Kitzbichler: So lebt es sich im Reich der Mittel

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Beim zweiten Mal ist Richard Kitzbichler dem Lockruf von Roger Schmidt erlegen.

Der ehemalige Salzburg-Trainer wollte den 43-Jährigen schon zu Bayer Leverkusen mitnehmen, nun folgte der Tiroler nach zehn Jahren in Salzburg dem Deutschen zu Beijing Sinobo Guan nach China.

Dort ist der dreifache Familenvater, der als Aktiver für Salzburg, Wacker, die Austria, Melbourne Victory, dem HSV und das Nationalteam (17 Einsätze) spielte, als Co-Trainer und Video-Analyst engagiert.

"Ich kannte China und Peking nur aus dem Internet, es war eine Reise ins Blaue, aber es hat sich absolut bezahlt gemacht", schildert Kitzbichler im Gespräch mit LAOLA1, in dem er Einblicke in den chinesischen Fußball und das Leben in der 22-Millionen-Einwohner-Metropole gibt.

LAOLA1: Richard, du bist seit Juni in China. Wie kam es zu deinem Engagement in Peking?

Richard Kitzbichler: Ich hatte mit Roger (Schmidt, Anm.) stets Kontakt, wäre mit ihm auch fast nach Leverkusen gegangen. Ich habe mich dann aber wegen der Familie dagegen entschieden. Damals hatten wir zwei Kinder, die in der Volksschule waren. Wir haben uns alles angesehen, waren uns aber nicht so sicher, auch weil uns Salzburg gut gefallen hat. Wir haben dann auch noch ein drittes Kind bekommen.

LAOLA1: Beim zweiten Mal hat es Roger Schmidt dann aber geschafft, dich zu überreden.

Kitzbichler: Ja, er hat sich wieder gemeldet und mich gefragt, ob ich es mir vorstellen kann. Dieses Mal war es sogar noch weiter weg, also eigentlich schwieriger vom familiären Aspekt her (grinst). Aber es sind auch wieder drei Jahre vergangen, ich war dann zehn Jahre bei Salzburg und hatte eine super Zeit. Wir haben bis auf die Champions League alles erreicht. Ich hatte das Gefühl, etwas anderes machen zu wollen, eine neue Herausforderung. Das hat in diesem Fall gepasst. Ich bin sein Co-Trainer, arbeite am Platz, aber auch als Videoanalyst wie in Salzburg. Mir taugt Roger einfach als Trainer, da kann ich auch profitieren. Natürlich war es auch finanziell ein Top-Angebot und einfach ganz etwas anderes. Ich kannte China und Peking nur aus dem Internet, es war eine Reise ins Blaue. Aber es hat sich absolut bezahlt gemacht. Es ist eine Metropole, sie ist kulturell interessant, aber auch sehr modern. Das Problem mit der Luft gibt es, aber es ist nicht so katastrophal, wie das im Internet vielleicht dargestellt wird. Im Herbst gibt es zum Beispiel immer einen blauen Himmel. Es ist sportlich und abseits einfach eine tolle Erfahrung und mir taugt das wirklich sehr.

LAOLA1: Ist es auch ein Angebot, das man einfach nicht ablehnen kann?

Kitzbichler: Finanziell ist das natürlich eine andere Liga und somit ein ausschlaggebender Punkt. Das macht man auch nicht, weil man lustig ist, wenn man drei Kinder hat. Es war einfach insgesamt ein tolles Angebot, dass man wagen und riskieren kann. In Salzburg habe ich es auch sehr gut gehabt, man kennt die finanziellen Möglichkeiten dort, das gibt man auch nicht so schnell auf. Aber alles in allem war das ein Angebot, das ich wahrnehmen wollte. Es hat mich einfach sehr gereizt.

LAOLA1: Wie haben das deine Frau und die Kinder aufgenommen?

Kitzbichler: Es war relativ kurzfristig, aber meine Frau ist da auch toll. Sie versteht das und managt alles, was die Kinder betrifft. Die Familie war auch schon bei mir hier, das Pendeln funktioniert ganz gut. Die Flugzeit via München oder Frankfurt beträgt zehn Stunden, das ist nicht so extrem. Ich war schon einmal vier Tage in Österreich, Pausen gibt es immer wieder, zudem eine lange Winterpause mit langem Urlaub. Ich habe eigentlich mehr als in Österreich, wo es im Sommer nur zwei Wochen Unterbrechung gab und da die Kinder aber noch in der Schule sind. Im Winter sind drei Wochen in der Weihnachtszeit auch nicht lang. Deswegen ist das nicht so dramatisch. Wir haben auch schon überlegt, das Frühjahrssemester der Kinder in Peking zu absolvieren, aber da wir zu diesem Zeitpunkt die meiste Zeit auf Trainingslager in Europa sind, zahlt sich das auch nicht aus. Die Saison geht von März bis November, dann fliege ich auch wieder nach Hause. Das passt ganz gut, auch wenn ich das erste Mal weit weg von meiner Familie bin. Mit Facetime und Co. lässt sich das aber gut managen.

"Finanziell ist das natürlich eine andere Liga und somit ein ausschlaggebender Punkt. Das macht man auch nicht, weil man lustig ist, wenn man drei Kinder hat. Es war einfach insgesamt ein tolles Angebot, dass man wagen und riskieren kann."

LAOLA1: Kommen wir zum Sportlichen. Carlos Tevez rechnete Ende September mit Chinas Fußball wie folgt ab: "Sie können einfach nicht Fußball spielen. Chinesen haben von Natur aus weniger Talent als Europäer und Südamerikaner. (…) China wird auch in 50 Jahren nicht wettbewerbsfähig sein."

Kitzbichler: Gut, zu Tevez muss man sagen: Er ist der absolute Top-Verdiener hier, hat drei Tore erzielt und war die Hälfte der Zeit verletzt. Ich denke, seine Aussagen kann man nicht ganz für voll nehmen. Die Fans sind auch total unzufrieden, jene aus Shanghai legen ihm auch nahe, nicht mehr aus Argentinien zurückzukommen. Die sind von ihm und seinen Leistungen sehr enttäuscht.

LAOLA1: Welchen Eindruck hast du vom chinesischen Fußball?

Kitzbichler: Vergleiche sind schwierig, aber fest steht, es gibt ein riesiges Potenzial. Sie sind enorm ehrgeizig mit ihren Plänen hier, wollen die WM nach China holen und dann auch konkurrenzfähig sein. Es gibt aber noch nicht so viele aktive Fußballer. Es gibt die Profi-Liga, es gibt die zweite Liga, dann wird es aber sehr dünn, der Amateur- und Nachwuchsfußball fehlt noch. Wenn das aber kommt, kann man erahnen, welches Potenzial hier schlummert, alleine an der Bevölkerungszahl gemessen. Wenn sehr viele Kinder spielen, gibt es auch Talente, die bei entsprechender Förderung etwas erreichen können. Die Regierung steht sehr dahinter, die wollen auch die Engagements der Ausländer eindämmen. Sie wollen junge Chinesen spielen lassen.

LAOLA1: Wie ist es um den fußballerischen Nachwuchs bestellt?

Kitzbichler: Weil es noch nicht so viele Nachwuchsfußballer gibt, gibt es einen heißen Kampf um die Talente. Da wird auch für einheimische Spieler viel bezahlt. Es wird aber generell viel investiert in Infrastruktur und Nachwuchs-Akademien. Da kann ich mir vorstellen, dass da einiges möglich sein wird. In zehn, 20 Jahren wird das anders ausschauen. Es ist der Beginn und die Liga ist mehr als in Ordnung. In jedem Team spielen auch drei ausländische Top-Stars (mehr dürfen nicht, Anm.), die auch in jeder europäischen Top-Liga spielen könnten. Die heben das Niveau sehr an, machen den Unterschied aus. Aber es gibt auch gute chinesische Spieler, das Nationalteam wird von Marcello Lippi trainiert. Für die WM hat es noch nicht gereicht, aber man war schon am aufsteigenden Ast.

LAOLA1: Wie ist das Interesse der Bevölkerung am Fußball?

Kitzbichler: Wir haben einen Zuschauerschnitt von 40.000 Zuschauern, aber es waren auch schon 60.000 da. Es gibt viele Sportsendungen im Fernsehen und es wird viel geschrieben, das kann ich allerdings nicht lesen (lacht). Wir sind sicherlich der populärste Klub in China, verhältnismäßig auch einer der ältesten. Er wird geliebt in der Stadt. Es sind auch viele Medien beim Training. Das Interesse ist schon groß. Der Fußball boomt, es sind schon viele Zuschauer da und es wird in die Stadien investiert. Noch gibt es wenig reine Fußballstadien, aber es gibt schon Pläne für solche, auch bei uns. Das wird sich entwickeln. Wenn man China so kennenlernt, auch von der finanziellen Entwicklung her, dann kann ich mir schon vorstellen, dass die ehrgeizigen Pläne umgesetzt werden.

Private Einblicke von Richard Kitzbichler aus China:

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Roger Schmidt, ehemaliger Salzburg-Trainer, holte Kitzbichler nach Peking

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Mit Jonatan Soriano ist ein weiterer Ex-Salzburger (wie auch Ex-Athletik-Trainer Oliver Bartlett) in Peking engagiert, der Spanier traf in dieser Saison in 18 Spielen 15 Mal.

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LAOLA1: Wie gefällt es Roger Schmidt in Peking?

Kitzbichler: Dem taugt es auch richtig. Wir müssen aber natürlich schauen, dass wir unsere Ziele erreichen. Da liegt aber noch einige Arbeit vor uns. Wir haben bislang noch nichts am Kader gemacht, da haben wir Aufholbedarf. Bislang sieht es so aus: Wenn wir als Mannschaft in einem Spiel alles richtig machen, vor allem taktisch, können wir jeden besiegen. Aber wir können an anderen Tagen auch gegen jeden verlieren. Wenn wir langfristig vorne sein möchten, müssen wir sicher etwas tun. Wir werden sehen, wer kommt. Wir schauen uns um, aber es gibt auch eine Transaktionssteuer, somit kostet der ausländische Spieler doppelt so viel. Aus Salzburg ist kein Neuzugang geplant (lacht).

LAOLA1: Lässt Roger Schmidt auch in China Pressing spielen?

Kitzbichler: Natürlich, das wollen wir reinbringen und haben es auch schon reingebracht. Physisch müssen wir noch zulegen, weil es einfach ein anstrengender Spielstil ist. Im Sommer ist es extrem heiß hier, über 40 Grad, woanders hat es auch schon mal über 45. Da sind auch Faktoren, die im Vergleich mit Europa anders sind. Aber es ist unser Ziel, diesen aggressiven Spielstil umzusetzen.

LAOLA1: Das Saisonziel, das Erreichen eines CL-Platzes, ist nur noch theoretischer Natur. Ihr seid Achter und habt vier Spiele vor Schluss neun Punkte Rückstand.

Kitzbichler: Wir hatten uns eigentlich ganz gut rangekämpft, aber die letzten beiden Spiele haben wir knapp verloren. Natürlich wollen wir jetzt noch die letzten Spiele gut bestreiten, blicken aber auch schon auf die nächste Saison, um auch jetzt schon etwas zu machen. Körperlich wollen wir zulegen und auch das individuelle Programm für die lange Winterpause gestalten. Da müssen die Spieler auch selbstständig arbeiten, um ab Jänner auf einem guten Niveau zu sein. Die lange Vorbereitung geht dann auch noch bis März. Da kann man fußballerisch und körperlich viel machen.

"Ich bin mit null Vorstellungen hierhergekommen, so wurden meine Erwartungen komplett übertroffen. Ich habe auch in Hamburg und Melbourne gelebt, aber ich muss sagen, Peking übertrifft beide."

LAOLA1: Was treibst du in deiner Freizeit in Peking?

Kitzbichler: Es dreht sich natürlich viel um Fußball, wir sind viel im Stadion und wohnen auch in der Nähe, wo sich aber auch viel abspielt. Von dem her ist die Lage super. Aber wenn ich Freizeit habe, schaue ich mir einfach viel an. Ich habe kein Auto, sondern bin einem Elektro-Scooter unterwegs. Da kann man sich toll fortbewegen. Zuletzt war ich in der Verbotenen Stadt. Es gibt tolle Parks, alte Tempelanlagen, aber auch ganz moderne Stadtteile mit Wolkenkratzern, Büros und Einkaufszentren.

LAOLA1: Vermisst du etwas abseits deiner Familie?

Kitzbichler: Vermissen tust du hier gar nichts. Es gibt hier wirklich nichts, was es nicht gibt. Das Essen ist sehr gut, es gibt eine unglaubliche Vielfalt. Ich bin mit null Vorstellungen hierhergekommen, so wurden meine Erwartungen komplett übertroffen. Ich habe auch in Hamburg und Melbourne gelebt, aber ich muss sagen, Peking übertrifft beide. Es ist eine Weltmetropole mit enormen Möglichkeiten. Das chinesische „Whatsapp“ heißt etwa „WeChat“ und damit bezahlst du auch, damit ist dein Konto verbunden. Du nimmst kein Bargeld mehr mit, hältst nur noch dein Handy hin. „Ofo“ (Bike-Sharing, Anm.) kommt ja jetzt auch nach Wien, ist hier entstanden. Da gibt es tausende Fahrräder, du sperrst es mit dem Handy auf und lässt es wieder woanders stehen. In dieser Hinsicht sind sie uns voraus.


Textquelle: © LAOLA1.at

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