solider, aber unauffälliger Fahrer wird sinken. Es wird attraktiver, den absoluten Top-Stars und -Performern billige Supertalente entgegenzusetzen, die ihre Kosten im Zweifelsfall doppelt und dreifach zurückzahlen.

Ein braver Veteran mit klarem "Ceiling" wird nur mehr für neue Teams im Aufbau so richtig Sinn machen.

Mehr erste, weniger zweite Chancen

Dieser Kulturwechsel ist eine gute Nachricht für die Superstars, deren Wert noch weiter steigt. Und für Zukunftshoffnungen, die auf dem Weg nach oben mitunter auf der Strecke blieben - weil sie einfach keine Chance bekamen.

Umgekehrt wird der Druck auf sie wachsen, sofort zu funktionieren, um sich als mögliche Größe ins Gespräch zu bringen.

Sie lange bei einem kleineren Team "reifen" zu lassen, wurde durch Verstappen, Antonelli und auch Norris als Erfolgsformel zuletzt widerlegt.

Für die Fans kann es nur erfrischend sein, wenn die Fluktuation im Fahrerfeld wieder steigt. Und zukünftiges Potenzial vor der Vergangenheit an Bedeutung gewinnt.

Was nicht heißen soll, dass der nächste Kimi Antonelli schon in den Startlöchern scharrt. Bis dahin kann Toto Wolff noch viel Freude an seiner mutigen Entscheidung haben.

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