VAR ist nicht der Heilsbringer des Fußballs
Im Schweizer "Blick" ist zuletzt der ehemalige Top-Referee Urs Meier zitiert worden, der die Entwicklung kritisch sieht.
"Die FIFA will Fehlentscheidungen möglichst eliminieren und die Technik auch mit Hilfe von KI vorantreiben."
Laut Meier hätten die Schiedsrichter dadurch immer weniger Einfluss auf das Spiel. "Ob das der richtige Weg ist? Ich glaube nicht, denn nur ein Mensch mit Fußballsachverstand und Menschenkenntnis kann ein Spiel leiten", sagt Meier.
DFB-VAR übersiedelt vom "Keller" in Köln nach Frankfurt
Der DFB verlegt sein VAR-Zentrum vom "Keller" in Köln auf den DFB-Campus nach Frankfurt in ein sechs Mal größeres Büro. Dies geschieht nicht ohne Absicht.
Meier vermutet in der deutschsprachigen Schweizer Tageszeitung: "Irgendwann wird auch ein Freistoß vor dem Strafraum am Bildschirm gecheckt werden."
"Der VAR ist quasi als Airbag für die Schiedsrichter eingeführt worden", meint Meier und wünscht sich, "dass er bei zehn Fällen zehn Mal und nicht nur sechs Mal funktioniert."
Deswegen ist für den ehemaligen Top-Referee klar: "Der VAR ist nicht der Heilsbringer des Fußballs."
IFAB korrigiert FIFA
Dass sich das International Football Association Board (IFAB) - die Regelhüter des Fußballs - eine Woche nach dem Ende der WM bemüßigt gefühlt hat, wegen einer unrichtigen Regelauslegung im Fall Embolo – Punkt 3 des VAR-Protokolls: Verwechslung eines Spielers – korrigierend einzugreifen, hat Meier so noch nie erlebt.
"Generell wurden die Regeln bei dieser WM nicht sauber umgesetzt", findet Meier, der bei der WM 1998 und 2002 Spiele leitete. "Für ein Zurückreißen, das normalerweise Gelb gibt, wurde nicht einmal eine Ermahnung ausgesprochen. Man ließ zu vieles durchgehen."
UEFA geht einen Schritt zurück
Beim europäischen Verband hat eine Rückbesinnung eingesetzt, womöglich auch aufgrund der WM-Ereignisse - Bericht.
Ursprünglich wurde der VAR eingeführt, um klare Fehlentscheidungen, die noch Wochen oder sogar Jahre für Diskussionen sorgten, zu verhindern.
Das Wembley-Tor 1966 im WM-Finale zwischen England und Deutschland oder der Treffer von Diego Maradona durch die "Hand Gottes" 1986 im WM-Viertelfinale zwischen Argentinien und England sind heute diesbezüglich jedem Fußball-Fan ein Begriff.
Torlinientechnologie funktioniert
Was Meier gefällt? "Die Torlinientechnologie funktioniert hervorragend."
Auch die Diskussionen um Abseits-Tore sind auf ein Minimum reduziert worden.
"Alles, was schwarz oder weiß ist, funktioniert", sagt Meier und nennt einen griffigen Vergleich aus dem Auto: "Wir sind es mittlerweile auch gewohnt, dass es beim Einparken piepst. Aber wenn die Technik einmal versagt und dies nicht der Fall ist, sind wir verloren."
UEFA-Schiri-Chef zieht Reißleine
Roberto Rosetti, Schiri-Chef in der UEFA, bringt in einem Interview auf Law 5 seine Vorstellungen klar zum Ausdruck .
Im Sinne der Transparenz ist bei der UEFA für alle Fußballinteressierten auch eine neue Website CLEAR LINE - hier geht es zum Link - bereitgestellt worden, um VAR-Entscheidungen besser einordnen zu können.
"VAR Österreich" war einmal...
Die Schiri-Granden in Österreich - der Ungar Viktor Kassai und Ali Hofmann - sind übrigens den umgekehrten Weg gegangen.
Seit Ende Mai wird heimlich, still und leise "VAR Österreich" nicht mehr bespielt. Das heißt, es gibt keine Auflösungen zu strittigen Situationen mehr. So wartet WSG-Spieler Hinterseer weiter auf eine Erklärung, warum das Elfmeter-Foul in Altach aberkannt wurde.
Wurde es den Verantwortlichen zu heiß, ständig damit konfrontiert zu werden, dass viele Auflösungen nicht nachvollziehbar waren.
Es wäre durchaus interessant gewesen, die Auflösung einiger Szenen in den ersten beiden Runden zu analysieren.
Strittige Entscheidungen in Runde 1 und 2
Bei LASK gegen GAK gab Schiri Gishamer bei einem Strafstoß keine Rote Karte, als der Angreifer zurückgerissen wurde - Stichwort Torchancenverhinderung.
Bei WAC gegen Austria sah VAR Ciochirca keinen Grund für einen Eingriff, als auf Elfmeter wegen Handspiels für Wolfsberg entschieden worden ist. Etliche Experten und Ex-Kollegen sahen den Arm sehr knapp am Körper, zudem war der Ball abgefälscht und die "Natürlichkeit des Armes" gegeben.
Offen ist auch, ob das aberkannte Tor von Wolfsberg nach VAR-Eingriff wegen eines "Fouls" im Zuge des Angriffs eine klare Fehlentscheidung war?
Wie bereits erwähnt entschied Referee Gishamer bei Altach gegen WSG Tirol aus bester Distanz und freier Sicht auf Strafstoß wegen Haltens. Dennoch holte VAR Schüttengruber den Kollegen Gishamer zum Monitor – war das eine klare Fehlentscheidung?
Hartberg gegen Sturm Graz: Strafstoß-Entscheidung von Weinberger. Der Ball wird zwar berührt, aber der Verteidiger zieht durch das Hineinrutschen mit seinem Körper den Fuß weg. Haben die gezeigten Bilder eindeutig den Referee widerlegt? VAR Kijas war offenbar dieser Meinung.
Warten sollte ein Ende haben
Nachvollziehbar sind jedenfalls die Verärgerungen über gefühlt endlos langes Kontrollieren von Abseitsstellungen.
Wenn es offenbar für den VAR schwierig ist mit den Linien zu beweisen, ob es nun Abseits oder eben nicht war (zuletzt bei Austria gegen LASK durch VAR Semler gesehen), dann sollte doch das gelten, was am Spielfeld entschieden wurde.
Dies würde auch zu mehr Akzeptanz führen. Denn die Millimeter-Entscheidungen werden oft angezweifelt, zumal ja auch die Linien inklusive der Ballabgabe immer noch vom VAR festgelegt werden.
Harkam im Dauereinsatz
Ein besonderes Jubiläum feiert der steirische Schiedsrichter Alexander Harkam am Sonntag.
Nachdem er zum Auftakt als Schiedsrichter bei Wolfsberg gegen Austria im Einsatz war (mit einigen strittigen Situationen), durfte in der 2. Runde als 4. Offizieller bei Austria gegen LASK auflaufen.
Aller guten Dinge sind Drei dachte sich wohl beim ÖFB jemand bei der Besetzung. Harkam ist in Runde 3 beim Auswärtsspiel der Austria in Hartberg gleich wieder als 4. Offizieller im Einsatz.
Man darf gespannt sein, ob Harkam beim Heimspiel der Austria gegen WSG Tirol neuerlich bei den Violetten auftaucht - drei Plätze wären zu vergeben: Schiedsrichter, 4. Offizieller oder VAR.