Das kann der nächste WM-Gastgeber Katar sportlich

Das kann der nächste WM-Gastgeber Katar sportlich Foto: © getty
 

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in knapp einem Jahr wird das Nationalteam von Katar sein Debüt auf der großen Bühne geben.

Der Golfstaat nimmt durch die automatische Qualifikation als Gastgeber erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. Die Schlagzeilen schreiben aber zurecht Verhaftungen von Journalisten, Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland sowie versuchtes Reinwaschen des eigenen Bildes im Westen durch Sportsponsoring, was zuletzt beim FC Bayern für großen Wirbel sorgte.

LAOLA1 wirft 355 Tage vor WM-Beginn einen Blick darauf, was man im kommenden Jahr sportlich vom katarischen Nationalteam erwarten kann.

Jubiläum der WM-Vergabe

Am 2. Dezember jährt sich die Vergabe der WM an Katar zum elften Mal. Wie es genau zu dieser Entscheidung gekommen ist, könnte ganze Bücher füllen und beschäftigt Staatsanwaltschaften seit mehreren Jahren. Doch Katar bastelt schon viel länger als seit 2010 daran, sportlich Relevanz zu erreichen. Diese hatte das Emirat vor der Jahrtausendwende nicht, weder aus Sicht der Aktiven noch als Veranstalter.

Der Golfstaat begann systematisch damit, Sportereignisse an Land zu ziehen. 2004 eröffnete der Losail International Circuit, der seitdem die Rennen der Motorrad-Weltmeisterschaft an Land ziehen konnte. In diesem Jahr feierte auch die Formel 1 ihr Debüt in Katar, hat sich mittlerweile vertraglich ab 2023 an die Strecke gebunden.

Solche Beispiele finden sich in beinahe allen Weltsportarten wieder. 2015 wurde die Handball-WM an den Staat vergeben, in dem seit 2010 der IHF Super Globe stattfindet. Das Handball-Equivalent zur FIFA-Klub-WM, die 2019 und 2020 in Katar Halt machte.

Als Generalprobe auf die FIFA-WM im kommenden Jahr findet seit 30. November der FIFA Arab Cup statt. Bei diesem Turnier duellieren sich 16 arabische Staaten um die Vormachtstellung in der Region. Dies wird allerdings ein Muster ohne Wert sein, denn Stars wie Hakim Ziyech, Mo Salah oder Riyad Mahrez werden dem Turnier fernbleiben.

Aspire Academy als Tor zur Welt

Doch Katar, das viel Geld für Werbegesichter wie Xavi oder David Beckham ausgibt, gibt sich nicht nur damit zufrieden, Veranstalter zu sein. Das Emirat will auch sportlich mitmischen. 2004 öffnete in Doha die Aspire Academy, die direkt dem herrschenden Emir unterstellt ist, ihre Pforten.

Dort werden nicht nur heimische Sportler ausgebildet, auch junge Athleten aus anderen Nationen wurden aufgenommen und zum Teil assimiliert und eingebürgert, um die katarischen Teams zu stärken.

Bei der Handball-WM 2015 waren 15 der 17 Spieler außerhalb Katars geboren. Diese wurden zwar nicht alle in der Aspire Academy ausgebildet, zeigten aber, welchen Weg das Emirat einschlagen wollte, um seine Nationalteams konkurrenzfähig zu machen, auch im Fußball.

Zwar geht die Abhängigkeit von im Ausland geborenen Sportlern zurück, die Aspire Academy fungiert aber als wichtiges Bindeglied zwischen Katar und dem Rest der Welt. So gehören der spanische Drittligist Cultural Leonesa und der belgische Erstligist KAS Eupen entweder direkt der Akademie oder Firmen in deren Umfeld. Ivan Bravo, Generaldirektor der Akademie, war zuletzt einer der möglichen Investoren bei der Wiener Austria.

Eupen beherbergte schon 15 katarische Spieler. Wirklich eingeschlagen hat von diesen keiner, der dreifache katarische Nationalspieler Fahad Al-Abdulrahman ist mit 53 Spielen der Katari mit den meisten Einsätzen für Eupen.

Einen für die Aspire Academy exemplarischen Weg hat ein im Sudan geborener Stürmer genommen, der als Kind nach Katar übersiedelte. Mit neun Jahren trat der Angreifer im Jahr 2005 in die Aspire Academy ein, verließ diese im Jahr 2013, um sich erst dem Nachwuchs von Al-Duhail und folgend der U19-Mannschaft von KAS Eupen anzuschließen.

Sein Name: Almoez Ali, der ehemalige Stürmer des LASK. Der Angreifer wechselte im Juli 2015 aus Eupen zu den Linzern, konnte dort aber überhaupt nicht beeindrucken und durfte nach knapp einem halben Jahr zu Leonesa flüchten. Für die Athletiker brachte es der heute 25-Jährige auf ein Tor in sieben Zweitligaspielen.

Doch dieser Almoez Ali war es auch, der maßgeblich am größten Erfolg des katarischen Nationalteams beteiligt war – dem Gewinn der Asienmeisterschaft 2019.

Titel bei Asienmeisterschaft - Die große Sensation

Vor dem Turnier in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Jahr 2019 war die Geschichte Katars bei der Asienmeisterschaft keine glanzvolle. Neunmal qualifizierte sich das Emirat für das Turnier, nur im Jahr 2000 und bei der Heimausgabe 2011 kam der Golfstaat über die Gruppenphase hinaus.

Bei der zehnten Teilnahme gelang dem Team dann der ganz große Wurf. Gegen Saudi-Arabien, Libanon und Nordkorea spazierte Katar makellos durch die Gruppe, kassierte bei zehn erzielten Treffen nicht einmal ein Gegentor. Der Irak (1:0), Südkorea (1:0) und Erzfeind und Gastgeber Vereinigte Arabische Emirate (4:0) konnten den Kataris am Weg ins Finale nichts entgegensetzen.

Erst im Endspiel gegen Japan wurde die makellose Bilanz des Teams des Spaniers Felix Sanchez beschmutzt: Beim Stand von 2:0 erzielte der damalige Salzburger Takumi Minamino den Treffer zum 1:2. Am Ende feierte Katar nach einem 3:1 erstmals den Gewinn der Asienmeisterschaft. Ex-LASK-Stürmer Ali, mittlerweile beim katarischen Top-Klub Al-Duhail engagiert, wurde mit neun Toren in sieben Spielen Torschützenkönig.

Katar auf großer Turnier-Tour

Im Anschluss begab sich Katar auf große Welttournee. Dank des Einflusses, den man inzwischen in der Fußballwelt erlangen konnte, ergatterte der Golfstaat Einladungen zur Copa America und dem Gold Cup.

Sogar Europa öffnete Katar auf beispiellose Art und Weise die Türe. Die Teams der aus fünf Mannschaften bestehenden WM-Qualifikationsgruppe Gruppe A mussten gegen den Gastgeber von 2022 Freundschaftspiele bestreiten, wenn diese in der Quali Pause hatten. Zwischendurch musste Katar in der asiatischen WM-Qualifikation antreten, da diese gleichzeitig über die Qualifikation zur Asienmeisterschaft entscheidet.

Die Ergebnisse der katarischen Weltreise waren gemischt. Bei der Copa America 2019 scheiterte Katar nach einem Remis gegen Paraguay und Niederlagen gegen Kolumbien und Argentinien schon in der Gruppenphase.

Beim 2021 ausgetragenen Gold Cup, dem Kontinentalturnier der Nord-, Mittelamerika- und Karibik-Zone, stieß Katar bis ins Halbfinale vor. In der Gruppenphase reichten ein 3:3 gegen Panama sowie Siege gegen Granada und Honduras zum Aufstieg. Im Viertelfinale wurde El Salvador mit 3:2 aus dem Weg geräumt, ehe gegen den Gastgeber und späteren Gewinner USA das Aus im Semifinale kam.

In der zweiten Runde der WM-Qualifikation lief es für Katar besser. Dort wurde das Emirat mit sieben Siegen aus acht Spielen Gruppensieger vor dem Oman. Katar qualifizierte sich somit für die Asienmeisterschaft 2023 in China, musste aber als Gastgeber vor der Finalrunde aus der WM-Quali aussteigen.

Deutlicher Abschwung in der zweiten Jahreshälfte

Gegen die europäischen Teams lief es zu Beginn ganz ansehnlich. Erst feierte Katar im ungarischen Debrecen (eigentlich hätten Katars Heimspiele in der Generali Arena der Wiener Austria stattfinden sollen, wurden aber wegen Corona verlegt) Siege gegen Luxemburg und Aserbaidschan, zum Abschluss des März-Triples folgte ein Remis gegen Irland.

Doch in der zweiten Jahreshälfte bezogen die Kataris nur mehr Prügel. Gegen Portugal und Serbien setzte es je zwei Niederlagen, in Irland verloren die Westasiaten 0:4. In Luxemburg und Aserbaischan gab es für die seit acht Länderspielen auf einen Sieg wartenden Kataris immerhin Unentschieden.

Würde man die Ausbeute Katars in die Gruppe A einrechnen, was möglich ist, da alle Teams inklusive der Testspiele, zehn Partien bestritten haben, würde das Team von Felix Sanchez mit neun Punkten Fünfter sein. Die WM hätte Katar in Europa deutlich verpasst, der Tabellenletzte Aserbaischan wurde aber immerhin um sieben Punkte abgehängt.

Die Ergebnisse Katars in der zweiten Jahreshälfte aber als Indikation für mangelndes Niveau heranzuziehen, würde dem Emirat Unrecht tun. Katar hat 2021 19 Länderspiele quer über den Globus bestritten, dass dem Team irgendwann der Saft ausgeht, war zu erwarten.

Große Stars sucht man im katarischen Team vergeblich. Die meisten Nationalspieler kicken für Top-Klub Al-Sadd.

Arab Cup als Generalprobe

Wie der 51. der Weltrangliste bei der Weltmeisterschaft letztendlich abschneiden wird, wird sehr von der Auslosung der Gruppenphase abhängen. Als Gastgeber ist das Emirat an Position eins der Gruppe A gesetzt.

Dennoch ist anzuzweifeln, ob der Fortschritt, den Katar in den vergangenen Jahren zweifellos gemacht hat, groß genug ist, um über die Gruppenphase hinauszukommen. Der Gewinn der Asienmeisterschaft vor zwei Jahren war eine faustdicke Sensation, beim Gold Cup war die Konkurrenz am Weg ins Halbfinale von fragwürdiger Qualität.

Im Gegensatz zu einem anderen Land, das sich dem Fußball und dessen Förderung von staatlicher Seite verschrieben hat, kann sich Katar aber immerhin sportliche Erfolge auf die Fahnen heften. Während der katarische Fußball auf soliden Beinen steht, klappt der chinesische Fußball auf allen Ebenen in sich zusammen.

Beim Arab Cup, der am 30. November begonnen hat, probt Katar für den Ernstfall: Sportlich und infrastrukturell. Sechs WM-Stadien werden bespielt, erstmals wird eine halbautomatische Abseits-Erkennung zum Einsatz kommen. Das erste Spiel gewann der WM-Gastgeber 1:0 gegen Bahrain.

16 Teams aus dem arabischen Raum in Asien und Afrika duellieren sich beim Arab Cup um die Vormachtstellung in der Region. Zwar werden die ganz großen Stars aus Europa ausbleiben, der Stellenwert für Katar lässt sich aber daran erkennen, dass die Liga für eineinhalb Monate unterbrochen wird. So wird der WM-Gastgeber auf alle im eigenen Land spielenden Kicker zurückgreifen können, Legionäre spielen keine Rolle.

Katar wird jedenfalls bei der WM im eigenen Land Geschichte schreiben: Entweder geht der Erfolgslauf in ein neues Kapitel, oder Katar scheidet als erster Gastgeber einer Weltmeisterschaft bereits in der Gruppenphase aus. Zweiteres scheint aus heutiger Sicht am wahrscheinlichsten. Spätestens am 29. November 2022 wissen wir mehr.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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