RB-Akademieleiter: "Es braucht Ecken und Kanten"

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Bernhard Seonbuchner war einst selbst ein ziemlich talentierter Nachwuchs-Kicker beim damaligen deutschen Zweitligisten Wacker Burghausen. Auf dem Weg zu den Profis stoppten aber Knieprobleme seine Karriere schon früh.

Seit 2010 ist der Deutsche im Nachwuchs des FC Red Bull Salzburg tätig und kümmert sich dort in verschiedenen Funktionen um die Talente der "Bullen". Seit dem Sommer 2020 ist der Inhaber der UEFA-Pro-Lizenz Sportlicher Leiter der 2014 eröffneten Akademie, er folgte seinem Landsmann Frank Kramer nach.

Die Nachwuchsschmiede in der Mozartstadt ist derzeit "State of the Art", Top-Klubs aus der ganzen Welt beobachten die Entwicklungen in Salzburg ganz genau. Die Meistertitel in der heimischen ÖFB-Jugendliga (U18, U16, U15) gehen seit Jahren bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen an die Salzburger.

"Wenn ich an Jugendarbeit denke, ist es ganz wichtig, dass es eine gewisse Freiheit gibt, dass mit Freude gespielt wird. Wir wollen es schaffen, die Jungs auch Jungs sein zu lassen, im Sinne des Spiels. Die Perfektion ist der Feind des Individualismus", sagt der 37-Jährige im großen LAOLA1-Interview.

Seonbuchner spricht zudem über den internen Verdrängungswettbewerb, kognitive Entwicklungsmöglichkeiten, den Tag X und den Fokus auf regionale Talente.

LAOLA1: Man weiß recht wenig über Sie. Wer ist Bernhard Seonbuchner?

Bernhard Seonbuchner: In Zeiten, in denen man über das Internet sofort jede Information einholen kann, empfinde ich es eigentlich gar nicht als Nachteil. Im Mittelpunkt stehen die Akademie und die Sache. Ursprünglich komme ich aber aus Deutschland und darf hier schon einige Jahre in verschiedenen Funktionen mitwirken.

LAOLA1: Geht es Ihnen aktuell ab, regelmäßig als Trainer auf dem Platz zu stehen?

Seonbuchner: Meine unterschiedlichen Rollen haben dazu beigetragen, dass ich einen guten Gesamtblick auf den Sport habe. Der Platz ist immer das, worum es geht beim Fußball, aber ich versuche immer in mich hinein zu hören.

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LAOLA1: Was hören Sie derzeit?

Seonbuchner: Dass ich sehr dankbar bin, diese Aufgabe sehr erfüllend ist.

LAOLA1: Der WAC hat im letzten Winter schon bei Ihnen angeklopft, es gab auch mal Gerüchte mit dem SKN St. Pölten.

Seonbuchner: Ja, aber aktuell ist das kein Thema, mir taugt es hier. Ich identifiziere mich mit meiner Aufgabe und vor allem mit dem Klub und den Werten dahinter.

LAOLA1: Sie haben die Gründung der Akademie miterlebt. Wie hat sich die Wahrnehmung dieser Einrichtung entwickelt?

Seonbuchner: Schnell! Mit dem Youth-League-Sieg schon drei Jahre später hat sich alles zugespitzt, das war ein Meilenstein. So ein Titel ist kein Zufall. Vom Tag der Eröffnung bis zum Tag des größten Erfolgs wurde vieles richtig gemacht. Spätestens nach 2017 hat jeder wahrgenommen, dass hier etwas am Entstehen ist, das nicht nur aus geographischer Sicht - Stichwort Ski-Nation - außergewöhnlich ist. Jetzt geht es darum, das zu bestätigen.

"Wir wollen es schaffen, die Jungs auch Jungs sein zu lassen; im Sinne des Spiels. Die Perfektion ist der Feind des Individualismus."

LAOLA1: Gibt es noch internationale Vorbilder?

Seonbuchner: Einerseits glauben wir an uns, sind von unserer Herangehensweise überzeugt. Andererseits sind wir nicht so naiv, zu glauben, dass wir die Dinge jeden Tag neu erfinden. Wir halten die Augen offen, tauschen uns international aus. Unsere Kernfrage ist: Wie viel nehmen wir davon mit, wie sehr bleiben wir bei uns?

LAOLA1: Die Ankunft von Ralf Rangnick im Sommer 2012 gilt als Cut in der Geschichte des FC Red Bull Salzburg. Wie haben Sie diesen Paradigmenwechsel im Nachwuchs erlebt?

Seonbuchner: Das war ein ganz wichtiger Moment für den Verein. Es war für die, die vorher schon da waren, eine Umstellung, die sich bezahlt gemacht hat. Rangnick hat eine einheitliche Idee gebracht, die von unten bis oben gespielt und trainiert werden kann.

LAOLA1: Was ist Zufall für Sie?

Seonbuchner: Ich switche vom Zufall auf das Wort Glück. Glück ist für mich, wenn sehr gute Vorbereitung auf eine passende Gelegenheit trifft.

LAOLA1: Darf in der modernen Nachwuchsarbeit noch etwas Zufall sein?

Seonbuchner: Ich kann mit dem Wort Zufall nicht viel anfangen. Was ist das Gegenteil von Zufall? Durchstrukturierung und Planung? Wenn ich an Jugendarbeit denke, ist es ganz wichtig, dass es eine gewisse Freiheit gibt, dass mit Freude gespielt wird. Wir wollen es schaffen, die Jungs auch Jungs sein zu lassen; im Sinne des Spiels. Die Perfektion ist der Feind des Individualismus. Wir können den Jungs Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie auf dem Platz hantieren können, um eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn ich dann als Trainer an der Linie stehe und sehe, was die Jungs kreieren, ist es kein Zufall, sondern im besten Falle ihr eigenes Spiel. Wir versuchen, sie bestmöglich vorzubereiten. Und dann gibt es viele Wege zum Torerfolg.

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LAOLA1: Wie sehr ist Fußball inzwischen Kopfsache?

Seonbuchner: Wenn es während des Spiels Kopfsache ist, war es eine schlechte Vorbereitung. Es ist schön, wenn die Mannschaft etwas tut, ohne darüber nachzudenken, wie sie es tut, während sie es tut. Am Spieltag steht das Spiel im Vordergrund. Beim Training simulieren wir den Wettkampf in allen Facetten. Es geht vor allem darum, sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil dadurch eine gewisse Freiheit entsteht, weil man sich selbst vertraut.

LAOLA1: Im athletischen Bereich werden wohl keine großen Entwicklungsschritte mehr möglich sein, der menschliche Körper lässt da vermutlich nicht mehr viel zu. Wie viel Optimierungsspielraum ist beim menschlichen Hirn noch vorhanden?

Seonbuchner: Der kognitive Bereich ist hochspannend, da gibt es mit Sicherheit Potenzial. Der Fußball ist eine komplexe Sportart, es geht nicht nur um Orientierung und Wahrnehmung, sondern auch um eine Vielzahl an Entscheidungsfindungen und das mit sehr vielen Variablen auf dem Platz. Wir sind da stetig Lernende und erkennen Potenziale, ohne zu natürlich endgültig zu wissen, wie weit es dann geht.

LAOLA1: Was sind die spannendsten Themen in diesem Bereich?

Seonbuchner: Das kognitive Profil eines Spielers, ähnlich dem athletischen Profil, detailliert ermitteln zu können und darüber hinaus mit ihm in diesen Bereichen zu arbeiten. Das betrifft zb. die Reaktionszeit bei Einfach- und Wahlreaktionen oder die Qualität der 360 Grad Vororientierung genauso wie die Beidbeinigkeit im Verhältnis zur Beidseitigkeit – sprich, der offenen Stellung. Dazu gibt es Themen wie "working memory" mit all seinen Teilbereichen – das würde jetzt aber zu tief gehen.

"Sie wissen, dass sie in dieser Einrichtung alle Möglichkeiten haben, die beste Version von sich selbst zu werden"

LAOLA1: Wird da teilweise auch isoliert gearbeitet oder ausschließlich irgendwie in Kombination mit Spielformen?

Seonbuchner: Wir versuchen, den Transfer zum Spiel herzustellen, vor allem in kognitiver Sicht.

LAOLA1: Es hat unter Ernst Tanner mal Bestrebungen gegeben, mit Gen-Tests zu arbeiten. Ist das ein Thema?

Seonbuchner: Nein, das ist aktuell kein Thema.

LAOLA1: Man kennt die Schiene in Sachen Nachwuchs: Zunächst werden regionale Spieler gescoutet, ab 16 Jahren Spieler aus der ganzen EU, ab 18 Spieler aus der ganzen Welt. Wie schwierig ist es, die Balance zwischen internem Verdrängungswettbewerb und Schaffung eines Teamgeists zu halten?

Seonbuchner: Uns ist das immer sehr gut gelungen, wir nehmen das nicht als spezielle Schwierigkeit wahr. Das ist der normale Prozess eines jungen, angehenden Profisportlers. Die Jungs haben Lust auf Herausforderung. Diese Leistungen sind ohne beeindruckenden Teamgeist, wo jeder weiß, dass er den anderen auch braucht, gar nicht möglich. Es ist kein Konkurrenzgedanke per se, wenn ein neuer Mitspieler kommt, weil sie wissen, dass es Teil dessen ist, wo sie mal hinwollen. Das macht sie im Longrun besser. Entscheidend ist, dass wir ehrlich mit ihnen umgehen, wir erzählen ihnen nicht irgendwas. Sie wissen, dass sie in dieser Einrichtung alle Möglichkeiten haben, die beste Version von sich selbst zu werden.

LAOLA1: Hat ein Jugendlicher, der in der Salzburger Akademie auf den Profisport vorbereitet wird, mehr Druck und Stress als ein normaler Jugendlicher, der mit Leistungssport nichts am Hut hat, in die Schule geht, sein Leben lebt und dann irgendwann mal studiert?

Seonbuchner: Auf alle Fälle hat er ein klares Ziel. Wir können die Jungs bei ihren Träumen und Visionen unterstützen – nicht nur durch Reden, sondern vor allem durch eine Umgebung, die sie inspiriert. Das übergeordnete Ziel ist, dass wir jeden so begleiten, dass er mit vernünftigen Werten durchs Leben gehen kann. Die Jungs sollen erhobenen Hauptes aus der Akademie gehen, wenn der Tag kommt, an dem wir sie verabschieden. Sie sollen wissen, wer sie sind, was sie können, wofür sie stehen. Und sie sollen ihren eigenen Wert kennen – nicht nur als Spieler, vor allem als Mensch.

VIDEO: "Ogerls Augerl" mit Salzburg-Talent Nicolas Seiwald

(Interview wird unter dem Video fortgesetzt)

LAOLA1: Das ist dann Tag X, oder?

Seonbuchner: Wir sagen zu jedem Spieler, der bei uns spielt, bewusst "Ja". Wenn wir uns für einen Spieler entscheiden, haben wir eine gewisse Verantwortung. Irgendwann kommt der Abschied. Im Idealfall geht er zu unserem Kooperationsverein von Red Bull Salzburg, möglicherweise zu einem anderen Verein. Wichtig ist, dass es eine lohnende Zeit war, wenn man am Tag X in den Rückspiegel schaut.

LAOLA1: Besteht die Gefahr, dass Spieler schockiert sind, wenn sie dann bei Vereinen landen, die bei weitem nicht die Möglichkeiten haben, die ihnen hier in der Ausbildung geboten werden?

Seonbuchner: Deswegen sind uns die Werte, die wir den Jungs mitgeben wollen, auch so wichtig. Es geht um Demut und Bescheidenheit, um die Dinge, die im Teamsport und Zusammenleben elementar sind. Es gibt Schlimmeres, als eine kleinere Kabine zu haben. Wenn jemand Fußball im Herzen trägt, ist es nicht entscheidend, durch welche Tür er jeden Tag reingeht.

LAOLA1: Wie viele Ecken und Kanten kann sich ein junger Fußballer heutzutage noch leisten?

Seonbuchner: Wenn wir davon ausgehen, dass er in einem vollen Stadion auf dem Platz eigene Entscheidungen treffen können muss, braucht er auch ein Profil, sprich Ecken und Kanten. Wir wollen Dinge auch zulassen. Wir haben junge, heranwachsende Teenager, logisch testen die ihre Grenzen mal aus. Das müssen sie auch tun.

"Wir müssen da aber jeden selbst seine Erfahrungen machen lassen. Wir sind nicht von vornherein die Kontrolleure der Jungs."

LAOLA1: Hat man es als Spieler mit Ecken und Kanten, wenn man in seinen öffentlichen Auftritten von der Norm abweicht, nicht schwerer als ein glattgebügelter Kicker?

Seonbuchner: Es ist eine andere Zeit geworden. Der Zugang zu Informationen und die Geschwindigkeit, in der sie verbreitet werden, ist unfassbar. Es ist eine logische Konsequenz daraus, vorsichtiger zu werden. Wir versuchen als Einrichtung, Orientierung und Unterstützung zu bieten. Wir müssen da aber jeden selbst seine Erfahrungen machen lassen. Wir sind nicht von vornherein die Kontrolleure der Jungs.

LAOLA1: Die Mannschaften in der Akademie und jene des FC Liefering sind multikultureller als anderswo in diesen Altersklassen. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?

Seonbuchner: Es ist eine Bereicherung! Nicht nur für die Spieler, für uns alle. Wir haben viele Momente, in den wir etwas lernen dürfen. Das erweitert den persönlichen Horizont. Die Spieler sehen, dass ihre Welt nicht die einzige Welt ist. Das kann ein riesiger Mehrwert sein. Letztendlich ist das doch das, was Profi-Fußball bedeuten kann – auf der ganzen Welt unterwegs zu sein, verschiedene Sprachen, den anderen zu respektieren und wertzuschätzen für seine Art.

LAOLA1: Was haben Sie in den letzten Jahren gelernt?

Seonbuchner: Vieles und wir lernen jeden Tag. Ein Beispiel: Man kann sich auf Wettkämpfe unterschiedlich vorbereiten. Es muss nicht immer so sein, wie der Trainer das meint. Er muss Spieler X nicht in Korsett Y pressen. Jeder ist ein Individuum, das persönliche Bedürfnisse hat. Diese Bedürfnisse zuzulassen, hat bei jemandem, der von einem anderen Kontinent kommt, möglicherweise eine andere Priorität als bei jemandem, der diese Abläufe gewohnt ist. Das bricht Muster auf und erweitert den Horizont jener, die eine gewisse Routine gewohnt sind. Wenn du als Trainer deine Scheuklappen aufhast, nur deine Denke zählt und du nicht bereit bist dich zu öffnen, limitierst du dich, aber auch deine Mannschaft.

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LAOLA1: Nach Konrad Laimer und Xaver Schlager hat es einen Gap gegeben, während dem ihr kritisiert wurdet, dass wenige Österreicher den Sprung zu den Salzburger Profis schaffen. Inzwischen hat sich das wieder geändert und man hat auch das Gefühl, dass sich die sportliche Leitung in Salzburg besonders freut, wenn es etwa mit Nicolas Seiwald ein regionales Talent zu den Profis schafft. Wurde darauf in den letzten Jahren wieder vermehrt ein Augenmerk gelegt?

Seonbuchner: Natürlich freuen wir uns sehr, wenn ein Nicolas Seiwald sein Debüt für Red Bull Salzburg gibt, der seit dem Kleinfeldbereich bei uns ist. Mergim Berisha ist aber beispielsweise auch seit dem Kleinfeldbereich bei uns. Ist das ein regionales Talent? Er ist deutscher U21 Teamspieler, aber er kommt aus dem Berchtesgadener Land, hier gleich hinter der Grenze. Luka Sucic spielt für Kroatien, ist aber in Linz aufgewachsen und spielt seit fünf Jahren bei uns. Wir können sagen wir sind stolz für jeden Spieler, der seinen Traum verwirklichen kann und den wir dabei unterstützen konnten. Natürlich werden wir die jungen Salzburger Talente auch weiterhin im Fokus behalten und freuen uns über jeden, der sich bei uns durchsetzen kann. Im Übergang zum Erwachsenen-Bereich gibt es aber keine Bevorzugung der Salzburger.

LAOLA1: Yusuf Demir ist derzeit der meistgehypte junge Spieler des Landes. Wie kann es sein, dass der nicht in Salzburg spielt?

Seonbuchner: Yusuf Demir ist ein vielversprechender Spieler, dessen Weg interessant sein wird, weiter zu verfolgen. Ich kenne und verfolge ihn seit Jahren. Was unsere Spieler betrifft, wir sind hochzufrieden mit unseren Spielern. Sie passen hervorragend zu unserer Spielidee und haben großes Potential, Stichwort FC Liefering. Gott sei Dank gibt es darüber hinaus weitere gute Fußballer. Das ist ein Aspekt, der den Fußball so spannend macht.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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