Neo-Salzburg-Coach Jaissle: "Umbruch eine Chance"

 

Wenn alles anders gekommen wäre, würde sich Matthias Jaissle in diesen Stunden vielleicht mit der deutschen Nationalelf auf das entscheidende EURO-Gruppenspiel gegen Ungarn vorbereiten.

Der 33-jährige Schwabe wurde 18-jährig von niemand geringeren als Ralf Rangnick entdeckt und aus der Jugend des VfB Stuttgart zum damaligen Regionalligisten TSG Hoffenheim gelotst. Rangnick sah in Jaissle einen künftigen Nationalspieler, förderte den talentierten Innenverteidiger und bescherte ihm einen Stammplatz in Hoffenheim.

Mit der TSG schafften Jaissle und Co. den Durchmarsch in die deutsche Bundesliga, der mit dem Herbstmeistertitel 2008 gekrönt wurde. Der damals 20-jährige Jaissle erlebte diese Zeit als Stammspieler mit und wurde wenig später mit dem Debüt in der deutschen U21-Nationalelf an der Seite von unter anderem Jerome Boateng oder Manuel Neuer für seine starken Leistungen belohnt.

Den Schritt in die A-Elf der Deutschen konnte Jaissle allerdings nicht mehr mitmachen. Der Abwehrspieler riss sich kurz darauf das Kreuzband und wurde in der Folge von weiteren schweren Verletzungen heimgesucht, ehe er 2014 den Schlussstrich unter seine aktive Karriere setzen musste.

Nun, etwas mehr als sieben Jahre später, ist Jaissle mit nur 33 Jahren der neue Trainer des FC Red Bull Salzburg. Wie es zu dem rasanten Aufstieg in seiner Trainerkarriere kam, als welche Art von Coach er sich sieht und warum der sommerliche Umbruch in Salzburg eine große Chance mit sich bringt, verrät Matthias Jaissle im Gespräch mit LAOLA1 im Rahmen eines Sponsorentermins mit Audi bei einer Spritztour durch Salzburg in einem Audi Q4 e-tron:

Das Interview mit Neo-Salzburg-Coach Matthias Jaissle in voller Länge:

(Interview in Textform unter dem VIDEO)

LAOLA1: Im Alter von 25 Jahren mussten Sie Ihre aktive Karriere nach mehreren schweren Verletzungen beenden. Davor sind Sie mit der TSG Hoffenheim von der Regionalliga bis in die Bundesliga durchmarschiert, dort zeitweise sogar an die Spitze. Wie kam damals der Wechsel in die Trainerkarriere zustande und welche Rolle spielte Ralf Rangnick dabei?

Mit der TSG Hoffenheim wurde Jaissle 2008/09 Herbstmeister
Foto: © GEPA

Jaissle: Als klar war, dass die Fußballkarriere als Spieler aufgrund der Verletzungen durch ist, war es ein Riesen-Schock. Ich brauchte einige Zeit, um das Ganze zu verarbeiten und zu realisieren, dass der Traum zu Ende ist. Dann gab es zunächst die Überlegung, in verschiedene Funktionen im Fußball reinzuschnuppern. Für mich war klar, dass ich dem Fußball erhalten bleiben möchte – in welcher Funktion, war zu Beginn allerdings noch nicht klar. Ich bekam dann unter anderem durch Ralf Rangnick die Chance, in Leipzig meine ersten Erfahrungen als Jugendtrainer zu sammeln. Das hat mir so gut getaugt, dass ich die anderen Funktionen im Verein gar nicht mehr durchlaufen bin, sondern direkt auf dem Platz meine Leidenschaft wiederendeckt habe – als Trainer. Ich habe in Leipzig die Arbeit als Trainer von der Pike auf gelernt und dann die nächsten Stufen über meine Station in Kopenhagen erlernen dürfen.

LAOLA1: Bei Bröndby.

Jaissle: Genau, als Co-Trainer bei Bröndby. Das war eine coole Zeit, dort konnte ich im Erwachsenenbereich auf einem hohen Niveau die ersten Erfahrungen sammeln, wir wurden Pokalsieger. Für mich persönlich war das Ausland eine nicht unwichtige Phase meiner Karriere. Dann ging es nach Salzburg – erst in die U18, dann zum FC Liefering und jetzt mit der tollen Aufgabe, Cheftrainer beim FC Red Bull Salzburg zu sein.

LAOLA1: Wie kam der Kontakt zu Salzburg im Jahr 2019 zustande?

Jaissle: Einer der ersten Ansprechpartner war damals Christoph Freund zusammen mit Frank Kramer (Ex-Akademieleiter, Anm.). Wir tauschten uns über die unterschiedlichen Vorstellungen zum Thema Fußball aus, welche Vorstellungen ich als Trainer habe und, wie ich mich in den nächsten Jahren entwickeln möchte. Da war sofort klar, dass es perfekt zusammenpasst. Es ging dann relativ schnell, wir konnten uns auf eine langfristige Zusammenarbeit einigen. Den Schritt hier nach Salzburg zu wagen war eine der wichtigsten Entscheidungen meiner jungen Karriere.

LAOLA1: 2019 kamen Sie nach Salzburg, Anfang 2021 übernahmen Sie den FC Liefering und jetzt im Sommer den FC Red Bull Salzburg. Müssen Sie sich manchmal zwicken, wie schnell das alles ging?

Jaissle: Es ist tatsächlich so, dass es in den letzten zwei Jahren in der Entwicklung meiner Karriere extrem flott ging. Aber wenn man unmittelbar dabei ist, realisiert man das oft gar nicht so im Detail. Mit der neuen Position ist es natürlich auch für die Medien ein Stück interessanter geworden. Die Entwicklung, die ich genommen habe, erfüllt mich mit Stolz. Auf der anderen Seite bin ich dem Verein sehr dankbar, dass er mir diese Möglichkeit gibt. Ich werde alles versuchen, dieses Vertrauen zurückzuzahlen.

Die eine oder andere Gelbe Karte habe ich beim FC Liefering gesammelt, aber eher aufgrund der kleinen Coaching-Zone in Grödig. Deswegen freue ich mich schon darauf, wenn die Coaching-Zone in der Red Bull Arena ein bisschen größer ist.

Matthias Jaissle

LAOLA1: Sie beerben Jesse Marsch, der den Verein nach zwei sehr erfolgreichen Jahren verlässt. Marsch gilt als sehr emotionaler Trainer, der viel von der Seite mitlebt. Wenn man sich die Spiele des FC Liefering angesehen hat, hat man gemerkt, dass Sie ähnlich drauf sein können. Wie sehr unterscheiden Sie sich von Jesse Marsch und welche Eigenschaften teilen Sie mit ihm?

Jaissle: Ich bin kein Freund von Vergleichen, deswegen ziehe ich die sehr ungern. Aber wie Sie schon sagten: Ich bin ein Trainer, der an der Seitenlinie auf jeden Fall mitlebt und versucht, diese Emotionen an die Jungs weiterzutransportieren. Natürlich primär über Inhalte, aber gerade bei unserer Art, Fußball zu spielen, gehört es auch dazu, dass man Emotionen an den Tag legt. Die eine oder andere Gelbe Karte habe ich beim FC Liefering gesammelt, aber eher aufgrund der kleinen Coaching-Zone in Grödig. Deswegen freue ich mich schon darauf, wenn die Coaching-Zone in der Red Bull Arena ein bisschen größer ist (lacht).

LAOLA1: Einen Unterschied zwischen Ihnen und Marsch gibt es in der taktischen Ausrichtung am Papier. Sie ließen im Frühjahr mit einer Raute spielen, Marsch in den letzten zwei Jahren meistens in einem 4-4-2. Gibt es unter Ihnen eine Rückkehr der Raute in Salzburg?

Jaissle: Grundsätzlich ist es gar nicht so wichtig, welche Grundordnung man verfolgt, wenn man über ein Spielsystem spricht. Entscheidend ist, welche Prinzipien die Spieler, die Mannschaft und der Verein verfolgen. Wie in der Vergangenheit Fußball gespielt wurde, ist meiner Idee von Fußball sehr ähnlich. Natürlich hat jeder Trainer seine eigene Note und versucht, seine Handschrift einzubringen, Prinzipien zu differenzieren, neue auszuarbeiten und zu entwickeln. Ich freu mich vor allem darauf, diese Inhalte den Jungs bald zu vermitteln.

LAOLA1: Am 21. Juni war Trainingsbeginn. Für Sie und Ihr Trainerteam hat die Vorbereitung schon längst begonnen. Auf welche Bereiche wurde besonders der Fokus gelegt, was will man im Trainingslager angehen?

Jaissle: Wie Sie sagten, die Vorbereitung läuft für uns im Trainerteam schon länger in vollen Zügen. Die Pläne sind geschmiedet, die Inhalte fest verankert. Wir haben ein klares Ziel vor Augen, das wir den Jungs schnellstmöglich vermitteln wollen. Wir haben vier Phasen, die wir innerhalb der Vorbereitung abbilden wollen: Das Spiel gegen den Ball, die zwei Umschaltphasen und das Spiel mit dem Ball. Das wollen wir den Jungs effizient vermitteln und sie von der Art und Weise überzeugen, wie wir das im Trainerteam sehen. Wir haben eine relativ kurze Vorbereitung, bereits in der vierten Woche wird unser Cupspiel sein. Es wird eine sehr kurze und intensive Vorbereitungszeit.

LAOAL1: Habe Sie schonmal etwas von der Salzburger "Kinderfußball"-Diskussion gehört?

Jaissle: Helfen Sie mir auf die Sprünge!

LAOLA1: Die ist 2015 entstanden, unter anderem durch mehrere Spieler losgetreten – auch Alex Walke war damals dabei. Damals gab es einen großen Umbruch, die Mannschaft war sehr jung und es lief sportlich nicht. Walke beschwerte sich damals öffentlich darüber, dass "Kinderfußball" gespielt wurde und forderte, zum Erwachsenen-Fußball zurückzukehren. Diese Diskussion zog sich über Jahre hinweg, da die Mannschaft immer sehr jung war. So wird es auch immer Sommer sein. Einige routinierte Stammkräfte wurden abgegeben, viele junge Spieler vom FC Liefering werden hochkommen. Haben Sie Sorge, dass die Mannschaft zu jung und zu unerfahren sein könnte?

Jaissle: Natürlich kenne ich die Diskussion, vielleicht unter einem anderen Wording. Grundsätzlich ist es so, dass so ein Umbruch – und der wird dieses Jahr vielleicht wieder ziemlich groß – auch eine große Chance mit sich bringt. Die jungen Talente beim FC Liefering haben eine überragende Entwicklung genommen im letzten Jahr. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es die Jungs auch beim FC Red Bull Salzburg hinbekommen, sich schnellstmöglich aufs nächste Level anzupassen. Dabei werden wir sie von Vereinsseite maximal unterstützen. Dazu ist das für einige Jungs im bisherigen Kader die Chance, den nächsten Schritt zu machen. Ich bin davon überzeugt, dass die Qualität in der Mannschaft ist, um die anstehenden Aufgaben bestmöglich zu bewältigen.

LAOLA1: In den letzten Monaten und Jahren wurden viele Lieferinger hochgezogen. Im Frühjahr hat einer alle überstrahlt, das war Benjamin Sesko. Was erwarten Sie sich von ihm? Welche Rolle kann er schon spielen?

Jaissle: Ich möchte ihn gar nicht als einzelnen Spieler herausheben. Er war einer von vielen Jungs, die sich super entwickelt haben. 'Benji' hat über seine Torquote auch öffentlich gezeigt, wie stark und wichtig er für das Team war. Aber es waren sicher einige andere auch dabei, die seine Entwicklung mit Assists möglich gemacht haben. Aber 'Benji' bringt natürlich in Summe sehr viel mit und wird beim FC Red Bull Salzburg den nächsten Schritt in seiner Karriere machen – ohne, dass er von uns diesen Druck bekommt. Wir sind geduldig mit den Jungs, damit sind wir bisher immer gut gefahren. Wenn man den Jungs, die sowieso schon sehr ehrgeizig sind, diese Geduld zuspricht, entwickeln sie sich am besten.

LAOLA1: Auch wenn sie keine Vergleiche mögen: Seskos Spielstil ist jenem von Erling Haaland sehr ähnlich. Wie kann man diese beiden Spieler vergleichen?

Jaissle: Es ist richtig, dass ich nicht gerne Vergleich ziehe, deshalb lasse ich mich auch nicht dazu verleiten. Aber ich gebe Ihnen recht, 'Benji' hat großes Potenzial alleine von den körperlichen Voraussetzungen. Er ist schon ein ziemlich kompletter Spieler, aber eben auch noch jung. Er braucht Zeit, um sich für die nächsten Schritte zu beweisen.

So lobt Matthias Jaissle Supertalent Benjamin Sesko:

(Text wird unter VIDEO fortgesetzt)

LAOLA1: Ein Spieler, der noch nicht offiziell hochgezogen wurde, ist Forson Amankwah. Laut "transfermarkt.at" wird er erst 2024 von seiner Leihe beim FC Liefering zum FC Red Bull Salzburg zurückkehren. Haben Sie sich schon bei Christoph Freund dafür eingesetzt, dass er schon vor 2024 beim FC Red Bull Salzburg aufschlägt? Er hat auch ein sehr gutes Frühjahr beim FC Liefering hinter sich.

Jaissle: Das ist richtig. Forson hat wie viele andere auch eine unglaubliche Entwicklung genommen. Er hatte ein paar Anlaufschwierigkeiten, als er im Jänner zu uns gestoßen ist, aber er hat es dann hinten raus sehr, sehr gut gemacht. Er ist sicher ein Spieler, der über kurz oder lang das Potenzial hat, hier in der Red Bull Arena bei mir aufzukreuzen. Aber da kann ich noch ganz viele andere Spieler bei unserem Kooperationsklub FC Liefering aufzählen. Da darf sich Rene Aufhauser wirklich auf eine geile Mannschaft freuen, mit viel Potenzial, mit viel Qualität, die in der neuen Saison schon ein Stück weit die Erfahrung aus der Vorsaison hat. Ich bin mir sicher, dass da wieder einige Talente beim FC Red Bull Salzburg landen werden.

Wir tun alles dafür, uns für die Champions League zu qualifizieren. Auch dieses Jahr ist es klar unser Ziel, dass wir die Qualirunde überstehen und in die Gruppenphasen der Champions League einziehen.

Matthias Jaissle

LAOLA1: Im Sommer steht wieder einmal die Champions-League-Quali an. Ein möglicher Gegner wäre Bröndby, ihr Ex-Verein. Wie groß ist der Anreiz, zum Serien-Champions-League-Teilnehmer zu werden und jetzt ein drittes Mal und bei einem Meistertitel in dieser Saison durch den Fixplatz sogar ein viertes Mal teilzunehmen?

Jaissle: Wir tun alles dafür. Auch dieses Jahr ist es klar unser Ziel, dass wir die Qualirunde überstehen und in die Gruppenphasen der Champions League einziehen. Wie es der Fußball so will, könnte Bröndby ein potenzieller Gegner sein. Das wäre eine schöne Geschichte, wenn wir uns für die Gruppenphase qualifizieren könnten.

LAOAL1: In der deutschen Bundesliga sind "Red-Bull-Trainer" sehr gefragt. Mittlerweile haben acht von 18 Bundesliga-Trainer Red-Bull-Vergangenheit, sechs von ihnen waren in Salzburg, mit einigen haben Sie persönlich zusammengearbeitet. Mit wem stehen Sie besonders in Kontakt und wie sehen Sie die Situation von "Red-Bull-Trainern" in Deutschland?

Jaissle: Natürlich steht man immer wieder mit Trainerkollegen in Kontakt, auch mit einigen, die hier ihre Vergangenheit hatten. Es ist ein großes Kompliment für die Trainerkollegen, die hier ihren Ursprung und Berührungspunkte mit der Red-Bull-Philosophie hatten. Viele machen einen überragenden Job in der Bundesliga. Er ist jetzt eine richtige Fülle an Trainern, die ihre Karriere gerade erfolgreich in Deutschland bewältigen. Das ist schon auch ein Prädikat für die Arbeit, die Red Bull hier macht.

LAOLA1: Ein Trainer, der keine unmittelbare Red-Bull-Vergangenheit hat, aber auch eine sehr ähnliche Spielphilosophie vertritt, ist Pellegrino Matarazzo beim VfB Stuttgart, ihrem Jugendklub. Wie haben Sie den Saisonverlauf des VfB Stuttgart verfolgt? Das war ja teilweise doch sehr attraktiv und erfolgreich.

Jaissle: So gut ich das hier aus der Ferne beurteilen kann, ist es natürlich eine schöne Entwicklung beim VfB Stuttgart. Auch die Art und Weise, wie sie Fußball spielen, ist wirklich schön zu sehen. Dass sich der Verein so entwickelt hat – er hatte ja nicht immer erfolgreiche Phasen in der jüngsten Vergangenheit – freut mich natürlich aus der Ferne zu beobachten.

LAOLA1: Gibt es den großen Traum, einmal als Trainer zum VfB Stuttgart zurückzukehren?

Jaissle: Darüber mache ich mir null Gedanken. Ich bin total happy, jetzt hier Trainer sein zu dürfen. Das finde ich großartig. Alles Weitere  – da ist es immer schwer als Trainer, sich da was festzusetzen, weil der Beruf so schnelllebig ist, dass es eigentlich keinen Sinn macht, langfristig Pläne zu schmieden oder Träume zu hegen. Ich bin immer gut damit gefahren, in der aktuellen Aufgabe total aufzugehen und bestmöglich zu arbeiten. Alles weitere kommt eh von alleine. Jetzt gilt der komplette Fokus der neuen Aufgabe – die wird riesig. Es wird eine schöne Herausforderung, auf die ich mich total freue.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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