Boykott! Darum streiken ÖFB-Fans gegen Slowenien

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Österreichs Nationalteam steht mit dem Rücken zur Wand und nun droht auch noch – zumindest temporärer – Liebesentzug der organisierten Anhänger.

Der Fanklub „Hurricanes Österreich“ ruft in der ersten Halbzeit des EM-Qualifikations-Spiels gegen Slowenien bekanntlich zum Support-Boykott auf.

Folgen die anderen Fan-Klubs diesem Aufruf und entwickelt das Kärntner Publikum im Wörthersee-Stadion kein stimmungstechnisches Eigenleben, droht 45-minütige Stille in Rot-Weiß-Rot.

18.000 im Vorverkauf abgesetzte Tickets lassen so oder so keinen Hexenkessel erwarten.

Doch warum diese Initiative? Auf den ersten Blick könnte es als Strafe für den ausbleibenden sportlichen Erfolg interpretiert werden, und dies spielt sicherlich auch eine gewichtige Rolle.

Es ist jedoch nicht der einzige Grund, wie aus einem längeren Schreiben der Hurricanes, das vor einigen Tagen an andere Fanklubs erging und das LAOLA1 vorliegt, hervorgeht.

Kampagne "Heimspiele nur im Happel-Stadion"

Da wäre einerseits die Frage des Austragungsorts.

In ihrem offiziellen Aufruf vom Donnerstag weisen die Hurricanes nur in einem Nebensatz darauf hin, dass sie das Happel-Stadion als Heimstadion ansehen und „regelmäßig ausweichen müssen“. Im Schreiben an die Fanklubs wird diesem Punkt indes großer Stellenwert eingeräumt.

Bereits im vergangenen September wurde die Kampagne „Heimspiele nur im Happel-Stadion“ ins Leben gerufen.

Diese Forderung kann man wohl auch unabhängig von der Notwendigkeit eines neuen Nationalstadions kontrovers diskutieren, schließlich sind nicht alle ÖFB-Fans in Wien oder der Umgebung der Bundeshauptstadt beheimatet, was durchaus ein Argument für Länderspiele in den Bundesländern darstellt. Das wissen auch die Hurricanes.

„Uns ist natürlich klar, dass sich nicht alle Fans und Fanklubs mit dieser Kampagne identifizieren können und wollen. Es ist auch sein gutes Recht, eine eigene Meinung zu haben und vertreten zu dürfen. Wir wollen das Motto nicht jedem aufzwingen bzw. den Eindruck erwecken, dass jeder unserer Meinung sein muss“, heißt es in dem Schreiben.

Die Argumente der Hurricanes für den Standort Happel-Stadion als Heimstätte des Nationalteams:

  • Das Ernst-Happel-Stadion ist das einzige neutrale Stadion in Österreich, in dem kein Verein seine Heimspiele austrägt, es ist somit vereinsunabhängig, was für ein Nationalstadion ein wesentlicher Faktor ist, um mögliche Spannungen umgehen zu können.

  • Es ist das größte Stadion in Österreich.

  • Das Nationalteam verbindet eine besondere Beziehung und Vergangenheit zu diesem Stadion und konnte bereits große Erfolge dort feiern.

  • Das Nationalteam hat im Ernst-Happel-Stadion die größte Fanbasis und den lautesten Rückhalt.

Wäre die Stimmung in Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck am besten...

Der letzte Punkt sei der ausschlaggebende Grund: „Hier geht es nicht um Wien, denn würde die Stimmung in Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck am besten sein, würde es auf der Hand liegen, den Standort dort hinzuverlegen. (…) Das Ernst-Happel-Stadion ist für unser Nationalteam eine Festung, wie wir schon gegen Schweden choreographisch gezeigt haben. Aber auch viele andere spektakuläre Choreographien wurden in die Ränge der C/D Kurve gezaubert. Alles Dinge, die bisher nur im Ernst-Happel-Stadion möglich waren.“

Seit 2016 würde das Team eine „kleine Seuche“ plagen, mit der man immer noch zu kämpfen habe.

„Das Ausscheiden bei der EM 2016 und das Scheitern der WM-Qualifikation hat viele Fans (vor allem Erfolgsfans, aber auch die braucht man) vergrault. Die Vorgehensweise mit unserem Erfolgstrainer Marcel Koller trug ihres bei. Die überteuerten Kartenpreise verjagten schlussendlich die letzten Stammfans. Heute finden wir nur noch Leute im Stadion vor, die zum ersten Mal ein Spiel besuchen. In die C/D Kurve kommt man nur in letzter Instanz und wegen den billigeren Kartenpreisen. Der zweite Rang sitzt geschlossen und man wird mit Beschwerden über Fahnen, Tonanlage, etc. überhäuft. Leider hat die Mannschaft und der ÖFB binnen 2-3 Jahre sehr viel zerstört, was wir uns zuvor mühsam aufgebaut haben.“

Darüber hinaus würden die zunehmend abseits des Happel-Stadions ausgetragenen Heimspiele das Leben erschweren:

„Für uns alle sind Busfahrten immer sehr lustig und ereignisreich, aber auch mit Strapazen verbunden. Man muss sich zum Teil frei nehmen oder volley in die Arbeit fahren. Das wäre alles kein Problem, wenn wir als Ausgleich eine Unterstützung des heimischen Publikums bekommen würden, aber meistens sind wir dort eher ungewollt und bekommen dies auch zu spüren. Warum also dorthin fahren und uns das alles gefallen lassen? Wir alle haben eine gewisse Ablehnung nach Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck zu fahren.“

Wenn man für Heimspiele nur im Happel-Stadion plädiert, dann jedoch nach Klagenfurt oder Salzburg fahren und das Standardprogramm durchziehen und wieder alles geben würde, würde man sich selbst „belügen“. Daher sei es an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen und ein Zeichen zu setzen:

„Aus diesem Grund haben wir beschlossen, in Klagenfurt unsere Stimme für 45 Minuten verstummen zu lassen. Wir werden in der ersten Halbzeit keine Fangesänge anstimmen oder versuchen Leute dazu zu motivieren, mitzusingen, falls einer spontan entsteht. Wir werden auch keine Trommeln, Fahnen oder Doppelhalter irgendeiner Art einsetzen, aber Spruchbänder präsentieren! In der zweiten Halbzeit hingegen werden wir alles geben, was wir können – sowohl akustisch wie optisch – um den deutlichen Unterschied aufzuzeigen.

Harte Kritik an Teamchef und Mannschaft

Die Hurricanes betonen, dass es Mannschaft, Trainern und Funktionären endlich klar werden müsse, was sie an den organisierten Fans haben und dass ihre Arbeit nicht selbstverständlich sei, sondern erarbeitet werden müsse.

Es folgt eine interessante Passage, die unweigerlich in Erinnerung ruft, wie intensiv der frühere Teamchef Marcel Koller das von ihm anfangs so genannte „zarte Pflänzchen“ – sprich die Bindung zwischen Mannschaft und Anhängern – pflegte, bis es wuchs und wuchs.

Diese Arbeit scheint zuletzt ein wenig eingeschlafen zu sein, wenn man folgenden mit sportlicher Kritik kombinierten Zeilen Glauben schenkt:

„Selten kommt ein Dank oder lobende Worte speziell an uns Fanklubs gerichtet. Nähe zu Spielern und Trainer wird gänzlich vermisst. Nun lässt auch die Leistung mancher Spieler zu wünschen übrig. Viele kommen nur noch arrogant und überheblich rüber. Stolz für rot-weiß-rot auflaufen zu dürfen, wird komplett vermisst. Es gehört dringend etwas geändert, denn man sollte das Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust verdient haben und nicht nur bekommen, weil man schon seit sechs Jahren einberufen wird und zum ‚Stamm‘ zählt. Es muss wieder Leistung an oberster Stelle stehen und Reservisten haben grundsätzlich keine Berechtigung zu spielen, zumal es junge Talente gibt, die in ihren Vereinen aufzeigen. Franco Foda steht hier ebenfalls in der Verantwortung. Und den Funktionären muss klar werden, dass sie mit ihrem wirtschaftlichen Denken keine Atmosphäre in die Stadien bekommen werden.

Gemeinsam ein Zeichen setzen

Im Mittelpunkt steht gegen Slowenien natürlich das Geschehen auf dem Rasen. Was sich auf den Rängen tut, gilt es allerdings ebenfalls im Auge zu haben.

Sollten sich mehrere oder gar die meisten Fan-Klubs diesem Aufruf anschließen, sollte dies den sportlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern im ÖFB natürlich zu denken geben.

Die Hurricanes hoffen jedenfalls, dass sich andere Gruppierungen solidarisch zeigen:

„Wir weigern uns, das Spiel mitzuspielen und wollen ein Zeichen setzen. Dieses Zeichen können wir aber nur mit EUCH realisieren. Wenn wir als Kurve, als eine Einheit, an einem Strang ziehen, wird unsere Stimme etwas lauter, als wenn wir allein diesen Kampf kämpfen. Natürlich können wir nicht von euch erwarten, dass ihr bei unserem Vorhaben mitzieht und unserer Meinung seid, aber vielleicht konnten wir euch doch mit dem einen oder anderen Statement erreichen und zum Nachdenken anregen. Wir würden uns freuen, wenn wir von euch den Rückhalt bekommen würden und wir so gemeinsam ein Zeichen setzen können!

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Textquelle: © LAOLA1.at

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