Sturms System-Frage: Was nun, Herr Vogel?

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"Herr Vogel, haben Sie die hemmenden Bedenken Ihrer Spieler, von denen Sie zuletzt gesprochen haben, auch gegen Rapid gesehen?"

Vogel: "Haben Sie sie gesehen?"

Nein, haben wir nicht und sind damit einer Meinung mit dem Trainer des SK Sturm Graz, der sie ebenfalls nicht gesehen hat.

Mit dem ersten Sieg in der Amtszeit des Deutschen wollte es zwar dennoch knapp nicht klappen, vom Auftreten her unterschied sich das 1:1 beim Gastspiel in Hütteldorf jedoch massiv von jenem bei den beiden Niederlagen gegen die Underdogs aus Mattersburg und Wolfsberg.

Dies mag dem verstärkten Fokus auf die Mentalität im Vorfeld der Partie geschuldet sein. Dies mag jedoch auch an der Rückkehr zur Fünferkette liegen. Dass sich die Sturm-Kicker zumindest an diesem Tag im gewohnten System wohler fühlten, war deutlich erkennbar.

Somit stellt sich im Hinblick auf die kommenden Wochen die System-Frage: Was nun, Herr Vogel?


Improvisation in Hütteldorf?

Konkret bedeutet dies: Weitere Rückbesinnung auf das im Herbst zumeist gespielte System und somit auf Franco Fodas Spuren wandeln? Oder doch erneutes Forcieren des in der Winter-Vorbereitung einstudierten 4-1-4-1-Systems und somit die eigene Philosophie durchpeitschen, die bislang jedoch nicht wie erhofft greift? Oder mal so, mal so - je nach Gegner.

Eines sei außer Streit gestellt: Das System alleine definiert bekanntlich nicht die Spielphilosophie. Gegen Rapid rückte Vogel neben seinem System vor allem auch vom Bekenntnis zum Ballbesitz-Fußball ab und setzte vermehrt auf Konter.

Dies mag an der bekannten Herangehensweise des grün-weißen Kontrahenten gelegen haben, aber auch an der grippebedingten Personalsituation. "Ich habe am Donnerstag noch gar nicht gewusst, wie ich am Samstag spiele", verweist Vogel auf die "tagtäglichen Wasserstandsmeldungen aus dem Lazarett. Es sind Spieler dazugekommen, mit denen ich nicht planen konnte, dafür musste ich Spieler vorgeben, mit denen ich fix geplant habe."

Auch Torhüter Jörg Siebenhandl bestätigt, dass die Entscheidung für eine Rückkehr zur Fünferkette eine eher kurzfristige war: "Wir haben mit Viererkette trainiert und mit Fünferkette gespielt, da sind wir flexibel. Ich kenne die genauen Pläne des Trainers auch nicht immer, aber seine Überlegung war vermutlich, dass wir beides spielen können."

Vogels Dilemma

Egal ob kurzfristig improvisiert, doch während der Woche länger geplant oder gar mit sanftem Druck vollzogen: Angesichts der angespannten Situation nach den beiden Auftakt-Niederlagen war es tendenziell keine falsche Entscheidung.

"Ich denke, man steht für etwas, man darf aber nie so borniert sein, dass man das Ziel außer Augen lässt."

Heiko Vogel

Vogel kündigte im Vorfeld des Rapid-Spiels bereits an, dass er den einen oder anderen Schritt zurück machen möchte - zu überfordert wirkten seine Spieler mit den vielen Gedankengängen, die eine neue Spielphilosophie erfordert. Zu sehr wollten sie es ihm recht machen, wie er selbst analysierte. Dies führte zum Verlust der gewohnten Automatismen.

Bei aller Kritik, die der Foda-Nachfolger zuletzt einstecken musste, kann man es ihm als Zeichen der Größe anrechnen, dass der Schritt zurück derart groß ausfiel und er nicht aus Sturheit an seinem eigenen System festhielt.

Dies bringt für Vogel jedoch auch das oben skizzierte Dilemma mit sich - länger andauernder Switch zu Altbewährtem oder erneut das Risiko eingehen, dass die eigene Idee nicht funktioniert?

Vogel steht für eine Philosophie, will aber nicht "borniert" sein

"Geben Sie mir die Freiheit, dass ich das von Spiel zu Spiel entscheiden kann", möchte sich der 42-Jährige diesbezüglich noch nicht in die Karten blicken lassen, beziehungsweise liegt die Vermutung nahe, dass er es erst für sich selbst entscheiden muss.

Die Tendenz, es vorerst beim "alten" System zu belassen, lässt jedoch auch Vogel durchblicken: "Es ist ganz klar eine Option. Ich denke, man steht für etwas, man darf aber nie so borniert sein, dass man das Ziel außer Augen lässt. Grundsätzlich geht es am Wochenende darum, dass man das optimale Ergebnis erzielt und nicht das optimale Spiel spielt, das kommt irgendwann. Zum optimalen Ergebnis kommt man manchmal mit diesem Mittel und manchmal mit jenem Mittel - und gegen Rapid war das Mittel, dass ich bevorzugt kontern lassen wollte."

In diesem Zusammenhang streicht er die gute Abwehrleistung seiner Mannschaft hervor und betont: "Es ist doch schön, wenn man weiß, man kann auch mal so spielen. Ich will für den Gegner unberechenbar sein. Ich glaube, das haben wir gegen Rapid geschafft."

Situationselastisch eben, eines der neuen Lieblingswörter Vogels. Ein Stück weit Ungewissheit bei den kommenden Gegnern, wie Sturm auftreten wird, hat er fraglos erreicht. Vor allem im Hinblick auf den Showdown gegen den FC Red Bull Salzburg am kommenden Wochenende wird es spannend, wie der Neo-Coach seine Mannschaft einstellen wird.

Mit welchem System gegen Salzburg?

"Der Trainer wird eine Idee haben, aber wenn man die Spielanlage von Salzburg kennt, ist es so, wie wir gegen Rapid gespielt haben, vielleicht eine ganz gute Sache", lässt Siebenhandl eine Präferenz durchblicken, "aber ich will dem Trainer nicht vorgreifen, denn er analysiert alles und wird das entscheiden. Wir glauben einfach daran, was uns der Trainer mitgibt. Das sind gute Sachen, und mit diesem Plan spielen wir dann."

Auch der Goalie kann jedoch nicht verleugnen, dass der Taktik-Switch eine gute Idee war: "Der Trainer hat ein, zwei Kniffe gemacht, die uns gut getan haben. Es war ein bisschen etwas Gewohntes, das wir schon vorher gehabt haben und auf dem viele Spieler aufbauen konnten. Wir wussten, das Rapid daheim das Spiel machen will, also war diese Taktik für uns einfach gescheiter. Das hat der Trainer gut erkannt und wir haben es gut umgesetzt."

Siebenhandl erinnert diesbezüglich vor allem an den 2:1-Sieg Sturms bei Rapid im vergangenen August: "Auch damals haben wir mit Fünferkette gespielt und uns relativ wohl gefühlt, deswegen konnten wir diesmal bei ein paar Punkten von damals anknüpfen, weil wir wussten: 'Okay, das haben wir schon einmal gemacht, wir kennen die Abläufe.' Das hat dann auch wieder ganz gut funktioniert. Es waren Dinge dabei, die wir gekannt haben. Das war einfach eine gute Sache für die Spieler und auch für den Kopf."

Röcher gibt Vogel-System nicht auf

Der Kopf wird auch ein entscheidender Faktor sein, wenn es darum geht, ob Vogels ursprünglicher Plan noch funktionieren soll oder nicht.

Thorsten Röcher versäumte die beiden Experimente gegen Mattersburg und Wolfsberg verletzungsbedingt und schoss nun bei seiner Rückkehr das erste Tor der Vogel-Ära. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er das "Vogel-System" bereits aufgibt:

"Wenn du Erster bist, ein neuer Trainer kommt und es funktioniert nicht gleich, sagt jeder, das ist das falsche System. Aber ich bin mir sicher, dass das neue System auch funktioniert. Aus meiner Sicht ist das Ganze ein bisschen überdramatisiert worden."

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Gegen Mattersburg sei es generell schwer, die Niederlage habe Selbstvertrauen gekostet und nach der Pleite gegen den WAC sei man nachdenklich geworden. Deshalb habe der Switch zurück gegen Rapid gut getan.

"Jetzt haben wir den Punkt gemacht und fast gewonnen, also wird jeder sagen, dass wir uns in diesem System wohler fühlen. Hätten wir die ersten beiden Partien gewonnen, hätte sich keiner darüber beschwert, aber so gibt jeder dem System die Schuld. Ich habe da überhaupt keine Bedenken, denn in der Vorbereitung haben wir damit Kiew und Basel geschlagen - und das eindrucksvoll. Basel spielt immerhin Champions-League-Achtelfinale und wir waren nach 40 Minuten 3:0 vorne. Leider haben wir es dann nicht in die Meisterschaft mitgenommen", bedauert Röcher.

Auch Foda startete mit einer Improvisation

Auch der Flügelspieler vermutet, dass vorerst von Spiel zu Spiel die passende Variante gesucht werden wird. Sollte sich in den kommenden Wochen doch das "Foda-System" als bestes Erfolgsrezept bewähren, wäre die Improvisation in Hütteldorf ein guter Startschuss gewesen.

Zu Vogels Trost muss man jedoch daran erinnern, dass man auch Foda unterstellen kann, dass ihm das Erfolgssystem ein wenig "passiert" ist.

Denn nur zur Erinnerung: Zu Saison-Beginn setzte er unter anderem auch deswegen darauf, weil ihm bis auf Youngster Dario Maresic kein fitter Innenverteidiger mehr zur Verfügung gestanden ist und somit eine Viererkette nur schwer zu spielen gewesen wäre. Also zog er die Außenverteidiger Fabian Koch und Charalampos Lykogiannis zu Maresic in die defensive Dreierkette.

Aus einer Improvisation wurde in der Folge das bevorzugte, erfolgreiche und vor allem gewohnte System.



Textquelle: © LAOLA1.at

Kopfsache? Rapid-Spieler "spüren die Unruhe im Stadion"

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