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Sturm: Wlodarczyks Qualität, die man nicht lernen kann

Von Podolski gelernt, zum "Young Lewandowski" gehypt. Sein Ex-Coach Bartosch Gaul erläutert bei LAOLA1, wie Sturm-Neuzugang Szymon Wlodarczyk tickt.

Sturm: Wlodarczyks Qualität, die man nicht lernen kann Foto: © GEPA

Am Ende hat Lukas Podolski seine Wette verloren.

Zehn Tore werde Szymon Wlodarczyk in der Ekstraklasa für Gornik Zabrze erzielen, kündigte der Weltmeister im vergangenen Herbst an, als der damalige Shootingstar am besten Weg war, "Poldis" Prognose als nicht sonderlich gewagt aussehen zu lassen.

Ein Frühjahrs-Tief später beendete Wlodarczyk seine erste volle Saison im polnischen Oberhaus mit neun Toren - eine immer noch sehr respektable Ausbeute für einen 20-Jährigen.

Und einer der Gründe für den SK Sturm Graz, kolportierte drei Millionen Euro in das Potenzial des 1,92 Meter großen Goalgetters zu investieren.

Wlodarczyk (Vertrag bis Sommer 2027) soll der nächste Top-Transfer eines Stürmers von Sturm-Sportchef Andreas Schicker sein, den Trainer Christian Ilzer zu einer noch viel größeren Millionen-Einnahme weiterentwickelt.

Die Anlagen dazu hat der Neuzugang, wie auch Bartosch Gaul im Gespräch mit LAOLA1 versichert. Der 35-Jährige war bis Mitte März Trainer von Gornik Zabrze, acht seiner neun Saison-Treffer erzielte der Stürmer unter der Anleitung des Deutschen.

Unverhofft durch die Decke geschossen

"Mit Sicherheit ein hochinteressanter Spieler", versichert Gaul, "ihn zeichnet sein Torriecher aus, sonst wäre er gar nicht auf diese Quote gekommen. Egal ob nach Flanken, Aktionen über den Flügel oder tiefen Läufen - er hat einen gewissen Instinkt. Das ist eine Qualität, die man nicht trainieren kann."

Die wahrscheinlich wichtigste Grundvoraussetzung für einen Stürmer ist also gegeben. Dies heißt jedoch nicht, dass Wlodarczyk nicht noch einige Entwicklungsschritte vor sich hätte.

Das dachte man sich vergangenen Sommer auch in Zabrze. Eigentlich war der Neuzugang von Legia Warschau als Investition für die Zukunft gedacht. In der Hauptstadt hatte er bereits mit 17 in der höchsten Spielklasse debütiert, war jedoch in den folgenden beiden Spielzeiten nicht über eine Handvoll weiterer Einsätze hinausgekommen.

Gaul arbeitete vor dem Wechsel nach Zabrze für Mainz und Schalke
Foto: © getty

"Eigentlich war für Szymon angedacht, dass wir ihn sukzessive auf das nächste Level vorbereiten. Dass er uns vor allem in der Hinrunde mit so einer Quote durch die Decke schießt - es wäre gelogen, zu behaupten, dass das im ersten Halbjahr der Plan war. Wir hatten ihn als interessanten Spieler mit Potenzial gesehen, der aber vielleicht noch etwas Zeit benötigt. Dementsprechend war seine Ausbeute in den ersten Monaten schon überraschend", erläutert Gaul.

Eine echte Chance und ein hilfreicher Umstand

Talente entwickeln sich nicht gleich schnell - wie auch der LAOLA1-Fokus unlängst gezeigt hat. Manchmal braucht es neben einer echten Chance auch hilfreiche Umstände - beides fand Wlodarczyk bei Gornik vor.

Es soll einem vielversprechenden Youngster nämlich nichts Schlimmeres passieren, als von einem Superstar wie Podolski unter die Fittiche genommen zu werden.

Der inzwischen 38-Jährige lässt seine schillernde Karriere, in der er immerhin 130 Mal für Deutschland auflief, zwar bei Gornik Zabrze ausklingen, dies jedoch nicht ruhig und gemächlich, wie immerhin 16 Scorer-Punkte in der vergangenen Liga-Saison beweisen.

In Wlodarczyk fand er einen dankbaren Abnehmer für seine Zuspiele. Auch dass Podolski speziell für ihn der Mentor sein soll, war so ursprünglich jedoch gar nicht vorgesehen.

Ein Förderer namens Podolski

"Wenn man einen Spieler der Kategorie Lukas Podolski hat, ist es natürlich wichtig, dass er die jungen Spieler an die Hand nimmt, sie von ihm profitieren können. Die enge Bindung der beiden hat sich auch durch die vielen Torbeteiligungen so entwickelt - 'Poldi' hat viele Assists gegeben und Szymon vollstreckt", berichtet Gaul und betont:

"'Poldi' hat ihn gefördert, aber entscheidend war, dass Szymon offen dafür war, diese Dinge sehr gerne angenommen und versucht hat, sie umzusetzen."

Gut in Schuss: Podolski bei einem Promi-Event im Jänner 2023
Foto: © getty

"Von Lukas kann ich viel lernen, das Verhalten im Strafraum, die Bewegungen", meinte Wlodarczyk vergangenen Herbst bei "Gol24", "er kennt meine Fähigkeiten, also verlangt er mehr von mir. Wenn ich etwas richtig mache, lobt er es. Wenn es schlechter ist, gibt er einen Kommentar ab und erwartet Verbesserung."

Außerdem ist es bei allem Ernst in diesem Geschäft auch die nötige Prise Humor, die Podolski während seiner eindrucksvollen Laufbahn ausgezeichnet hat.

Der Lerneffekt beim Elfmeter

In diese Kategorie folgt wohl sein Hinweis, dass er dem jungen Kollegen nicht nur Torvorlagen gegeben hätte, sondern auch die Elfmeter schießen lasse.

"Ich warte noch auf einen Umschlag von Szymon", lachte Podolski diesbezüglich laut "sport.pl" und dachte gleichzeitig wohl auch an seine Zehn-Tore-Wette.

Die etwas ernsthaftere Begründung: "Ich hätte die Elfmeter auch schießen können, aber das brauche ich nicht. Ich bin nicht in die Ekstraklasa gekommen, um etwas zu beweisen, Torschützenkönig zu werden oder meine eigene Marke zu stärken, sondern um der Akademie, dem Verein und den Jungs auf dem Platz zu helfen. Solche Situationen wie Elfmeter können den Jungs Selbstvertrauen geben und die nächsten Schritte aufzeigen. Denn er wird den Druck spüren und etwas lernen."

Ein Lerneffekt bei Elfmetern, den Gaul aus Trainer-Sicht unterschreibt: "Wir wollen immer junge Spieler weiterentwickeln. Auf dem Weg in den Profi-Bereich ist es ein wichtiger Faktor, dass man Verantwortung übernimmt."

Der Hype um "Young Lewandowski"

Ob Tore aus dem Spiel, gerne nach Podolski-Vorlage, oder verwandelte Elfmeter - speziell von Anfang Oktober bis Anfang November 2022 lief es bei Wlodarczyk wie am Schnürchen. In fünf Liga-Matches erzielte er fünf Treffer.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der erste Karriere-Hype nicht fern war, wenn ein junger Angreifer wie am Fließband trifft.

"Natürlich ist gleich der Vergleich mit Robert Lewandowski in den Medien aufgetaucht."

Bartosch Gaul

"Natürlich ist gleich der Vergleich mit Robert Lewandowski in den Medien aufgetaucht", erinnert sich Gaul, "mit so einem Riesen-Hype muss man immer vorsichtig sein. Je höher man einen Spieler katapultiert, vor allem einen so jungen, umso härter kann der Aufprall sein."

Logischerweise kamen die ersten Transfer-Gerüchte dazu. So soll vor allem Celtic hinter dem Stürmer hergewesen sein, der auf der Insel bereits zum "Young Lewandowski" geadelt wurde.

Der Umgang mit dem Hype (mit Papas Hilfe)

Wlodarczyk selbst habe sich laut seinem damaligen Coach jedoch nicht zu sehr davon beeindrucken lassen: "Wer ihn kennt, weiß, dass er ein sehr bodenständiger und eigentlich auch zurückhaltender Junge ist. Natürlich ist vergangenen Herbst viel auf ihn eingeprasselt. Wir haben versucht, ihn bestmöglich zu unterstützen. Ich habe das in Gesprächen immer wieder mit ihm aufgearbeitet, und er hat das auch gut kanalisiert, weil er wirklich sehr reflektiert ist. Er konnte vernünftig und intelligent damit umgehen."

An dieser Stelle hilft der Hinweis, dass der Jungstar nicht völlig blauäugig ins mitunter schwierige Fußball-Business geraten ist, sondern selbiges von kleinauf miterlebt hat.

Sein Papa Piotr Wlodarczyk war selbst Fußball-Profi, der es auf vier Länderspiele brachte und als Legionär in Frankreich und Griechenland stürmte, wo Szymon in der Jugend von Aris Saloniki und OFI Kreta seine ersten Schritte in Richtung eigener Karriere tätigte.

Papa Piotr Wlodarczyk jubelte 2004 im Länderspiel gegen die USA
Foto: © getty

Gaul hat zwar den Vater nicht persönlich kennengelernt, bekam in Gesprächen mit Szymon jedoch immer das Gefühl eines funktionierenden Umfelds vermittelt: "Ich glaube, dass sein Papa insgesamt viele Dinge ins Positive beeinflusst hat - speziell das Thema Hype betreffend. Er ist in Interviews lieber auf die Bremse getreten, als diesen Hype zusätzlich zu befeuern."

Eine Flaute, die man tolerieren muss

Vielleicht auch, weil er als ehemaliger Stürmer weiß, dass eine Flaute kommen kann. Bei einem jungen Akteur ist diese Gefahr ungleich größer. Das erste Tief ereilte Wlodarczyk im Frühjahr, als er zwischen Anfang Februar und 20. Mai in zwölf Liga-Spielen in Folge torlos blieb.

Genau wie man in Zeiten des Hypes im Idealfall nicht den Boden unter den Füßen verlieren sollte, gilt es in solchen Phasen die Ruhe zu bewahren.

"Mich persönlich hat es nicht überrascht. In dem Alter kann es immer passieren, dass auch mal ein kleines Tal kommen kann", meint Gaul, der vor seinem Engagement in Zabrze 14 Jahre lang in den Nachwuchs-Abteilungen von Schalke 04 und Mainz 05 gearbeitet hat.

Seine Einschätzung: "Das war ein ganz normaler Prozess. Das musst du jedem jungen Spieler - unabhängig davon, ob er gehypt wird oder nicht - zugestehen und tolerieren, dass es vielleicht auch mal nicht so gut läuft."

Wie passt Wlodarczyk zur intensiven Spielweise Sturms?

Die Erlösung in Sachen Tor erfolgte am vorletzten Spieltag per Elfmeter. Dass er das Toreschießen nicht verlernt hat, bewies Wlodarczyk davor und danach mit insgesamt vier Treffern in drei Frühjahrs-Länderspielen mit dem polnischen U21-Nationalteam.

Wlodarczyk bringt die Voraussetzungen fürs intensive Sturm-Spiel mit
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Ein entscheidender Faktor, ob der Neuzugang an der Mur einschlägt, wird, wie er sich an die intensive Spielweise beim amtierenden ÖFB-Cupsieger anpasst.

Gaul beschreibt Wlodarczyk als Spieler, der über seine Laufstärke kommen kann und über eine gute Geschwindigkeit verfügt.

"Das sind Dinge, speziell die Sprintstärke, die man mit dem Ball sehen möchte. Aber auch in unserem Spiel war es auch extrem wichtig, einen Stürmer zu haben, der intensiv gegen den Ball arbeitet. Er ist mit Sicherheit ein Spieler, der gute Voraussetzungen dafür mitbringt."

In Graz ist der nächste Entwicklungsschritt notwendig

Für die Idee von Ilzer ist dies bekanntlich eine entscheidende Voraussetzung. Die "Blackies" haben in der jüngeren Vergangenheit bewiesen, dass sie Stürmer weiterentwickeln können. Dies wird auch bei Wlodarczyk notwendig sein, denn ausgelernt hat er - in seinem Alter fast schon logisch - noch nicht.

"Er hat seine Sache bei uns im Pressing und beim Anlaufen gut gemacht. In Graz erwartet ihn jetzt der nächste Entwicklungsschritt in Sachen Intensität."

Bartosch Gaul

Auch sein Ex-Trainer betont, dass er sich gerade im Spiel gegen den Ball noch mal einen Tick steigern könne: "Er hat seine Sache bei uns im Pressing und beim Anlaufen gut gemacht. In Graz erwartet ihn jetzt der nächste Entwicklungsschritt in Sachen Intensität."

Dies würde auch andere Dinge betreffen: "Auch beim Thema Spielgeschwindigkeit kann ihn die Kader-Qualität von Sturm auf das nächste Level heben."

Wlodarczyk bringt viele wertvolle Dinge mit

Hier würde es jedoch um die ganz normale Trainer-Aufgabe gehen, Entwicklungs-Potenziale zu suchen, zu finden und daran zu arbeiten.

Die Moral der Geschichte sollte sein, dass Wlodarczyk von seinem Charakter her nicht nur gewillt ist, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln, sondern dass es auch genügend entwickelbares Potenzial gibt.

Denn, so Gaul: "Ob seine Geschwindigkeit, sein Fleiß oder auch sein Instinkt in der Box - er bringt viele wertvolle Dinge mit."


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