Die Geister, die ich rief

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Spielberg-Flashback: Die Geister, die ich rief

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"Mehr Unfälle machen die Formel 1 spannender", "die Formel 1 muss wieder gefährlicher werden", tönte Ferrari-Star Kimi Räikkönen in der vergangenen Woche. 

Ob der Finne diese Meinung immer noch teilt, nachdem Fernando Alonsos McLaren den Puls des "Icemans" vorübergehend in den mutmaßlich zweistelligen Bereich hochschnellen hat lassen (Zitat: "Das war nicht ideal"), darf bezweifelt werden.

Wenn Alexander Wurz, der diese Unfallsituation selbst nur zu gut kennt, sich am Reportoir von Heinz Prüller bedient und ein erschrockenes "Uiuiui!" auspackt, weiß der geübte Formel-1-Fan, wie knapp der 35-Jährige in Spielberg an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist.

Wer außer den Schutzengeln des Finnen am Wochenende noch gute Dienste geleistet hat, was die Steiermark Kanada entgegenzusetzen hat und warum Kimi nicht nur am Renn-Sonntag für Unterhaltung sorgte, lest ihr im Spielberg-Flashback:

 

  • HOT AND NOT

 Nico Rosberg

Zwei Rennen, zwei Siege. Nico Rosberg ist der "Formel-1-Kaiser" von Österreich. Der Deutsche wiederholte in Spielberg seinen Sieg vom Vorjahr und verkürzte mit seinem dritten Saison-Sieg den Rückstand in der WM auf Hamilton auf zehn Punkte. Rosberg lieferte über das ganze Wochenende eine solide Leistung, einzig der Ausrutscher im Qualifying ist ihm anzukreiden. Den Fehler machte er im Rennen gleich am Start wieder gut und fuhr einen klaren Sieg ein. "Der Start hat im Grunde die Entscheidung gebracht. Da habe ich den Sieg klargemacht", analysierte Rosberg. "Zehn Punkte sind nicht mehr viel. Da ist noch alles drin!"

 

 Red Bull Racing

"Es war ein Katastrophentag!" Red-Bull-Motorsporchef Helmut Marko brachte es treffend auf den Punkt. Die "Hausherren" mussten ausgerechnet in Spielberg das schlechteste Saisonergebnis hinnehmen. Bei beiden Fahrern musste schon zu Beginn des Wochenendes der fünfte Motor eingesetzt werden, was eine Rückversetzung um zehn Startplätze zur Folge hatte. Daniil Kvyat kollidierte bereits in der ersten Runde mit Sergio Perez und hatte danach mit einem Karosserie-Schaden zu kämpfen. Etwas besser erging es seinem Teamkollegen Daniel Ricciardo. Der Australier kämpfte sich von Rang 18 auf den zehnten Platz nach vorne und rettete damit zumindest einen Punkt für die "Bullen".

  • ENTHUSIASMUS DER WOCHE: Sieger-Interview mit Gerhard Berger

"Es ist großartig, deinen Enthusiasmus zu sehen", sagte Lewis Hamilton mit breitem Grinsen zu Gerhard Berger, der bei seinem Sieger-Interview auffällig gut gelaunt war und jede Menge Körperkontakt mit den drei Piloten auf dem Podest suchte.

Ob Klein-Massa mit den Worten, die ihm hier in den Mund gelegt werden, recht hat, mögen wir nicht zu beurteilen - aber zumindest den dritten Platz seines Vaters hat er schon zu Beginn des Wochenendes korrekt vorhergesagt.

  • NEWCOMER-CHECK:

Der Jüngste war an diesem Wochenende klar der stärkste der drei Newcomer. Max Verstappen zeigte schon im verregneten freien Training auf und stellte anschließend im Qualifying seinen Toro Rosso auf Startplatz sieben. Im Rennen lieferte er sich einige harte Zweikämpfe, unter anderem mit Valtteri Bottas im Williams und Lotus-Pilot Pastor Maldonado. Gegen deren Mercedes-Power zog er am Ende den Kürzeren, dennoch ist Platz acht - vor allem im Vergleich zu dem was die Piloten des Red-Bull-Schwesterteams zu Stande brachten - eine hervorragende Leistung.

Felipe Nasr war im Qualifying klar schneller als sein Sauber-Teamkollege Marcus Ericsson und schaffte es in Q3, wo er sich Startplatz neun sicherte. Im Rennen hatten aber beide Sauber mit Problemen zu kämpfen, Platz elf ist sicher eine kleine Enttäuschung für den Brasilianer.

Carlos Sainz jr. musste sich im Zeittraining dieses Mal klar geschlagen geben, im Rennen zeigte er aber eine engagierte Vorstellung und arbeitete sich von Platz 13 aus deutlich nach vorne. Ein Problem mit dem Hybrid-Antrieb, der plötzlich keine Leistung mehr lieferte, beendete sein Rennen vorzeitig. Möglicherweise stand der Ausfall in Zusammenhang damit, dass Sainz der einzige Pilot mit Renault-Motor war, der noch seinen (erst) dritten Motor verbaut hatte. Wieder einmal ein ärgerlicher technischer Defekt, der dem Spanier möglich erscheinende Punkte geraubt hat.

  • DUELL DER WOCHE: Hamilton und Vettel wollen immer und überall den Takt vorgeben

  • TEAMCHECK: Force India - Hülkenberg vs. Perez

Für die Leistung in Spielberg muss man beiden Force-India-Piloten gratulieren, beide fahren ein fehlerfreies Rennen. Erstmals seit dem Saisonauftakt in Melbourne schaffen es beide Fahrer in die Punkteränge, der indisch-britische Rennstall springt damit auf Platz fünf der Konstrukteurs-Wertung.

Nach dem guten Saisonauftakt folgte schnell die Ernüchterung, in den letzten drei Rennen konnte aber jeweils gepunktet werden, die Entwicklung geht also in die richtige Richtung.

In der WM liegen beide Piloten knapp zusammen, Nico Hülkenberg liegt mit 18 Punkten auf Platz neun, Sergio Perez mit 13 Punkten auf Rang zwölf. Überraschend ist dabei vor allem, dass es der Mexikaner ist, der es in dieser Saison bisher öfter in die Punkteränge geschafft hat.

Die besseren Platzierungen fuhr jedoch Nico Hülkenberg ein, der in der Fachwelt als der deutlich schnellere der beiden Fahrer gilt. Das belegt nicht nur das Qualifying-Duell, in dem der Deutsche mit 6:2 führt, sondern auch der Sieg bei den 24-Stunden-von-LeMans am letzten Wochenende. Dass Porsche sich um einen aktiven Formel-1-Fahrer bemüht, zeigt, welche Wertschätzung Hülkenberg in der Branche genießt.

Nicht wenige gehen davon aus, dass der 27-Jährige im nächsten Jahr die Chance auf ein Cockpit bei einem - vermeintlich - größeren Team hat, so wird der Deutsche als möglicher Nachfolger von Jenson Button bei McLaren bzw. Kimi Räikkönen bei Ferrari gehandelt.

 

  • QUALI-FAIL DER WOCHE: Die Scuderia Ferrari in Kooproduktion mit Kimi Räikkönen

Die Performance des Finnen in den heurigen Zeittrainings ist äußerst überschaubar, Teamkollege Sebastian Vettel war immer (Ausnahme: Kanada nach Vettels Defekt) schneller als der 35-Jährige.

Dieses Mal lag die Schuld am schlechten Abschneiden zum Teil aber auch an der Scuderia. Man schickte Räikkönen mit der Anweisung hinaus, drei schnelle Runden auf den weichen Reifen zu fahren - das Problem dabei: man verrechnete sich, schickte den Piloten zu spät auf die Strecke, die Zeit lief ab, bevor der Finne zu seinem dritten Versuch ansetzen konnte.

"Wenn Kimi nicht glücklich ist, bin ich auch nicht glücklich", entschuldigte sich Teamchef Maurizio Arrivabene im TV bei seinem Schützling. Ein kleines Trostpflaster für den Finnen: Durch die Zurückversetzung der Red-Bull- und McLaren-Piloten rutschte er zumindest von Platz 18 auf Startplatz 14 nach vorne.

Das Rennen war für Räikkönen aber bekanntlich vorbei, bevor es richtig angefangen hatte. Der in Runde eins fabrizierte Crash mit Alonso war - nach dem Dreher in Kanada - bereits der zweite Fehler des Finnen hintereinander. Eine Tatsache, die sein Standing bei der Scuderia nicht unbedingt verbessert. Ferrari will bis zum 31. Juli über einen Verbleib Räikkönens entscheiden.

Nico Hülkenberg Sergio Perez
Endplatzierung 6 9
Rückstand auf 1. +1:04:075 1 Rnd./+ 0:14:280
<span style=\'text-align: -webkit-right;\'>Topspeed Start/Ziel 283,8 km/h (5.) 284,5 km/h (4.)
Schnellste Runde 1:12:541 (12.) 1:12:377 (10.)
Reifenstrategie (Runden) SW (25) - W (46) W (38) - SW (33)

  • HALLO KANADA: Wir haben euer Murmeltier gesehen und erhöhen um einen Hasen. 

  • KOPFSCHÜTTELN DER WOCHE: Strafenkatalog der Formel 1

Es ist löblich, dass die Formel 1 durch das Reglementieren der Motoren-Anzahl dafür sorgen will, dass die Aggregate standfest sind und den Teams somit auch weniger Kosten verursachen. Dass ein Team dementsprechend auch bestraft werden muss, wenn es nicht in der Lage ist, mit der vorgeschriebenen Anzahl an Bauteilen auszukommen, ist folgerichtig.

Allerdings wird der gute Wille schnell ad absurdum geführt, wenn gerade einmal nach einem Drittel der Saison schon vier Piloten durch diese Maßnahme vom Ende des Feldes starten müssen. Beide Red-Bull-Piloten mussten je 10 Startplätze zurück, beide McLaren je unglaubliche 25 Startplätze. Damit nicht genug, alle Startplätze, die man nicht nach hinten rutschen kann, werden im Rennen in eine Zeitstrafe umgewandelt.

Das sorgte in Spielberg dafür, dass beide McLaren schon am Freitag wussten, dass sie am Sonntag um die goldene Ananas fahren werden. Außer den beiden Manor-Piloten, die dadurch von P15 und P16 starteten, hat wohl keiner eine Freude mit dieser Entwicklung - zumal man im Verlauf der Saison keine Besserung erwarten darf, sondern eher das Gegenteil.


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  • ERNÜCHTERUNG DER WOCHE: "Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin"

Ganz so schlimm war es in Spielberg nicht, aber von der Euphorie des Vorjahres war nicht mehr all zu viel über. Kamen im letzten Jahr am Rennsonntag noch 90.000 Zuseher, waren es heuer nur mehr 55.000 Motorsport-Begeisterte.

Zugegeben, letztes Jahr fand das Rennen an einem verlängerten Wochenende statt und das Wetter war besser, aber daran alleine kann es nicht liegen. Das "Produkt" Formel 1 funktioniert derzeit einfach nicht so, wie es soll.

  • ZAHLENSPIELEREIEN:

25 - Anzahl an Startplätzen, die jeder der beiden McLaren-Honda-Piloten in der Startaufstellung zurückversetzt wurde. Entspricht theoretisch den Startplätzen 40 bzw. 42 - nachdem dafür dann doch etwas zu wenig Autos am Start stehen, wurde schon gescherzt, dass man die beiden doch von Leoben aus starten lassen könnte.

39 - Jahre ohne englischer Pole Position auf dem Red-Bull-Ring. Der letzte Brite dem dies gelang, war James Hunt im Jahr 1976.

45 - Pole Positions für Lewis Hamilton. Er zieht damit mit Sebastian Vettel gleich, beide teilen sich Platz drei der ewigen Bestenliste - hinter Michael Schumacher (68) und Ayrton Senna (65).

1012 - Mit seinem dritten Platz in Spielberg springt Felipe Massa über die magische Tausender-Grenze. Bei seinen 218 F1-Starts erzielt der kleine Brasilianer 1012 Punkte.

4 - Zum vierten Mal in Folge konnte ein Deutscher den Großen Preis von Österreich gewinnen. Nach Michael Schumacher (2002 und 2003) wiederholte auch Rosberg seinen Sieg aus dem Vorjahr.

1 - Punkt, das ist die magere Ausbeute von Red Bull beim Heimrennen. Daniel Ricciardo kämpfte sich zwar von Rang 18 auf Platz zehn nach vorne, für die Bullen ist es dennoch das schlechteste Saisonergebnis.

17 - Den Sieg musste Hamilton zwar seinem Teamkollegen überlassen, über einen Rekord darf sich der Weltmeister dennoch freuen: Er führte im 17. Rennen in Folge, weil Rosberg zwei Runden vor ihm zum einzigen Boxenstopp kam, und stellt damit den Rekord von Jackie Stewart ein.


Alexander Neuper / Daniela Kulovits

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