Kommentar: Pannen-WM mit der Brechstange

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44 Stunden vor Beginn der Handball-Weltmeisterschaft hat Österreich plötzlich einen anderen Gegner bekommen. 18 Corona-Fälle innerhalb des US-Aufgebots zwingen die USA zum Rückzug, die Schweiz springt ein.

Die Eidgenossen sind die zweite Nation, die nachrückt und unvorbereitet zu WM-Ehren kommt, nachdem nur Stunden zuvor Tschechien ein ähnliches Schicksal erlitt und Nordmazedonien zur WM-Endrunde nachrückte.

Die Entscheidung, das Großereignis in Ägypten entgegen der Pläne ohne Zuschauer auszutragen, ist auch erst einige Tage alt. Eine Antwort auf vehemente Kritik von 14 Kapitänen, die sich in einem offenen Brief an die IHF wandten.

14 Kapitäne, die immerhin zur WM kommen. Denn zahlreiche Stars haben angesichts der Corona-Lage und der Risiken gleich abgewunken, insbesondere der deutsche Kader ist davon schwer getroffen.

Noch bevor die Handball-WM begonnen hat, ist sie schon ein Chaos.

Eishockey sendet bessere Signale

Der Spitzensport kämpft in der aktuellen Phase der Pandemie einmal mehr um seine Legitimation. Und so viele positive Beispiele es bisher gab, wie ein verantwortungsbewusster Ablauf funktionieren kann, droht das erste Großereignis 2021 zum Muster-Beispiel zu werden, wie es nicht geht.

Der Handball hat als Indoor-Sportart mit viel Körperkontakt von Haus aus einen schweren Stand und hohes Eskalationspotenzial, wie die Beispiele USA und Tschechien beweisen: Erwischt es ein Team, dann gleich richtig.

Andernorts wurde erkannt, dass die eigene Reputation unter diesen Umständen mehr Schaden erleiden als Nutzen ziehen kann. Im Eishockey wurden bis auf die A-WM und die World Hockey Juniors schon früh sämtliche WM-Kategorien des Winters abgesagt. Und der Eishockey-Sport wird es überleben.

Machen, was geht - eine WM geht wohl nicht

Das Handlungsprinzip "trotzdem machen, was möglich ist" ist begrüßenswert. Weil es ein Stück Normalität bringt. Und es hält die Zahnräder am Laufen, bevor so manches "Werkl" auseinanderbricht.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Aber das gilt in erster Linie für die nationalen Ligen diverser Sportarten, die Spielern ein Einkommen und Vereinen das Überleben sichern. Überschaubare Netzwerke, die sich überwachen lassen. Sei dafür auch Aufwand in Form von Präventionskonzepten notwendig. Und hie und da ein bisschen Glück.

Eine WM in einer Indoor-Kontaktsportart mit 32 Teams aus allen Ecken des Globus könnte dieses Glück und das beste Präventionskonzept überstrapazieren.

Letzten Endes geht es auch hier um den schnöden Mammon: Der Sport ringt nach Aufmerksamkeit in Ländern wie Ägypten, übrigens zufällig dem Heimatland des 76-jährigen IHF-Präsidenten Hassan Moustafa, der seit 20 Jahren die Geschicke des Welt-Handballs leitet. Auch die Veranstalter werden ihres dazu beigetragen haben, das Turnier ins Land zu holen und nun durchzuziehen. Ausgerechnet die erste Mega-WM mit 32 Nationen im Land des Langzeit-Präsidenten abzusagen, hätte der IHF wohl zu sehr geschmerzt.

Aber eine abgesagte WM wäre keine Überlebensfrage gewesen. Für den Sport nicht. Für die IHF nicht. Für alle anderen Beteiligten nicht.

Fragen, die keine falsche Antwort vertragen

So bleiben am Tag der WM-Eröffnung viele Fragen offen, auf die besser keine negativen Antworten folgen sollten. Allen voran jene, ob das alles gut geht. Alle Spieler gesund bleiben.

Genau wie die Fragen, ob eine WM unter diesen Umständen ihrem Stellenwert überhaupt gerecht wird und sich genießen lässt: Abwesende Stars, leere Hallen, Spieler mit der psychischen Belastung des Lebens in der "ägyptischen Blase".

Ganz zu schweigen von der sportlichen Fairness, denn Österreich findet sich auf einen Schlag in der einzigen rein europäischen Gruppe wieder, was sie fast automatisch zur schwersten der acht Vierer-Gruppen macht - und hatte kaum Zeit, sich auf den neuen Gegner Schweiz vorzubereiten.

Jene Spieler, die daheim geblieben sind, haben sich nichts vorzuwerfen. Und werden vielleicht hören, dass sie Recht hatten.

Jene, die doch antreten, verdienen viel Respekt. Weil sie für die Ehre, ihr Land zu vertreten, ein Risiko auf sich nehmen.

Schwerer als die sportlichen Hoffnungen wiegen diesmal jene, dass alle gesund wieder zurückkommen. Und das sind keine guten Voraussetzungen für die offenen Fragen.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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