Kommentar: War Martin Hinteregger "zu" ehrlich?

Kommentar: War Martin Hinteregger Foto: © GEPA
 

Zu ehrlich für den beinharten Zirkus Profi-Fußball?

Jein.

Das frühe Ende der Profi-Karriere von Martin Hinteregger schmerzt, steht jedoch geradezu sinnbildlich für jemanden, dessen Karriere nie einer typischen 08/15-Laufbahn in diesem Business glich.

Darunter litt er mitunter, davon profitierte er aber auch.

Ihn als Opfer "der Medien" hinzustellen, wie es bisweilen als erster Reflex geschieht, greift zu kurz.

Nüchtern betrachtet, verliert der österreichische Fußball einen seiner herausragenden Vertreter des vergangenen Jahrzehnts.

Nur 18 Spieler haben in der kompletten ÖFB-Historie mehr Länderspiele absolviert als seine 67, und man muss nicht extra betonen, dass ohne Rücktritt noch viele dazukommen hätten können.

In Normalverfassung musste "Hinti" seit vielen Jahren nicht um seinen Stammplatz im Nationalteam zittern, in Bestverfassung konnte man sich schon bei der Frage ertappen, warum dieser Innenverteidiger in der europäischen Vereins-Hackordnung nicht noch weiter oben angekommen ist.

Aber genau darum ging es in Hintereggers Karriere früher oder später nicht mehr wirklich.

Der Kärntner hatte sich längst – mit allen Vor- und Nachteilen - als der etwas andere Profi positioniert.

Manchmal sicherlich bewusst – als Smartphone-Abstinenzler, Bergdoktor-Fan oder Hubschrauber-Pilot.

Manchmal sicherlich unbewusster, wenn er geburtstagsbedingt den Nationalteam-Zapfenstreich versäumte oder bei einem Augsburger Mannschafts-Abend das Pech hatte, recht fröhlich vor eine Handy-Kamera zu laufen.

Wer mit Ende 20 bereits seine offizielle Biographie auf den Markt bringen kann, hat definitiv jede Menge zu erzählen – und hatte das nahende Ende der Laufbahn vielleicht schon beim Erscheinen des Buches im vergangenen Sommer im Hinterkopf. Dass er seit Herbst 2021 daran dachte und beim Europa-League-Finale schon davon wusste, bestätigte der 29-Jährige ja.

So gesehen kam der Entschluss zwar überraschend, Schnellschuss scheint es jedoch keiner gewesen zu sein.

Während andere Profis nach dem Karriere-Schlusspfiff mitunter in ein tiefes Loch zu fallen drohen, scheint eine tiefere Sinnkrise bei Hinteregger unwahrscheinlich.

Plan B existiert mit seiner gemeinsam mit Skisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern gegründeten Firma "TMH", mit der Sightseeing- und Lastenflüge per Hubschrauber absolviert werden.

Der immense Bekanntheitsgrad der beiden Bosse wird beim Geschäftsmodell mutmaßlich eine Rolle spielen – und das natürlich völlig zurecht. Wer würde dies nicht miteinkalkulieren, wenn er die Chance hätte?

Womit wir bei der Einstiegsfrage und dem "Jein" als Antwort wären. Uneingeschränkt würde die Antwort Ja schlichtweg nicht den Tatsachen entsprechen. Ehrlich ja, aber nicht "zu" ehrlich.

Gerade weil Hinteregger spürbar anders und jedenfalls ein Typ ist, avancierte er derart zum Publikumsliebling - was erstens generell ein erfreulicher Umstand ist, der ihm zweitens viel bedeutet und wovon er drittens fraglos auch profitiert hat.

Dass derart viele Mitglieder der Fußball-Gemeinde seinen Abschied bedauern, liegt eben auch daran, dass er nicht der auswendig gelernte Floskeln aufsagende Phrasendrescher-Langeweiler ist.

Dass Charaktere wie Hinteregger, denen man es gleichzeitig sehr wohl abnehmen kann, "einfach nur ein Mensch" sein zu wollen, mit der gestiegenen Aufmerksamkeit nicht nur Freude haben, kann man gleichzeitig aber sehr wohl verstehen.

Das eine schließt das andere nicht aus. Manchmal kann man über Dinge, Umständen oder in seinem Fall Personen „weder etwas Positives, noch etwas Negatives“ sagen – wer wenn nicht "Hinti" wüsste das…?!

"Ich wollte mich ändern, aber ich habe es nicht geschafft. Ich habe einen Spruch drauf, der ehrlich ist, aber halt auch nicht immer in die Situation passt. Ich kann mich einfach nicht zurückhalten, und wenn das meine Meinung ist, dann muss ich das so sagen. Ich tue mir schwer, diplomatisch zu antworten, was manchmal wohl besser wäre. Weil wenn ich etwas sage, wird es oft anfangs negativ rübergebracht von den Medien", sagte Hinteregger vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem "Standard".

Ein weiterer Gedanke im selben Gespräch: "Von der Presse ist es ja gar nicht mehr gewünscht, dass die Spieler unter die Menschen gehen. Die wollen perfekte Profis wie einen Haaland und nicht welche, die aus der Maschinerie raustreten. Die mit Ecken und Kanten werden nicht mehr gewünscht, obwohl ich das gut finden würde, dass genau das gefördert wird."

Aus diesem Blickwinkel fällt die Antwort, ob Hinteregger zu ehrlich war, möglicherweise anders aus. Es ist sein Empfinden, seine Meinung, also selbstverständlich zu akzeptieren. Womöglich wurde gerade mit der leidigen Sickl-Causa auch eine Schmerzgrenze überschritten.

Trotzdem kann man Einspruch erheben.

Einerseits ist es stets problematisch "die Medien" in einen Topf zu werfen, es gibt solche und solche. Andererseits wären wir von "den Medien" ja Trotteln (augenzwinkernder Hinteregger-Spruch), wenn wir Typen wie ihn nicht zu schätzen wüssten.

Die Annahme, dass Kicker mit Ecken und Kanten medial nicht erwünscht sind, stimmt keinesfalls. Ganz im Gegenteil.

Worüber man fraglos diskutieren kann, ist, ob es zu hysterisch besprochen wird, wenn jemand doch einmal einen Sager liefert. Klartext ist in dieser Branche recht selten geworden.

Dieser Ball lässt sich getrost an ängstliche Medientrainer, die ihren Schützlingen die immergleichen Phrasen einlernen, und vor allem an jene Vereine weiterspielen, die beispielsweise aus Interviews den letzten Rest an Persönlichkeit oder polarisierender Aussage herausstreichen.

Aber gut, es ist auch nicht Hintereggers Job diesen Teil des Fußball-Geschäfts zu Ende zu denken, so spannend Gedankenspiele zum Profi-Leben in einer schnelllebigen Social-Media-Welt auch sind.

Das Wichtigste – und darauf können sich in Fußball-Österreich vermutlich viele einigen – bleibt ohnehin: Seinen tatsächlichen Job hat er zur Freude vieler Wegbegleiter und Fans jahrelang bestens erfüllt.

Sowohl sportlich, wie als authentischer Vertreter seiner Zunft.

Beides wird schmerzlich vermisst werden.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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