Krammers größter Fehler und Appell für die Zukunft

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Im November 2013 wurde Michael Krammer beim SK Rapid Wien ins Amt des Präsidenten gehoben.

Sechs Jahre später überschattet der turbulente und so nicht eingeplante Wahlkampf um seine Nachfolge seinen schon beim Antritt angekündigten Abschied im Jahr 2019.

Der Mobilfunk-Experte blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Amtszeit zurück, die am Montag mit der Ordentlichen Hauptversammlung endet.

Weil es in all dem Trubel der Wahl untergehen würde, zog er schon ein paar Tage davor Bilanz, gab seinen größten Fehler zu und hatte einen ganz klaren Appell an seinen Nachfolger in spe, was Rapid in Zukunft braucht.

Sportliche Bilanz: "Haben uns deutlich mehr erwartet"

Krammer unterteilte seinen Rückblick in verschiedene Blöcke, beginnend mit dem sportlichen Part, der mit Sicherheit nicht als Ruhmesblatt seiner Ära in die Geschichte eingehen wird.

Trotzdem verweist er auf die sportlichen Erfolge in den vergangenen sechs Jahren, denn das Glas sei immer als halb voll oder als halb leer zu betrachten.

"Wir waren vier Mal in der Europa-League-Gruppenphase, haben zwei Mal im Europacup überwintert, das gab es noch nie davor. Wir haben uns europäisch von Platz 105 auf Platz 62 hervorgearbeitet, auch da war Rapid noch nie besser berwertet. Wir waren zwei Mal im Cup-Finale und drei Mal Vizemeister. Aber wir haben uns deutlich mehr erwartet, was die Leistungen der Kampfmannschaft betrifft", gibt Krammer dann doch wohlwissend zu, dass mehr drin gewesen wäre.

Denn so endet die Ära ohne einen einzigen Titel, dabei war die Gier nach Edelmetall groß - im Nachhinein gesehen vielleicht zu groß.

Krammers größter Fehler: "Wir wollten es damals erzwingen"

Denn jener Moment, als sich Rapid durch den Einzug ins neu errichtete Allianz-Stadion imstande sah, auf den Meistertitel loszugehen, machten Krammer und sein Team den größten Fehler, es war im Nachhinein "ein Schlüsselereignis" wie er heute weiß.

"Wir haben in den ersten drei Jahren mit dem Cheftrainer Zoran Barisic einen sehr kontinuierlichen Weg und eine Entwicklung eingeschlagen. Wir haben uns dann dazu verleiten lassen, durch das neue Stadion, neue finanzielle Möglichkeiten, durch die Möglichkeit Transfers zu tätigen (Mocinic, Traustason), zu glauben, es gibt nicht nur den kontinuierlichen Weg zum Erfolg, sondern es gibt eine Abkürzung", erzählt Krammer vom Trugschluss.

"Wir wollten es damals erzwingen, um wirklich realistisch einen Titel zu holen. Mit der Weisheit des Rückblicks weiß ich: Das war wahrscheinlich ein entscheidender Fehler! Das ist wie bei einer Abzweigung bei Gleisen, wir haben den Zug in die falsche Richtung gelenkt, haben geglaubt, es ist eine Abkürzung, aber in Wahrheit war es der Holzweg."

Auf diesem "Holzweg" war von Kontinuität keine Spur mehr, die Hire-und-Fire-Mentalität mit den Trainerwechseln zu Mike Büskens, Damir Canadi und Goran Djuricin fügten dem Verein Schaden zu und vermieden jegliche Entwicklung.

Appell nach Verlassen des "Holzwegs" an Nachfolger

Erst nach zwei Jahren auf dem "Holzweg" habe man diesen Fehler erkannt und vor knapp einem Jahr zur Kurskorrektur angesetzt, indem man Didi Kühbauer installierte, Stefan Oesen und Alex Steinbichler zurückholte und im Sommer Zoran Barisic als Geschäftsführer Sport installierte - jenen Barisic, mit dem damals alles begann.

Dadurch sollte der Weg der kontinuierlichen Entwicklung erneut eingeleitet werden. Laut Krammer gebe es unzählige Beispiele und Beweise dafür, dass kontinuierliche, konstante Arbeit mit den richtigen Personen eher zum Erfolg führt als das ständige Wechseln der Spur.

Deshalb hat Krammer einen klaren Appell an seinen Nachfolger - egal, ob dieser Bruckner oder Schmid heißen sollte: "Lasst das Team weiter arbeiten, ihr Konzept umsetzen und diesen Weg weitergehen. Denn die Voraussetzungen, die wir vor allem im Nachwuchs geschaffen haben, sind nicht so schlecht. Wir sind zum zweiten Mal hintereinander im internationalen Ranking der CIES (Football Observatory) der erfolgreichste österreichische Klub bei der Nachwuchsarbeit mit den meisten bei uns ausgebildeten Spielern in Top-Ligen. Wir haben das Trainingszentrum auf Schiene gesetzt und wollen diesen Weg mit diesem Personal und diesem Konzept weitergehen - das wäre ganz wichtig für die Entwicklung dieses Klubs."

Während Rapid im sportlichen Bereich wieder in bessere Zeiten starten soll und dieser auch im Mittelpunkt der Programme von Bruckner und Schmid steht, übergibt Krammer in wirtschaftlicher und infrastruktureller Hinsicht mit bestem Wissen und Gewissen.

Wirtschaftlich und infrastrukturell hinterließ Krammer Spuren

Die Errichtung des von vielen Seiten nie für möglich gehaltenen Allianz Stadions in Zeit und Budget wird als großer Verdienst Krammers in die Geschichte eingehen.

Man habe dafür das größte Crowdinvestment ins Leben gerufen, generell die Digitalisierung bei Rapid auf Schiene gebracht, um den Verein wirklich fit fürs nächste Jahrhundert zu machen. Dabei habe man den Komfort für den Kunden und die Effizienz erhöht.

Die Fakten sprechen trotz der Seitenhiebe im Wahlkampf für sich: "Der Durchschnittsumsatz drei Jahre vor 2013 war 21 Millionen Euro, in den letzten sechs Jahren 38 Mio. Der Verlust davor waren 500.000 durchschnittlich, der Gewinn seit 2013 durchschnittlich 1,2 Mio. Ein großes Ziel war, das negative Vereinskapital in positives umzuwandeln, von 1,2 auf 15 Mio. – alle Fakten sprechen Bände."

Auch das Wachstum der Mitglieder und die Stärkung der Rolle des SK Rapid in der Gesellschaft waren Krammer seit seinem Antritt große Anliegen.

Leitbild, Mitglieder-Offensive und Klub zum Anfassen

In diesem Zusammenhang betont er, dass keineswegs verbrannte Erde mit den unterschiedlichsten Institutionen hinterlassen wurde, sondern sehr wohl gut zusammengearbeitet wurde, um Lösungen innerhalb der Bundesliga, etc. zu finden.

Als Meilenstein bewertet Krammer das erarbeitete Leitbild, welches als "Kompass für die gesamte Rapid-Gemeinschaft" gilt. Durch die Mitarbeit vieler Fangruppen und Mitgliedern habe man sich als Verein für seine Mitglieder und zum Angreifen positioniert.

Das Ergebnis: Ein Mitglieder-Zuwachs von 7.347 auf 16.565 und 2,6 Millionen Stadionbesucher in allen Bewerben in den vergangenen sechs Jahren, was in dieser Periode noch nie ein österreichischer Klub schaffte. Auswärts habe man ohnehin den besten Zuschauer-Schnitt, zudem verweist er einmal mehr auf die Bundesliga-Studie, wonach 33 Prozent der Fußballinteressierten Rapid-Sympathisanten seien.

Auf das neue Miteinander und Engagement von Rapid-Fans und -Mitgliedern ist Krammer besonders stolz, deshalb meint er in seinem Abschluss-Statement: "Es war einzigartig, was sich aus meiner Sicht in diesen sechs Jahren getan hat, dafür gebührt allen ein ganz großes Dankeschön. Es war mir eine sehr große Ehre, zu dienen und den Verein weiterzuentwickeln. Danke!"

Textquelle: © LAOLA1.at

SK Rapid: Wie das Talente-Konzept fruchtet

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