Fuhrmann: "Meine Benennung soll ein Signal sein"

 

Österreich hat die erste Vollzeit-Teamchefin in seiner Fußball-Geschichte: Irene Fuhrmann, bislang Assistentin des zum LASK abgewanderten Dominik Thalhammer, ersetzt den Erfolgs-Coach, der das Frauen-Nationalteam des ÖFB 2017 ins Halbfinale der EURO coachte.

Nicht nur, weil die 39-Jährige an diesem Erfolg schon ihren Anteil hatte, war sie die logische Nachfolge: Als einzige hiesige Inhaberin einer UEFA-Pro-Lizenz war Fuhrmann geradezu prädestiniert, dieses Neuland für den ÖFB zu betreten.

Das ist aber nicht das einzige Argument für ihre Benennung: Als Mitglied des bisherigen Trainer-Stabs steht ihr Aufstieg auch für die Fortsetzung des bisherigen Kurses.

Im LAOLA1-Interview spricht Fuhrmann über neue Impulse, Wünsche für den Frauenfußball - und auch an Salzburg, Rapid und den LASK:

LAOLA1: Schon vom Moment des Abgangs Dominik Thalhammers an war der Grundtenor, dass Sie die logische Nachfolgerin wären. Wie sind vor diesem Hintergrund die Verhandlungen mit dem ÖFB gelaufen, welche Bedingungen und Wünsche gab es zu klären?

Irene Fuhrmann: Der ÖFB ist wirklich rasch an mich herangetreten. Ich habe gut abgewogen, wollte mir die einmalige Chance mit diesem Team aber nicht entgehen lassen. Natürlich mussten wir bestimmte Bereiche abstecken: Eine Bedingung war, dass ich selbst entscheiden kann, wie ich meinen Betreuerstab aufstelle. Da bin ich dem ÖFB dankbar, dass ich Markus Hackl als ersten Assistenten nominieren konnte, da er ja auch U17-Trainer ist und in dieser Funktion erhalten bleibt. Der Verband will den erfolgreichen Weg fortführen, aber neue Impulse bekommen. Wir haben jetzt vorrangig das Ziel, uns für die EURO 2022 zu qualifizieren, aber danach stehen ja weitere Aufgaben an. Es soll auch um eine Professionalisierung und Impulse in anderen Bereichen gehen, etwa was die Bundesliga betrifft.

LAOLA1: Sie waren seit 2017 Assistentin von Thalhammer. Wie viel Irene Fuhrmann steckt schon jetzt im Frauen-Nationalteam? Wie hoch war der Einfluss als Assistentin?

Fuhrmann: Dominik Thalhammer ist ein Trainer, der sehr viel Wert darauf legt, alle Meinungen in seinem Team einzuholen. Er war natürlich der letzte Entscheidungsträger, das absolute Mastermind. Aber es ging immer darum, gemeinsam etwas zu erarbeiten. Ich habe alles mitgetragen und mitverantwortet. Jetzt sitze ich am Steuer. Aus dem, was wir uns erarbeitet haben, möchte ich schöpfen, aber es muss immer Adaptierungen geben. Wir dürfen nicht stehenbleiben – aber dafür steht das Team auch nicht, sie sind für alles offen und haben schon so viel mitgetragen, etwa in der Vorbereitung auf die EURO 2017, als es grundlegende Veränderungen in der Spielphilosophie gab.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

LAOLA1: In welchen Bereichen wird sich das Team trotzdem relevant unterscheiden?

Fuhrmann: Das wird die Zeit weisen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, jetzt nicht alles komplett umzuwerfen. Es geht darum, uns auf jeden Gegner einzustellen, die Anforderungen an uns sind sehr unterschiedlich. Allein, wenn man die Quali-Gegner Kasachstan und Frankreich vergleicht: Das werden zwei komplett konträre Spiele, in denen wir ganz andere Schwerpunkte setzen müssen.

LAOLA1: In der Akademie steht viel an individueller Arbeit in Ihren Aufgaben. Das wird als A-Teamchefin ein kleinerer Faktor sein?

Fuhrmann: Klar, aber ich möchte Kontaktpflege mit den Vereinen der Nationalspielerinnen betreiben. Man kann immer Rückmeldung geben, wie man Dinge beurteilt und woran es zu arbeiten gilt. Die Spielerinnen bekommen von uns auch Aufgaben mit. Auch die Ligen forcieren ganz unterschiedliche Ansätze. England ist stark physisch geprägt, in Deutschland kommt die technische und taktische Ebene stärker zum Ausdruck. Die Spielerinnen spielen im Nationalteam zum Teil auch etwas ganz anderes als bei ihren Vereinen. Sie schaffen es trotzdem, das zu bringen und umzusetzen. In der Akademie haben wir etwa 50 Spielerinnen. Da geht es darum, die besten Talente weiterzubringen. Es wäre schon mein Ziel, mit diesen Talenten auch bald am Platz zu stehen. Ich sehe es schon als eine meiner wichtigsten Aufgaben, die Nachwuchs-Teamchefs hier vor Ort zu unterstützen.

Von der Assistentin zur Chefin
Foto: © GEPA

LAOLA1: Sie waren 2017 beim EURO-Halbfinaleinzug schon dabei, dieser Erfolg sollte als Initialzündung wirken. Drei Jahre später: Sind Ihnen persönlich die Effekte schon groß genug?

Fuhrmann: Mehr geht immer! Aber es sind viele Dinge passiert, die nach außen gar nicht so offensichtlich sind. Es wäre vor Jahren undenkbar gewesen, dass unsere oberste Liga mit "Planet Pure" einen Sponsor findet. Auch für den Cup ist ein Sponsor gefunden worden, mit "Sportland Niederösterreich". Das hilft den Vereinen, mehr finanzielle Mittel zu lukrieren und auf professionelleren Beinen zu stehen. Karin Gruber, die früher Geschäftsführerin der ÖFB-Frauenakademie war, ist als Projektkoordinatorin für Mädchen- und Frauenfußball ernannt worden, um in der Breite Initiativen zu setzen. Sie ist im Austausch mit allen Landesverbänden. Und durch Covid-19 wurde viel gestoppt, aber wir hoffen, dass im Herbst das UEFA-Disney-Projekt "Playmakers" losstartet, bei dem Mädchen im Alter von fünf bis acht Jahren angesprochen werden, um den Fußball als Sportart für sich zu wählen. Viele Maßnahmen haben die Spitze gefördert, aber von unten brauchen wir auch sicher noch mehr.

"Wenn es passiert, muss es ordentlich passieren, keine Schnellschüsse. Es würde sicher einen Boom auslösen, weil es natürlich namhaft wäre, bei Red Bull Salzburg, bei Rapid, beim LASK zu spielen."

Über Frauen-Teams der Bundesligisten

LAOLA1: Ein Schritt, der sowohl in der Spitze, als auch der Breite wirken würde: Wenn mehr Männer-Bundesligisten ein Frauen-Team ins Leben rufen würden. Bei Rapid wird schon länger mit dieser Idee kokettiert, zuletzt auch beim LASK. Wirklich konkret ist noch wenig, zu oft scheint das Schlagwort "Frauen-Team" aus PR-Gründen ausgesprochen zu werden.

Fuhrmann: Es ist schon jahrelang unsere Meinung: Imagemäßig würde es uns helfen, wenn die großen Namen sich dazu entschließen würden. Sie müssen aber den Mehrwert erkennen und das Projekt auf gesunde Beine stellen. Wenn es passiert, muss es ordentlich passieren, keine Schnellschüsse. Es würde sicher einen Boom auslösen, weil es natürlich namhaft wäre, bei Red Bull Salzburg, bei Rapid, beim LASK zu spielen.

LAOLA1: Nach 20 Jahren Aktivität im Frauenfußball: Haben Sie das Gefühl, dass es der Sport in Österreich besonders schwer hat, sich ein Standing zu erarbeiten?

Fuhrmann: Besonders schwer würde ich nicht sagen, aber es hat Erfolge gebraucht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es ist eine gesellschaftspolitische Sache. Frauensport allgemein braucht in Österreich einen Aufschwung. Es wird ja auch schon seit Jahren über die tägliche Turnstunde gesprochen. Es bedarf eines Prozesses. Aber wir haben viel Potenzial und das muss in weiteren Schritten genutzt werden.

LAOLA1: Sie sind Österreichs einzige Inhaberin einer UEFA-Pro-Lizenz. Warum?

Fuhrmann: Ich glaube, dass das Trainer-Wesen bei vielen Frauen als Beruf noch keine Einkehr gefunden hat. Gerade jetzt soll so eine Benennung wie die meine ein Signal sein, dass es Möglichkeiten gibt. Ich bin guter Dinge, dass sich in der nächsten Generation an Nationalteam-Spielerinnen die eine oder andere finden wird, die dieser Berufung später nachgehen wird. Bisher war es einfach so, dass es sich viele nicht zugetraut haben, in dieser Männerdomäne Fuß zu fassen.

LAOLA1: Ist es vielleicht sogar so, dass es für Frauen auf dem Weg zur Lizenz irgendwelche besonderen Hürden gibt, über die es zu kommen gilt?

Fuhrmann: Nein, es gelten genau die gleichen Kriterien. Da gibt es keinen Unterschied. Wenn ich an die B- oder A-Lizenz zurückdenke: Wenn es um ein zielgenaues, weites Passspiel ging, war meine Distanz fünf Meter kürzer, wenn ich mich richtig erinnere. Das wurde schon berücksichtigt. Aber auf der taktischen Seite gibt es keine Unterschiede.

LAOLA1: In Europa wird nur zirka ein Drittel aller Frauen-Nationalteams auch von Frauen trainiert. Es scheint ein internationales Phänomen zu sein, dass Frauen noch nicht ganz im Trainer-Beruf angekommen sind.

"Wenn wir schon an die WM 2023 denken: Das wäre auch so ein Highlight, das erste Mal bei einer Weltmeisterschaft zu sein. Aber dann nur hinzufahren – das will ja dann auch keiner."

Kleine Kampfansage

Fuhrmann: Absolut. Aber die UEFA versucht, die Verbände zu animieren, um mehr Frauen in Trainer-Ausbildungen zu bekommen. Auch bei uns sind die ersten Schritte gesetzt, indem es einen reinen Berufsspielerinnen-Kurs gab, Frauen aber gleichzeitig auch an jenem der Männer teilnehmen können. Das ist ein wichtiges Novum.

LAOLA1: Auf die Frage, ob es eine Überlegung war, bei einem Angebot mit Dominik Thalhammer zum LASK zu gehen, war Ihre Antwort ein deutliches Nein. Gab es vor dem Hintergrund der identen Trainer-Ausbildung überhaupt schon jemals die Überlegung, in den Männerfußball zu gehen? Was ist Ihr persönlicher, ganz großer Reiz am Frauenfußball, den Sie betont haben?

Fuhrmann: Das ist rasch erklärt: Der Frauenfußball ist meine Herzensangelegenheit. Ich habe alle Entwicklungen hautnah miterlebt, als Spielerin, Assistenz und Trainerin. Trotzdem würde ich es nicht ausschließen, auch einmal im Männerbereich etwas zu machen. Ja, es gab schon immer wieder die Anfragen, besonders im Bereich Akademie. Ich wurde von Trainerkollegen aus der Ausbildung, die dann in Entscheidungspositionen gekommen sind, gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Ich habe immer gesagt: So lange ich so professionell im Bereich Frauenfußball arbeiten kann, will ich das tun. Aber ich habe mittlerweile gelernt, dass man nichts ausschließen darf!

LAOLA1: Die Position als ÖFB-Frauen-Teamchefin erscheint durchaus sicher: Ernst Weber war zwölf Jahre im Amt, Dominik Thalhammer neun. Sie haben einen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Daher getrost die Frage an Sie direkt: Wo soll das ÖFB-Team, wo der Frauenfußball allgemein in fünf, vielleicht zehn Jahren stehen?

Fuhrmann: Ich hoffe, dass viele junge Talente nachrücken und wir von den Kadermöglichkeiten breiter aufgestellt sind. Dadurch könnten wir uns auch nochmal an die europäischen Spitzenteams annähern. Das geht nur, wenn wir mehr Quantität reinbekommen. Wir wissen, dass der dritte Platz bei der EURO 2017 herausragend war. Die Frage ist: Wie kann man sowas toppen? Wenn man einmal bei einem Großevent dabei ist, ist alles möglich. Aber der Weg dorthin - da wäre es schön, wenn wir das regelmäßig schaffen. Darum muss es jetzt einmal gehen. Nicht darum, ob wir dann bei der Endrunde selbst Dritter werden. Wir müssen in regelmäßigen Abständen qualifiziert sein.

LAOLA1: Das Halbfinale ist aber keine Eintagsfliege gewesen, hoffen wir alle.

Fuhrmann: Nein, das Team will sich auch beweisen. Das muss immer das Ziel sein, so weit wie möglich zu kommen. Wenn wir schon an die WM 2023 denken: Das wäre auch so ein Highlight, das erste Mal bei einer Weltmeisterschaft zu sein. Aber dann nur hinzufahren – das will ja dann auch keiner.

Textquelle: © LAOLA1.at

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