LAOLA1 als sterbender Schwan

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Ab in die Fluten: LAOLA1 geht Synchronschwimmen

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Anmut, Wassergefühl und Beweglichkeit wie ein Gummi-Band.

Drei Dinge, die für Synchronschwimmen unerlässlich sind. Drei Dinge, die ich jedoch in keiner Weise mitbringe.

Während Nadine Brandl noch meint, ich solle doch mein Bein weiter nach oben strecken, bin ich überhaupt froh, kein Wasser zu schlucken. Tja, aber das hat man(n) davon, wenn er sich mit Brandl und Livia Lang, Österreichs Olympia-Startern im Synchron-Duett, in den Pool begibt.

„Unser Ziel bei den Spielen ist ein Platz unter den ersten 20. Kommen wir unter die 18, muss alles passen und auch das Glück mitspielen“, erklärt das Duo beim gemeinsamen – nennen wir es einmal – Training.

„Think pink!“

Bei all der Kopfüber-Action unter Wasser sei eins vorne weg geschickt: Ich hoffe, dass der Erfinder der Nasenklammer damit reich geworden ist. Auch wenn das gute Ding pink ist – was mir vielleicht gar nicht so schlecht steht – und sich zunächst weigert, an meinem Riech-Organ stecken zu bleiben, erfüllt es schließlich doch seinen Zweck. Nie zuvor habe ich so angstfrei und freihändig Rollen im Wasser vollführen können. Ich schwebe!

Ein Muss sind sie allerdings nicht. Mit Staunen erfahre ich, dass es doch tatsächlich Athletinnen gibt, die ihre Unterlippe über die Nase stülpen können und dadurch beim Auftauchen mehr Luft bekommen.

Beim verbalen Austausch mit meinen Vorschwimmerinnen komme ich mir etwas dämlich vor. Schließlich höre ich mich dank der Klammer wie Schneckerl Prohaska mit Heuschnupfen an, sehe wegen der beschlagenen Schwimm-Brille nur die Hälfte und muss wegen Wasser in den Ohren ständig nachfragen.

Irgendwie klappt es dann aber doch. Zumindest mit der Verständigung.

Denn bei den Übungen, die sie mir zeigen, stoße ich viel früher an meine Grenzen, als mir lieb ist. Dabei meint Lang eingangs noch: „Keine Sorge, mit dir machen wir das Basis-Programm, das für die 5- bis 6-Jährigen.“ Na super eh…

Das Nixen-Duo vor der LAOLA1-Linse

Das gibt wenig Auftrieb

Bereits beim Flamingo muss ich erstmals Federn lassen, da mein Kopf bei dieser Figur, bei der man auf dem Rücken liegend ein Bein zur Brust zieht und das andere senkrecht empor reckt, nicht über Wasser bleiben will. An dieser Stelle ein Gruß an einen bestimmten Oberstufen-Lehrer von mir: Ha, das Ding ist offenbar doch nicht hohl!

Während die Mädels es immerzu schaffen, bei Figuren, bei denen die Füße weit aus dem Wasser heraus ragen, mit dem Körper an der Oberfläche zu bleiben, sinke ich jedes Mal wie ein Stein in die endlichen Tiefen des Südstadt-Beckens.

Woran liegt das? „Du musst deine Hände ganz woanders hingeben“, verdeutlicht mir Brandl, wie viel Physik hinter dem Synchronschwimmen steckt. Allmählich beginne ich zu begreifen.

Selbst ein veränderter Winkel der Handflächen kann eine immense Auswirkung auf meine Wasserlage und Bewegungsrichtung haben. „Wir haben schon überlegt, an der Uni ein Physik-Studium zu beginnen“, scherzt die Wienerin, der offenbar mein rätselnder Blick aufgefallen ist.

Eingeschrieben hat sich die Olympia-22. der Spiele in Peking, die im Leistungszentrum Südstadt einst eine Klasse übersprang, letztendlich aber für Betriebswirtschaft sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaften. Gerade bei Letzterem muss sie noch eine Seminar-Arbeit verfassen. Nur wie? Die Zeit dazu fehlt. Als ich die Mädchen antreffe, trainieren sie bereits die sechste Stunde am Stück.

„Momentan trainieren wir täglich acht Stunden, davon zwei Drittel im Wasser“, verrät die 18-jährige Lang. Neben dem Pool stehen für die Beiden auch noch Gymnastik, Krafttraining oder sogar Ballett auf dem Programm.

Und wo bleibt da jetzt Platz für die Seminar-Arbeit? „Ich weiß nicht“, zuckt Nadine mit den Schultern. „Der Tag hat halt nur 24 Stunden.“ Die Presse-Termine, die vor Olympia ein für sie ungewohntes Ausmaß annehmen, tragen das ihre dazu bei.

Apropos Kommunikation

Kommuniziert wird unter Wasser übrigens auch – und zwar mit Lauten bei geschlossenem Mund. Ein bisschen wie Beatboxen, nur halt unter Wasser. „Um synchron zu bleiben, zähle ich den Takt der Musik“, so Brandl.

Auch in Sachen Physik bekomme ich noch eine Lektion mit auf den Weg. Denn Wasser ist nicht gleich Wasser. „Das hat mit der Qualität und der Konsistenz des Wassers zu tun“, versucht Brandl zu erklären. „Es fühlt sich dementsprechend härter oder weicher an. An manchen Tagen springst du rein und hast das Gefühl, dass du nur zwei Streichhölzer hast, mit denen du versuchen musst, über Wasser zu bleiben.“

Als Mladenova merkt, dass ich es ernst meine, hebt sich ihre Laune rasch. Kurz darauf steht sie mit einem breiten Grinser vor mir und entschuldigt sich sogar für ihr zunächst forsches Auftreten.

Sexismus mal anders herum

Vielleicht liegt ihre rasante Zähmung aber auch daran, dass ich ein wahrer Exot bin. Denn Männer gibt es im Synchronschwimm-Sport praktisch nicht.

„Es gibt schon welche, allerdings nur wenige. Sie sind auch nicht zu Europa- oder Weltmeisterschaften zugelassen. Ich weiß aber nicht, ob das daran liegt, weil es so wenige gibt, oder ob es so wenige gibt, weil sie nirgendwo zugelassen sind“, droht Brandl beinahe ins Philosophische abzugleiten.

Die männliche Gallionsfigur im Synchronschwimmen heißt Bill May. „Er ist in den USA recht berühmt und tritt in einem Zirkus in Las Vegas auf. Er hat sich früher dafür eingesetzt, dass Männer bei Großereignissen mitschwimmen dürfen. Das hat aber nicht funktioniert“, erläutert die 22-Jährige.

Schonungslose Blondine

Trotz meines Exoten-Status‘ zeigen die beiden bei der Einschätzung meiner schwimmerischen Darbietung wenig Erbarmen.

„Was da noch verbesserungswürdig ist?...Tja,…da gibt es so einiges. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, sucht Brandl nach Worten.

War ich tatsächlich so mies? „Das Wassertreten hast du schon ziemlich gut gemacht“, tröstet mich die mir nun viel sympathischere Lang, die mich zu dem Schluss bringt, dass die beiden zumindest beim Beurteilen noch alles andere als synchron sind. Darum: Nadine, streng dich an!

Vom Beckengrund berichtet Reinhold Pühringer

Ein Gefühl, dass ich nur allzu gut nachempfinden kann. Mit dem Unterwasser-Bleiben hätte das Duo aber auch kein Problem. Über zweieinhalb Minuten können sie die Luft anhalten. "Bis zu den Spielen wollen wir uns noch auf drei Minuten steigern", gibt Lang dieses - wie sie meint - "Nebentrainingsziel" preis.

Düsteres Olympia-Programm

Was die beiden Mädchen im Training in den Pool zaubern, wenn sie gerade nicht aufpassen müssen, ob ich wieder auftauche, ist beeindruckend. Zur Musik von „Night on Bald Mountain“ sehe ich Auszüge aus ihrer Olympia-Kür.

Das Stück ist quasi ein musikalischer Horror-Streifen. Dementsprechend zeigen die beiden sonst so freundlichen Damen ihre Krallen. Auch den im Synchronschwimmen handelsüblichen Dauer-Grinser dürfen sie sich sparen.

Ist das nicht vielleicht ein Zacken zu düster für Olympia? „Nein, das ist eine gute Abwechslung“, meint die aus Ungarn stammende Lang, die gemeinsam mit Brandl auch die Kostüme mitgestaltet. Fledermäuse und Werwölfe kommen für London auf ihre Badeanzüge. „Das Nähen übernimmt dann aber eine Näherin.“ Schließlich soll im Aquatic-Center, in dem das Wasser übrigens griffig ist, auch alles dort bleiben, wo es hingehört.

Das Ruder in der Hand

Unter den strengen Blicken ihrer Trainerin Albena Mladenova schraubt sich das Duo immer wieder durch das Becken. Synchron versteht sich. Kleinigkeiten werden sofort angesprochen, Eindrücke mitgeteilt.

Die Ukrainerin hat auch die nötige Härte. Die bekomme auch ich zu spüren. Als ich im Bad ankomme, macht sie mir unmissverständlich klar, dass sie nicht will, dass die Mädchen zu lange im Wasser sind, da ansonsten die Gefahr besteht, dass sie sich erkälten. Etwas, das Lang bei der abgelaufenen EM außer Gefecht gesetzt hat.

Da auch ich das Projekt Olympia keineswegs gefährden möchte, versichere ich ihr, ihren Wunsch zu respektieren.  Zumal ich mir meiner mangelhaften Ausdauer-Fähigkeiten bewusst bin.

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