In der Hauptzentrale

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In der Hauptzentrale

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Leipzig ist keine unbedeutende Stadt im deutschen Fußball.

Denn am 28. Jänner 1900 wurde dort der Deutsche Fußball-Bund gegründet.

Erster deutscher Fußball-Meister darf sich seit 31. Mai 1903 der VfB Leipzig nennen, der sich damals im Finale auf der Exerzierweide in Hamburg-Altona gegen den Deutschen FC Prag mit 7:2 durchsetzte.

Die Deutsche Bundesliga in ihrer jetzigen Form gibt es seit 1963 und feierte vergangene Saison 50. Geburtstag.

Während der Hamburger SV als einziger Verein stets mitspielen durfte, war Leipzig nur eine einzige Spielzeit im Oberhaus vertreten. Vor 20 Jahren mit dem VfB in der Saison 1993/94.

Doch die Rückkehr der 530.000-Einwohner-Stadt in die höchste Spielklasse soll nicht mehr lange dauern. Und das ist seit dem Jahr 2009 mehr als absehbar.

Keine Überraschung seit 2009

Red Bull siedelte sich damals in Ostdeutschland an, übernahm den Fünftligisten SSV Makranstädt, gründete sich als RasenBallsport Leipzig neu und bahnte sich seither seinen Weg nach oben.

So ist es keine Überraschung, dass RB – wie die gängige Abkürzung im deutschen Fußball-Jargon lautet – mittlerweile in die zweite deutsche Bundesliga vorgestoßen ist und bereits diese Saison als aktuell Dritter an der großen Tür anklopft.

Alleine schon ob der Wertigkeit, der Qualität und des Umfeldes der deutschen Bundesliga im Vergleich mit der österreichischen liegt es seit 2009 auf der Hand und ist es freilich alles andere als eine Überraschung, dass Leipzig das Flagschiff von Red-Bull-Fußball werden soll respektive ist.

„Wenn mir der Chef damals versucht hätte, den Job schmackhaft zu machen, und es hätte Leipzig gar nicht gegeben, dann hätte ich das wohl vor zwei Jahren gar nicht gemacht, sondern wäre nun woanders Trainer“, sagt Ralf Rangnick, der Sportchef in Salzburg und Leipzig.

Der Deutsche wird die Mozartstadt im Idealfall kommenden Sommer verlassen, denn das würde den Aufstieg von Leipzig bedeuten. Schon vor Wochen kündigte dies der 56-Jährige an. Das hat erforderliche – beide Teams sollen Europacup spielen – aber natürlich auch zeitliche Gründe.

Für sich selbst ausbilden

Und vor allem strategische Gründe. Rangnick ist Sportchef und die Bosse gehören für gewöhnlich überwiegend in die Hauptzentrale. Die befindet sich ab dann ausschließlich in Deutschland.

RB Leipzig empfing Anfang der Woche rund ein Dutzend österreichischer Journalisten, unter anderem auch LAOLA1, um einen Einblick in diese Hauptzentrale zu geben.

Dabei wurden auch Pläne für Red Bull Salzburg und überhaupt der ganzen Sektion besprochen. Rangnicks Kernaussage: „Salzburg wird kein Ausbildungsverein und wenn, dann nur für uns selbst.“

Es ist keine Sensation, doch der springende Punkt: Salzburg wird die vorletzte Stufe bei den Roten Bullen sein. Und die Treppe bis nach Leipzig soll idealerweise nächste Saison – zehn Jahre nach dem Einstieg von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz – fertig sein.

In Salzburg läuft das Werk'l schon.

Alle unter einem Dach am Cottaweg

Die Kampfmannschaft spielte schon 2005 in der Bundesliga, mit dem FC Liefering wurde ein Umweg genommen, um auch ein Team mit Red-Bull-Athleten in der zweiten Liga zu parken.

Rangnick will weiterhin Spieler mit Entwicklungspotenzial a la Kampl holen

Und im Chor wird über die gute Stimmung im und rund um das Team gesprochen. „Das ist das Um und Auf einer Mannschaft und nicht, dass einer glaubt, er ist irgendwer. Du brauchst kein Team, in dem sich jemand herausheben will. Wenn, nur am Platz“, sagt Teigl.

Früher war das auch in Salzburg anders: „Als ich zu den Profis gekommen und nun weggegangen bin, das konnte man nicht vergleichen. Früher gab es kleine Gruppen, jetzt machen wir auch ungezwungen etwas miteinander. Wenn du außerhalb hilfst, dann hilfst du dir auch am Platz.“

Gemeinsam auf und neben dem Platz

In der Players Lounge nach dem 0:0 gegen Kaiserslautern im Montagsspiel schlägt Boyd in dieselbe Kerbe („Alle sind gleichgestellt in der Mannschaft“) und erklärt auch die Vorzüge des RB-Fußballs.

„Du hast einfach viel mehr Chancen, der Aufwand ist groß, aber für den Ertrag läufst du gerne“, sagt der Angreifer, der nach Kreuzbandanriss vergangene Woche erstmals für RB traf.

Noch ist Leipzig sportlich wohl nicht über Salzburg zu stellen, doch schon im Training zeigt sich, dass die Wachablöse längst begonnen hat.

„Wir machen im Training spezifische Sachen, die mit dem Pressing zu tun haben. Georg Teigl kam auch von Schmidt'schen Pressing-Schule, der war aber auch erst einmal am Pusten“, erklärt Boyd. Dessen Trainer sagt: „Ich glaube, die Intensität ist hier höher. Das höre ich aus diversen Gesprächen heraus.“

Zorniger betont aber auch, dass mehr Intensität nicht weniger Qualität bedeuten muss.

Nicht von Salzburg nach Leipzig um jeden Preis

Der 47-Jährige wusste in einem 53-minütigen Pressegespräch am Tag nach dem 0:0 mit ehrlichen und geradlinigen Ansichten zu überzeugen.

Und er weiß freilich auch, wie sinnvoll es wäre, wenn Spieler wie Kampl oder Ramalho in Leipzig sind. Aber nicht um jeden Preis.

„Egal wo sie herkommen, auch aus der Akademie: Wenn sich Spieler schon auskennen, ist das nur ein Vorteil für uns. Wenn die Spieler gerne herkommen, super. Wenn sie aber sagen, eigentlich hätte ich auch in die erste Bundesliga gehen können, dann sollen sie ganz schnell dort hingehen. Denn hier werden sie jeden Tag vor so viele Widerstände gestellt, vom Trainer-Team, aber auch vom Umfeld, dass kein Platz ist für ein Denken wie: Was mache ich hier eigentlich?“

Red Bull weiß genau, was man in Leipzig macht. Die Anfeindungen von außerhalb nimmt man zur Kenntnis, aber lässt sich nicht beirren (Teigl: „Dann sollen sie wie in Berlin ihre Müllsäcke anziehen“). Rangnick spielt nach ähnlichen Erfahrungen in Hoffenheim auf den Faktor Zeit.

Dieses Jahr wurde zudem mit der Fußball- und Eishockey-Akademie in Liefering ein Meilenstein gesetzt, 180 Fußballer und Cracks werden dort ausgebildet. (Talk mit Nachwuchschef Tanner)

Im Gegensatz zu früher (Interview mit Vorgänger Van Lierop) setzt man bei Red Bull seit 2012 auf mannschaftstaktische Prinzipien, auf denselben Fußball, der sich bis an die Spitze durchziehen soll.

In Deutschland heißt Liefering "am Cottaweg". Nahe der Red-Bull-Arena, das 44.000 Zuschauer fassende WM-Stadion 2006 (mit Potenzial für 56.000) war vor fünf Jahren mit der Auslöser für die Ansiedelung Red Bulls in Leipzig, befindet sich das Trainings-Zentrum.

Und nicht nur das, auch das Nachwuchszentrum. Es befindet sich derzeit im Bau, alle Profis und Jugend-Kicker sollen schließlich im Sommer 2015 unter einem Dach sein. Architekt ist der gleiche wie in Dortmund.

Bei einer Führung wird klar, das Areal, das nur durch das künstlich gelegte Elsterbecken vom Stadion getrennt wird, ist kleiner als in Österreich. Allerdings beinhaltet das 100.000 Quadratmeter große Areal in Liefering auch eine Eishockey-Akademie.

In Leipzig haben dann 50 Internatsschüler in Einzelzimmern mit gemeinsamen Badezimmern Platz.

Alles fertig im Sommer 2015

Die Profis sind im Haupthaus, das eine untergeschössige Sporthalle beinhaltet und im Winter bereit für den Betrieb bereit sein soll, untergebracht, wie eben alle Nachwuchs-Teams.

17 gibt es bei RB, nur St. Pauli hat in Deutschland eine mehr.

Sieben Plätze hat das Areal, das 2011 bezogen wurde, drei davon sind mit modernen Kunstrasen ausgestattet und weitere sollen folgen. Das Budget für die Baumaßnahmen beträgt 35 Millionen Euro.

Altes findet man hier übrigens auch noch: Der Vorgänger von Trainer Alexander Zorniger und Peter Pacult, Thomas Oral, ließ in alter Magath-Tradition einen Berg zum Konditionstraining aufschütten.

„Peter Pacult meinte, den können wir jetzt nur noch zum Rodeln benutzen“, grinst Pressesprecher Sharif Shoukry, einer der Österreicher, die Teile der Leipziger RB-Familie sind.

Der Höhepunkt am Oral-Berg bietet nun einen guten Überblick auf das Areal.

In nicht allzu weiter Entfernung befindet sich die Arena. Ein Sinnbild für die Träume der Nachwuchskicker.

Leipzigs Amateure führen indes nach einem 1:1 im Derby gegen Lok weiter die Tabelle in der NOFV-Oberliga-Süd, der fünften Spielklasse, an. Idealerweise spielen die irgendwann in der 3. Liga.

Verschiedene Teams, Niveaus, Altersstufen: „Klasse“

„Das Gute für uns ist, dass wir verschiedene Teams auf verschiedenen Leistungsniveaus haben und Spielern in verschiedenen Altersstufen anbieten können. Das ist klasse“, sagt Rangnick, der seit 2012 für das Sportliche in Salzburg und Leipzig verantwortlich ist.

Andre Ramalho, der wie Kevin Kampl Salzburg spätestens im Sommer verlassen wird (Hier zur Story), könnte schließlich der erste Prototyp für den idealen Red-Bull-Weg werden.

Denn der 22-Jährige kam zunächst in eine RB-Akademie (Brasil), spielte dann in Liefering Regionalliga, ehe er für den nächsten Schritt Salzburg bereit war. Nun soll Leipzig folgen.

„Der Weg, den wir vor zwei Jahren eingeschlagen haben, führt immer wieder dazu, dass die Besten, die sich entwickelt haben, den nächsten Schritt machen wollen. Für die müssen dann die nächsten schon da sein, die deren Plätze einnehmen und die Chancen bekommen, den gleichen Weg zu gehen. Das ist ein sich wiederholender Prozess“, schildert Rangnick die Strategie.

Ersatz erzeugen nicht erkaufen

Deswegen wird Salzburg, auch ob der komplexen Spielweise, nicht Ersatz kaufen, sondern in erster Linie versuchen, zu erzeugen.

„Erfahrene Innenverteidiger zu holen und gleichzeitig auf das Segment jung und talentiert zu setzen, ist schwierig. Das ist eine Position, ähnlich wie beim Torwart, die müssen wir selbst entwickeln“, sagt Rangnick und verweist dabei etwa auf Asger Sörensen, Duje Caleta-Car oder Lukas Gugganig.

„Asger ist ein außergewöhnlich begabter Spieler. Ich hoffe inständig, dass er gesund bleibt und im Frühjahr wie auch Duje Caleta-Car schon Einsatzminuten in Salzburg bekommt. Das wäre uns das Liebste, wenn wir ein Eigengewächs ähnlich wie Andre da wieder hineinwachsen lassen können.“

Alexander Zorniger ist seit 2012 RBL-Trainer

„Ich war im Amateur- und Profi-Bereich. Die Menschen hier sind mit so viel Herzblut dabei, wie du es bei anderen Mannschaften nicht hast, auch bei vielen Traditionsvereinen, weil es da nur darum geht, Besitzstände zu wahren. Hier geht es darum, besser zu werden, etwas weiterzubringen“, lobt Zorniger und hebt diesen Punkt auf trockene Art und Weise auch noch einmal hervor.

„Man hört oft: Wie sehr kann sich Leipzig bei Red Bull bedanken, dass sie den Fußball hergebracht haben? Die Frage, die sich mittlerweile zumindest genauso stellt, ist: Wie sehr kann sich Red Bull bedanken, dass sie Leipzig hier als Standort haben? Denn die Emotionalität und Dankbarkeit der Menschen, hier wieder hochklassigen Fußball zu sehen, ist mir etwa viel, viel wichtiger.“

Synergien ist das Wort in der Welt von Red Bull Fußball. Egal, ob in Salzburg oder Leipzig, in Liefering oder am Cottaweg, in Österreich oder in der Hauptzentrale.

Und auch wenn der Weg noch nicht fertiggegangen ist, ist seit dem Aufstieg von RB in die zweite deutsche Bundesliga bereits klar: Leipzig ist im deutschen Fußball keine unbedeutende Stadt mehr.

 

Bernhard Kastler

Ausnahmen, also externe Verpflichtungen, bestätigen die Regel. Wie jene von Marvin Compper in Leipzig oder wenn Ramalho im Winter schon Salzburg verlassen würde. Dann würde sich was tun.

„Sollte er im Winter wo auch immer hin wechseln, dann würden wir sagen, den müssen wir ersetzen und auch alle Hebel in Bewegung setzen“, betont der Fußballehrer, der darauf verweist, dass im Sommer Marc-Oliver Kempf ein Thema für Salzburg war, sich aber für Freiburg entschied.

Salzburg soll Sprungbrett bleiben

Der Deutsche ist 19 Jahre alt und in Österreich ein No-Name. Auch daran wird sich in Salzburg nichts ändern. Wie einst Kevin Kampl oder Sadio Mane werden Spieler kommen, die jung sind, keiner kennt, aber so viel Potenzial haben, dass es für Österreich reicht und sich durch die Liga und den jeweiligen internationalen Bewerb weiterentwickeln können.

Danach gibt es eben Leipzig. Auch wenn sich die Situation zu 2012 ob der beiden RB-Aufstiege verändert hat.

„Für Sadio und Kevin kam damals nur Salzburg in Frage. Wenn wir jetzt solch einen Spieler scouten, kann es durchaus sein, dass der Spieler oder Berater sagt, nur nach Leipzig. Aber es gibt ja Beispiele wie Naby Keita: Der wäre für Salzburg schon bereit, aber nicht für Leipzig. In zwei Jahren vielleicht schon.“

Rangnick, der im kommenden Winter für Salzburg und Leipzig nur Perspektivspieler holen würde, die „uns nachhaltig helfen“, sorgte seit 2012 nicht nur für eine fußballerische Linie in den Fußball-Klubs.

Die beiden Vereine hätten früher nichts miteinander zu tun gehabt, hört man, mittlerweile fährt man nicht nur gemeinsam auf Trainingslager (und spielt vielleicht in Katar erstmals gegeneinander), sondern besucht sich auch gegenseitig. Zudem wechseln eben die Spieler die Standorte.

„Eine Win-Win-Win-Situation“

Beispiel Georg Teigl. Der Außenspieler sah unter RBS-Trainer Roger Schmidt kein Land, wechselte im vergangenen Winter nach Leipzig und hat sich mittlerweile als Rechtsverteidiger einen Namen gemacht. Deutsche Journalisten fragten ihn zuletzt schon nach dem A-Team.

„Das war eine Win-Win-Win-Situaion“, hält Rangnick fest. Und auch Teigl, der damals Christian Müller nach dessen Knieschaden ablöste, selbst sagt: „Ich würde mich schon als Gewinner sehen.“

Der 23-Jährige ist einer von drei Österreichern im Team von Alexander Zorniger. Der derzeit verletzte Innenverteidiger Niklas Hoheneder (Hier zur Story) ist seit Anfang 2012 da, Stefan Hierländer kam diesen Sommer aus Salzburg, zudem US-Boy Terrence Boyd von Rapid.

„Früher wurde uns in Hoffenheim das Stadion zerlegt und es gab Schmährufe, nun ist man schon Jahre in der Bundesliga und das hat sich auf nicht mehr vorhanden reduziert. An uns entbrennt sich die fortwährende Debatte: Was sind die Mitspielberechtigungen in der Bundesliga? In Deutschland wollen wir immer alles bewahren, wie es war, aber so funktioniert das Leben oder der Sport nicht.“

Zwischen Sympathie und Antipathie

„Ich kann verstehen, dass uns Leute nicht toll finden oder uns nicht mögen, aber im Vorhinein zu sagen, wir dürfen nicht mitspielen, das ist naiv. Fußball sind mittelständische oder große Unternehmen, das ist bei den anderen Standorten genauso. Dass wir privilegierte Voraussetzungen hatten, stimmt, aber das hat dennoch automatisch nicht dazu geführt, dass man aufgestiegen ist.“

Und in Leipzig selbst ist man spürbar für Spitzenfußball dankbar.

Der Zuschauerzuspruch ist nach langer Profi-Durststrecke da, noch am Matchtag steht eine kleine Schlange für Tickets im Fan-Shop an. Der Zuschauerschnitt beträgt rund 25.000, ausverkauft war die Arena allerdings noch nie.

Trotzdem wurden auch hier Synergien genutzt: Red Bull hatte das Geld und die Region die Energie.

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