Daran krankt das System

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Verbände im Closeup: Leichtathletik

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Pleiten, Tränen und jede Menge Kritik. Die Olympischen Spiele in London zu verfolgen, ist aus österreichischer Sicht nur etwas für Masochisten. Beate Schrotts achter Platz sorgte am Dienstag zumindest für leichte Linderung.

Über die Gründe für die drohende Riesenblamage macht sich derzeit Halb-Österreich Gedanken. Angefangen von Stammtischen bis rauf zu Sportminister Norbert Darabos, der nicht einmal seine letzten großen Medaillen-Hoffnungen ("Schurnig/Schwarz") korrekt aussprechen kann.

Ein Gutes hat das Theater aber: Das Erschüttern der Grundfesten des österreichischen Sports macht ein Hinterfragen der heimischen Strukturen möglich.

Für LAOLA1 ist das das Stichwort, um in einer Serie einen kritischen Blick in diverse Sommersport-Verbände zu werfen. Den Anfang macht die Mutter aller Sportarten:

Aushängeschilder und deren Finanzierung:

Beate Schrott, Gerhard Mayer, Andreas Vojta, Ivona Dadic, Günther Weidlinger, Andrea Mayr

Der Großteil findet im Heeressportzentrum (HSZ) Unterschlupf. „Wenn man geschickt ist im Formulare ausfüllen, gibt es in Österreich eine Reihe weiterer Unterstützungsformen“, spielt ÖLV-Trainer Wilhelm Lilge auf Sporthilfe und verwandte Organisationen an. „Hier herrscht leider Anarchie“, beschreibt Lilge den Wildwuchs, der bis runter zu den Gemeinden geht. Parallelität und Unkoordiniertheit sind Hauptkritikpunkte dieses Systems, was sich freilich nicht nur auf die Leichtathletik beschränkt.

Eine Finanzierung abseits des HSZ über private Sponsoren ist laut Lilge möglich. „Dass die Leichtathletik nicht leistbar ist, ist eine beliebte Ausrede. Natürlich muss der Sportler dann ein dementsprechendes Verhalten gegenüber Medien an den Tag legen, um einen Werbewert für Firmen darzustellen.“

Darüber hinaus verfügt der ÖLV über ein Kader-System (A- und B-Kader), das finanziell unterstützt wird. „Wenn auch in einem bescheidenen Rahmen“, erklärt Lilge.


 

Produktion von Spitzensportlern:

Diese liegt in erster Linie im Verantwortungsbereich der einzelnen Vereine in den jeweiligen Landesverbänden. Der nationale Verband unterstützt dies mit Angeboten. In ein Nationalteam gegossen wird der Nachwuchs ab der Jugend (U18), auch um internationale Meisterschaften zu beschicken.

Dazu meldete der ÖLV einen Talente-Pool an förderungswürdigen Athleten im „Team Rot-Weiß-Rot“ an. Darin befinden sich laut ÖLV-Seite derzeit elf Sportler, darunter auch Ivona Dadic oder Lukas Weisshaidinger.


 

Kritik und Reform-Bedarf:

Bei den vielen Fördersystemen für die Sportler werden die Trainer außen vor gelassen. „Die müssen sich zumeist Urlaub nehmen und die Trainingslager selber zahlen“, spricht Lilge mit der Trainer-Situation eines der größten Problemfelder der heimischen Leichtathletik an. „Die Coaches sind oftmals der letzte Arsch.“ Lilge ist hingegen privilegiert, ist er doch der „praktisch einzige“ freiberufliche Leichtathletik-Trainer Österreichs. „Wenn man bedenkt, dass Schweden vergleichsweise etwa 300 hauptamtliche Trainer hat, sind wir gar nicht so schlecht.“

Ein großes Manko stellt die Talenterfassung dar. Diese sollte laut Lilge bereits in der Volksschule ansetzen. „Hier gibt es aber eine ideologische Sperre, weil viele gleich sagen: Das ist ja wie früher in der DDR!“ Für den Mittel- und Langstreckenlauf-Coach eine völlig falsche Sichtweise. „Dadurch kann man den Kindern und Eltern bewusst machen, welche Möglichkeiten es vielleicht gibt. Letzten Endes wird niemand gezwungen werden, den jeweiligen Sport dann auch tatsächlich auszuüben.“ Diese Talenterfassung existiere in Österreich aber nicht. „In meinem konkreten Fall als Trainer einer Ausdauer-Sportart wiegt das besonders schwer, schließlich fällt ein Ausdauer-Talent im normalen Turn-Unterricht kaum auf. Das sind oft die, die keinen Ball fangen oder mit Geräte-Turnen nichts anfangen können.“

Wien ist die einzige Millionen- und Hauptstadt Europas, die über keine Leichtathletik-Anlage verfügt, die nationale Meisterschaften durchführen könnte. „Ich habe das bei der Olympia-Verabschiedung Bürgermeister Häupl gesagt, der hat sich auch gewundert“, erklärt Lilge, der als Lauftrainer zumindest für die tägliche Arbeit nicht so sehr auf die Infrastruktur angewiesen ist. Für die kältere Jahreszeit sieht es nicht besser aus. Mit Wien und Linz gibt es nur zwei Leichtathletik-Hallen in Österreich. „Wo soll beispielsweise ein Stabhochspringer aus West-Österreich im Winter trainieren?“

Mehr Hauptamtlichkeit, mehr Professionalität – ein Kritikpunkt, der dank Dinko Jukic vom Schwimmsport nur allzu gut in Erinnerung ist. Doch so einfach ist das nicht, denn schließlich ist das auch eine finanzielle Frage. Das ÖLV-Budget stößt an seine Grenzen. „Von daher ist es gut, dass wir so viele ehrenamtliche Mitarbeiter haben. Wenn der Herr Minister Medaillen fordert, dann muss er auch dementsprechend investieren.“ Einen Funken Wahrheit an der Forderung nach mehr Professionalität möchte er aber nicht absprechen. Oftmals gehe bei langjährigen Funktionären der Kontakt zur Basis verloren. „Es existieren zwei Parallel-Universen, wo auf der einen Seite Athleten sowie Trainer und auf der anderen Seite Vorstand sowie Funktionäre stehen.“ Verkehrt wäre aber, pauschal alle Funktionäre zu verteufeln. So stand etwa ÖLV-Sportdirektor Hannes Gruber während des Olympia-Marathons selbst an der Strecke, um Andrea Mayr Verpflegung zu reichen.

Trainingsstätten haben ist das eine, Zugang zu ihnen zu bekommen, ist das andere. Die Leichtathletik-Halle in Linz steht den Leichtathleten im Winter nur an 51 Tagen zum Training zur Verfügung. Oftmals scheitert es nur an bürokratischen Hürden. „Im Happelstadion darf man beispielsweise am Wochenende nicht auf die Laufbahn, obwohl dort sogar Personal vor Ort ist. Warum? Weil es schon immer so war, bekommt man als Begründung zu hören. Vorgeschoben werden dann noch so Sachen wie: Wenn sich dann einer den Hax’n bricht, haben wir Probleme. Eine einzige politische Weisung könnte das ändern“, ist der Wiener sauer.

Obwohl für die fehlende Infrastruktur freilich die öffentliche Hand verantwortlich ist, kann der Verband von einer Mitschuld nicht freigesprochen werden. Schließlich ist der ÖLV offenbar zu schwach, um diese Situation zu ändern.

Reinhold Pühringer

 

In den nächsten Tagen folgen weitere Verbände...

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