Kommentar: Der tiefe Fall der Deutschen

Kommentar: Der tiefe Fall der Deutschen Foto: © GEPA
 

Jogi Löw tut es leid – braucht es nicht, oder nicht mehr. Denn nun ist es zu spät.

Es ist aber viel mehr der Gesamtsituation und einigen Entscheidungen der Vergangenheit geschuldet, dass Deutschlands tiefer Fall im EM-Achtelfinal-Aus gegen England endete.

0:2 gegen England – eine Schmach für die erfolgsverwöhnte DFB-Elf, ausgerechnet gegen den ewigen Rivalen von der Insel. Die erste Pleite gegen die "Three Lions" in einem K.o.-Spiel seit 1966, ein unwürdiger Schlusspunkt für die eindrucksvolle Bundestrainer-Karriere Löws.

Die nach 15 Jahren ausgelutscht wirkte, ohne neue Ideen, ohne Überzeugung, ohne Esprit. Dazu Spieler, die weit von ihrer Normalform entfernt waren und in vier Spielen nur einmal gegen Portugal glänzen konnten. Über die Leistung gegen Frankreich und den Zitteraufstieg gegen Ungarn wird wohl auch intern der Mantel des Schweigens gehüllt.

So wie über viele andere Themen auch in den vergangenen Jahren. Denn der Umbruch im DFB-Team wäre längst fällig gewesen.

Nicht nur aufgrund dieser Statistik unter Löw:

2006 – WM-Halbfinale (als Co-Trainer)
2008 – EM-Finale
2010 – WM-Halbfinale
2012 – EM-Halbfinale
2014 – Weltmeister
2016 – EM-Halbfinale
2018 – WM-Gruppenphasen-Aus
2021 – EM-Achtelfinal-Aus

2016 wollte man nach Löws größtem Triumph, dem Weltmeister-Titel, noch einen draufsetzen, das EM-Halbfinale schaute heraus. Spätestens nach dem WM-Gruppenphasen-Aus 2018 schrillten aber die Alarmglocken und wurden nach einigen Überlegungen dann doch überhört.

Löws Feuer war erloschen, das jahrelange Erfolgskonstrukt dazu passend in die Jahre gekommen. Auf die einstige Revolution im Weltfußball folgte bestenfalls Stagnation. Sesselkleberei sind wir aus Österreich definitiv gewöhnt – egal, in welchen Bereichen. In Deutschland kostete diese jedoch den nächsten Entwicklungsschritt, eine Neuorientierung und einen Umbruch, um so wie bisher wieder zu den besten Nationen weltweit zu zählen.

Die Reißleine hätte viel früher gezogen werden müssen und war bereits im Anschlag. Unmittelbar vor der WM 2018, die in einem Desaster aus DFB-Sicht endete, wurde Löws Vertrag langfristig bis zur EM 2020 verlängert. Ein Rückzug und Freimachen des Weges für einen Neustart kam für den Ex-Austria und -Tirol-Trainer nicht in Frage. Obwohl die Kritik lauter wurde, die Forderungen nach dem Rücktritt nicht verhallten.

Exemplarisch sei Didi Hamanns Kritik vor der EURO bei Racingpost.com erwähnt: "Ich sage schon seit einiger Zeit, dass Löw zu lang geblieben ist - er hätte nach dem WM-Debakel 2018 gehen sollen, war aber durch einen langen Vertrag gebunden, der ihm lächerlicherweise noch vor diesem Turnier übergeben wurde."

Trotzdem stärkte der Deutsche Fußball-Bund dem nunmehr 61-Jährigen den Rücken, aber stürzte weiter ab – und muss nun den Scherbenhaufen aufkehren.

Warum? Weil der längst fällige Umbruch verschlafen wurde. Neue Spieler kamen und gingen, es wurde etwas probiert – das darf man gar nicht verneinen, aber die Wirkung und der Wunsch nach einer neuen, lang anhaltenden DFB-Struktur blieb aus. Top-Talente wie Leroy Sane kamen noch nicht so zur Geltung oder wurden links liegen gelassen, weil das Vertrauen in die Weltmeister von 2014 größer war als der Drang nach Weiterentwicklung. Löw muss sich den Vorwurf gefallen lassen, für einige Spieler keinen Plan gehabt zu haben. Anstatt neue Impulse zu setzen, wurde in Deutschland kritisiert, warum er sich so lange mit Einwechslungen Zeit lasse, obwohl es nicht läuft. Der ganz normale Wahnsinn, wenn man mal in der Kritik steht.

Das beste Beispiel war die Rückholaktion von Mats Hummels und Thomas Müller, die sich nicht wirklich bezahlt machte. Der Verteidiger hatte mit seinem Eigentor zum Auftakt Pech, konnte aber auch die Defensive und die umstrittene Dreierkette nie richtig stabilisieren. Auch von Bayern-Urgestein Müller ist man Besseres gewöhnt, sein vergebener Sitzer gegen England war sinnbildlich dafür, dass sich das Rückhol-"Experiment" nicht ausgezahlt hatte.

Nicht falsch verstehen: Durch ihre Leistungen bei ihren Klubs haben sich die beiden langjährigen Protagonisten in der deutschen Auswahl ihre Nominierung sportlich verdient. Nach dem blamablen Abschneiden bei der WM 2018 hatte Löw diese aber im Hinblick auf einen Neustart aussortiert, nun kroch er zu Kreuze – zu spät, da diese erst in der EM-Vorbereitung wieder ran durften. "Wir wurden von Spanien fertig gemacht, haben eine Niederlage gegen Nordmazedonien eingesteckt und die Verwirrung über die Rückrufe von Thomas Müller und Mats Hummels ertragen, die nie hätten gestrichen werden dürfen", kritisierte Hamann und weiß, dass einige ältere Spieler mit der Begnadigung des Duos nicht zufrieden waren.

Nun ist es also vorbei: Jogi Löws Zeit als Bundestrainer ist abgelaufen! Die EM durfte er noch mitnehmen – als kleines Zuckerl. Zum ganzen Süssigkeiten-Geschäft hat es aber nicht ansatzweise gereicht, das Achtelfinal-Aus war der Schlussstrich unter eine in der Außendarstellung längst abgelaufene Trainer-Periode.

Ein Signal, das selbst den DFB aufwecken und zu Anpassungen ermuntern sollte. Erst im vergangenen Jahr wurde etwa begonnen, die Strukturen in der Nachwuchsarbeit zu modernisieren – ziemlich spät. Denn Top-Nationen wie England oder Frankreich haben den Deutschen auch in dieser Hinsicht zuletzt den Rang abgelaufen. Auf der anderen Seite hat Stefan Kuntz mit seiner U21-Auswahl erst vor wenigen Wochen den Europameistertitel geholt – das gibt Hoffnung für die Zukunft.

Im A-Team ruhen die Hoffnungen nun auf Hansi Flick, der den DFB in- und auswendig kennt. Um diesen Weg zu gehen, musste sich der Ex-Bayern-Meistermacher und Champions-League-Sieger von seinem Lehrmeister Löw abnabeln. Von 2006 bis 2014 war er Co-Trainer an der Seite des scheidenden DFB-Trainers, von 2014 bis 2017 DFB-Sportdirektor, hat viel mitgenommen, ist jedoch seinen eigenen Weg gegangen und hat sich zur unverzichtbaren Größe auf dem Trainermarkt entwickelt. Das konnte sich der DFB nicht entgehen lassen.

Dieser soll das eingestürzte Gerüst wieder aufbauen und zu neuem Glanz führen. Mit neuen Ideen, neuen Strukturen, einer anderen Spielweise, anderen Protagonisten – das, was dem DFB schon vor einigen Jahren gut getan hätte.

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